Donnerstag, 03.05.2018
Bundesweit finden rund 310.000 Menschen mit Behinderung, die wegen einer schwerwiegenden körperlichen oder geistigen Beeinträchtigung vom Arbeitsmarkt ausgeschlossen sind, mit Hilfe der bundesweit rund 760 Werkstätten Arbeitsangebote.

Illustrationen: cveiv/Thinkstock/Getty Images

Inklusion bei der Arbeit: Bundesweit finden rund 310.000 Menschen mit Behinderung, die wegen einer schwerwiegenden körperlichen oder geistigen Beeinträchtigung vom Arbeitsmarkt ausgeschlossen sind, mit Hilfe der bundesweit rund 760 Werkstätten Arbeitsangebote.

Personal
Gesunde Umsätze

Wie Behindertenwerkstätten und Unternehmen zusammenarbeiten

Mittelständische Unternehmen und Werkstätten für Menschen mit Behinderung arbeiten mitunter seit Jahrzehnten zusammen. In vielen Fällen profitieren alle Beteiligten von dieser besonderen Kooperation. Das liegt auch an der rechtlichen Situation.

Woher und von wem die Lieferung kommt, ist für Werner Stiegler nicht entscheidend. Hauptsache, sie erfüllt die Anforderungen seines Unternehmens. Der Leiter Strategischer Einkauf bei dem Büromöbelhersteller Dauphin-Gruppe vergibt pro Jahr Aufträge im Wert von mehr als 100.000 Euro an Werkstätten für behinderte Menschen. Bevorzugter Partner sind seit mehr als 20 Jahren Einrichtungen des katholischen Hilfswerks Caritas. „Dort gibt es Mitarbeiter mit ganz unterschiedlichen Einschränkungen, wie psychisch erkrankte oder beeinträchtigte Menschen“, erläutert Stiegler. Sie montieren im Auftrag von Dauphin Bauteile wie Metallkomponenten und Armlehnen.

Die Qualität muss natürlich wie bei allen anderen Zulieferern stimmen. Daher arbeiten die Werkstätten mit modernen Vorrichtungen. So können die Produkte mit denen der herkömmlichen Mitbewerber mithalten. „Wie das bei der Bewertung von Zulieferern so üblich ist, haben wir uns das vor Ort angesehen. Hier machen wir keine Unterschiede“, sagt Stiegler. Dennoch gibt es einige Besonderheiten in der Zusammenarbeit mit einer Werkstatt. Das Unternehmen befindet sich in einem nahen Umkreis zum Ablieferungsort, in diesem Fall nicht weiter als zehn Kilometer vom Auftraggeber entfernt, um eine sichere An- und Ablieferung der bestellten Teile zu ermöglichen.

Auch bei der täglichen Arbeit gelten für die Mitarbeiter andere Zeittakte. So dürfen sie nur drei Stunden pro Tag arbeiten und können alle 50 Minuten zehn Minuten Pause machen, wie die Einrichtung mit den Beschäftigten vereinbart hat. Das Ziel ist es, diese Menschen allmählich an eine Tagesstruktur zu gewöhnen und sie letztlich in eine normale Arbeitsstruktur zu integrieren. „Rechtlich betrachtet, ist eine Werkstatt eine Rehabilitationseinrichtung, die für viele Beschäftigte langfristig ihren Arbeitsplatz darstellt. Zugleich soll sie aber auch geeignete behinderte Menschen auf den ersten Arbeitsmarkt vermitteln“, sagt Stefan Werner, Geschäftsführer bei der Genossenschaft der Werkstätten für behinderte Menschen Mitte in Kassel. Seine Organisation bringt Auftraggeber und Werstätten zusammen. Etliche Werkstätten bieten ihre Dienstleistungen und Produkte auch regional aktiv potentiellen Abnehmern an: „Es hat schon einen Vorteil, ein Sozialunternehmen zu sein“, weiß Werner, „da hört man einem erst mal zu.“

Starke Wirtschaftskraft

Solche Erfahrungen hat auch Thomas Heymel gemacht. Er ist Leiter Corporate Development bei dem Sozialunternehmen Stiftung Pfennigparade in München und zuständig für den Aufbau von Kooperationen mit Wirtschaftsunternehmen. Doch er beobachtet eine Veränderung: „Es wird zunehmend schwerer, laufende Beauftragungen zu erhalten oder gar neue zu akquirieren. Dazu kommt, dass im Umfeld der Werkstätten ein immer größerer Wettbewerb um Kooperationspartner herrscht.“ So reiche allgemeiner, sozialer oder gesellschaftlicher Mehrwert nicht mehr aus, um sich als interessanter Partner im Mittelstand zu positionieren. „Die Werkstätten müssen ihr Angebot und ihre Botschaften verstärkt auf die konkrete Situation des möglichen Kunden anpassen. Dazu sind intensive Beziehungsarbeit und ein gutes Gespür für das Unternehmen erforderlich“, sagt Heymel.

