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EU und Indien vor Freihandelsabkommen: Geopolitik, Zölle und neue Machtoptionen

| The Economist | Lesezeit: 4 Min.

Europa und Indien schließen ein Freihandelsabkommen – als Antwort auf Trump, China und neue geopolitische Realitäten.

Eu Kommissionsapräsidentin von der Leyen und Narendra Modi Foto: Picture Alliance
EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und Indiens Premierminister Narendra Modi stehen für eine Annäherung, die Handel, Sicherheit und geopolitische Autonomie verbindet. Foto: Picture Alliance

27.01.2026 The Economist

Die Ehrengäste von Narendra Modi am indischen Republiktag am 26. Januar kamen nicht nur, um Prunk und Paraden zu bestaunen. Indiens Premierminister hat die beiden ranghöchsten Vertreter der Europäischen Union eingeladen: Ursula von der Leyen, Präsidentin der Europäischen Kommission, und António Costa, Präsident des Europäischen Rates, der die EU-Mitgliedstaaten vertritt. Bei einem EU-Indien-Gipfel am heutigen Tag sollen beide Seiten eine Reihe von Abkommen unterzeichnen, darunter ein Freihandelsvertrag. Donald Trump gebührt dafür ein Teil der Anerkennung. Ohne den nationalistischen Abenteuerkurs des amerikanischen Präsidenten, seine Vorliebe für Zölle und seine Angewohnheit, Verbündete zu verprellen, hätten die beiden großen Demokratien womöglich nicht den Mut gefunden, ein Abkommen zu schließen.

Europa und Indien stehen vor einem ähnlichen Problem

„Beide versuchen, ihre strategische Autonomie als nachrangige Akteure in ihren jeweiligen Einflussräumen zu bewahren – Indien gegenüber China im Indopazifik und Europa gegenüber Amerika im Atlantik“, sagt Chietigj Bajpaee von der britischen Denkfabrik Chatham House. Indien richtet seine Handelsbeziehungen zunehmend nach Westen aus – im Juli unterzeichnete es ein Handelsabkommen mit Großbritannien – und meidet gleichzeitig Handelsverträge mit asiatischen Wettbewerbern. Die EU wiederum sucht Chancen, wo immer sie sich bieten. Am 17. Januar unterzeichnete sie ein Abkommen mit der lateinamerikanischen Handelszone Mercosur, zu der Argentinien, Brasilien, Paraguay und Uruguay gehören. Das Europäische Parlament legte dem Abkommen am 21. Januar einen Stein in den Weg, indem es eine gerichtliche Überprüfung verlangte; die Kommission erklärt jedoch, es könne vorläufig angewendet werden.

Kurzfristig wird ein EU-Indien-Abkommen wenig verändern. Die wirtschaftlichen Beziehungen starten von einem niedrigen Niveau. Indien ist nur der neuntgrößte Handelspartner der EU und steht für gerade einmal 2,4 Prozent des gesamten EU-Handels; 17,3 Prozent entfallen auf Amerika, 14,6 Prozent auf China. Mit knapp 50 Mrd. € (59 Mrd. $) pro Jahr sind Europas Warenexporte nach Indien etwa so hoch wie jene in die Mercosur-Staaten. Selbst wenn man die 26 Mrd. € an Dienstleistungsexporten hinzurechnet, entspricht das insgesamt nur 0,4 Prozent des EU-BIP. Das Handelsabkommen wird Europas Wachstum kaum ankurbeln – unter anderem, weil der durchschnittliche Zollsatz auf EU-Exporte nach Indien derzeit nur etwa neun Prozent beträgt. Einige Senkungen sind dennoch relevant, etwa die Reduzierung der indischen Autozölle von bis zu 110 Prozent auf 40 Prozent. Wichtiger sind jedoch nichttarifäre Handelshemmnisse wie Qualitätskontrollen oder Regeln für die öffentliche Beschaffung. Das Freihandelsabkommen soll hier Fortschritte bringen, insbesondere bei der Beschaffung – doch solche Hürden sind deutlich schwerer abzubauen als Zölle.

Für Indien fällt der Effekt etwas größer aus. Das Land versucht, die Folgen des von Donald Trump verhängten 50-prozentigen Zollsatzes im Rahmen seines globalen Zollfeldzugs abzufedern – ebenso wie die Auswirkungen seiner Strafzölle gegen Länder, die russische Kohlenwasserstoffe kaufen. Indiens 105 Mrd. € an Waren- und Dienstleistungsexporten in die EU entsprechen in etwa den 129 Mrd. $, die es 2024 in die USA exportierte. Die EU hat kürzlich die Liste der Zollvergünstigungen für Indien verkürzt, die unter Handelsexperten als Allgemeines Präferenzsystem bekannt ist. Ohne ein Handelsabkommen würden daher laut dem indischen Ministerium für Handel und Industrie auf etwa 2,7 Prozent der indischen Exporte höhere Zölle anfallen.

