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Politik > Konjunkturpolitik

BDI-Präsident Leibinger: Warum der Wirtschaft 2026 die Zeit davonläuft

| Anja Georgia Graw-Bärwalde | Lesezeit: 4 Min.

BDI-Präsident Peter Leibinger warnt vor falscher Beruhigung: Das erwartete Wachstum 2026 reicht nicht, um den Standort zu stabilisieren.

BDI Präsident Peter Leibinger Foto: Picture Alliance
BDI-Präsident Peter Leibinger bei der Jahresauftaktveranstaltung in Berlin: Der sonst zurückhaltende Industrievertreter verschärft den Ton gegenüber der Politik. Foto: Picture Alliance

23.01.2026 Von Anja Georgia Graw-Bärwalde

Im großen Saal der Berliner BDI-Zentrale herrschte an diesem Mittwoch eine ungewöhnlich gespannte Aufmerksamkeit. Die Jahresauftaktveranstaltung des Bundesverbands der Deutschen Industrie ist traditionell ein Ort wohlformulierter Appelle und ritualisierter Kritik. Doch diesmal lag etwas anderes in der Luft. Als Peter Leibinger, seit Anfang 2025 Präsident des Verbands, ans Rednerpult trat, war schnell klar: Der Mann, der bislang für Zurückhaltung stand, wollte ein Signal setzen. „Geschwindigkeit ist in der volatilen Weltlage der entscheidende Standortfaktor“, sagte Leibinger. „Wir sind in einer sehr kritischen Situation.“ Für die Industrie war das mehr als eine Zustandsbeschreibung – es war eine Warnung mit Blick auf das Jahr 2026.

Ein Präsident der leisen Töne wird deutlich

Leibinger hatte sich diesen Moment lange aufgespart. Der Schwabe gilt nicht als Lautsprecher, sondern als Ingenieur im Denken: analytisch, kontrolliert, ohne Neigung zur öffentlichen Eskalation. In seinem ersten Jahr an der Spitze des BDI hatte er sich bewusst von der scharfen Tonlage vieler Verbandsvertreter distanziert. Während andere früh und laut mit der Bundesregierung von Kanzler Friedrich Merz (CDU) abrechneten, setzte Leibinger auf Gespräche hinter den Kulissen – selbst als die deutsche Wirtschaft mehrere Jahre kaum wuchs. In der Verbändelandschaft machte ihn das zum Außenseiter.

Nun aber ist der Punkt erreicht, an dem auch der BDI-Präsident öffentlich nachschärft. Zwar erwartet der Verband für 2026 ein Wachstum von rund einem Prozent. Nach Jahren der Stagnation klingt das zunächst nach Entspannung. Doch Leibinger ließ keinen Zweifel daran, wie begrenzt die Aussagekraft dieser Zahl ist. Rund 0,7 Prozentpunkte des erwarteten Wachstums gehen nach Berechnungen des BDI allein auf höhere staatliche Ausgaben für Infrastruktur und Verteidigung zurück. Ohne diese kreditfinanzierten Impulse, so Leibinger, würde die Wirtschaft weiter auf der Stelle treten. Von einem selbsttragenden Aufschwung könne keine Rede sein.

Wachstum mit Vorbehalt

Diese Einschätzung teilen auch zahlreiche Wirtschaftsexperten, die vor einer Erholung warnen, die weniger aus eigener Kraft entsteht als stark von staatlichen Impulsen abhängt. Zusätzlich verzerrt ein statistischer Effekt das Bild: Im Jahr 2026 fallen ungewöhnlich viele Feiertage auf Wochenenden, was rechnerisch zu mehr Arbeitstagen und damit zu einem höheren Bruttoinlandsprodukt führt – ohne dass sich an der realen Produktivität etwas ändert.

Weitere Risiken sind in den Prognosen noch nicht vollständig berücksichtigt. Die Handelspolitik der USA sorgt erneut für Unsicherheit. Präsident Donald Trump hat im Zusammenhang mit dem Grönland-Streit eine deutliche Anhebung der Einfuhrzölle in Aussicht gestellt. Zwar deuten ökonomische Analysen darauf hin, dass ein erheblicher Teil der Kosten amerikanische Unternehmen selbst treffen würde. Doch allein die Unsicherheit wirkt bremsend. Unternehmen verschieben Investitionen, private Haushalte halten sich beim Konsum zurück. Der mögliche Bruch im transatlantischen Verhältnis belastet die Erwartungen zusätzlich.

Trotz seiner deutlichen Worte verzichtete Leibinger auf eine Generalabrechnung mit der Bundesregierung. Er würdigte einzelne Maßnahmen und sprach mit Blick auf 2026 von einem „Hoffnungssignal“. Gleichzeitig formulierte er eine klare Bedingung: Wettbewerbsfähigkeit und Wachstum müssten jetzt oberste Priorität haben, sonst drohe ein weiterer Verlust an industrieller Substanz. Geschwindigkeit, so seine Botschaft, sei kein Stilmittel, sondern eine ökonomische Notwendigkeit.

 

Reformdruck auf Regierung und Koalition

Der Druck auf Kanzler Merz und sein Kabinett wächst auch deshalb, weil sich Regierung und BDI in ihren Einschätzungen zunehmend annähern. Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) wird in der kommenden Woche den Jahreswirtschaftsbericht vorstellen, der den wirtschaftlichen Ausblick für 2026 prägt und in dem die Regierung ihre Prognose für das BIP-Wachstum nach Informationen von Reuters und Handelsblatt auf ein Prozent reduziert.  Der Entwurf des Berichts sei ungewöhnlich deutlich formuliert: Kleine Schritte reichten nicht aus, strukturelle Reformen dürften nicht weiter aufgeschoben werden, so beschrieb das Handelsblatt bereits im Januar den Tenor aus dem Wirtschaftministerium.

Doch innerhalb der Koalition ist umstritten, wie weit diese Reformen gehen sollen. Reiche hat Entlastungen bei den Unternehmensteuern, stärkere Arbeitsanreize und eine Neuordnung sozialer Leistungen ins Spiel gebracht. Das SPD-geführte Finanzministerium hingegen mahnt zur Vorsicht und setzt auf einen optimistischeren Ton. Beobachter sehen darin ein zentrales Risiko: Die Diagnose der Lage wird geteilt, die politischen Konsequenzen sind es nicht.

Leibingers Forderungskatalog reicht ohnehin weiter. Er drängt auf einen spürbaren Abbau von Bürokratie, schnellere Genehmigungsverfahren für Industrieanlagen, flexiblere Arbeitszeitmodelle und Reformen der sozialen Sicherungssysteme. Besonders die geplante Senkung der Körperschaftsteuer hält er für überfällig und fordert, sie auf 2026 vorzuziehen. Der Widerstand der SPD mit Verweis auf die Haushaltslage überzeugt die Industrie kaum.

Für den BDI-Präsidenten ist klar: 2026 ist ein Schlüsseljahr. Noch sei ein echter Aufschwung möglich, sagt Leibinger. Ob er gelingt, entscheidet sich nicht an Prognosen oder Sondervermögen, sondern am politischen Tempo – und am Willen, Reformen nicht weiter zu vertagen. Die Jahresauftaktveranstaltung des BDI markierte dafür einen Wendepunkt. Die Phase der geduldigen Zurückhaltung ist vorbei.

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