Mittwoch, 09.11.2022
Personal
Interview

„Wir müssen die Eltern knacken“

Thomas Reiter ist Betriebsleiter bei GEBRO HERWIG, einem mittelständischen Haustechnik-Unternehmen aus dem Sauerland. Er kümmert sich um die Personalarbeit. Das Unternehmen wurde für seine Nachwuchsarbeit ausgezeichnet. Reiter lässt sich bei der Arbeit nicht beirren, aber seine Analyse ist schonungslos: Eltern machen etwas falsch, wenn sie ihr Kind vor allem zum Studium schicken. Deutschland bildet am Markt vorbei aus.

Thomas Reiter ist Betriebsleiter bei GEBRO HERWIG, einem mittelständischen Haustechnik-Unternehmen aus dem Sauerland mit 127 Mitarbeitern, davon 27 Auszubildende.

© Bernd Thissen

Herr Reiter, Sie haben den Ausbildungspreis der Handwerkskammer Südwestfalen gewonnen. Haben Sie Probleme Nachwuchs für Ihr Unternehmen zu gewinnen?

Überhaupt nicht.

 

Wie geht das? Industrie und Handwerk klagen doch stets, dass sie keine Nachwuchs-Kandidaten finden.

Ich gehe in Schulen, auf die Elternabende. Das Konzept ist mühevoll, aber es geht auf. Wir müssen die Eltern knacken. Das ist das Wichtigste. 

 

Wieso das?

Eltern wollen für ihr Kind immer nur das Beste. Und sie denken, das sei ein Studium. Ich sage dann: Nein, erst eine Ausbildung ist der richtige Weg. Und wir bieten tolle Jobs. Als Anlagenmechaniker für Sanitär, Heizung und Klima sind wir im Klimawandel im Mittelpunkt des Geschehens. Wir arbeiten mit Wasser, Wärme, Luft. Das sind die wichtigsten Elemente der Menschheit. Ich kann es auch ganz einfach sagen: Stellen Sie sich vor, Sie gehen zur Toilette und das Wasser geht nicht. Mit diesen Produkten beschäftigen wir uns. Und das machen wir auf höchstem Niveau: Bei uns arbeitet kein Handwerker ohne Tablet. Wir stellen Azubis Apps für Berechnungsprogramme zur Verfügung. Handwerker ist der Beruf mit Zukunft. Hätte ich gemacht, was mein Vater sich gewünscht hätte, wäre ich sein Nachfolger als Versicherungsmakler geworden. Aber das fand ich schrecklich. Immer mit der Angst der Leute vor einem Unglück zu arbeiten. Das wäre nichts für mich.  Das stört mich auch an der Diskussion in der aktuellen Energiekrise. Viele springen auf den Zug auf und machen ein Geschäft mit der Angst der Mitmenschen.

 

Und Heizungsbauer verkaufen Wärmepumpen wie geschnitten Brot . . .

Klar, aber gute Heizungsbauer sagen auch: Natürlich könnt ihr eine Wärmepumpe haben, aber guckt doch erst mal auf euren Energieverbrauch. Heizt nicht ständig leere Zimmer und schließt im Winter oder der Übergangszeit die Balkontür, wenn ihr draußen steht.

 

Zurück zur Ausbildung: Wenn alle aufs Studium setzen, bildet Deutschland am Arbeitsmarkt vorbei aus?

Ja. Ich mache Eltern und Kandidaten dauernd klar: Nach der Ausbildung kannst du immer noch studieren. Wenn es soweit ist, wollen das dann viele gar nicht mehr, weil sie sehen, was sie im Handwerk werden können. 

 

Die Generation Z ist als sehr Ich-bezogen verrufen. Wie sehen Sie das?

Die Generation Z ist generell schwierig. Die können sich mit Handy und Playstation beschäftigen. Das ist nicht verkehrt, aber nicht gut. Sie müssen herausfinden, wofür sie wirklich brennen. Ich versuche sie abzuholen, biete ihnen ein Praktikum an, eine Woche mal reinschnuppern. Wer das will, der ist meistens geeignet, denn er oder sie zeigt Initiative.

 

Haben Sie als Betriebsleiter mit Schwerpunkt in der Personalarbeit Tricks, um geeignete von ungeeigneten Bewerbern zu unterscheiden?

Es geht ums geschickte Hinterfragen. Als ich angefangen habe, mich mit der Ausbildung zu beschäftigen, gab es Tests. Danach und nach Schulzeugnis wurde ausgewählt. Das ist aber überhaupt nicht aussagekräftig. Auch ein schlechter Schüler kann ein guter Handwerker sein. Nein, ich frage zum Beispiel, ob jemand Mofa fährt. Wenn ja, frage ich wie schnell das Ding ist. Wenn er dann rot wird, nehmen wir ihn. Denn dann weiß ich, er hat am Mofa geschraubt, um es schneller zu machen. Er hat also an einer Maschine Hand angelegt, ohne es gelernt zu haben. Er hat es sich selbst beigebracht. Das ist eine gute Voraussetzung.

 

Spielt das Gehalt eine Rolle?

Diese Fragestellung ist bei unseren Kandidaten nicht mehr auf dem Markt. Die meisten wissen, dass sie im ersten Ausbildungsjahr mehr als 700 Euro im Monat verdienen. Ich selbst, stelle lieber die Frage, weißt du, wo du zur Berufsschule gehst? Der Lohn ist erstmal nicht so entscheidend. 

 

Suchen Sie gezielt auch Migranten?

Ja. Ich bin in der Ausländermigration engagiert. Migranten haben nicht das Anspruchsdenken wie deutsche Jugendliche. Ein deutscher Geselle sucht nach der Lehre direkt Zukunftsperspektiven, ein Migrant ist erstmal zufrieden und sucht dann vielleicht später mit Berufserfahrung die Zukunftsaussichten.

 

Wie sind Sie eigentlich in der Personalarbeit gelandet?

Ich glaube, ich habe eine besondere Gabe Mitarbeiter auszuwählen im Positiven wie im Negativen. Ich spreche deutlich aus, was mir passt und was nicht. Ich bin ehrlich, ich hänge da kein Mäntelchen drum. Mein Chef sagt manchmal zu mir: Ach Thomas, das hättest du vielleicht nicht so direkt machen sollen. Aber der Sauerländer redet eben frei heraus.

 

 

 

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