Dienstag, 17.01.2023
Personal
Mitarbeiter mit Mentalitätsproblemen

Wenn nur jeder Zehnte die Probezeit übersteht

Die Gefahr der Deindustrialisierung hängt nicht nur an Energiepreisen: Der Mangel an motivierten Mitarbeitern wiegt noch stärker. Unternehmer finden klare Worte. Ein Kommentar.

In der Produktion ist der Personalmangel für viele Mittelständler am schwierigsten.

Eines Tages werden wir uns vielleicht fragen: Was hast du gemacht, als Deutschlands Industrie vor die Hunde ging? Die düsteren Aussichten für Fertigung in diesem Land entzünden sich meistens am Thema Energie. Und wenn die Preise für Strom von 300 Euro in 2021 auf über 1000 Euro im kommenden Jahr steigen, dann ist das ein extrem großes Problem. Doch wer mit Unternehmern spricht, erfährt die andere unangenehme Wahrheit: Noch schwerer wiegt in Deutschlands Produktionshandel das Thema Personal. Betriebe bekommen keine hinreichend fähigen oder motivierten Leute.


Sätze wie „in der Produktion übersteht nur jeder Zehnte die Probezeit“ oder „wir sind das faulste Volk der Welt“ diktieren einem inzwischen selbst ausgeruhte Familienunternehmer in den Block. Es ist gefährlich zu verallgemeinern und das will auch niemand tun – es gibt unzählige fleißige und top ausgebildete Industriearbeiter in Deutschland. Aber es werden weniger und die Entwicklung hin zu einem Verhalten nach dem Motto „wenn ich diesen Job verlieren, nehme ich halt den nächsten“ sei unübersehbar.


Führungskräfte sind schwer zu bekommen. Nun gut, dann müssen Headhunter eben ein wenig länger suchen für ihr Geld. Fachkräfte sind rar: Auch dieses Problem lösen viele Mittelständler mit einer zeitgerechten Ansprache auf den geeigneten Social-Media-Kanälen und einer modern aufgestellten HR-Abteilung. Aber Menschen für die Fertigung zu bekommen, die gewissen Mindestansprüchen gerecht werden und auch genug Motivation mitbringen – das ist das wahre Problem vieler Betriebe. Vor allem deshalb kommen sie mit der Produktion kaum nach.

In eine gute Zukunft für Deutschlands Industrie führen drei Wege – über die ersten beiden spricht man häufig, über den dritten ungern: Es braucht erstens einen schnellen Umstieg auf erneuerbare Energien. Und bis es soweit ist, sollten alle Alternativen genutzt werden, damit es bis dahin nicht zu spät ist für einer konkurrenzfähige Produktion in Deutschland. Zweitens braucht es Technologieoffenheit und die Etablierung aller Optionen, die die Digitalisierung bietet. Egal ob Software bei HR, das Internet of Things in der Produktion und Metaverse-Technologien für den Vertrieb.


Und drittens, jetzt wird es spannend: Die Deutschen müssen wieder die richtige Mentalität zeigen. Heißt konkret: Wir brauchen Menschen, die arbeiten und sich wo nötig auch weiterbilden wollen. Und zwar einen möglichst hohen Prozentsatz. Das ist die Basis. Natürlich sollten Arbeitgeber auch eine zeitgemäße Flexibilität mitbringen, aber im Kern ist es eine Mentalitätsfrage. Und die, so scheint es, ist bei den meisten Politikern noch nicht angekommen, wie nicht zuletzt die Debatte rund ums Bürgergeld zeigte. Lieber baut man den Sozialstaat aus und wiegt die Menschen in einer Schein-Sicherheit. Der Glaube, man bekommt sofort einen noch besseren Jobs woanders garniert mit dem Gefühl, dass wenn nicht, der Staat schon alles regelt – das führt bei zu vielen zu einer Vollkasko-Mentalität. Und die Gefahr ist groß: irgendwann auch zu einem bösen Erwachen.

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