Mittwoch, 21.02.2018
Wer guckt denn da? Die internetbasierte Jobsuche kann für Unternehmen wie für Bewerber Vorteile bieten. Doch spätestens bei der Unterzeichnung des Arbeitsvertrags stößt die Digitalisierung an ihre Grenzen.

Illustration: cottidie/-slav-/Thinkstock/Getty Images

Wer guckt denn da? Die internetbasierte Jobsuche kann für Unternehmen wie für Bewerber Vorteile bieten. Doch spätestens bei der Unterzeichnung des Arbeitsvertrags stößt die Digitalisierung an ihre Grenzen.

Personal
Fachkraft aus dem Netz

Was Mittelständler über E-Recruiting wissen müssen

Mittelständler sind heute mehr denn je gefordert, alle Kanäle zur Rekrutierung zu nutzen, um sich als interessante Arbeitgeber zu positionieren und sich qualifizierte Nachwuchsmitarbeiter zu sichern. Immer mehr Unternehmen tun das per E-Recruiting auf digitalen Plattformen.

Die Nachrichten zum Jahreswechsel klangen traumhaft: 2017 waren im Schnitt nur noch 2,5 Millionen Menschen in Deutschland ohne Job – und damit 158.000 weniger als im Vorjahr. Die durchschnittliche Arbeitslosenquote sank laut Bundesagentur für Arbeit auf 5,7 Prozent. Doch so erfreulich die Meldungen sind, so dramatisch wirken sie sich auf mittelständische Unternehmen aus. Nach einer aktuellen Umfrage der DZ Bank im deutschen Mittelstand ist der Mangel an Mitarbeitern schon heute für 61 Prozent der Unternehmen ein zentrales Investitions- und damit auch Wachstumshindernis. Fast die Hälfte der vom Fachkräftemangel betroffenen Unternehmen musste schon auf Umsatz verzichten, weil sie Aufträge mangels Mitarbeitern nicht annehmen konnte. Eine Katastrophe. Darum sind Mittelständler heute mehr denn je gefordert, alle Kanäle zur Rekrutierung zu nutzen, um sich als interessante Arbeitgeber zu positionieren und qualifizierte Nachwuchsmitarbeiter zu sichern.

Eine immer wichtigere Rolle spielt im Bereich Human Resources (HR) das E-Recruiting, das den gesamten Prozess von der Kandidatensuche über die Sichtung der Bewerbungen bis zum Onboarding-Management umfasst und ihn digital abbildet. Für mittelständische Unternehmen ist E-Recruiting eine große Herausforderung, aber auch eine gewaltige Chance im Wettbewerb um geeignete Fachkräfte.

Kanäle des E-Recruitings

Unternehmen, die ihre Bewerbersuche digitalisieren wollen, haben die Qual der Wahl. Denn online ist fast alles möglich. Ein Überblick.

Jobbörsen im Internet

Die Angebote im World Wide Web sind der erste Anlaufpunkt. Täglich werden mehr als 10.000 neue Jobangebote eingestellt. Zu den bekanntesten Jobbörsen gehören Stepstone, Monster, jobs.de, stellenanzeigen.de, arbeitsagentur.de, indeed.de oder auch mittelstandskarriere.de. Das Berufszentrum Deutscher und Internationaler Bewerbungsservice und jobboersen-verzeichnis.de listen zahlreiche Börsen für unterschiedlichste Branchen, Regionen, Karrierestufen oder Fachrichtungen auf. Einige davon sind kostenfrei.

Unternehmenswebsite:

Nach der Jobbörse ist die gezielte Suche nach Jobs auf der Unternehmenswebsite in der Regel der zweite Anlaufpunkt für einen Interessenten. Viele Mittelständler haben hier noch Nachholbedarf: Nicht selten verstecken sich die Stellenausschreibungen im Kleingedruckten der Fußzeile. Immerhin scheint mittlerweile die Erkenntnis zu reifen, dass der eigene Onlineauftritt für das Recruiting qualifizierter neuer Mitarbeiter genutzt werden kann – und daher die Website gepflegt und aktuell gehalten werden muss.

