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Politik > Geopolitik / Energie

Venezuelas Öl und die Rückkehr der Konzerne: Chevron, Sanktionen und das neue geopolitische Spiel

| The Economist | Lesezeit: 5 Min.

Nach gelockerten Sanktionen rückt Venezuelas Öl wieder ins Zentrum globaler Interessen. Wer profitiert – und wer trotz Milliarden zögert.

Venezolanische und amerikanische Flagge vor Ölfass Foto: Shutterstock
Ölförderanlagen in Venezuela stehen erneut im Fokus internationaler und insbesondere amerikanischer Konzerne – zwischen geopolitischem Kalkül, Sanktionen und Investitionsrisiken. Foto: Shutterstock

15.01.2026 Von The Economist

Venezuelas Öl weckt Begehrlichkeiten. Nach gelockerten Sanktionen positionieren sich Konzerne, Finanziers und politische Netzwerke neu – mit ungleichen Chancen, hohen Risiken und geopolitischer Brisanz. 

„Ganz offensichtlich an der Spitze des Feldes.“ So beschreibt Scott Bessent, Amerikas Finanzminister, die Position von Chevron unter der wachsenden Zahl von Investoren, die hoffen, aus Venezuelas Öl Profit zu schlagen. Der Wunsch, die Branche für die Ölkonzerne seines Landes wieder zu öffnen, spielte eine nicht unerhebliche Rolle bei Präsident Donald Trumps folgenschwerer Entscheidung, den Sturz von Nicolás Maduro, Venezuelas autoritärem Präsidenten, zu betreiben. Trumps Pläne, Venezuela zu „führen“, beruhen darauf, dass amerikanische Ölunternehmen die fossilen Ressourcen des Landes fördern. Chevron dürfte auf absehbare Zeit der einzige Ölkonzern mit nennenswerter Präsenz vor Ort sein. Doch auch eine Reihe wagemutigerer Firmen hofft, zum Zuge zu kommen.

Chevron als zentraler Profiteur einer möglichen Öffnung

Chevron ist in der Poleposition, weil das Unternehmen – anders als die Rivalen ExxonMobil und ConocoPhillips – Venezuela trotz Enteignungen durch ein sozialistisches Regime und trotz der von aufeinanderfolgenden US-Regierungen verhängten Sanktionen nicht verlassen hat. Mike Wirth, der Chef von Chevron, soll seit Monaten in engem Austausch mit Bessent stehen, offiziell, um Sonderausnahmen von den Sanktionen auszuloten, möglicherweise aber auch, um die Politik in Richtung eines amerikanischen Eingreifens zu beeinflussen. Das Kalkül hat sich ausgezahlt. In der ersten Januarwoche verlud das Unternehmen rund 1,7 Millionen Barrel venezolanisches Rohöl auf Tanker – nach der teilweisen Aufhebung der amerikanischen Blockade so viel wie seit Mai 2025 nicht mehr. Zudem wird Chevron von der Beteiligung am Verkauf von 50 Millionen eingelagerter Barrel profitieren, die Amerika Venezuela abkauft und die womöglich rund zwei Milliarden Dollar wert sind.

Venezuelas Ölreserven und das geopolitische Kalkül

Der Gewinn könnte letztlich enorm sein. Venezuelas gewaltige Reserven umfassen nicht nur Onshore-Öl, sondern auch das Potenzial für einen Offshore-Boom ähnlich dem vor der Küste des benachbarten Guyana. Venezuelas Küstengewässer sind die geologische Fortsetzung von Guyanas ergiebigen Tiefseeölfeldern, beobachtet Luisa Palacios vom Centre on Global Energy Policy der Columbia University – Felder, in die ExxonMobil und andere mehr als 60 Milliarden Dollar investieren. Während die Trump-Regierung beginnt, einige Ölsanktionen zu lockern – womöglich schon in dieser Woche –, zeigen neben Chevron bereits verschiedene andere Akteure Interesse. Indische Raffinerien, die die von Venezuela produzierte schwere Rohölsorte verarbeiten, halten Ausschau nach günstigen Gelegenheiten. Die beiden Schweizer Rohstoffhändler Vitol und Trafigura haben Lizenzen zum Verkauf venezolanischen Rohöls erhalten und werden sich Chevron bei der Vermarktung der bestehenden Lagerbestände anschließen. Doch amerikanische Milliardäre, Finanziers und die großen Ölkonzerne, angelockt durch staatliche Rückendeckung, könnten am meisten gewinnen – und manche werden dabei enthusiastischer sein als andere.

