Beitrag teilen

Link in die Zwischenablage kopieren

Link kopieren
Suchfunktion schließen
Politik > Gutachten / Innovation

Gutachten übergeben: Was Mittelstandsforscher von der Regierung fordern

| Thorsten Giersch | Lesezeit: 4 Min.

Das EFI-Gutachten fordert Bürokratieabbau, bessere Forschungsförderung und schnellere Fachkräfteeinwanderung für mehr Innovation im Mittelstand.

Übergabe EFI-gutachten Foto: 'Picture Alliance
Übergabe des EFI-Gutachtens an das Bundeskanzleramt: Die Kommission sieht im innovationsstarken Mittelstand den Schlüssel für Wettbewerbsfähigkeit und Produktivitätswachstum in Deutschland. Foto: Picture Alliance

In ihrem Gutachten macht die Expertenkommission Forschung und Innovation klar: Der Mittelstand kann Produktivität und Wachstum treiben. Voraussetzung sind schlankere Verfahren, gezielte Förderung und erleichterte Fachkräfteeinwanderung.

11.02.2026 Von Thorsten Giersch

Die Expertenkommission Forschung und Innovation (EFI) richtet in ihrem aktuellen Gutachten einen eindringlichen Appell an die Bundesregierung – mit besonderem Blick auf die Rolle des Mittelstands für Wettbewerbsfähigkeit und technologischen Fortschritt. Der Bericht, der am Mittwoch an Bundeskanzler Friedrich Merz übergeben wurde, macht deutlich: Deutschlands Innovationskraft entscheidet sich maßgeblich in inhabergeführten Unternehmen. Rund 90 Prozent aller Unternehmen zählen zum Mittelstand, mehr als die Hälfte der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten arbeitet in diesen Betrieben.

Die EFI definiert Mittelstand nicht allein über die Größe, sondern über die Einheit von Eigentum und Geschäftsführung. Diese Struktur prägt das Innovationsverhalten: langfristige Orientierung, regionale Verwurzelung, flache Hierarchien und eine starke unternehmerische Verantwortung. Gerade in Nischenmärkten entstehen so immer wieder „Hidden Champions“, die mit spezialisierten Produkten Weltmarktführer werden.

„Die Nutzung bestehender Förderangebote ist häufig mit einer Reihe von bürokratischen Erfordernissen verbunden, die gerade für kleinere Unternehmen eine höhere Hürde darstellen“, sagt Friederike Welter, Mitglied der Expertenkommission, Präsidentin des Instituts für Mittelstandsforschung (IfM Bonn) sowie Professorin für Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Management kleiner und mittlerer Unternehmen und Entrepreneurship an der Universität Siegen. Daher brauche es einen vereinfachten Antragsprozess und deutlich einfachere und stärker automatisierte Prozesse beim Zugang zur Forschungsförderung, insbesondere auch der Forschungszulage. „Um die Innovationsaktivität insbesondere des Mittelstands zu fördern, sollte die Bundesregierung zudem konsequent Bürokratie abbauen, also beispielsweise Verwaltungs- und Genehmigungsverfahren vereinfachen“, sagt Welter.

Innovationsmotor Mittelstand

Zwar betreiben mittelständische Unternehmen seltener kontinuierliche Forschung und Entwicklung (FuE) als Großunternehmen und investieren gemessen am Umsatz weniger in Innovation. Doch differenzierte Analysen zeigen: Berücksichtigt man Unterschiede in Größe und Branche, sind mittelständische Unternehmen häufiger innovationsaktiv als vergleichbare nicht-mittelständische Firmen. Sie setzen stärker auf projektbezogene oder praxisnahe Innovationen ohne eigene FuE-Abteilungen. Etwa jedes zweite mittelständische Unternehmen führte zwischen 2020 und 2023 mindestens eine Produkt- oder Prozessinnovation ein, rund fünf Prozent sogar Marktneuheiten. Bemerkenswert ist der Produktivitätseffekt: Innovierende Unternehmen sind grundsätzlich produktiver – im Mittelstand fällt dieser Abstand jedoch besonders groß aus. Investitionen in Innovation zahlen sich hier überdurchschnittlich aus, vor allem wenn sie mit Digitalisierung kombiniert werden. Unternehmen, die sowohl in neue Produkte und Prozesse als auch in Software, Datenbanken oder KI investieren, erzielen die höchsten Produktivitätsgewinne. Gerade im Zeitraum 2020 bis 2024 zeigen sich hier deutliche Vorteile.

 

Strukturelle Belastungen konsequent abbauen

Gleichzeitig identifiziert die EFI zentrale Innovationshemmnisse. An erster Stelle steht der Fachkräftemangel. Die demografische Alterung verschärft die Engpässe, und der Verlust einzelner qualifizierter Mitarbeiter trifft kleinere Betriebe besonders hart. Die Kommission plädiert daher für eine bessere Ausschöpfung inländischer Potenziale – etwa durch längere Erwerbstätigkeit Älterer und stärkere Weiterbildung – sowie für eine effizientere Fachkräfteeinwanderung. Die geplante „Work-and-Stay-Agentur“ könne, wenn sie konsequent digitalisiert und nach dem Once-Only-Prinzip organisiert werde, einen wichtigen Beitrag leisten.

Ein weiteres Hemmnis sind hohe Kosten und Risiken von FuE. Für Eigentümer, die oft mit ihrem Privatvermögen haften, können gescheiterte Innovationsprojekte existenzbedrohend sein. Staatliche Förderung soll diese Risiken abfedern. Neben Zuschussprogrammen wie dem Zentralen Innovationsprogramm Mittelstand (ZIM) gewinnt die steuerliche Forschungszulage an Bedeutung. Seit ihrer Einführung 2020 ist ihre Nutzung deutlich gestiegen, insbesondere unter Unternehmen, die zuvor keine Förderprogramme in Anspruch genommen haben. Gleichwohl sieht die EFI Verbesserungsbedarf bei der Ausgestaltung und beim Zusammenspiel der Instrumente. Besonders kritisch bewertet die Kommission bürokratische Belastungen. Komplexe Antragsverfahren, umfangreiche Dokumentationspflichten und lange Genehmigungsprozesse binden Ressourcen – oft gerade jene Personen, die Innovationen vorantreiben sollen.

Die EFI fordert daher einen konsequenten Bürokratieabbau, die systematische Umsetzung des Once-Only-Prinzips und den verstärkten Einsatz von Praxischecks, um neue Regulierung frühzeitig auf Praxistauglichkeit zu prüfen. Starre Mechanismen wie „One-in-one-out“ reichten nicht aus, um tatsächliche Entlastung zu erreichen. Insgesamt zeichnet der Bericht das Bild eines innovationsfähigen, aber strukturell belasteten Mittelstands. Um dessen Potenzial vollständig zu heben, braucht es nach Ansicht der Expertenkommission bessere Rahmenbedingungen: weniger Bürokratie, effizientere Förderinstrumente, erleichterte Fachkräfteeinwanderung und eine Regulierung, die Innovation ermöglicht statt hemmt. Denn die Zukunftsfähigkeit des Standorts Deutschland hängt entscheidend von der Innovationskraft seiner mittelständischen Unternehmen ab.

Bleiben Sie auf dem Laufenden, abonnieren Sie unseren kostenlosen Newsletter und erhalten Sie immer die neuesten Nachrichten und Analysen direkt in Ihren Posteingang.

Ähnliche Artikel