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Politik > Arbeitsmarkt

60 000 Beamte zu viel: Wo der Staat effizienter werden muss

| Thorsten Giersch

Fachkräftemangel bei Unternehmen und ein öffentlicher Apperat, der immer mehr kostet. Eine Studie zeigt, ob das alles so nötig ist. Und bestätigt die Thesen der Kritiker.

Während die Industrie Arbeitsplätze verliert, wächst der öffentliche Dienst – doch die Effizienz bleibt umstritten. (Foto: shutterstock)

01.09.2025 Markt und Mittelstand  - von Thorsten Giersch

Arbeitsmarkt, öffentlicher Dienst, Digitalisierung – drei Schlagworte, die den aktuellen Konflikt um den Staatsapparat präzise umreißen. Während die Industrie Personal abbaut, wächst die Zahl der Beschäftigten in Verwaltungen. Doch die Frage bleibt: Wird der Staat damit leistungsfähiger – oder nur teurer?

Die Bundesagentur für Arbeit meldet: 146 000 Stellen weniger in der Industrie, 45 000 neue Jobs in der Verwaltung – allein im vergangenen Jahr. Seit 2013 stieg die Zahl der kommunalen Angestellten bundesweit um gut 21 Prozent. In Westdeutschland fiel der Zuwachs wegen des Kita-Ausbaus stärker aus als im Osten, wo Strukturen bereits etabliert waren. 

Sparsame Länder, üppige Kommunen

Eine Untersuchung des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) zeigt laut Handelsblatt deutliche Unterschiede. Während Sachsen-Anhalt Personal zurückhaltend aufstockte und als effizient gilt, leisteten sich Baden-Württemberg oder Brandenburg mehr Neueinstellungen, als die Aufgaben es erwarten ließen. Würden alle Länder so effizient wie Sachsen-Anhalt wirtschaften, könnten laut IW rund 60 000 Stellen eingespart werden – ein rechnerisches Einsparpotenzial von 3,4 Milliarden Euro jährlich.

Allerdings offenbart der Vergleich auch Paradoxien: Sachsen-Anhalt beschäftigt im Verhältnis zur Bevölkerung immer noch mehr Staatsbedienstete als andere Flächenländer. Effizienz heißt also nicht automatisch weniger Personal, sondern kluge Organisation.

Laut Forsa-Umfrage trauen nur 25 Prozent dem Staat zu, seine Aufgaben zu erfüllen. 70 Prozent halten ihn für überfordert. Parallel warnt der Beamtenbund vor einer Lücke von 600 000 fehlenden Kräften. Es prallen zwei Wahrnehmungen aufeinander: Die eine sieht eine aufgeblähte Verwaltung, die andere ein kaputtgespartes System.

Digitalisierung als Hebel

Die Anstalt für Kommunale Datenverarbeitung in Bayern (AKDB) verweist auf den internationalen Vergleich: Estland erledigt fast alle Behördengänge digital, Dänemark setzt seit 2012 auf verpflichtende digitale Post. Deutschland dagegen verharre in überkommenen Strukturen. AKDB-Chef Rudolf Schleyer sieht hier das größte Potenzial: Ein Prozent der jährlichen Personalausgaben – rund drei Milliarden Euro – in digitale Prozesse investiert, könnte nachhaltig Entlastung schaffen.

Streit um Verbeamtung

Politisch verschärft die Debatte über Verbeamtungen die Lage. CDU-Generalsekretär Carsten Linnemann fordert, den Beamtenstatus auf sicherheitsrelevante Bereiche wie Polizei oder Zoll zu beschränken. Ministerpräsident Markus Söder wiederum kündigte Einsparungen von 5000 Stellen in der bayerischen Verwaltung an. Der Beamtenbund hält dagegen, dass schon heute hunderttausende Kräfte fehlen.

Die Gretchenfrage bleibt: Soll der öffentliche Dienst weiter wachsen, um Funktionsfähigkeit zu sichern – oder ist die eigentliche Antwort eine radikale Neuorganisation?  Ob der Staat wirklich mehr Personal braucht, ist nicht die entscheidende Frage. Wichtiger ist, wie er seine Arbeit organisiert. Ohne Digitalisierung droht jede Stellenvermehrung nur höhere Kosten zu erzeugen – ohne bessere Leistungen. Mit digitalen Prozessen hingegen ließen sich Milliarden sparen, Wartezeiten verkürzen und das Vertrauen der Bürger zurückgewinnen.

Die eigentliche Reform lautet daher nicht: mehr oder weniger Beschäftigte. Sondern eine Verwaltung, die digital denkt und effizient arbeitet.

 

 

Öffentlicher Dienst in Zahlen

  • 3 Mio. Arbeitslose in Deutschland – ohne neue Stellen im öffentlichen Dienst wäre die Zahl noch höher.
  • +45 000 Jobs in der Verwaltung binnen eines Jahres, während die Industrie 146 000 Stellen verlor.

  • In zehn Jahren: +24 % kommunale Beschäftigte, +12 % Landesbeschäftigte (IW-Studie).

  • Effizienzvergleich: Sachsen-Anhalt besonders sparsam, Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg mit dem größten Abbaupotenzial (zusammen rund 23.000 Stellen).

  • Einsparpotenzial: 3,4 Mrd. Euro jährlich, wenn bundesweit 60.000 überzählige Stellen entfielen.

 

Debatte um Effizienz und Digitalisierung

  • Überlastet oder aufgebläht? Nur 25 % der Bürger trauen dem Staat zu, seine Aufgaben zu erfüllen.
  • 600 000 Stellen fehlen, so der Beamtenbund – trotz massivem Personalaufbau.

  • Digitalisierung als Schlüssel: Estland digitalisiert 99 % der Behördengänge, in Deutschland gilt das Onlinezugangsgesetz als Bremsklotz.
  • Investitionsrechnung: 1 % der Personalkosten für Digitalisierung (3 Mrd. €) könnte die Verwaltung langfristig entlasten.
  • Politische Kontroverse: CDU will weniger Verbeamtungen, Bayern plant Stellenabbau, Gewerkschaften warnen vor Personallücken.

 

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