Vorsicht der Ölmultis und politische Risiken

Die großen Ölkonzerne dürften sich am vorsichtigsten verhalten. Chevron wird bleiben und expandieren, da es bereits einen Fuß in der Tür hat; das Unternehmen geht davon aus, seine lokale Förderung von derzeit 240.000 Barrel pro Tag, die gemeinsam mit PDVSA erfolgt, innerhalb von zwei Jahren um die Hälfte steigern zu können. Andere Ölmultis hingegen könnten zögern. Übereilt geschlossene Vereinbarungen könnten später überprüft werden. Helima Croft von RBC Capital Markets, einer Investmentgesellschaft, sagt, es sei eine „offene Frage“, ob Amerika über das Jahr 2028 hinaus an der Aufsicht über Venezuelas Ölsektor festhalten werde, falls eine künftige demokratische Regierung die heute geschlossenen Energieabkommen kritisch prüfe. Politische Absicherung ist umso wichtiger angesichts der bitteren Erinnerungen an die Vergangenheit. Exxon und ConocoPhillips sind über die Enteignungen unter der Führung von Hugo Chávez noch immer verärgert, die zu enormen Verlusten und langwierigen Gerichtsverfahren führten. Trump hat Zweifel an einer Entschädigung für frühere Vermögensbeschlagnahmungen geäußert. „Schöner Abschreiber“, bemerkte er abfällig, als er auf die Forderungen von Exxon und Conoco angesprochen wurde, und fügte hinzu, es sei „ihre eigene Schuld“. Ohne eine Einigung werde neues Kapital kaum in nennenswertem Umfang fließen, warnt ein Experte. Und eine Einigung bleibt fern, solange Venezuela in Schulden versinkt. Kein Wunder also, dass Darren Woods, der Vorstandschef von Exxon, unverblümt erklärt hat, Venezuela sei unter den derzeitigen Bedingungen „nicht investierbar“.

Chancen für Dienstleister, kleinere Produzenten und Finanziers

All dies dürfte jedoch abenteuerlustigere Unternehmen nicht davon abhalten, zumindest vorsichtig einzusteigen. Öldienstleister wie Halliburton, SLB und Baker Hughes, die unter anderem neue Bohrungen vornehmen und bestehende Anlagen warten, verfügen über Erfahrung in den unwirtlichsten Förderregionen der Welt und sind interessiert. Gleiches gilt für kleinere Ölbohrer. Wie im amerikanischen Schieferölsektor gibt es im venezolanischen Bitumengürtel der Orinoco-Region zahlreiche kleine Felder, die sich mit überschaubaren Investitionen erschließen lassen. „Dafür braucht man nicht die Bilanz von Exxon“, sagt ein Fachmann. Ebenfalls interessiert sind Magnaten mit MAGA-Verbindungen. Zu den Superreichen im Umfeld Trumps zählt Harry Sargeant, ein Öl- und Asphalt-Tycoon, der seit Langem sowohl in Caracas als auch in Mar-a-Lago Beziehungen pflegt. Berichten zufolge berät er die Trump-Regierung bei der Auswahl der Unternehmen, die nach Venezuela gehen sollen. Harold Hamm, ein Schieferölpionier aus Oklahoma, der nun nach Argentinien expandiert, sagt, er würde „künftige Investitionen definitiv in Betracht ziehen“. Auch Finanziers könnten zu den großen Gewinnern zählen, ob direkt oder indirekt. Elliott Investment Management, ein Hedgefonds unter der Leitung von Paul Singer, einem bedeutenden Spender Trumps, gehört zu den Investoren, die im November bei einer gerichtlich angeordneten Auktion den Zuschlag für Citgo erhielten, eine in den USA ansässige Raffinerietochter von PDVSA, dem venezolanischen Staatsölkonzern. Da Citgo auf die Verarbeitung des schweren venezolanischen Rohöls ausgelegt ist, drückten die Sanktionen den Preis. Mit ihrer Lockerung dürfte der Wert des Unternehmens kräftig steigen. Andere Investoren hoffen möglicherweise indirekt von einer Erholung der venezolanischen Ölproduktion zu profitieren. Dutzende Milliarden Dollar an ausgefallenen Staats- und PDVSA-Anleihen sowie hohe unbezahlte Schiedssprüche aus früheren Enteignungen werden faktisch als Option auf eine künftige Ölförderung gehandelt. Sollte die Produktion wieder anziehen, ist eine spätere Regierung deutlich eher geneigt, alte Schulden zu begleichen. Wo Risiko und Unsicherheit herrschen, sind die Abenteurer der Wall Street nie weit entfernt.

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Aus The Economist, übersetzt von The Economist, veröffentlicht unter Lizenz. Der Originalartikel in englischer Sprache ist zu finden unter www.economist.com

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