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Politik > Kommentar zum Arbeitsmarkt

Drei Millionen Arbeitslose – und was dennoch Hoffnung macht

| Thorsten Giersch

Drei Millionen ohne Job - doch es gibt Anzeichen für Stabilisierung. Was Politik und Unternehmen jetzt tun können.

Arbeitslosigkeit auf Rekordniveau: Doch Experten sehen erste Signale der Stabilisierung am Arbeitsmarkt. (Foto: shutterstock)

Im August waren hierzulande mehr als drei Millionen Menschen arbeitslos. Die Lage besorgt so stark wie seit der Jahrtausendwende nicht mehr. Die symbolische Marke sollte die Entschlossenheit im „Herbst der Reformen“ stärken.

 

01.09.2025 Markt und Mittelstand  - von Thorsten Giersch

 

In den 1990er-Jahren kämpfte Deutschland mit der Marke von fünf Millionen Arbeitslosen. 2015 unterschritt sie die Schwelle von drei Millionen. Jetzt sind wir wieder drüber. So schlecht waren die Zahlen für einen August seit 15 Jahren nicht mehr. Und wir alle fragen uns: Wie lang hält der Blues noch an? Ist der Negativtrend überhaupt noch umkehrbar auf absehbare Zeit? Die Antwort lautet: Ja, wenn man den Mut hat wie 2003 Rot-Grün.

Die Agenda 2010 mag Gerhard Schröder persönlich viel gekostet haben, aber sie beweist uns bis heute, dass Druck durch Leistungskürzungen und das Fördern von Eigenverantwortung wahre Wunder am Arbeitsmarkt mit sich bringen können. Aber das war und ist nicht alles, so einfach geht die Zauberformel nicht. Die Motivation der Einzelnen ist das eine, flexible Strukturen das andere. Schröder forcierte etwa die Zeitarbeit, zugegeben weniger, weil er wollte, sondern weil er musste.  

Anfang der Nuller-Jahre sah es in den Sozialkassen düster aus. Aber es ist ein Klacks zur jetzigen Situation. Eine hohe Arbeitslosigkeit kann sich Deutschland nicht leisten. Mehr Ausgaben für Soziales mögen kurzfristig Wählerstimmen kosten, aber wer die AfD verhindern will, sollte dennoch diesen Weg gehen. Der von Schwarz-Rot angekündigte „Herbst der Reformen“ wird kein kuscheliger Kaminabend zwischen SPD und CDU.

Nicht nur die Unternehmerinnen und Unternehmer sollten hoffen, dass sich Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) gegen Bärbel Bas (SPD) durchsetzt. Die Arbeitsministerin darf gebilligt vom Kabinett allein bei der Rente Mehrkos­ten von gut 200 Milli­ar­den Euro im Zeitraum bis 2040 raushauen. Dazu kommt noch das CSU-Wahlkampfgeschenk Mütterrente. Beides sind Gießkannen-Aktionen, von denen zum Großteil Nicht-Bedürftige profitieren.

Kanzler Merz hat recht, wenn er sagt, dass der heutige Sozialstaat nicht mehr finanzierbar ist. Der Autor dieser Zeilen ist Jahrgang 1980 und wird laut Berechnungen der „Wirtschaftsweisen“ im Laufe seines Berufslebens im Schnitt 44 Prozent Sozialabgaben auf seinen Bruttolohn zahlen. Bei seiner Tochter, Jahrgang 2020, sind es 56 Prozent. Der Jahrgang 1940 zahlte zum Vergleich noch 34 Prozent. Welche ausländische Fachkraft, die das weiß und eine Wahl hat, sollte angesichts dessen in Deutschland anfangen? Personalaufbau im öffentlichen Sektor mögen die Arbeitslosenzahlen seit langem aufhübschen, aber sie werden dieses Problem nicht lösen, ganz im Gegenteil.

Die Rente musste 1957 als Umlagesystem gegründet werden. Leider wurde zuletzt auch die politische Verantwortung umgeleitet – auf spätere Regierungen. Deutschland ist an einem Punkt, an dem das nicht mehr geht. Begriffen hat es die SPD noch nicht – den Merz am Wochenende nochmals die erwünschten Steuererhöhungen verneinen musste. Da mag Bärbel Bas so oft sie will die Debatte, ob wir uns unseren Sozialstaat noch leisten können, als „Bullshit“ bezeichnen. Sie ist tatsächlich überflüssig, weil die Antwort ganz klar nein lautet.

Es gibt übrigens gute Gründe, warum die Stimmung auf der Presse­kon­fe­renz der Arbeits­agen­tur für Arbeit gar nicht so schlecht war. Deren Chefin Andrea Nahles sieht ein „zarten Pflänz­chen“ der Stabi­li­sie­rung. Unter anderem sinkt die Zahl an Menschen in Kurzar­beit immer weiter. Bei der Zahl der gemel­de­ten Stellen geht es bergauf. Die Talsoh­le am Arbeits­markt ist erreicht und irgendwann wird es wieder aufwärts gehen.

Optimismus hilft dabei. Die Deutschen dürfen jetzt nicht anfangen zu sparen, sagen Ökonomen. Gegenmaßnahmen von Schwarz-Rot wie der „Inves­ti­ti­ons­boos­ter“ werden zusätzlich helfen. Was es aber am eiligsten braucht, sind Fachkräfte. Die zu finden wird für Unternehmen nämlich immer schwieriger.

Die aktuellen Zahlen dazu aus der Konjunkturumfrage des Ifo-Instituts wurden ironischerweise fast zeitgleich veröffentlicht wie die der Arbeitsagentur. 28 Prozent der Firmen bekommen zu wenig qualifizierte Arbeitskräfte. Apropos Ironie: Besonders eklatant ist der Mangel in der Rechts- und Steuerberatung sowie in der Wirtschaftsprüfung. Also bei denen, die wegen der ausufernden Bürokratie gebraucht werden.

Wenn Schwarz-Rot die drei Millionen Arbeitslosen zum Anlass nimmt, hier voller Entschlossenheit die Axt anzulegen, würde Tausenden Betrieben einen weiteren Grund geben, ihre Produktion nicht zu verlagern.

 

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