Soziale Medien

Etliche Unternehmen verfügen bereits über eine eigene Präsenz in den sogenannten sozialen Medien. Vor allem Karrierenetzwerke wie Xing und Linkedin bieten sich als Plattformen für Maßnahmen im Employer-Branding oder für Stellenausschreibungen an. Aber auch Bewertungsportale wie Kununu (das zu Xing gehört) können Arbeitssuchende auf ein Unternehmen aufmerksam machen. Und sogar Facebook kann in Sachen E-Recruiting eingesetzt werden, weil es auf die Skalen- und Multiplikatoreneffekte der persönlichen Netzwerke seiner Nutzer setzt. Last, but not least Twitter: Was spricht dagegen, alle Follower in 140 Zeichen über eine ausgeschriebene Stelle zu informieren?

Blogs

Immer häufiger nutzen Unternehmen Blogs, um potentielle Bewerber auf sich aufmerksam zu machen und Mitarbeiter über fachlichen Input an sich zu binden.

Messenger-Dienste

Als Rekrutierungskanäle mit großer Reichweite etablieren sich zunehmend Dienste wie Snapchat oder Whatsapp. Besonders bei jungen Zielgruppen sind sie beliebt. Daher eignen sie sich vor allem für die Rekrutierung von Nachwuchskräften oder Auszubildenden.

Vorteile für Unternehmen

Bislang waren Wirksamkeit und Attraktivität klassischer Stellenausschreibungen oft begrenzt. Durch den Einsatz von E-Recruiting-Tools kann sich das ändern.

Kosten

E-Recruiting ist auf Dauer günstiger als andere Formen der Personalbeschaffung. Das liegt auch daran, dass die EDV-technische Verarbeitung der Bewerbungen deutlich weniger zeitintensiv ist als im analogen Bewerbungsprozess.

Vereinfachung

Jobsuchende wollen möglichst einfach und unkompliziert ihre Bewerbungen einreichen. Entsprechende Standardformulare beim E-Recruiting machen das möglich. Zugleich verspricht der vereinfachte Bewerbungsprozess eine höhere Zahl an Bewerbern, was Arbeitgebern eine größere und bessere Auswahl ermöglicht.

Reichweite

Stellenausschreibungen in der digitalen Welt (auch auf den Onlineseiten der Zeitungen) haben in der Regel deutlich größere Reichweiten als andere Wege der Ausschreibung. Auch sind Online-Offerten rund um die Uhr und an jedem Ort der Welt verfügbar.

Multimedialität und Nutzwert

Animationen, Bilder, Videos oder Links und Querverweise auf andere Informationsangebote bieten den Unternehmen die Möglichkeit, eine Stellenanzeige attraktiv, weil interaktiv zu gestalten. Zugleich können dem Bewerber – etwa durch das Verlinken auf die Unternehmenswebsite – Zusatzinformationen zum Job und zum potentiellen Arbeitgeber (zu Management, Unternehmensstruktur, aber auch zur Produktpalette) gegeben werden.

Geschwindigkeit

Moderne E-Recruiting-Software erlaubt das Filtern, Sortieren und Priorisieren der eingegangenen Bewerbungen durch automatisierte Matching-Verfahren. Dabei gleichen schlaue Algorithmen die Anforderungs- und Bewerbungsprofile systematisch ab und beschleunigen durch die Vorauswahl den gesamten Bewerbungsprozess.

Flexibilität

Ist die Printanzeige erst einmal geschaltet, ist sie am Markt und für alle sichtbar. Veränderungen in der Jobbeschreibung sind dann nicht mehr möglich. Anders beim E-Recruiting: Hier können jederzeit die Inhalte aktualisiert, weitere Aspekte hinzugefügt oder das gesuchte Profil überarbeitet werden.

Effizienz

E-Recruiting-Software hilft dabei, standardisierte Bewerberprofile und somit eine Datenbank anzulegen. Muss eine neue Stelle besetzt werden, können bereits vorhandene Daten genutzt werden, um die Position schnellstmöglich zu besetzen. Doch Vorsicht: Beim Speichern personenbezogener Bewerberunterlagen müssen Unternehmen penibel auf die Einhaltung des Datenschutzes achten. Sonst droht Ärger mit dem Gesetz.

Reputationsmanagement

Ansprechend gestaltete Jobangebote bieten Unternehmen die Chance, sich als attraktive Arbeitgebermarke zu etablieren, und helfen damit beim Employer-Branding.