Bundesweit finden rund 310.000 Menschen mit Behinderung, die wegen einer schwerwiegenden körperlichen oder geistigen Beeinträchtigung vom Arbeitsmarkt ausgeschlossen sind, mit Hilfe der bundesweit rund 760 Werkstätten Arbeitsangebote. Unterstützt werden sie dabei von 70.000 Fachkräften, die eine sonderpädagogische Zusatzausbildung haben. Auch Menschen, die einen Unfall erlitten oder ein Burn-out überstanden haben, nutzen die Werkstätten als Chance zur Wiedereingliederung ins Berufsleben. Die in den Werkstätten entstehenden Produkte und Dienstleistungen gehen in den allgemeinen Wirtschaftskreislauf ein. Der von den Behindertenwerkstätten erwirtschaftete Gesamtumsatz ist beachtlich: rund 8 Milliarden Euro pro Jahr.

Für mittelständische Unternehmen kann die Zusammenarbeit mit dieser besonderen Unternehmensform durchaus rentabel sein. Denn so lässt sich ein Teil der Ausgleichsabgabe einsparen. Diese fällt für alle Arbeitgeber an, die nicht ihrer Beschäftigungspflicht für schwerbehinderte Menschen nachkommen. Eigentlich sind Unternehmen mit – im Jahresdurchschnitt – monatlich mehr als 20 Mitarbeitern gesetzlich verpflichtet, auf mindestens 5 Prozent dieser Arbeitsplätze schwerbehinderte Menschen zu beschäftigen. Das schreibt das Sozialgesetzbuch (SGB) in Paragraph 154 SGB IX vor. Wird diese Vorgabe nicht eingehalten, muss eine Ausgleichsabgabe gezahlt werden (Paragraph 160 SGB IX). „Unternehmen, die Aufträge an Werkstätten für behinderte Menschen vergeben, können das auf ihre Ausgleichsabgabe anrechnen lassen“, erklärt Friederike Kilian vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS). Wie das funktioniert, regelt das SGB: Nach Paragraph 223 SGB IX können Unternehmen die Hälfte des auf die Arbeitsleistung der Werkstatt entfallenden Rechnungsbetrages (Gesamtrechnungsbetrag abzüglich Materialkosten) auf die von ihnen jeweils zu zahlende Ausgleichsabgabe anrechnen und damit diese Abgabe verringern.

Ausgleichsabgabe nutzen

Von dieser Möglichkeit machen deutsche Unternehmen reichlich Gebrauch: Wie das BMAS errechnet, hat, wurden im Jahr 2013 – neuere Angaben gibt es nicht – 41 Millionen Euro auf die Ausgleichsabgabe angerechnet. Eine zusätzliche Unterstützung von Unternehmen zur Förderung der Auftragsvergabe an Werkstätten für behinderte Menschen, wie etwa Förderprogramme, hält die Politik für „nicht erforderlich“, teilt das Ministerium auf Anfrage von „Markt und Mittelstand“ mit. Ob es in einzelnen Bundesländern derartige Programme gibt, ist dem BMAS nicht bekannt.

Wie die Anrechnung der Ausgleichsabgabe funktioniert, zeigt ein Rechenbeispiel (das sich an eine Musterberechnung der Bonner Werkstätten Lebenshilfe Bonn anlehnt): Eine Firma beschäftigt im Jahresdurchschnitt 61 Mitarbeiter. Nach den gesetzlichen Vorgaben wären demnach 5 Prozent schwerbehinderte Menschen zu beschäftigen. Dies wären rechnerisch drei schwerbehinderte Beschäftigte. Tatsächlich hält das Unternehmen im Jahresdurchschnitt aber nur eineinhalb Arbeitsplätze für schwerbehinderte Menschen bereit. Daher sind wegen der unterschrittenen Mindestanzahl pro fehlendem Beschäftigten 3.000 Euro, also jährlich 9.000 Euro Ausgleichsabgabe fällig. Pro Jahr vergibt das Unternehmen jedoch Aufträge im Wert von 20.000 Euro an eine Werkstatt für Menschen mit Behinderungen. In diesem Betrag sind ausgewiesene Lohnkosten – die Arbeitsleistung der Werkstatt – in Höhe von 12.000 Euro enthalten, wovon die Hälfte auf die Ausgleichsabgabe angerechnet wird. Die Ausgleichsabgabe in Höhe von 9.000 Euro für drei schwerbehinderte Beschäftigte reduziert sich damit auf nur noch 3.000 Euro.

