Montag, 12.12.2016
Viele deutsche Mittelständler wollen im nächsten Jahr Flüchtlinge ausbilden.

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Fachkräftemangel: Viele deutsche Mittelständler wollen im nächsten Jahr Flüchtlinge ausbilden.

Personal
Beschäftigung von Flüchtlingen

"Wir brauchen einen zentralen Kümmerer"

Eine Zukunftsmesse für Geflüchtete hat in der IHK Frankfurt am Main erstmals Flüchtlinge und Arbeitgeber zusammen gebracht. Damit die Wirtschaft mehr Flüchtlinge einstellt, muss die Zusammenarbeit der Behörden verbessert werden, fordert Brigitte Scheuerle von der IHK Frankfurt. Doch auch die Unternehmen müssen umdenken.

Markt und Mittelstand: Aus welchen Branchen kamen die beteiligten Unternehmen der ersten „Zukunftsmesse für Geflüchtete“ in Frankfurt, und was haben sie gesucht?
Brigitte Scheuerle: Die rund 50 Unternehmen kamen vor allem aus der Hotelbranche, dem Einzelhandel, und es waren auch verschiedene Unternehmen mit einer Logistikabteilung da. Und dann gab es natürlich viele gewerblich-technische Angebote. Die Personaldienstleister haben vor allem Maschinenbediener und Produktionshelfer gesucht. In all diesen Bereichen ist der Bedarf immens hoch. Neben Großunternehmen waren auch Mittelständler vertreten.

 

 

Brigitte Scheuerle ist Geschäftsführerin für Aus- und Weiterbildung bei der IHK Frankfurt

Fotoquelle: IHK Frankfurt am Main

Brigitte Scheuerle ist Geschäftsführerin für Aus- und Weiterbildung bei der IHK Frankfurt

MuM: Einer der Mittelständler war der Mess- und Regeltechnikhersteller Samson, der ein eigenes Flüchtlingsprogramm aufgelegt hat. Sollten das alle Unternehmen tun, die Flüchtlinge beschäftigen wollen?
Scheuerle: Es gibt ja schon einige, die das tun, wie die Initiative Berufliche Integration von Flüchtlingen in Frankfurt-Rhein-Main (BIFF), an der sich etwa der Flughafenbetreiber Fraport, der Pharmakonzern Fresenius und der Logistikdienstleister Dachser beteiligen. Aber für solche Initiativen brauchen die Unternehmen Manpower und Engagement durch die Unternehmensleitung.

MuM: Hängen die Unternehmen das Thema schon hoch genug auf?

Scheuerle: Sie können und sollten das höher hängen, aber dafür muss die Politik zuerst ihre Hausaufgaben machen. Wenn Unternehmer die Zeitung aufschlagen und überall lesen, wie schwierig es ist, Flüchtlinge einzustellen, dann haben die natürlich keine Lust darauf. Die Kaufleute wollen sich ja gesellschaftlich engagieren, aber die Politik muss das auch ermöglichen. Solange das nicht gewährleistet ist, wird sich die Wirtschaft zurückhalten.

MuM: Die Zukunftsmesse zeigt, dass die ganze Sache langsam in Schwung kommt. Wo sehen Sie für Unternehmen derzeit noch die größten Hürden, wenn es darum geht, Geflüchtete einzustellen?
Scheuerle: Da ist vor allem das Thema Sprache, ohne Deutschkenntnisse wird es schwierig. Aber ich würde mir auch von den Unternehmen wünschen, dass sie offen bleiben. 

MuM: Inwiefern?
Scheuerle: Viele waren schon so offen, sich für die Zukunftsmesse anzumelden – diese Offenheit sollten sie bewahren, indem sie bei den Bewerbungsverfahren nicht die gleichen formalen Wege gehen wie bei deutschen Bewerbern. Die Flüchtlinge kommen in ihren Heimatländern ganz anders in Arbeit, das passt nicht zu unseren Vorstellungen, und daran sollten die Unternehmen ihre Bewerbungsprozesse anpassen. 

MuM: Was empfehlen Sie konkret zu tun beziehungsweise zu unterlassen?
Scheuerle: Unternehmen müssen verstehen, dass Flüchtlinge lernen mussten, höchst flexibel auf Lebenssituationen zu reagieren. Dauern Bewerbungsverfahren zu lange oder verstehen sie sie nicht, dann prüfen sie andere Optionen für Arbeit. Bei manchem Flüchtling kommen beim Erstellen eines CV Erinnerungen an furchtbare Erlebnisse während der Flucht hoch. Lücken in CVs sollten daher anders gewertet werden.