Vorteile für Bewerber

Nicht nur die ausschreibenden Unternehmen profitieren von einem überlegt auf- und konsequent eingesetzten E-Recruiting-Prozess. Auch für die Stellensuchenden bietet der elektronische Bewerbungsweg Vorteile.

Jobsuche

Jobs lassen sich auf Onlinebörsen zielgerichteter finden – sowohl was die Identifikation des genauen Aufgabenbereichs als auch was die Auswahl der gewünschten Branche und der Region angeht.

Weniger Aufwand

Onlineformulare auszufüllen ist häufig weniger aufwendig als das bisweilen umständliche Aufsetzen von Bewerbungsanschreiben. Die meisten Jobbörsen bieten die Möglichkeit, einmal erstellte Profile abzuspeichern und immer wieder auf das Jobprofil hin anzupassen.

Marktüberblick

Hinzu kommt: Dank der Metasuchmaschinen-Funktion der Jobbörsen können sich Kandidaten per Mausklick einen umfassenden Überblick über den Markt an offenen Stellen verschaffen. Das Jobangebot lässt sich nicht nur leichter recherchieren, sondern ist auch insgesamt größer – denn auch internationale Ausschreibungen werden angezeigt.

Geringere Kosten

Last, but not least sind die Kosten für die Bewerbungen beim E-Recruiting viel geringer: Weder müssen Kopien gemacht noch Bewerbungsmappen gekauft noch große Umschläge für teures Porto verschickt werden.

Info

Tipps für Mittelständler

  • Machen Sie Ihre Stellenanzeige mobil, denn Mobile Recruiting kommt dem Trend zu Smartphone und Tablet entgegen.
  • Nutzen Sie Ihre Mitarbeiter. Motivieren Sie diese, auf Bewertungsportalen wie Kununu oder Glassdoor oder in den sozialen Medien ihre (positiven) Erfahrungen im Unternehmen mitzuteilen.
  • Implementieren Sie ein „Mitarbeiter werben Mitarbeiter“-Programm, und belohnen Sie die erfolgreiche Kontaktvermittlung. Gestalten Sie Ihre Stellenanzeigen technisch und optisch so, dass Ihre Mitarbeiter die Jobangebote mit wenigen Klicks in ihren Netzwerken teilen können – und wollen.
  • Kreieren Sie eine starke Arbeitgebermarke. Nicht nur eine attraktive Work-Life-Balance, sondern auch Innovationskraft, Internationalität oder Arbeitsklima wirken anziehend.
  • Nutzen Sie den Trend zum Bewegtbild: Filme, Videos und Testimonials auf Videoplattformen wie Youtube emotionalisieren das Image und damit die Reputation Ihres Unternehmens.
  • Pflegen Sie Ihre vorhandenen Mitarbeiter, zum Beispiel durch Weiterbildung und Incentives. Eine Mitarbeiter-App kann den Austausch anregen und für eine höhere Identifikation der Angestellten mit dem Unternehmen sorgen.
  • Bauen Sie eine Talentpool-Datenbank auf, und „verfolgen“ Sie die Karrieren interessanter Kandidaten. Beachten Sie dabei unbedingt die Datenschutzvorschriften!
  • Nutzen Sie Karrierenetzwerke wie Xing und Linkedin oder Facebook. Auch Messenger-Dienste und Google-Adwords können Firmen bei der Suche nach neuen Mitarbeitern helfen.
  • Leisten Sie sich eine professionelle Recruiting-Software. Große Anbieter sind zum Beispiel Success Factors, Haufe, Cornerstone, Rexx oder Lumesse. Eine Übersicht bietet dieser Link.
  • Beobachten Sie Fachblogs und Foren, auf denen sich Experten zu einem bestimmten Thema austauschen. Häufig findet man hier Kandidaten, die eigentlich nicht auf dem Markt der Stellensuchenden sind.
  • Kooperieren Sie mit lokalen oder fachlich einschlägigen Hochschulen, und werden Sie auf deren Plattformen (Alumni etc.) sichtbar.
  • Nutzen Sie Lebenslaufdatenbanken, zum Beispiel bei monster.de. Auch angestellte Fachkräfte schätzen es, wenn sie direkt angesprochen werden. 

Der Text gehört zu einem Thema aus der Markt-und-Mittelstand-Ausgabe 02/2018. Hier können Sie das aktuelle Heft bestellen und „Markt und Mittelstand“ abonnieren.