Montag, 09.04.2018
Als Bundesvorsitzende möchte Kristine Lütke die Wirtschaftsjunioren stärker am politischen Dialog beteiligen. „Wir sollten eine Stimme sein, die man nicht nur hört, sondern aktiv einfordert“, fordert die 35-Jährige auf ihrer Website.

Bildquelle: Ralph Pache

Als Bundesvorsitzende möchte Kristine Lütke die Wirtschaftsjunioren stärker am politischen Dialog beteiligen. „Wir sollten eine Stimme sein, die man nicht nur hört, sondern aktiv einfordert“, fordert die 35-Jährige auf ihrer Website.

Personal
Unternehmerporträt Kristine Lütke

Wirtschaftsjuniorin mit gepflegtem Ehrgeiz

Der Pflegesektor lässt wenig Platz für unternehmerischen Gestaltungswillen. Kristine Lütke will trotzdem etwas bewegen. Die Unternehmerin engagiert sich deshalb auch als Vorsitzende der Wirtschaftsjunioren.

Der Pflegenotstand in Deutschland ist ein heiß diskutiertes Thema. Besserung: nicht in Sicht. Über die Pläne der neuen Bundesregierung schüt­telt Kristine Lütke den Kopf: „Das sind alles Lippen­bekenntnisse.“ 8.000 neue Pflegekräfte sollen laut Koalitionsvertrag in den nächsten Jahren eingestellt werden. „Wir brauchen aber 50.000“, stellt Lütke klar und wettert weiter. „Der Lohn soll erhöht werden, die Beiträge zur Pflegeversicherung aber nicht. Das ist blauäugig!“

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Lütke ist geschäftsführende Gesellschafterin des Pflegeheimes „Bei St. Otto“ und des Dienstleis­tungszentrums für soziale Einrichtungen (DSE) in der Nähe von Nürnberg. 68 Patienten leben dort, betreut von 45 Pflegekräften. Wenn die 35-Jäh­rige aus ihrem Unternehmensalltag berichtet, wird schnell klar: Im Pflegesektor trifft Fachkräftemangel auf Überregulierung: Vier Monate sucht Lütke im Schnitt, bevor sie eine freigewordene Stelle beset­zen kann. Gleichzeitig kämpft sie täglich mit den strengen regulatorischen Vorgaben: starren Perso­nalschlüsseln, komplexen Genehmigungsprozes­sen und veralteten Tarifstrukturen. Eine Gedulds­probe, findet sie. Doch gleichzeitig weckt der enge Rahmen ihren Sportsgeist: „Die teils absurden Her­ausforderungen reizen mich“, sagt Lütke. „Mein Ziel ist es, jeden Tag die hohe Mauer doch irgendwie zu erklimmen.“

Unternehmerische Freiheit durch die Hintertür

Ein Vehikel für ihren unternehmerischen Gestal­tungswillen hat sie sich mit der Verknüpfung von DSE und Pflegeheim geschaffen. Als offene GmbH ist die Dienstleistungsgesellschaft rechtlich nicht zweckgebunden wie das Pflegeheim und muss daher beispielsweise keine starren Personalschlüssel ein­halten. 15 Mitarbeiter „mietet“ Lütkes Pflegeheim von ihrer Zweitfirma, darunter das Küchenpersonal und den Hausmeister. „Laut Pflegeregulatorik steht meinem Pflegeheim ein Zweidrittel-Hausmeister zu“, berichtet Lütke kopfschüttelnd. „Das DSE darf auch einen in Vollzeit beschäftigen und zu externen Projekten entsenden.“

In guten Jahren erwirtschaftet „Bei St. Otto“ einen Umsatz von 2 Millionen Euro, rechnet die Geschäfts­führerin vor, je nachdem wie die Personal- und Bewohnerstruktur ist. Möglichkeiten, den Umsatz zu erhöhen, habe sie kaum. „Die Pflegeversicherung legt die Entgelte fest, die wir Patienten je nach benö­tigter Hilfe berechnen dürfen“, erklärt sie. Auch der Eigenanteil der Pflegeeinrichtung sowie die Kosten für Unterkunft und Verpflegung, die die Bewohner zahlen, müssten innerhalb einer gewissen Spanne liegen, die die Pflegekassen und die Sozialhilfeträger definieren. Dass überhaupt etwas für Investitionen hängenbleibt, auch dafür gibt es das DSE.

Ersonnen haben dieses Konstrukt Lütkes Eltern, die ab den neunziger Jahren vier Pflegeeinrichtun­gen gründeten, von denen sich nur „Bei St. Otto“ gehalten hat. Die Tochter stieg 2003 mit 21 Jahren ins Unternehmen ein, während sie ihr Studium der Sozialpädagogik mit Schwerpunkt Sozialmanage­ment absolvierte. Erst arbeitete sie auf Station und dann in verschiedenen Leitungsfunktionen der Firmengruppe. 2007 trat sie in die Geschäftsfüh­rung ein und absolvierte nebenher ihren Master in Gerontologie. Seit fünf Jahren ist Kristine Lütke operative Geschäftsführerin. Ihre Mutter starb 2007. Vor zwei Jahren ging ihr Vater in Rente.