Qualität der Arbeitsleistung zählt

Allerdings sollten für mittelständische Unternehmen solche Zahlungen mehr sein als nur symbolische Rechenspiele, um bürokratische Vorgaben zu erfüllen. Schließlich kommt es auf die Qualität der angeforderten Arbeitsleistung an. Das zu bewerten hat sich Susanne Koch zur Aufgabe gemacht. Die Professorin für Betriebswirtschaftslehre und Logistik an der Fachhochschule in Frankfurt am Main untersucht in einer Projektstudie die – wie es im leicht sperrigen akademischen Duktus heißt – „Entwicklung einer nachhaltigen Ersatzteillogistik für elektronische Primärprodukte durch die Auftragsdemontage von Altgeräten im Handlungsfeld der Werkstätten für Menschen mit Behinderung“. Eigentlich war Logistikexpertin Koch auf der Suche nach einer alternativen, kostengünstigen Beschaffung von Ersatzteilen für Unternehmen. Denn für elektronische Produkte werden üblicherweise nach dem Ende des regulären Produktionszyklus Ersatzteile dadurch beschafft, dass sie aus Altgeräten demontiert werden. Allerdings geht dieser Ausbau „mit hohen Transportkosten und Umweltbelastung einher, da dieser Prozess häufig in Schwellenländern erfolgt“, sagt Koch. Daher könnte eine lokale Demontage – etwa in Behindertenwerkstätten – die Ersatzteilgewinnung samt Logistik effizienter und nachhaltiger gestalten.

In ihrer Projektstudie kommt Koch zu dem Ergebnis, dass die Demontage von Ersatzteilen in Einrichtungen von Menschen mit Behinderungen sehr gut möglich sei, wenn bestimmte Anforderungen erfüllt werden: „Das zu demontierende Produkt sollte nicht mehr als das übliche Paketgewicht wiegen“, betont die Forscherin, „sonst lassen sich die Aufgaben ergonomisch nicht günstig ausführen.“ Zudem müssten die zu demontierenden Produktgruppen ähnlich sein, um die Anlaufphase kurz zu halten. Weil Schwere und Grad der Behinderung der Werkstattmitarbeiter unterschiedlich sind, kann nicht jeder alle Arbeiten ausführen. Wenn es um Feinarbeiten geht, kommen dafür meist nur wenige Mitarbeiter in Frage. Hier sind standardisierte Prozesse und Vorgehensweisen wichtig, die sich in mehrere Arbeitsschritte aufteilen lassen. Wichtig ist außerdem, dass die zu demontierenden Produkte keine ätzenden Flüssigkeiten oder explosive Gase enthalten dürfen. Um die Art und Weise einer Zusammenarbeit von Unternehmen mit Werkstätten systematisch untersuchen und optimieren zu können, hat Koch ihre Ersatzteilstudie mit der Behindertenhilfe Bergstraße in Bensheim als Pilotprojekt aufgesetzt. Derzeit sucht sie noch nach Unternehmen, die ihre Ersatzteillogistik nachhaltiger und kosteneffizienter umstellen und sich an dem Projekt beteiligen wollen.

Gute Zusammenarbeit

Was sich aus einer solchen Kooperation entwickeln kann, zeigt die seit mehr als 20 Jahren bestehende Zusammenarbeit des Lasertechnologiespezialisten Trumpf mit dem BHZ Stuttgart, einer diakonischen Einrichtung der Behindertenhilfe. Die Werkstatt erhält nicht nur Fertigungsaufträge für kleine Baugruppen und Montagearbeiten.

Einige Mitarbeiter, die beim BHZ angestellt sind, arbeiten auch direkt vor Ort bei Trumpf. „Einsatzbereiche sind etwa das zentrale Logistiklager, wo es um das Vorverpacken von Versandartikeln geht, oder auch der Produktionsprozess bei der Lasermontage“, sagt Josefine Starzmann, Referentin im Bereich „Gesellschaftliche Verantwortung“ bei Trumpf. Pro Arbeitsgruppe befinden sich zehn geistig oder körperlich eingeschränkte Mitarbeiter aus dem BHZ bei Trumpf. Sie werden von Betreuern unterstützt und haben Sonderregelungen bei den Arbeitspausen.