MuM: Wie funktioniert die Zusammenarbeit mit den Behörden?
Scheuerle: Das ist ein einziger Dschungel. Wir haben Glück: In Frankfurt gibt es ein gemeinsames Büro von Stadt und Arbeitsagentur, die FRAP-Agentur. Diese Einrichtung hat gegenüber allen unseren Teilnehmern garantiert, dass sie die Verfahren auf die Überholspur setzt. Generell müssen die Verfahren schneller werden, und wir brauchen mehr Manpower in den Behörden – und es braucht einen zentralen Kümmerer.

MuM: Diesen Auftrag auf Bundesebene hat eigentlich Frank-Jürgen Weise, der Chef der Bundesagentur für Arbeit, von Bundeskanzlerin Angela Merkel bekommen …
 
Scheuerle: … Das mag sein, aber gegenüber der Ausländerbehörde ist Herr Weise nicht weisungsbefugt. Wir erleben immer noch, dass es häufig unterschiedliche Bewertungen durch Behörden und Jobcenter gibt. Das lähmt die Abläufe erheblich.

MuM: Mit der IHK Fosa – die Abkürzung steht für Foreign Skills Approval – haben die IHK bereits eine Stelle gegründet, um ausländische Berufsabschlüsse oder -erfahrungen anzuerkennen. Warum gibt es eine solche Stelle nicht auch für die Anerkennung von Hochqualifizierten mit Hochschulabschluss?
Scheuerle: Da müssen Sie die Politik fragen! Wir können mit der IHK Fosa garantieren, dass wir nachforschen, wie echt die Berufsabschlüsse sind; damit gibt es einen einheitlichen Standard. Für die Bewertung eines Elektrikers in Syrien geben wir eine bundesweit einheitliche Bewertung ab. Aber das können wir nur für unsere IHK-zertifizierten Berufe machen. Bei Hochschulabschlüssen sind uns die Hände gebunden.

MuM: Bisher gibt es dafür nur die Zentralstelle für ausländisches Bildungswesen in Berlin. An diese Stelle muss sich aber jeder Betroffene individuell wenden. Unternehmen können dort keine Sammelanträge einreichen, wie das etwa bei der IHK Fosa der Fall ist. Kann sich Deutschland so viel Bürokratie im Wettbewerb um die besten Wissenschaftler der Welt leisten?
Scheuerle: Nun, in diesem Fall stellt uns leider der Bildungsföderalismus ein Bein.

MuM: War die „Zukunftsmesse für Geflüchtete“ eine einmalige Sache?
 
Scheuerle: Wir müssen jetzt erst einmal ein ordentliches Fazit ziehen. Ganz entscheidend ist, dass das auch durch das gemeinsame Frankfurter Arbeitsmarktbüro nachgearbeitet wird. Da werden wir sehr genau hinsehen, ob die Versprechen umgesetzt werden. Wir werden natürlich auch mit den Unternehmen in Kontakt bleiben. Viele wollen ja erst einmal Hospitationen anbieten, da muss man dann erst einmal abwarten, wie es danach weitergeht.

MuM: Wird die IHK Frankfurt am Main weitere derartige Angebote für ihre Mitglieder anbieten?

Scheuerle: Auf jeden Fall. Wir denken derzeit über andere Formate nach, die gehen in die Richtung, dass wir einzelne Branchen vorstellen. Nehmen Sie mal die Hotelbranche: Vielen Flüchtlingen ist bei einer so kurzen Vorstellung des Unternehmens gar nicht klar, dass es da ganz verschiedene Berufsbilder gibt. Oder die Lebensmittelhändler: Viele kennen die Flüchtlinge vom Einkauf, aber da steckt ja auch viel Logistik und IT dahinter.

Info

Bei der Zukunftsmesse für Geflüchtete, die am 7. Dezember in der IHK Frankfurt statt fand, haben sich rund 50 Unternehmen vorgestellt. Mit 900 angemeldeten Teilnehmern, vor allem Flüchtlinge und Menschen mit Migrationshintergrund, war es die bisher größte Messe ihrer Art in Deutschland. Das Interesse von beiden Seiten war groß. Circa 300 Anmeldungen von Flüchtlingen mussten abgewiesen werden. Einzelne Unternehmen haben bis zu 90 Bewerbungen angenommen.

Zur Person:
Dr. Brigitte Scheuerle ist seit 2004 Geschäftsführerin für Aus- und Weiterbildung der IHK Frankfurt am Main, sie hat die Federführung Berufliche Bildung in der IHK-Arbeitsgemeinschaft Hessen. Sie ist Mitautorin des Hessischen Ausbildungspakts und koordiniert das Projekt BIFF - Berufliche Integration von Flüchtlingen in Frankfurt Rhein-Main, das 2016 vom Bundesinstitut für Berufsbildung mit dem Innovationspreis ausgezeichnet wurde.