Megathema Digitalisierung

Nicht erst seit dem Generationswechsel verfolgt Lütke ambiti­onierte Pläne: Essen auf Rädern will sie genauso anbieten wie einen Fahrdienst für pflegebedürftige Menschen. Auch Pflegepersonal auf Zeitarbeitsba­sis und ein ambulanter Mittagstisch im Pflegeheim stehen auf ihrem Wunschzettel. Zudem will sie das Megathema Digitalisierung mit Vehemenz angehen. Seit Monaten ist die Jungunternehmerin auf Messen unterwegs und trifft sich mit Gleichgesinnten aus der Pflegebranche zum Ideenaustausch. „Ein elektronisches Dokumentationssystem haben wir schon seit 15 Jahren im Einsatz“, berichtet Lütke. „Nun geht es um technische Hilfe für den Arbeitsalltag.“ So gebe es am Markt Sensoren, die – im Fußboden eingebaut – den Sturz eines Bewohners an die Sta­tionszentrale melden, sowie ein Videotelefoniesys­tem, das es Pflegern ermöglicht, dem Patienten mit­zuteilen, dass Hilfe auf dem Weg sei.

 

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Lütkes Augen leuchten, wenn sie von den vie­len Möglichkeiten spricht, die eine Digitalisierung für Pflegeheime bietet. Sie will, dass die digitale Moderne im großen Pflegealltag Einzug hält, und sie kann es kaum erwarten, sie bei sich im Kleinen umzusetzen. Wie will sie die Digitalisierung finan­zieren? „Das zu überlegen ist dann der nächste Schritt“, sagt sie: „Eins nach dem anderen.“ Da viele Pflegeeinrichtungen derzeit die Anschaffung digita­ler Hilfsmittel erwägen, hofft die Unternehmerin auf Kooperationen. Gemeinsam mit anderen Pflegehei­men will sie bei Anbietern Mengenrabatte und indi­viduelle Softwarelösungen aushandeln. 

Keine halben Sachen

Doch auch analoge Modernisierungen sind nötig, um ihr Unternehmen „zukunftsfit“ zu machen, erklärt die diplomierte Sozialpädagogin. Beispielsweise brauche das Pflege­heim dringend einen neuen Bodenbelag. „Natürlich kann ich diesen aber nur in leeren Zimmern verle­gen lassen“, schildert Lütke die noch ungelöste Her­ausforderung. „Das heißt, dass die Bewohner mehr­fach umgelegt werden müssten und Einzelzimmer vorübergehend zu Zweibettzimmern würden. So könnte ich mich von Trakt zu Trakt vorarbeiten. Für die täglichen Abläufe meiner Mitarbeiter und das Wohlbefinden unserer Bewohner wäre das aller­dings eine enorme Behinderung.“

Wenn Kristine Lütke von ihren Ideen und Vor­haben spricht, spürt man ihr Engagement. Was sie plant, klingt verbindlich. Halbe Sachen scheint es für sie nicht zu geben. Dazu passt, dass sie die Bewoh­ner ihres Pflegeheimes nicht nur mit Namen kennt, sondern auch deren jeweilige Krankengeschichte. Fast wirkt sie übereifrig. Doch manchmal scheint es, als seien alle Baustellen, die sie gleichzeitig angehen will, praktisch gar nicht machbar.

Auf Nachwuchssuche

Eine weitere Baustelle hat Lütke sich außerhalb ihres Unternehmens geschaffen: Seit 2013 enga­giert sie sich bei den Wirtschaftsjunioren, dem bundesweit größten Verband junger Unterneh­mer und Führungskräfte unter 40. Im vergange­nen September wurde sie zur Bundesvorsitzenden des Verbands gewählt. „Ein­gestiegen bin ich damals zur Netzwerkpflege, mittlerweile bin ich das Gesicht der Wirt­schaftsjunioren“, erzählt sie. „Der Verband versteht sich als Stimme der jungen Wirt­schaft in Deutschland.“

Für die Wirtschaftsjunioren ist sie ebenso viel unterwegs wie für ihr Unternehmen. Anfang März diskutierte sie beim Spitzengespräch der Deutschen Wirtschaft mit der Bundeskanzlerin, Mitte des Monats verlieh sie Preise an Schüler, die bei einem bundesweiten Wirtschaftsquiz gewonnen hatten. „Als Verband versuchen wir, immer nah an der Basis zu sein und auch den Nachwuchs im Auge zu haben“, erklärt Lütke. Nachwuchs, mit dem sie mög­licherweise auch den Fachkräftemangel im Pflegebe­reich bewältigen kann.


Dieser Text gehört zu einem Thema aus der Markt-und-Mittelstand-Ausgabe 04/2018. Hier können Sie das Heft bestellen und „Markt und Mittelstand“ abonnieren.