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Wie Plastik nachhaltig wird

Dem Kunststoffverarbeiter Rehau blies der Wind ins Gesicht. Bis das Familienunternehmen sich neu aufstellte.

Ikonische Schlaufe: Der extrem stabile Kunststoff-Haltegriff im VW-Käfer stammte von Rehau. Bildquelle: Rehau

Diejenigen, die den VW-Beetle noch kannten, als er Käfer hieß, erinnern sich möglicherweise an ein Detail oben schräg über den Köpfen von Chauffeur und Beifahrerin: zwei Haltegriffe, geformt wie eine Schlaufe. Der Wagen konnte rosten, der Motor ölen, die Haltegriffe hielten. Sie kamen von Rehau und sind bis heute ein Kultobjekt jenes mittlerweile gut 20.000 Mitarbeiter großen Familienunternehmens, das sich der Kunststoffverarbeitung widmet oder, wie es fachgerechter heißt: polymerbasierten Lösungen.

 

Kunststoff. Einst wegen seiner Formbarkeit, seines geringen Gewichts und vielfältiger Einsatzmöglichkeiten das Zaubermittel der Indus­trie, inzwischen unter den Bedingungen von Green Deal und Kreislaufwirtschaft ein Gruselprodukt für all diejenigen, die auf Nachhaltigkeit setzen. Und das sind fast alle, womit sich für den großen Mittelständler aus Bayern ein Problem ergeben hat. Es ging einher, mit dem Ausbruch von Corona und einem tiefgreifenden Wandel im Automobilbau, in dem wichtige Kunden des Kunststoffverarbeiters zu Hause sind. All das zusammengenommen hat einen Transformationsprozess in Gang gesetzt, der der gründlichste ist, den sich der Milliardenkonzern bisher verordnet hat.

 

Um das Leitthema Nachhaltigkeit zu konkretisieren, hat das von zwei Brüdern aus dem Verwaltungsrat heraus geführte Familienunternehmen 2019 einen umfangreichen Strategieprozess durchlaufen. Ergebnis: Der von der EU verabschiedete Green Deal führt bei Rehau dazu, dass vor allem die Themen Klimaschutz und Kreislaufwirtschaft vorangebracht werden. „Informationen über den CO2-Fußabdruck eines Produkts, Möglichkeiten der Wiederaufbereitung sowie genaue Daten zu den verwendeten Materialien werden für unsere Kunden immer entscheidender“, stellt der Vorstand in seinem Nachhaltigkeitsbericht fest. Seither gilt eine andere Prioritätenliste. Zum Beispiel im Fensterbau: Dort enthält mittlerweile rund die Hälfte aller Rehau-Profile hohe Recyclinganteile von bis zu 75 Prozent, eigene Recyclingwerke sind entstanden. Das Ziel ist eine Kreislaufwirtschaft, in der Abfall weitgehend vermieden wird.

 

Wenn verändert wird, dann konsequent – ein Leitsatz, den Veit Wagner, Präsident des Aufsichtsrats, auch in der aktuellen Situation rund um den Ukraine-Krieg ausgibt. Seine Worte lassen an Deutlichkeit keine Wünsche offen: „Wir sehen die Entwicklung und das Leid der Menschen in der Ukraine mit Erschrecken und großer Sorge. Als Unternehmen, das sowohl dort als auch in Russland und Belarus tätig ist, betonen wir: Wir verurteilen den Angriff auf die Ukraine und ihre Bevölkerung aufs Schärfste. Es ist ein Krieg gegen die Menschlichkeit, unser aller Freiheit und den Frieden in Europa. Und damit gegen die Werte, für die wir als Rehau-Group stehen. Wir haben uns entschieden, unser Geschäft in Russland und Belarus auszusetzen.“

 

Der Unternehmer setzt darauf, nach einer Pause wieder starten zu können, sobald die Lage es zulässt. Doch die Botschaft ist eindeutig: Die Werte als Familienunternehmen stehen über allem, auch wenn es wehtut. Und abermals eine sehr schnelle Transformation erfordert.