Indiens Freihandelsabkommen: Der Weg zur offenen Wirtschaftsmacht
| The Economist | Lesezeit: 5 Min.
Wie neue Freihandelsabkommen Indien von einer protektionistischen Wirtschaft zu einem globalen Industrie- und Exportstandort machen könnten
09.02.2026 Arvind Subramanian für The Economist
Indien könnte kurz davorstehen, zu einer der offensten Volkswirtschaften der Welt zu werden. Neue Handelsabkommen könnten das Land zu einer industriellen Supermacht machen.
Kann eine der protektionistischsten Volkswirtschaften der Welt zu einer der offensten werden? Kann ein Land, das es über Jahrzehnte hinweg versäumt hat, sein enormes Reservoir an ungelernten Arbeitskräften für den Aufbau eines starken verarbeitenden Gewerbes zu nutzen, dieses Versagen noch umkehren? Die überraschend optimistische Antwort lautet derzeit: Indien könnte kurz davorstehen, genau diesen Sprung zu schaffen.
In unserem jüngsten Buch „A Sixth of Humanity: Independent India’s Development Odyssey“ haben Devesh Kapur und ich zwei Rätsel formuliert. Erstens: Warum hielt Indien trotz der hohen Kosten so lange an wirtschaftlicher Abschottung fest? Zweitens: Warum gelang es dem Land trotz raschen Wirtschaftswachstums seit 1980 nicht, einen strukturellen Wandel herbeizuführen – insbesondere den Aufbau eines großen, wettbewerbsfähigen, exportorientierten Industriesektors? Beide Rätsel könnten in dieser tektonischen Woche eine Antwort finden.
Freihandelsabkommen mit Substanz
Indien hat gerade die Mutter und den Vater aller Freihandelsabkommen ausgehandelt – mit der Europäischen Union und mit den USA. Letzteres dürfte der Logik der „kompetitiven Liberalisierung“ gefolgt sein: Amerikanische Unternehmen erkannten offenbar nervös, dass sie nach dem EU-Abkommen in Indien ins Hintertreffen geraten könnten. Die Details des Abkommens mit den USA sind noch unklar, doch selbst unter Berücksichtigung möglicher Abschwächungen könnten beide Verträge Indien zu einer nahezu offenen Volkswirtschaft machen. Der Schutz würde sich weitgehend auf die Landwirtschaft beschränken, während sich neue Märkte für indische, arbeitsintensive Industrieexporte öffnen.
Ein Blick auf den wahrscheinlichen Inhalt der beiden Abkommen zeigt, wie weitreichend sie sind. Das Abkommen mit der EU unterscheidet sich grundlegend von früheren Freihandelsverträgen Indiens, die zu Recht als „Schweizer Käse“ bezeichnet wurden: durchlöchert von Ausnahmen, Sonderregelungen und nur teilweisen oder verzögerten Marktöffnungen. Da die politisch heikle Landwirtschaft auf beiden Seiten weitgehend ausgeklammert wurde, ist das neue Abkommen deutlich ambitionierter als frühere Vereinbarungen. Indien wird seinen Industriesektor innerhalb von sieben bis zehn Jahren vollständig liberalisieren.
Auch bei der Umsetzung ist das Abkommen ernst zu nehmen. Indiens Freihandelsabkommen mit ASEAN-Staaten wie Australien oder Neuseeland waren asymmetrisch, wobei Indien als stärkerer Partner Verpflichtungen oft großzügig auslegte. Die EU hingegen ist nicht nur wirtschaftlich mächtig, sondern verfügt auch über einen ausgeprägten, rechtsstaatlich verankerten Durchsetzungsapparat für Handelsabkommen. Europäische Beamte werden die Einhaltung der Vereinbarungen genau überwachen – und Indien kaum Schlupflöcher gewähren.
Auch wenn viele Details des Abkommens mit den USA noch fehlen, deutet alles darauf hin, dass Indien seine Zölle drastisch senken muss. In der Folge würden Indiens Zölle im Handel mit Europa und Amerika (außerhalb der Landwirtschaft) auf ein historisch niedriges Niveau sinken. Bezieht man weitere Freihandelsabkommen ein, könnte Indiens Niedrigzollregime bald nur noch China und Lateinamerika ausschließen.
Bruch mit Modis Protektionismus
Wie bemerkenswert dieser Kurswechsel ist, zeigt ein Blick auf die lange, konfliktreiche Geschichte der indischen Handelspolitik – oder allein auf die Bilanz der Regierung von Narendra Modi. Diese war aus Überzeugung protektionistisch. Fast ein Jahrzehnt lang brach sie mit einem seit 25 Jahren bestehenden Konsens zugunsten schrittweiser Liberalisierung und griff gelegentlich auf Instrumente zurück, die an die schlimmsten Zeiten des indischen Lizenz- und Quotensystems erinnerten. International galt sie als reflexhafter Neinsager und verbreitete unter Handelspartnern regelrechte Furcht.
Dass diese Regierung nun ernsthafte Freihandelsabkommen mit zwei der wichtigsten Handelspartner abschließt, zeugt von einem Bekenntnis zur Offenheit, das ihren tief verwurzelten nationalistischen Instinkten widerspricht. Zudem nutzt Indien nun externe Anker, um innenpolitische Reformen durchzusetzen – etwas, wozu es in der Vergangenheit kaum bereit war, anders als China, das seinen WTO-Beitritt für eine radikale Öffnung nutzte.
Ebenso wichtig sind die neuen Marktzugänge. Für Indien, das beim Aufbau einer wettbewerbsfähigen Industrie bislang gescheitert ist, bot der wachsende Wohlstand Chinas in Verbindung mit geopolitischen Verschiebungen eine letzte Chance zur Kurskorrektur. Indiens Anteil an arbeitsintensiven Exporten in Länder mit niedrigem und mittlerem Einkommen liegt bei nur zwei bis drei Prozent, verglichen mit Chinas 53 Prozent. Gelingt es Indien, diesen Anteil im Zuge des chinesischen Rückzugs aus diesem Segment auf zweistellige Werte zu steigern, könnten zig Millionen Industriearbeitsplätze entstehen.
Dieser Wandel hat bereits begonnen, sichtbar etwa an den Entscheidungen von Apple und Foxconn, Teile ihrer Produktion nach Indien zu verlagern. Bundesstaaten wie Tamil Nadu profitieren von steigenden ausländischen Direktinvestitionen. Doch Trumps Zölle waren ein Rückschlag, ebenso wie Indiens erratische Investitions- und Steuerpolitik. Hinzu kommen Unsicherheiten durch US-Politik, EU-Klimaregeln wie CBAM und der fortbestehende ideologische Reflex zur wirtschaftlichen Selbstversorgung.
Dennoch markieren die neuen Abkommen – gemeinsam mit Reformen bei Steuern, Arbeitsrecht, Energie und Versicherungen – das größte Öffnungsfenster seit Jahrzehnten. Dass Indien einmal als Musterbeispiel wirtschaftlicher Offenheit und als industrielle Großmacht gelten könnte, wäre noch vor wenigen Monaten undenkbar gewesen.
Arvind Subramanian ist Senior Fellow am Peterson Institute for International Economics. Von 2014 bis 2018 war er ökonomischer Chef-Berater der indischen Regierung
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