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Politik > Europas Zukunft

Geopolitische Verschiebung: „Das Rennen ist nicht vorbei – wir sind mittendrin“

| Ansgar Graw

Beim Finance Summit der Boerse Stuttgart Group diskutierte ein hochrangiges Experten-Panel über die globalen Umbrüche und die Herausforderungen für Europa und Deutschland.

Fünf Experten diskutieren beim Finance Summit der Boerse Stuttgart über Europas Rolle im globalen Wettbewerb.
Experten diskutieren beim Finance Summit der Boerse Stuttgart über Europas Zukunft im globalen Wettbewerb und die geopolitische Verschiebung. (Foto: Boerse Stuttgart Group)

22.09.2025 Markt und Mittelstand  – von Ansgar Graw / The European

Die Welt ordnet sich neu, globale Gewichte verschieben sich, Amerika prescht einmal mehr voran, China bietet Paroli, Indien wird zu einem neuen Kraftzentrum – und von Europa ist nicht ganz klar, ob es überhaupt schon den Startblock gefunden hat für das Rennen in ein neues Zeitalter. 

Erleben wir den „Startschuss für den europäischen Aufbruch oder ist das Rennen bereits vorbei“? Über die „geopolitische Verschiebung“ diskutierten ausgewiesene Experten beim Finance Summit der Boerse Stuttgart Group.

Dr. Christian Ricken, Vorstandsvorsitzender des in mehr als 20 Ländern tätigen Immobilienfinanzierers Aareal Bank AG, nannte am Donnerstag eindrucksvolle Zahlen des singapurischen Bestsellerautors und langjährigen Topdiplomaten Kishore Mahbubani. Der einstige Direktor des UN-Sicherheitsrates habe darauf hingewiesen, dass Europa 1980 das zehnfache BIP Chinas erwirtschaftet habe. Heute seien die EU und China auf Augenhöhe. Und bis 2050 werde das europäische Bruttoinlandsprodukt, so Mahbubani unter Berufung auf Ökonomen, nur noch halb so groß sein wie das des Reiches der Mitte.

Die deutsche Wirtschaft wiederum, so der Aareal-CEO, sei im Jahr 2000 dreimal so groß gewesen wie die kombinierten Volkswirtschaften aller zehn Asean-Staaten. Inzwischen herrsche Gleichstand – und in 25 Jahren werde Deutschland gerade noch 50 Prozent der Wirtschaftsleistung von Asean auf die Waage bringen.

Sieht Europa die Machtverschiebung nicht?

Es handele sich um eine zwar friedlich verlaufende, aber gleichwohl „dramatische Verschiebung von Machtverhältnissen“, sagte Ricken, „und das größte Problem dabei ist: Wir Deutschen und Europäer sehen diese Machtverschiebung nicht – oder wollen sie nicht sehen.“

Von den „tief gespaltenen“ USA sei wenig Unterstützung zu erwarten: Unter Trump kämpfe Washington „für sich allein“ und setze auf Partnerschaften „nicht auf der Basis von Weltanschauungen, sondern mit ausschließlichem Blick auf die eigenen Interessen“. In dieser Situation wirkten die Europäer hilflos, sie seien fast überall von anderen abhängig: „In der Energieversorgung, der Verteidigung, bei den Rohstoffen, bei Hightech – und das gilt ganz besonders für Deutschland“, sagte der Aareal-Chef.

Gleichwohl schlug Ricken in seinen Schlussfolgerungen einen optimistischen Ton an: Wenn die Europäer aufhörten, der Weltordnung des späten 20. Jahrhunderts nachzutrauern, und stattdessen alles daran setzten, in der neuen Weltordnung des 21. Jahrhunderts ihre Rolle zu finden, könne der Kontinent eine eigenständige Position im globalen Wettbewerb einnehmen. Dazu allerdings brauche man „drei Dinge: Wachstum, Wachstum, Wachstum“, unter anderem „durch starke Banken und einen gestärkten Kapitalmarkt“. Jedenfalls: „Noch ist das Rennen nicht vorbei“, versicherte Ricken.

Staaten mit und Staaten ohne Strategie

Christoph Keese, Unternehmer, Investor und Autor, veranschaulichte die neue Qualität der geopolitischen Auseinandersetzungen. Der „zentrale Systemwettbewerb“ finde nicht mehr statt „zwischen Autokratien und Demokratien, sondern zwischen Staaten, die eine Strategie haben und anderen, die keine Strategie haben – wie wir“. Keese, Chef der 2017 von ihm gegründeten Beratungsgesellschaft hy – The Axel Springer Consulting Group, wies in diesem Zusammenhang auf die Strategiefähigkeit der chinesischen Führung hin. Dort habe man beispielsweise die Künstliche Intelligenz lange Zeit als ein B2C-Produkt verstanden, das für Konsumenten weiterentwickelt wurde. „Aber vor drei, vier Jahren hat ein Umdenken stattgefunden, man hat begonnen, es als Produktivitätstool zu nutzen für die eigene Wirtschaft“, die nunmehr durch Künstliche Intelligenz weiter verbessert und kompetitiver werden solle.

Keese lobte im Zusammenhang mit Strategien auch die Ukraine, die beim russischen Angriff im Februar 2022 noch über keine eigenen Drohnen verfügte, aber inzwischen ein führender Hersteller von Drohnentechnik sei. Drohnen, so der einstige Chefredakteur der „Welt“, seien für die heutige Kriegsführung das wichtigste Element.

Bonita Grupp, Geschäftsführende Gesellschafterin der Trigema W. Grupp KG, sagte, ihr Unternehmen sei „glücklicherweise von geopolitischen Strömungen und von Lieferketten-Problemen“ wenig betroffen. Denn der Hersteller von Sport- und Freizeitbekleidung produziert „zu 100 Prozent in Deutschland“, vom Garn bis zum fertigen Produkt. 

„Anpassungsfähigkeit an neue Herausforderungen“

Gleichwohl spüre auch Trigema globale Verwerfungen, etwa die Migrationswellen und den Ukraine-Krieg, so Grupp, die das Familienunternehmen zusammen mit ihrem Bruder in vierter Generation führt. Inzwischen stellten Ukrainer die drittgrößte Mitarbeitergruppe bei Trigema. Mit ihrer Integration, vom Job über den Spracherwerb bis zur persönlichen Einbindung, habe man „sehr gute Erfahrungen gemacht“. Wichtig sei für jedes Unternehmen und auch für Trigema die stete „Anpassungsfähigkeit an neue Herausforderungen“. Bonita Grupps Hoffnung: Dass es in Deutschland bald wieder eine Aufbruchstimmung gebe.

Auch Armin von Falkenhayn, Deutschlandchef der Bank of America (Country Executive Germany), widersprach energisch der Ansicht, das Rennen um eine neue globale Ordnung sei bereits gelaufen. „Auf keinen Fall – wir sind mittendrin“, so von Falkenhayn. Er benannte Airbus als ein Beispiel dafür, was Europa hinbekommen könne, „wenn es sich gemeinsam überlegt, wo es hinwill, wenn man dann in eine Richtung läuft und auch bereit ist, Kompromisse zu machen“.

Der erfahrene Banker sagte mit Blick auf die aktuelle Haushaltspolitik in Berlin, er sei „normalerweise kein Freund des Aufweichens der Schuldenbremse“. Aber er glaube, „dass es tatsächlich dringend nötig war, jetzt in Deutschland Versäumnisse der vergangenen Jahre wieder gutzumachen“ und Geld für nötige Investitionen bereit zu stellen.

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