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Politik > Weltwirtschaftsgipfel einmal anders

Davos diskutiert die Zukunft der Welt – und alle reden über Macrons Brille

| Oliver Stock | Lesezeit: 3 Min.

Beim Weltwirtschaftsforum geht es um Macht, Geld und Geopolitik. Doch ein Foto von Emmanuel Macron mit Pilotenbrille dominiert die Debatte. Und lässt bei einer kleinen französische Luxusmarke alle Verkaufskanäle zusammenbrechen

Macromn mit Sonnebrille beim WEF Foto: Picture Alliance
Ein Hauch von Top Gun in den Schweizer Bergen: Ein Moment symbolischer Überlagerung: Emmanuel Macron beim WEF in Davos – und ein Accessoire, das politische Inhalte verdrängt. Foto: Picture Alliance

23.01.2026 Von Oliver Stock

Als Emmanuel Macron beim Weltwirtschaftsforum in Davos ans Rednerpult tritt, ist sofort klar: Das wird kein normaler Auftritt. Nicht wegen der Rede, nicht wegen neuer geopolitischer Thesen, sondern wegen einer dunklen Pilotenbrille – hier mitten im Kongresszentrum, wo die Sonne allenfalls abgedunkelt einfällt, unter Scheinwerfern, vor der Weltelite. Innerhalb von Stunden verdrängte das Bild Inhalte, Algorithmen griffen zu, soziale Netzwerke liefen heiß, internationale Medien machten aus einem Accessoire ein Symbol. Der offizielle Hinweis auf eine Augenentzündung ging dabei unter wie ein Fußnotenverweis im Meme-Zeitalter. Davos diskutierte die Zukunft der Welt, aber die Welt diskutiert die Brille.

 

Der Hype folgt sogleich

Während das Bild um die Welt geht, wird der Moment für eine kleine französische Luxusmarke zum wirtschaftlichen Urknall. Die Brille stammt von Henry Jullien, gegründet 1921 im Jura, einer Region, die eher für Präzisionshandwerk wie die Uhrenherstellung als für Instagram-Hypes bekannt ist. Henry Jullien ist eine klassische Manufakturmarke: kleine Serien, handgefertigte Fassungen, Gold-Laminierungen, ein Selbstverständnis irgendwo zwischen Uhrmacheratelier und Kulturgut. In Fachzeitschriften wird das Haus seit Jahren für seine kompromisslose Fertigung gelobt, in Frankreich gilt es als stilles Beispiel für industrielles Erbe. Sichtbar war das alles bislang nur für Kenner. Bis Davos.

Nach Macrons Auftritt war der Online-Shop zeitweise nicht mehr erreichbar, Anfragen kamen aus aller Welt, das Modell „Pacific“ – Preis 659 Euro – wurde zum Objekt kollektiver Begierde. Firmenchef Stefano Fulchir sprach von einer Lawine aus Bestellungen und Nachrichten. Normalerweise produziert Henry Jullien rund hundert Exemplare dieses Modells pro Jahr, nun rechnet man mit einem Vielfachen. Kein Werbevertrag, kein bezahltes Placement, kein Influencer-Deal. Nur ein Präsident, ein Podium, ein Bild.

Marketingexperten kennen diesen Effekt gut. Die US-Wirtschaftswissenschaftlerin Elizabeth Johnson von der Wharton School, einer der renommiertesten Business-Fakultäten der Welt an der University of Pennsylvania, formulierte es einmal nüchtern: Prominente Empfehlungen funktionieren. Sichtbarkeit schlägt Strategie. Johnson warnt zugleich vor dem sogenannten „Vampir-Effekt“, bei dem der Star das Produkt überstrahlt. Doch selbst dann, so ihre Forschung, steigen Interesse und Kaufbereitschaft deutlich. Und genau das passiert gerade bei Henry Jullien.

Dass dieser Mechanismus branchenübergreifend wirkt, zeigen zwei aktuelle Beispiele. Anfang 2025 trug Meghan Markle bei einem öffentlichen Termin in Kanada ein schlichtes Armband der kleinen US-Marke Valencia Key. Innerhalb weniger Stunden waren die Lager leer, die Verkäufe explodierten, Medien berichteten von einem fünfstelligen prozentualen Zuwachs. Ähnlich lief es im selben Jahr bei Adam Sandler, einem der bekanntesten Schauspieler Hollywoods, berühmt für seine demonstrative Verweigerung klassischer Dresscodes. Als er bei einem großen Filmpreis-Auftritt einen auffälligen Hoodie einer Nischenmarke trug, war das Kleidungsstück noch am selben Tag ausverkauft. Regelbruch als Verkaufsturbo.

Macht der Bilder

Der Davos-Moment passt perfekt in dieses Muster. Politik wird zur Bildpolitik, Macht zur Pose, Aufmerksamkeit zur härtesten Währung. Während drinnen über neue Weltordnungen verhandelt wird, entscheidet draußen ein Accessoire über Sichtbarkeit und ökonomische Effekte. Man kann das lustig finden, man kann es beklagen, man kann es als armselig abtun. Vor allem aber ist es ein ziemlich präzises Stimmungsbild unserer Zeit. In Davos deutet sich eine neue Weltordnung an, irgendwo zwischen Raubtierkapitalismus, schwindenden Allianzen und maximaler Inszenierung. Und jetzt ist klar: Wer darin überleben will, braucht nicht nur Macht, Geld und Netzwerke, sondern auch die richtige Brille.

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