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Politik > Gastbeitrag

Und noch eine Rentenkommission

| Uwe Schroeder-Wildberg

Auch die neue Bundesregierung ignoriert die Grundprobleme des deutschen Rentensystems.

Uwe Schröder
Gastautor Uwe Schroeder-Wildberg kritisiert: Die Rentenpolitik verharrt im Kreislauf aus Ankündigungen und Kommissionen. (Foto: MLP)

13.8.2025: von Gastautor Uwe Schroeder-Wildberg: 

Als vor kurzem Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche in einem Interview feststellte, es sei unumgänglich, dass die Lebensarbeitszeit in Deutschland steigen müsse, ließ die Empörung nicht lange auf sich warten. SPD, Linke und Grüne lehnten ab, sich überhaupt mit einem solchen Szenario auseinanderzusetzen, und selbst aus der eigenen Partei erntete die CDU-Politikerin keine Unterstützung, sondern eher lautes Schweigen. Die Reaktion auf Reiches – in der Sache völlig richtigen – Vorstoß zeigt, wie sehr in der Rentenpolitik Wunschdenken vorherrscht und die Einsicht in das Notwendige noch immer fehlt. 

Dabei hatte man gehofft, dass die neue Bundesregierung endlich eine realitätsbezogene Rentenpolitik einläuten würde. Die Strukturprobleme und die immer größer werdenden Finanzierungslöcher der gesetzlichen Rentenkasse sind ja hinlänglich bekannt und analysiert. Doch anstatt endlich zu handeln, diskutiert man in Berlin über mutmaßlich wirkungsarme Vorschläge wie die „Aktivrente“, hält an Wohltaten wie der so genannten „Rente mit 63“ fest und setzt – wieder einmal – eine Rentenkommission ein.  

Mit einer solchen Scheuklappen-Taktik droht auch in dieser Legislaturperiode wertvolle Zeit für eine echte Kursänderung in der Rentenpolitik zu verstreichen. „Leider verweigern sich zu viele zu lange der demografischen Realität“, stellte Bundesministerin Reiche zutreffend fest. Und diese Realität lässt sich in Zahlen fassen: Laut dem Institut der deutschen Wirtschaft (IW) beziehen von den 19,5 Millionen Babyboomern, also Menschen der geburtenstarken Jahrgänge 1954 bis 1969, bereits 4,5 Millionen eine Altersrente. Und davon haben 0,9 Millionen bzw. 20 Prozent das gesetzliche Renteneintrittsalter noch nicht erreicht.  

Die Experten des IW fordern, die geburtenstarken Jahrgänge möglichst lange im Erwerbsleben zu halten, „um die demografische Welle zu glätten“. Damit einhergehen sollten Rentenabschläge bei frühzeitigem Renteneintritt und die Abschaffung der abschlagfreien Rente für besonders langjährige Versicherte, gemeinhin bekannt als „Rente mit 63“ (mittlerweile liegt das Mindestalter bei mehr als 64 Jahren).  

Keine Einschnitte bei den Ausgaben

Doch vor allem für die Sozialdemokraten bleibt die „Rente mit 63“ ein Herzensthema. Den vorzeitigen Ruhestand muss man sich aber leisten können. Erhebungen zeigen, dass gerade gut ausgebildete und entsprechend verdienende Facharbeiter diese Chance nutzen, während Menschen mit geringem Einkommen und Vermögen das reguläre Renteneintrittsalter abwarten müssen. Der allgemeine Fachkräftemangel wird durch diese sozio-ökonomischen Effekte sogar eher verschärft. 

Auch in der Union ist ein echter Wille zum Umsteuern nicht erkennbar: Die CSU möchte ihre Mütterrente, für die niemand jemals Beiträge eingezahlt hat, sogar noch ausweiten. Anstatt sich der überbordenden Ausgabenseite der Rentenkasse zu widmen, will sich die Bundesregierung mit einer Aktivrente behelfen, die vor allem von der CDU gefordert wird: Wer über das gesetzliche Rentenalter hinaus arbeitet, soll bis zu 2.000 Euro pro Monat steuerfrei hinzuverdienen können. Ob der Steuerbonus in der Breite der Bevölkerung aber wirklich zur längeren Lebensarbeit führt, erscheint zweifelhaft. Forscher des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) gehen etwa davon aus, dass das verfügbare Einkommen durch die Aktivrente um etwa 5,5 Prozent steigen und dies nur 5.000 bis 15.000 Ruheständler mehr zum Arbeiten bewegen würde.  

