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Politik > Kommentar

Vollkaskomentalität: Bundesbürger fordern zu viel vom Staat – und zu wenig von sich selbst

| Thorsten Giersch

Die Bundesbürger verlangen zu viel vom Staat und zu wenig von sich selbst. Das muss sich ändern. Mit Vollkaskomentalität wie bisher wird Deutschland scheitern.

Illustration von Unternehmer, der bequem auf einem Sessel sitzt und einen Schirm hält, während um ihn herum die Welt zusammenbricht
Viele Deutsche verlassen sich auf den Staat – doch für Wohlstand braucht es mehr Eigeninitiative. (Foto: ki-generiert)

26.9.2025 Markt und Mittelstand  - von Thorsten Giersch

 

Nach der Regierungsübernahme von Schwarz-Rot mag sich die Stimmung im Land gebessert haben. Sie ist immer noch schlechter als die wirtschaftliche Realität, ermittelten Gesellschaftsforscher und Ökonomen. Und dummerweise ist Wirtschaft „zu 80 Prozent Psychologie“, wie schon Ludwig Erhard, legendärer CDU-Wirtschaftsminister, wusste. Der Privatmensch spart zu viel, die Unternehmen investieren zu wenig und wenn, dann im Ausland. So bleiben wir nicht wettbewerbsfähig. 

Viele Unternehmerinnen und Unternehmen sind heute Opfer ihres eigenen Erfolgs. Viele lieben Konsens, Beständigkeit und Stabilität, erkennen neue Realität ungern an und scheuen sich, Dinge auszuprobieren. Risiko gilt in der Bundesrepublik tendenziell als etwas Schlechtes. Aus dem Sport kennen wir es: Auf Trägheit folgt oft Depression, dazwischen gibt es nicht viel, außer überraschenden Niederlagen. Plötzlich sind die Zukunftssorgen riesig. Da fällt es leicht, statt Eigenverantwortung zu zeigen, die Politik anzurufen.

Doch weder ist die an allem Schuld noch kann sie alles lösen. 

Gesellschaft und Unternehmen müssen derzeit zu viel gleichzeitig verkraften: den vergleichsweise hastigen Umstieg auf nachhaltige Produktion und die geopolitischen Risiken – beides Auslöser für sehr hohe Energiepreise. Dazu kommt eine technologische Revolution, derzeit mit künstlicher Intelligenz, bald durch Quantencomputer. Dann schlägt in Deutschland der demografische Wandel besonders zu: In den kommenden Jahren gehen fünf Millionen ältere Menschen mehr in Rente als junge Leute auf den Arbeitsmarkt kommen.  

Viele Unternehmen werden nicht überleben, weil es an Personal mangelt. Da ist es doch nur logisch, dass sich Menschen und Manager Sorgen machen.

Alle spüren, dass sich ihr Leben gerade tiefgreifend verändert. Das bedeutet aber nicht, dass sie die Transformationen bereitwillig mitmachen. Zu viele Unternehmer geraten in Schockstarre. Und zu viele Politiker gehen mit den Sorgen der Menschen falsch um: Sie wollen das Wahlvolk im Sinne einer Vollkaskomentalität vor allen Veränderungen beschützen. 

Die Studien mögen sich im Detail unterscheiden, aber im Schnitt erwartet eine überwiegende Mehrheit der Deutschen, dass es ihren Kindern schlechter gehen wird. Solche Umfragen setzen einige gleich mit der These: „Das Wohlstandsversprechen gilt nicht mehr.“ Selbst wenn es so wäre – in den meisten Ländern sind die Menschen zurecht sehr optimistisch, dass KI und anderes ihre Lebensqualität erhöhen wird.

Weder gibt es in diesen Ländern bessere Regierungen noch besser Systeme, dafür eine bessere Einstellung. Kein Politiker der Welt kann den Deutschen 2025 garantieren, dass es aufwärts geht. Vielleicht auch, weil wir es im internationalen Vergleich nicht verdient haben. Denn wir werden weniger, wir werden älter, wir werden fauler. Und wir rufen nach anderen, statt etwas anzugehen. Das schließt Politiker ein, die sich trotz offensichtlicher Probleme nicht an große Reformen trauen. 

Es ist kompliziert.

Einerseits ist Deutschland besser, als es viele wahrhaben wollen. Wir haben einen exzellenten Rechtsstaat und hervorragende staatliche Institutionen, in denen es praktisch keine Korruption gibt. Unsere mittelständisch geprägte Wirtschaftsstruktur ist recht resilient und langfristig orientiert. Und die deutsche Gesellschaft ist im Kern sehr solidarisch organisiert. Bewiesenermaßen kehrt da, wo die Verletzlichen geschützt sind, mehr Erfolg ein. 

Andererseits verlangt ein zu großer Teil der Gesellschaft zu viel vom Staat und von den Arbeitgebern, aber zu wenig von sich selbst. Ein Beispiel: Wenn eine Generation nur 1,4 statt 2,1 Kinder bekommt, kann sie nicht verlangen, dass die Rentenhöhe konstant bleibt.  

Sich hinzusetzen und nach dem Staat zu rufen, wenn es mal schwierig wird, ist jedenfalls der ­falsche Weg. Für das deutsche Wohlstandsversprechen ist nicht nur Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) verantwortlich, sondern jeder und jede einzelne. „Wir sind das Volk“, riefen einst die, für die demokratische Rechte nicht selbstverständlich war. Heute sollten die, die Verantwortung tragen, rufen dürfen: „Ihr habt viele Rechte, aber auch Pflichten!

 

Der Artikel erschien in der Print-Ausgabe Nr. 7 (September 2025) von Markt und Mittelstand.

Faktenbox: Deutschlands Wohlstandsversprechen 2025

Psychologie als Wirtschaftsfaktor

  • Stimmung im Land schlechter als reale Lage

  • Ludwig Erhard: „Wirtschaft ist zu 80 % Psychologie“

  • Folge: Bürger sparen zu viel, Unternehmen investieren zu wenig

Strukturelle Herausforderungen

  • Hohe Energiepreise durch Transformation & Geopolitik

  • Technologische Umbrüche: KI heute, Quantencomputer morgen

  • Demografie: +5 Mio. Rentner in den nächsten Jahren, weniger Nachwuchs

  • Risiko wird als negativ bewertet → Unternehmer in Schockstarre

  • Politik setzt auf „Vollkaskomentalität“ statt auf Eigenverantwortung

  • Mehrheit glaubt: Kindern wird es schlechter gehen

Stärken Deutschlands

  • Stabiler Rechtsstaat, kaum Korruption

  • Resiliente Mittelstandsstruktur

  • Hohe Solidarität in der Gesellschaft

Schwächen Deutschlands

  • Erwartung an Staat und Arbeitgeber zu hoch, Eigenleistung zu gering

  • Zu geringe Geburtenrate untergräbt Rentensystem

  • Mangel an Mut zu Reformen in Politik und Wirtschaft

Gesellschaftliche Muster

  • Risiko wird als negativ bewertet → Unternehmer in Schockstarre

  • Politik setzt auf „Vollkaskomentalität“ statt auf Eigenverantwortung

  • Mehrheit glaubt: Kindern wird es schlechter gehen

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