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Warum sich Saudis trotz Wirtschaftsboom unter Druck fühlen

| The Economist | Lesezeit: 5 Min.

Junge Menschen klagen über Servicejobs und hohe Mieten – ganz wie ihre Altersgenossen im Westen

Skyline von Riad Foto: Shutterstock
Riad wächst rasant durch Milliardeninvestitionen im Rahmen der Vision 2030 – doch nicht alle Saudis profitieren von dem Boom. Steigende Mieten und Reallohnverluste belasten viele Haushalte. Foto: Shutterstock

12.02.2026 The Economist

Noch immer säumen Werbetafeln die Autobahn vom Flughafen in die saudische Hauptstadt. Sie versprechen ein „neues, modernes Stadtzentrum“ für Riad, dominiert von einem würfelförmigen Wolkenkratzer, der zum voluminösesten Gebäude der Welt werden sollte. Entwickler trieben das Projekt trotz Warnungen voran, der als „Mukaab“ bekannte Würfel könne unter seinem eigenen Gewicht zusammenbrechen. Das „Giga-Projekt“ war ein Herzstück der Vision 2030, jenes 2016 vorgestellten Programms, mit dem das Königreich seine vom Öl abhängige Wirtschaft diversifizieren will.

Angesichts hartnäckig niedriger Ölpreise kann sich Saudi-Arabien solche Vorhaben jedoch nicht länger leisten. Die Gesetze der Schwerkraft setzten sich durch – sowohl physikalisch als auch finanziell. Im vergangenen Monat stoppte das Königreich die Arbeiten am Mukaab. Auch beim Wüstenprojekt „The Line“, einer fantasievollen, über 500 Milliarden Dollar teuren „linearen Stadt“, ist der Bau weitgehend zum Erliegen gekommen. Die Asiatischen Winterspiele 2029 wurden kürzlich nach Kasachstan verlegt, da ein im bergigen Nordwesten Saudi-Arabiens entstehendes Skigebiet nicht rechtzeitig fertig wird.

Die Behörden versprechen nun, sich stärker auf einige wenige Wirtschaftssektoren zu konzentrieren, insbesondere auf Tourismus, Industrie und Logistik. Das wäre eine willkommene – und längst überfällige – Abkehr von science-fiction-artigen Prestigeprojekten, die enorme Kapitalmengen verschlungen haben.

Frauen verdienen dazu

Doch nicht nur die Giga-Projekte bereiten Probleme. Auch Vision 2030 insgesamt, inzwischen über die Halbzeit hinaus, stößt auf Gegenwind. Das Programm soll Saudis von sicheren Staatsstellen in den Privatsektor führen – was oft bedeutet, sie in niedrig bezahlte Jobs zu drängen, die früher von Migranten ausgeübt wurden. Kronprinz Mohammed bin Salman, faktischer Herrscher des Landes, will Riad zur Boommetropole machen. Das belastet Wohnungsmarkt und öffentliche Dienstleistungen. Zugleich bemüht er sich, qualifizierte Expats aus Finanz-, Technologie- und anderen Branchen anzulocken – und setzt damit Einheimische in Konkurrenz zu Ausländern. Diese Widersprüche kommen einem Bruch im Gesellschaftsvertrag gleich.

Besonders groß ist die Sorge um Jobs und Löhne. Zu Beginn von Vision 2030 verdiente ein durchschnittlicher saudischer Arbeitnehmer monatlich 10.045 Riyal (2.679 Dollar). Neun Jahre später liegt der Durchschnittslohn bei 11.197 Riyal – ein Plus von 11 Prozent. Die kumulierte Inflation betrug im selben Zeitraum jedoch etwas mehr als 17 Prozent. Mit anderen Worten: Die Gehälter hielten mit den Preisen nicht Schritt. Manche Familien gleichen das durch ein zweites Einkommen aus. Eines der Ziele von Vision 2030 ist es, die Erwerbsquote von Frauen zu erhöhen – und saudische Frauen haben diese Chance genutzt. 2016 waren nur 19 Prozent der weiblichen Erwerbsbevölkerung beschäftigt; bis 2025 stieg der Anteil auf über 34 Prozent.

Frauen verdienen weiterhin weniger als Männer, und die Lohnlücke ist gewachsen – auch weil viele Frauen in Dienstleistungsberufe gedrängt sind (etwa der Verkauf von Dessous und Parfüm in Einkaufszentren, der inzwischen ausschließlich saudischen Frauen vorbehalten ist). Dennoch hat der Anstieg der weiblichen Erwerbstätigkeit die Haushaltseinkommen erhöht. Eine Umfrage ergab 2018 ein durchschnittliches Monatseinkommen von 14.823 Riyal pro Familie; 2025 lag es bei 18.056 Riyal.

