Montag, 05.03.2012
Personal
Frauenquote in Unternehmen

Wie Mittelständler Frauen binden

EU-Kommissarin Viviane Reding fordert eine Frauenquote in Europas Unternehmen. Spätestens im Sommer will sie konkrete Maßnahmen vorlegen. Im Mittelstand herrscht längst eine gute Frauenquote.

Die Gerhard Rösch GmbH setzt seit Jahrzehnten auf die Arbeitskraft von Frauen. Der Anteil der weiblichen Mitarbeiter bei dem Mittelständler liegt bei 50 Prozent. Dass sich Familienfreundlichkeit schnell herumspricht, wissen auch andere Unternehmen.

„Wir brauchen keine Frauenquote in unserem Unternehmen, wenn überhaupt bräuchten wir eher eine Männerquote“, sagt Arnd-Gerrit Rösch. Zusammen mit seiner Frau Anna-Evita Rösch führt er das mittelständische Unternehmen. Sein Unternehmen stellt technische Textilien und Nachthemdenkollektionen her. Von den 370 Mitarbeitern sind 50 Prozent Frauen. In der Sparte für technische Textilien wie zum Beispiel Autohimmel oder Windschotts sind mehr Frauen als Männer im Führungsbereich tätig. „Wir wollen Müttern ein Umfeld bieten, in dem sie mit einer Sorge weniger arbeiten können, und zwar der um die Betreuung ihrer Kinder“, sagt der Geschäftsführer und lässt seinen Sohn auf dem Schoß hüpfen.

Anreize zum Zurückgewinnen

Nicht erst seit das Unternehmerehepaar selbst Kinder hat, setzt es auf Familienfreundlichkeit, um Frauen als Mitarbeiter zu bekommen und zu halten. Seit 1971 besteht zum Beispiel der betriebseigene Kindergarten. Damals musste der Mittelständler Anreize schaffen, damit die Näherinnen nach der Geburt ihres Kindes wieder zurück in den Betrieb kamen; heute sind es auch die Controllerinnen, Vertriebsmitarbeiterinnen, Maschinenführerinnen.

Weil die deutsche Bevölkerung altert und schrumpft, wird in den kommenden Jahren ein Rückgang an potentiellen Arbeitskräften um 6,5 Millionen erwartet. Das größte Potential im Inland sehen Arbeitsmarktexperten bei der Erwerbsbeteiligung von Frauen. Nur 55 Prozent der erwerbstätigen Frauen in Deutschland gehen derzeit einer Vollzeittätigkeit nach, das ist der zweitniedrigste Wert in Europa. „Demographischer Wandel und Fachkräftemangel
werden für uns kein ganz so großes Problem darstellen“, sagt Arnd-Gerrit Rösch. „Dadurch dass Frauen schneller und überhaupt wieder in den Job zurückkehren, können wir Fachkräfte zurückgewinnen.“

Nur 33 Prozent der deutschen Unternehmen waren laut einer Regus-Umfrage im jahr 2011 bereit, Mütter einzustellen. 2010 waren es noch 48 Prozent gewesen. 37 Prozent der befragten Unternehmer befürchten, dass berufstätige Mütter weniger engagiert und flexibel seien als andere Mitarbeiter. 33Prozent der deutschen Unternehmer unterstellen den Müttern mangelnde Flexibilität.  Dabei müssen Familienfrauen organisieren können und sind belastbar. Rösch bietet zum Beispiel Trainings an, wie Frauen in der Familie und im Unternehmen stark werden. Dort lernen sie, sich besser zu vermarkten, alles in Einklang zu bringen, aber auch Nein zu sagen.

Auch Antje von Dewitz, Geschäftsführerin des mittelständischen Sportartikelherstellers Vaude, setzt auf Familienfreundlichkeit und Frauenförderung. 62 Prozent der Mitarbeiter sind Frauen. „Eine Schwangerschaft kostet uns 12.000 bis 20.000 Euro, und die Kinderquote liegt bei uns dreimal höher als im deutschen Durchschnitt“, sagt von Dewitz. Die blonden langen Haare hat sie locker zum Zopf gebunden, eine Strähne fällt nach vorn. Die Teilzeitquote liege bei über 55 Prozent. Wenn sie die Mitarbeiterzahl auf Vollzeit umrechne, komme sie auf 270 Angestellte, es arbeiteten aber rund 470 Mitarbeiter bei Vaude in Deutschland. „Wir müssen anbauen, weil wir so viel Personal haben“, sagt die Chefin des Sportartikelherstellers.

Vorteil: Frauen im Unternehmen

Antje von Dewitz ist eine Freundin von gemischten Teams. „Da gibt es mehr Reibung, mehr Auseinandersetzung mit einem Thema und eine höhere Kreativität“, sagt sie. „Frauen sind mehr zwischenmenschlich orientiert, sie hinterfragen mehr, steigen dadurch tiefer in die Problemanalyse ein und haben ein besseres Gespür für Situationen“, bestätigt Jan Lorch, der in der Geschäftsleitung von Vaude für den Vertrieb zuständig ist. Das sei extrem wichtig für den Verkauf. „Wir schaffen die Rahmenbedingungen aus eigener Kraft, um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken“, sagt Antje von Dewitz. Das Engagement spricht sich herum. Innerhalb von anderthalb Monaten kommt das Unternehmen schon einmal auf 160 Initiativbewerbungen.


Wege, Frauen zu finden und zu binden

Info

  • Teilzeitangebote: Von 20 bis 90 Prozent reichen Teilzeitmodelle. In Gesprächen mit den Mitarbeiterinnen lassen sich individuelle Varianten finden. Erlauben Sie Ihren Mitarbeitern, zu Hause zu arbeiten. In regelmäßigen Gesprächen wird besprochen, ob die gesetzten Ziele erreicht wurden.
  • Jobsharing: Beispielsweise können sich zwei junge Mütter einen Ausbildungsplatz teilen. Jede durchläuft das gleiche Programm, aber nur halbtags.
  • Dienstleistungen im Unternehmen anbieten: Betriebskindergärten; Ferienbetreuung; Wasch- und Bügelservice; Kantinenessen, das für die Familie mit nach Hause genommen werden kann; Kooperation mit Taxidienst, der die Kinder der Mitarbeiter in arbeitsreichen Phasen zu Musikunterricht oder Sporttraining bringt.
  • Workshops und Programme: Gestalten Sie den Übergang aus der Elternzeit flexibel und bieten Sie Mentoring-Programme während der Elternzeit an, um in Kontakt zu bleiben. Schulen Sie Frauen, wie sie ihre Stärken erkennen und so erfolgreiche Führungskräfte werden.
  • Kommunikation nach außen: Zertifikate und Preise, die zeigen, dass das Unternehmen sich um Gleichstellung und Familienfreundlichkeit bemüht, sind eine gute Werbung, um weibliche Fachkräfte auf sich
    aufmerksam zu machen.

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