Dabei ist der Ansatz grundsätzlich richtig, Menschen länger zur Arbeit zu bewegen und damit die Lebensarbeitszeit an die steigende Lebenserwartung anzupassen. Das reflexartig angeführte Gegenargument, dies sei Menschen in körperlich anstrengenden Berufen nur schwer zumutbar, ist nicht vollkommen falsch, aber eben nur die halbe Wahrheit. Es ignoriert die Erwerbsstruktur einer modernen Dienstleistungsgesellschaft, in der rund 75 Prozent aller Beschäftigten im tertiären Sektor tätig sind. Viele Menschen können sich sehr wohl vorstellen, über das gesetzliche Renteneintrittsalter hinaus zu arbeiten, nicht nur weil sie es körperlich können, sondern weil sie es für ihr Leben als sinnstiftend und bereichernd erachten. 

Das demografische Grundproblem der gesetzlichen Rente nimmt derweil an Dramatik zu: Der Renteneintritt der Babyboomer-Generation wird die Last auf den Schultern der aktiven Beitragszahler weiter deutlich erhöhen, die Generationengerechtigkeit wird noch stärker leiden. Aktuell stehen einem Altersrentner 2,1 Beitragszahler gegenüber, Anfang der 1960er Jahre war das Verhältnis 1 zu 6. Prognosen des IW Köln zufolge kommen im Jahr 2030 auf einen Rentner noch 1,5 Beitragszahler.  

Noch dazu finanziert die Rentenkasse mit erheblicher Unterstützung des Bundes zahlreiche beitragsfremde Leistungen, die nicht durch Beiträge gedeckt sind, sondern aus politischen Entscheidungen resultieren, seien das Zuschläge zur Grundrente oder Kindererziehungszeiten. Rund 134 Mrd. Euro sieht der Bundeshaushalt 2025 für die Rentenversicherung sowie für Grundsicherung im Alter und Erwerbsminderung vor – gut 70 Prozent des gesamten Etats von Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas und mehr als 26 Prozent des gesamten Bundeshaushalts. Der Beitragssatz von derzeit 18,6 Prozent droht, im Jahr 2030 die 20-Prozent-Marke knacken und bis 2040 weiter auf 21,5 Prozent zu steigen.  

Die Jungen haben allen Grund zum Protest

Steuer- und Beitragszahler, zumal die jüngeren, müssen sich also auf erhebliche Mehrbelastungen gefasst machen. Eigentlich müssten die Jungen auf die Straße gehen und von der Politik eine faire Lastenverteilung einfordern – sie hätten allen Grund dazu.  Doch das Thema Altersabsicherung erscheint vielen zu abstrakt und zu weit weg, als dass es sich zur Mobilisierung im großen Stil eignete.  

Während andere EU-Länder wie Schweden, Italien, Dänemark oder die Niederlande längst die Anhebung des Renteneintrittsalters vorantreiben, wird in Deutschland die Rentendiskussion weiterhin nicht ehrlich geführt.  Dabei sind die Zahlen eindeutig und zeigen, dass die Versicherten länger arbeiten müssen, um die Finanzierbarkeit des Systems langfristig sicherzustellen. Private und betriebliche Vorsorgemodelle gehören ohnehin in den Baukasten jeder Alterssicherung. Die Rentenkommission, die irgendwann im kommenden Jahr Ergebnisse liefern soll, wird um diese Wahrheiten nicht herumkommen. 

 

 

Der Autor

Dr. Uwe Schroeder-Wildberg, geboren 1965 in Karlsruhe, ist seit mehr als 20 Jahren Vorstandsvorsitzender von MLP, einem Finanzdienstleister für Privat- und Firmenkunden sowie institutionelle Investoren und Gesprächspartner in allen Finanzfragen. Durch das breite Netzwerk innerhalb der MLP Gruppe können den Kundinnen und Kunden sämtliche Lösungen aus einer Hand angeboten werden: von der Altersvorsorge, Versicherungen und dem Vermögensmanagement bis hin zu Finanzierung, Immobilienvermittlung und dem Bankgeschäft. Weitere Informationen unter https://mlp.de/

 

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