Steigende Preise besonders auf dem Immobilienmarkt

Doch höhere Einkommen gehen mit höheren Ausgaben einher. Der Golf-Kooperationsrat (GCC), ein Zusammenschluss von sechs ölreichen Monarchien, beschloss 2015 die Einführung einer einheitlichen Mehrwertsteuer von fünf Prozent. Saudi-Arabien führte sie 2018 ein und verdreifachte sie während der Covid-19-Pandemie – angeblich vorübergehend zur Kompensation wegbrechender Einnahmen, doch die Erhöhung wurde nie zurückgenommen. Subventionen für Strom, Treibstoff und Wasser wurden gekürzt. Zudem sollen die Menschen länger arbeiten: Für junge Beschäftigte stieg das Renteneintrittsalter von 58 auf 65 Jahre.

Besonders stark belasten die höheren Preise jene Saudis, die auf Jobsuche nach Riad gezogen sind. Vor Vision 2030 war Dschidda dank seiner Rolle als Handelszentrum und Tor für Mekka-Pilger die wirtschaftliche Hauptstadt. Auch die ölreiche Ostprovinz war lebendig. Riad hingegen war ein eher verschlafener Regierungssitz mit einigen nationalen Vorzeigeunternehmen. Das hat sich geändert: Der Kronprinz investiert Milliarden in die Hauptstadt – in Parks, Universitäten, ein Finanzviertel und einen internationalen Flughafen. Für junge Saudis ist Riad heute der Ort der Möglichkeiten.

Der Zustrom von Saudis und Expats ließ die Immobilienpreise explodieren. Die Mieten in der Hauptstadt sind seit 2020 um mehr als 50 Prozent gestiegen. Im vergangenen Jahr verhängte Prinz Mohammed einen fünfjährigen Mietpreisstopp in Riad – ein Eingeständnis der wachsenden Belastung für Haushalte. Vielleicht auch wegen der hohen Kosten wohnen viele Saudis inzwischen im Eigenheim: Rund zwei Drittel besitzen ihre Wohnung oder ihr Haus (ein weiteres Ziel von Vision 2030 ist eine Eigentumsquote von 70 Prozent). Doch auch Kaufen ist teuer. Laut der Beratungsgesellschaft Knight Frank haben sich die Wohnungspreise in Riad seit 2020 auf über 6.000 Riyal pro Quadratmeter verdoppelt. In Dschidda und im Osten hingegen sind die Preise kaum gestiegen.

Strukturwandel vom Staatssektor zum Privatsektor

Jahrzehntelang war der Staat der größte Arbeitgeber für Saudis; eine Stelle im öffentlichen Dienst galt als Geburtsrecht. Beamte wurden zwar nicht reich, und ihre Bezüge schwankten mit dem Ölpreis, doch sie lebten gut. Abgesehen von Diplomaten und Beschäftigten der Ölindustrie, die in abgeschotteten Wohnanlagen lebten, waren die meisten Expats niedrig bezahlte Arbeitskräfte aus Afrika und Asien. Heute sieht der Gesellschaftsvertrag anders aus: Junge Saudis ziehen nach Riad für schlecht bezahlte Servicejobs im Privatsektor – und beobachten zugleich, wie Expats gut dotierte Verträge erhalten.

Im Januar eröffnete das Königreich sein erstes Alkoholgeschäft, das ausschließlich nichtmuslimischen Diplomaten mit Genehmigung des Außenministeriums vorbehalten war. Im November wurde der Zugang auf Expats mit Daueraufenthalt oder einem Monatsgehalt von über 50.000 Riyal ausgeweitet. Der unerwartete Schritt galt als Zeichen gesellschaftlicher Liberalisierung. Zugleich erinnerte er an die enorme Einkommenskluft zwischen Ausländern und Einheimischen – nur wenige Letztere können von solchen Gehältern träumen.

Viele junge Menschen sind frustriert über prekäre, monotone Servicejobs, die zu wenig einbringen, um eine Familie zu gründen. Die Hauptstadt boomt, ist aber kaum bezahlbar, während Städte der zweiten Reihe stagnieren. Einkommensungleichheit wird für die Herrscher des Königreichs zum wachsenden Problem. Solche Klagen mögen für Saudi-Arabien neu sein – im übrigen G20-Raum sind sie längst vertraut. Es ist eine eigentümliche Errungenschaft von Vision 2030: Im Versuch, die saudische Wirtschaft zu diversifizieren, hat sie jene Dilemmata hervorgebracht, die auch die übrige wohlhabende Welt kennt.

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Aus The Economist, übersetzt von The Economist, veröffentlicht unter Lizenz. Der Originalartikel in englischer Sprache ist zu finden unter www.economist.com

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