Diese Form der Zusammenarbeit findet auch Thomas Heymel von der Stiftung Pfennigparade positiv: „Für beide Seiten entsteht so ein Mehrwert. Die Mitarbeiter mit Körperbehinderungen erhalten die Chance, mit nichtkörperbehinderten Kollegen an interessanten Aufträgen mitzuarbeiten.“ Umgekehrt können Unternehmen, die mit Behindertenwerkstätten zusammenarbeiten, die Kooperation als Element in die Ausbildung oder die Personalentwicklung ihrer Mitarbeiter
einbringen.

Das gilt auch für die Mitarbeiter von Trumpf, die eine Woche lang beim BHZ hospitieren können, um diese besondere Arbeitssituation kennenzulernen. Von „Berührungsarbeit“ spricht Josefine Starzmann in diesem Kontext: „Unsere Mitarbeiter bekommen neue Perspektiven und Denkanstöße."

Info

Keine Zwangsabgabe

Was bei der Zusammenarbeit von Mittelständlern und Werkstätten zu beachten ist, erklärt Arbeitsrechtlerin Annett Böhm.


Warum sollten Unternehmen mit Werkstätten zusammenarbeiten?

Hier sind sowohl soziale als auch wirtschaftliche Gesichtspunkte zu nennen. Indem sie Aufträge an Werkstätten vergeben, unterstützen die Unternehmen die Teilhabe behinderter Menschen am Arbeitsleben und ihre Integration. Denn die Werkstätten bieten Menschen mit Behinderung den Rahmen, um einer sinnvollen Beschäftigung nachzugehen. Zugleich kann damit ein Imagegewinn für das Unternehmen einhergehen.


Und aus wirtschaftlicher Sicht?

Die meisten Behindertenwerkstätten sind verlässliche Partner für die freie Wirtschaft: Sie sind gut geführt und verfügen über ausreichend Manpower. Wenn in der Werkstatt die technische Ausstattung vorhanden ist, können Unternehmen Teile ihrer Produktion outsourcen. So lassen sich Lohn- und Lohnnebenkosten sparen. Ein ganz wichtiger ökonomischer Aspekt ergibt sich aus dem Sozialgesetzbuch: Ab einer bestimmten Mitarbeiterzahl müssen Unternehmen eine vorgeschriebene Anzahl an behinderten Menschen einstellen. Viele Firmen erreichen die gesetzliche Quote aber nicht und müssen dafür eine Ausgleichsabgabe zahlen. Wer Aufträge an Behindertenwerkstätten vergibt, kann diese Zwangszahlungen verringern oder ganz vermeiden.


Was motiviert Werkstätten zur Zusammenarbeit mit Firmen?

Die Werkstätten haben vor allem einen Inte-grationsauftrag. Aber sie sind auch wirtschaftlich ausgerichtet. Sie wollen Einnahmen erzielen und einen Gewinn erwirtschaften. Nur so können sie ihren Mitarbeitern über die gesetzlich vorgeschriebene Entlohnung hinaus ein kleines, motivierendes Arbeitsentgelt zahlen. Für Werkstätten ist es außerdem gut, wenn sie ihren Beschäftigten praxisnahe und sinnvolle Arbeitstätigkeiten anbieten können. Das stärkt das Selbstbewusstsein und das Selbstwertgefühl der behinderten Menschen. Letztlich finden Behinderte durch die Berufspraxis in den Werkstätten immer wieder auch externe Jobs in der freien Wirtschaft.


Wie läuft ein solcher Wechsel ab?

Stellt ein Unternehmen fest, dass einer der Werkstattbeschäftigten besonders geeignet ist, kann es ihn ohne kostspieliges Bewerbungsverfahren einstellen. Die Werkstätten sind von Gesetzes wegen angehalten, den Übergang geeigneter Beschäftigter auf den allgemeinen Arbeitsmarkt zu fördern.


Was muss das Unternehmen dabei beachten?

Bietet ein mittelständisches Unternehmen einem Behinderten einen Job an, muss es die Vorgaben aus dem Sozialgesetzbuch erfüllen: Schwerbehinderte und diesen gleichgestellte Mitarbeiter genießen unter anderem einen Sonderkündigungsschutz und haben Anspruch auf Zusatzurlaub. Auch im Hinblick auf Mehrarbeit oder eine Anpassung des Arbeitsplatzes gibt es besondere Rechte, über die sich das Unternehmen vorab informieren sollte.


Dieser Text gehört zu einem Thema aus der Markt-und-Mittelstand-Ausgabe 04/2018. Hier können Sie das Heft bestellen und „Markt und Mittelstand“ abonnieren.