Allerdings liegt der durchschnittliche EU-Zollsatz auf indische Importe derzeit nur bei 4 Prozent, was das zusätzliche Potenzial eines Abkommens begrenzt. Zudem bleibt Indien stark protektionistisch und gilt als einer der schwierigsten Verhandlungspartner in internationalen Handelsgesprächen. Entsprechend wird das Abkommen weniger tiefgreifend sein als andere, die die EU zuletzt abgeschlossen hat. Umstrittene Bereiche – darunter viele landwirtschaftliche Produkte mit hohen Zöllen – werden ausgeklammert. Andere Themen werden in separate Abkommen ausgelagert, insbesondere geografische Herkunftsangaben, die kollektive Marken wie griechischen Feta oder französischen Champagner ebenso schützen wie indischen Darjeeling-Tee und Basmati-Reis.

Im Kern geht es bei dem Abkommen um die Förderung einer langfristigen wirtschaftlichen Zusammenarbeit. Parallel zum Freihandelsvertrag soll eine Sicherheits- und Verteidigungspartnerschaft unterzeichnet werden. „Eine solche Partnerschaft signalisiert ein höheres Maß an Vertrauen“, sagt Garima Mohan vom German Marshall Fund, einer amerikanischen Denkfabrik. Indien hofft, dass seine Fähigkeit zur Produktion in großem Maßstab europäische Rüstungshersteller ergänzt. „Der private Sektor Indiens zeigt zunehmendes Interesse an Joint Ventures mit europäischen Partnern“, ergänzt Garima Mohan. Das schließt neue Verteidigungstechnologien wie Künstliche Intelligenz und Raumfahrt ein. Wahrscheinlich wird es auch ein Abkommen über Indiens erweiterte Beteiligung an Horizon, dem wichtigsten EU-Forschungsförderprogramm, geben. Zudem soll eine Vereinbarung über qualifizierte Migration – vor allem junger Inder nach dem alternden Europa – Teil des Gipfels sein: ein Weg für die EU, sich von Amerika abzugrenzen, das die Visa für viele indische Arbeitsmigranten zunehmend einschränkt.

Trotzdem gibt es weiterhin erhebliche Differenzen

Indien wird seine langjährige Beziehung zu Russland trotz dessen Krieg gegen die Ukraine nicht zurückfahren. In ganz Delhi hängen von Russlands Propagandasender RT gesponserte Plakatwände, die Narendra Modi und Wladimir Putin, Russlands autokratischen Präsidenten, Seite an Seite zeigen. Indien ist einer der wichtigsten verbliebenen Käufer russischen Öls, und seine Exporte von Dual-Use-Gütern, die Russland für seine Kriegsanstrengungen nutzen kann, verärgern die EU. Das jüngste EU-Sanktionspaket gegen Russland umfasste drei indische Unternehmen. Indien wiederum betrachtet die neue EU-Grenzabgabe auf Waren, deren Herstellung viele Treibhausgase verursacht – den CO₂-Grenzausgleichsmechanismus (CBAM) – als Protektionismus im Gewand des Umweltschutzes. Die EU entgegnet, sie wolle lediglich, dass ausländische Produzenten für Emissionen zahlen, so wie es europäische Unternehmen im Rahmen des EU-Emissionshandelssystems tun.

Der Gipfel stärkt die Beziehungen zwischen Indien und der EU. Manche sehen die eigentliche Dynamik jedoch in bilateralen Abkommen zwischen Indien und einzelnen europäischen Staaten. Indien und Frankreich pflegen seit Langem enge Beziehungen. Auch Deutschland zeigt größeres Interesse: Friedrich Merz, der Bundeskanzler, besuchte Indien am 12. Januar in Begleitung von 23 Wirtschaftsführern. Der dritte Nordic-India-Summit wird später in diesem Jahr in Oslo stattfinden. Die Abkommen dieser Woche sind bedeutsam: Sie kommen zu einem Zeitpunkt, an dem sowohl Europa als auch Indien auf öffentliche Zurückweisungen durch die einst wohlgesinnten Amerikaner reagieren. Über den konkreten Inhalt hinaus sollen die Vereinbarungen signalisieren, dass die Zweitplatzierten hinter den globalen Supermächten eigene Optionen haben.

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Aus The Economist, übersetzt von The Economist, veröffentlicht unter Lizenz. Der Originalartikel in englischer Sprache ist zu finden unter www.economist.com

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