Beitrag teilen

Link in die Zwischenablage kopieren

Link kopieren
Suchfunktion schließen
Management > Kommentar

Schneller Erfolg statt harter Arbeit? Ein gefährlicher Trend

| Thorsten Giersch | Lesezeit: 3 Min.

Bequemlichkeit boomt, Populisten versprechen Abkürzungen. Doch Unternehmen brauchen jetzt vor allem eines: Menschen mit Friction Maxing.

Menschen vor dem Brandenburgr Tor - Schriftzug: Kommentar
Zwischen KI, Krise und Komfortzone: Friction Maxing steht für Durchhaltevermögen in einer Welt, die Widerstände systematisch abbaut. (Foto: shutterstock)

von Thorsten Giersch für Markt und Mittelstand

Sie kennen den Weg nicht? Google Maps bestimmt. Hunger? Mit einem Klick ist das Essen bestellt. Das Kind fragt etwas, dass Sie nicht beantworten können? Alexa weiß es.

Die Welt um uns herum ist darauf ausgelegt, uns Widerstände zu nehmen. Tech-Unternehmen erzählen uns den ganzen Tag, wie anstrengend das Leben geworden ist. Wie voll, wie hektisch und wie Ihre App uns Arbeit abnehmen kann. Neu ist das nicht: Als sich in den 1980er-Jahren die Mikrowelle durchsetzte, drangen Werbespots auf die Hausfrauen in den USA und Europa ein mit der Botschaft: Warum kochst du überhaupt noch? Nimm unsere Fertiggerichte und ab in die Mikro! 

Studien haben längst erforscht, dass uns technologische Entwicklungen fauler, nachlässiger und weniger widerstandsfähig machen. Damit kamen die westlichen Gesellschaften lange klar, aber jetzt nicht mehr. Die toxische Mixtur aus Rezession, geopolitischen Verwerfungen und Künstlicher Intelligenz sorgt für den Aufstieg der Populisten, die dasselbe tun wie die Mikrowellenwerbung in den 80er. Sie versprechen eine leichte Lösung, weniger Arbeit und: Nimm dir, was du kriegen kannst! 

Inzwischen glauben 84 Prozent der Deutschen, dass es ihren Kindern nicht mehr so gut gehen wird wie ihnen selbst. Das hat fundamentale Folgen für den Arbeitsmarkt. Bewerbungsgespräche werden schwer, wenn gegenüber jemand sitzt, der nicht mehr ans Aufstiegsversprechen glaubt – egal, welchen Alters. Die Zahl derjenigen, die bereit sind, sich beharrlich nach oben zu arbeiten, sinkt. Die meisten kostet das zu viel Zeit und Lebensenergie. Warum auch? Die Leute bewundern Leistung nicht mehr. Die Leute bewundern Erfolg, und zwar den schnellen Erfolg. 

In diesen Zeiten wird eine Eigenschaft wesentlich, die Friction Maxing genannt wird, Reibungsmaximierung. Es geht um Durchhaltevermögen, die Fähigkeit, dranzubleiben. Reibung erzeugt Wärme. Unternehmen gewinnen. Was großartig klingt, hat eine Kehrseite: Solche Menschen stellen Regeln infrage und erwarten, dass man ihnen Dinge erklärt. Deshalb ist am Anfang schon ein wenig Energie nötig. 

Die Leute bewundern nicht mehr Leistung, sondern schnellen Erfolg,  fürchtet Thorsten Giersch. 

 

Faktenbox: Bequemlichkeit, Krisenangst und „Friction Maxing“

Technik & Bequemlichkeit

  • Studien zur „kognitiven Entlastung“ zeigen: Wer sich stark auf digitale Assistenzsysteme verlässt (Navigation, Suchmaschinen), trainiert bestimmte Gedächtnis- und Orientierungsfähigkeiten weniger stark.

  • Der Psychologe Robert Kurzban beschreibt in Why Everyone (Else) Is a Hypocrite (2010) das „Energie-Spar-Modell“ des Gehirns: Menschen vermeiden kognitive Anstrengung, wenn Alternativen verfügbar sind.

Pessimismus & Aufstiegsskepsis

  • Laut verschiedenen Umfragen (u. a. Allensbach, Shell-Jugendstudie) glaubt eine große Mehrheit der Deutschen, dass es künftigen Generationen wirtschaftlich schlechter gehen wird.

  • Ökonomen sprechen hier vom „Ende des Aufstiegsversprechens“ – ein zentrales Element westlicher Nachkriegsgesellschaften.

Populismus & Krisen

  • Politikwissenschaftliche Forschung zeigt: Wirtschaftliche Unsicherheit, Statusangst und Kontrollverlust erhöhen die Anfälligkeit für populistische Narrative.

  • Populismus operiert häufig mit Vereinfachung: komplexe Probleme werden auf eingängige Lösungen reduziert („Take back control“).

Philosophische Einordnung

  • Aristoteles: Tugenden entstehen durch Übung – Charakter bildet sich im Widerstand.

  • Stoiker (Seneca, Epiktet): Resilienz wächst durch bewusste Konfrontation mit Unannehmlichkeiten („Premeditatio malorum“).

  • Nietzsche: „Was mich nicht umbringt, macht mich stärker“ – Widerstand als produktive Kraft.

  • Byung-Chul Han diagnostiziert in der „Müdigkeitsgesellschaft“ (2010) eine Erschöpfung durch Selbstoptimierungsdruck statt äußeren Zwang.

Friction Maxing

  • Der Begriff ist kein klassischer wissenschaftlicher Terminus, sondern ein Management- bzw. Kulturkonzept: gezielte Reibung zulassen, um Innovation und Resilienz zu fördern.

  • Paradox: Wer Reibung sucht, hinterfragt Hierarchien und Routinen – das kostet Organisationen zunächst Energie, steigert aber langfristig Anpassungsfähigkeit.

Bleiben Sie auf dem Laufenden, abonnieren Sie unseren kostenlosen Newsletter und erhalten Sie immer die neuesten Nachrichten und Analysen direkt in Ihren Posteingang.

Ähnliche Artikel