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Politik > Rückblick auf 2025 - Weltpolitik

2025 richtig gelegen? Eine ehrliche Abrechnung mit globalen Vorhersagen

| The Economist | Lesezeit: 3 Min.

Was wir richtig – und was wir falsch – eingeschätzt haben.

Lupe auf 2025
Rückblick mit Risiken: Warum viele globale Entscheidungen von 2025 ihre volle Wirkung erst 2026 entfalten. (Foto: shutterstock)

Seit Jahren blickt The Economist mit seiner jährlichen Rubrik The World Ahead voraus und wagt Prognosen zu Politik, Wirtschaft und Gesellschaft – nun zieht Tom Standage, Editor von "The World Ahead 2026", eine selbstkritische Bilanz und analysiert offen, welche Vorhersagen für 2025 trafen, wo sie fehlgingen und warum manche Brüche wohl erst zeitverzögert sichtbar werden.

 

Von Tom Standage

Angesichts der Unberechenbarkeit von Donald Trump sind wir 2025 gar nicht so schlecht gefahren: Die Prognose, dass das Jahr von „Trump, Technologie und Unsicherheit“ geprägt sein würde, war gut getroffen. Wir schrieben, der neue Präsident „werde gegenüber Iran hart auftreten wollen“ – im Juni griffen amerikanische Bomber tatsächlich iranische Nuklearanlagen an. Wir sagten einen „effekthascherischen Versuch von Massendeportationen“ voraus, erwarteten aber auch, dass Widerstand von Besitzern von Obstfarmen und Hotels Trump von extremeren Maßnahmen abhalten würde. Genau so kam es. Doch mit erheblichen neuen Mitteln für die Migrationsdurchsetzung, die bald freigegeben werden sollen, könnte sich das 2026 ändern.

Ähnlich verhält es sich mit Trumps Zöllen. Wir schrieben, dass ihre Auswirkungen auf die amerikanische Wirtschaft 2025 „relativ gedämpft“ ausfallen würden, falls er sie umsetzt – und bisher war das auch so. Die große Frage ist, ob sich das 2026 fortsetzt.

Allerdings lagen wir auch daneben. Wir hatten argumentiert, „die Gerichte werden Trump nicht alles durchgehen lassen“, doch der Supreme Court zeigte sich williger als erwartet. Und wir erklärten leichtfertig, sein Plan, Hochschulcampusse „wieder patriotisch zu machen“, sei zum Scheitern verurteilt – ohne das Ausmaß seiner Angriffe auf Universitäten, Wissenschaft und Meinungsfreiheit vorherzusehen und, allgemeiner: seine Geringschätzung verfassungsrechtlicher Schranken.

Auch unsere geopolitische Bilanz ist gemischt. The World Ahead 2025 erschien im November 2024; noch vor Jahresende hatte Südkoreas Präsident im Zuge eines gescheiterten Putschversuchs das Kriegsrecht ausgerufen, und in Syrien war das Regime von Baschar al-Assad zusammengebrochen. Beides hatten wir nicht vorhergesehen. Man könnte einwenden, dass keines der Ereignisse 2025 stattfand; doch auf solche Haarspaltereien wollen wir uns hier nicht zurückziehen. Auch übersahen wir Israels Zerschlagung der iranischen „Achse des Widerstands“, ebenso die kurzen Konflikte zwischen Indien und Pakistan sowie zwischen Thailand und Kambodscha.

Bei Wahlen lagen wir teils richtig. Wir sagten voraus, dass Justin Trudeau die kanadische Wahl wohl nicht gewinnen würde; er stimmte dem zu und trat zurück, wodurch der kometenhafte Aufstieg und Wahlsieg von Mark Carney, seinem Nachfolger an der Spitze der Liberalen, möglich wurde. In Australien hingegen, wo wir eine Minderheitsregierung erwarteten, baute die regierende Labor Party ihre Mehrheit aus. Ups.

Beim Klima stellten wir die Möglichkeit in den Raum, dass Chinas Emissionen (und damit die globalen Emissionen) ihren Höhepunkt erreicht haben könnten; 2025 veröffentlichte Zahlen deuteten darauf hin, dass dies tatsächlich der Fall war. Zudem sagten wir voraus, China könnte Exporte kritischer Rohstoffe drosseln; im April verhängte das Land Beschränkungen für den Export seltener Erden und verschärfte sie im Oktober weiter, um seinen Einfluss gegenüber Amerika in Handelsverhandlungen zu erhöhen.

Wir wiesen außerdem darauf hin, dass chinesische Ingenieure „geschickt darin sind, um durch amerikanische Exportkontrollen verursachte Ressourcenengpässe herum zu innovieren“. DeepSeek R1, ein beeindruckendes KI-Modell, das im Januar vorgestellt wurde, löste 2025 eine von mehreren Börsenschwankungen aus, bei denen Investoren das Ausmaß westlicher KI-Investitionen infrage stellten. Trotz zunehmender Blasenrhetorik ist es jedoch bislang nicht zu dem erwarteten Knall gekommen.

In ähnlicher Weise schrieben wir, der Fokuswechsel von Inflationsbekämpfung hin zu Defiziten werde „schmerzhafte wirtschaftliche Entscheidungen“ erfordern; leider haben reiche Länder (allen voran Amerika, Frankreich und Großbritannien) das Thema weiter vertagt – und damit die Angst vor einer Anleihemarktkrise 2026 geschürt. Wie bei der KI könnte die Abrechnung, die wir für 2025 erwartet hatten, lediglich verschoben worden sein. Bleiben Sie dran.

Der Autor

Tom Standage (geb. 1969) ist ein bekannter britischer Journalist, Wissenschaftsredakteur und Autor, der vor allem als stellvertretender Chefredakteur (Deputy Editor) bei The Economist bekannt ist, wo er auch die digitalen Plattformen leitet und die jährlichen Ausgaben wie "The World in" und "The World Ahead" verantwortet.

 

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Aus The Economist, übersetzt von der Markt & Mittelstand Redaktion, veröffentlicht unter Lizenz. Der Originalartikel in englischer Sprache ist zu finden unter www.economist.com

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