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Politik > Öffentlicher Dienst und die Haltung der Bürger

Staat überfordert? Lasst die Kirche mal im Dorf!

| Thorsten Giersch

Drei von vier Deutschen sind der Meinung, dass der Staat überfordert ist. Das ist ernstzunehmen, man darf den Leuten jetzt aber auch nicht zu sehr nach dem Mund reden: Erstmal die eigenen Ansprüche sortieren!

Der Staat wirkt überlastet – doch Anspruchshaltung und Bürokratie tragen ebenso zur Krise bei. (Foto: shutterstock)

04.09.2025 Markt und Mittelstand  - von Thorsten Giersch

Es ist ein Treppenwitz der Wirtschaftsgeschichte: Der öffentliche Dienst stellt seit Jahren neue Leute ein, aber das üppige Personal schafft es nicht, die Ansprüche der Bürger zu erfüllen. Eine repräsentative Erhebung von Forsa im Auftrag des DBB Beamtenbund kam zu dem Ergebnis, dass 73 Prozent der Bürger der Meinung sind, der Staat sei überfordert. Immerhin gilt das nur sehr bedingt für das Ansehen wichtiger Berufsgruppen des öffentlichen Dienstes: Feuerwehrleute und Polizisten werden weiterhin sehr hoch bewertet. Soldaten haben klar zugelegt. Erstmals ist sie Mehrheit der Befragten aber der Auffassung, dass der öffentliche Dienst zu viel Geld verschlingt.

Ist eine Talsohle erreicht oder wird es noch schlimmer?

Die Politik wird das tun, was sie angesichts solcher Umfragen immer tut: Kommen die Ergebnisse gelegen, werden sie überbetont. Kommen sie ungelegen, spielt man sie herunter. Parteipolitik lässt sich damit zumindest nicht betreiben: Schuld an der Misere sind alle gleich. Das Malheur ist die „harte Arbeit“ vieler Jahre auf allen Ebenen, von Berlin über das Land Brandenburg bis Bautzen auf der kommunalen Ebene. Hier geht es nicht um einen Status, der von allein vorüberzieht, sondern ein stetiger Verlust an Vertrauen. Die deutlich besseren Werte während der Corona-Pandemie waren leider nur ein Strohfeuer.

Die spannende Frage lautet: Ist eine Talsohle erreicht nach zig Krisen oder wird es noch schlimmer? Das kann niemand seriös beantworten. Wenn Medien, die jeden Klick jagen, dafür nur negative Zeilen in die Welt setzen über jedes Maß hinaus, das man mit Wahrheitsfindung bezeichnen kann, hilft das nicht. Und Social Media ist ohnehin nicht kontrollierbar. Aber ein Anfang wäre, handwerklich Fehler zu minimieren: Ein ordentlicher Umgangston mit konstruktivem Arbeiten an den Problemen – das wäre ein Eindruck, den Bürger bekommen sollten.

Schimpfen macht alles nur schlimmer

Verbände, Unternehmerinnen und Unternehmer tragen ihren Teil zum Vertrauensverlust bei: Ihre Kritik an der übertriebenen Bürokratie ist berechtigt, aber das Schimpfen oft einseitig. Man könnte ja auch mal betonen, dass es keineswegs selbstverständlich ist, dass hierzulande Korruption die absolute Ausnahme ist und das Rechtswesen sehr stabil funktioniert.

Wenn der Beamtenbund angesichts der Zahlen sagt, dass man selbst unter Bürokratie leide, klingt das allerdings nur bedingt glaubwürdig: Es gibt viele Fachleute, die behaupten, dass sich so manche Verwaltung seit Jahren gegen Digitalisierung wehrt, weil das mit Personalabbau beziehungsweise geringerem Aufbau einher gehen würde. Besitzstandwahrung und Wichtigtuerei liegt in der Natur des Menschen, das können wir uns angesichts dieser Zahlen aber nicht mehr leisten.

Vielleicht stimmt aber auch etwas mit den Bürgern nicht. Wenn die entscheidende Frage nun lautet, „welche Aufgaben der Staat zukünftig noch erfüllen muss, dann hat dazu ja jede und jeder seine Meinung. Sicherlich trägt zu den schlechten Werten bei, dass derzeit das Thema Migration besonders stark in den Köpfen der Menschen ist. In der Asyl- und Flüchtlingspolitik sehen viele eine Überforderung, die vielleicht gar nicht so groß ist. Finanziell mag es den Kommunen auch deshalb schlechter gehen denn je, aber jenseits von Gut und Böse sind wir auch nicht.

Allem Anschein nach ist die Anspruchshaltung massiv gestiegen. Wenn ich beim Spielplatzbesuch Müll aufsammle, während meine Tochter schaukelt, gucken mich immer wieder Eltern merkwürdig an. Manche fragen: „Warum sammeln Sie hier den Plastikmüll auf?“. Und wenn ich dann zurückfrage „Wer soll es denn sonst tun?“, kommt immer wieder dieselbe Antwort: „Der Staat natürlich.“ Lächelnd schüttle ich dann den Kopf und verweise auf den Förderverein unseres Spielplatzes und dass sich hier wenige Engagierte im Ort einfach dafür einsetzen, dass es unsere Kinder schön haben und der mit teurem Steuergeld gebaute neue Spielplatz möglichst jeden Tag gut aussieht.

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