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So grüßt man richtig im Büro

| The Economist

Max Flannel, der hauseigene Kummerkasten-Onkel der Economist-Redaktion, sortiert sich tapfer durch einen Stapel Leserbriefe zu diesem unverzichtbaren Alltagsthema.

Illustration: Roboter reicht die Hand, Mann flieht
„Bitte nicht berühren – frisch desinfiziert!“ – Der Roboter streckt die Hand aus, der Mensch rettet sich lieber in die Zwei-Meter-Zone. (Foto: ki-generiert)

aus: The Economist

Soll ich zu Beginn eines virtuellen Meetings wirklich (alle ) grüßen? Es kostet so viel Zeit, aber ich möchte auch nicht unhöflich wirken.

Virtuelle Konferenzen machen aus einem freundlichen „Hallo“ schnell eine Geduldsprobe.  Jede Begrüßung löst eine Kettenreaktion aus: Alle klicken erst einmal auf dem Mikrofonsymbol herum, um ebenfalls „Hallo“ zu sagen. Manche fragen dann noch: „Wie geht’s denn so?“, woraufhin wieder alle ihr Mikro einschalten, um tiefschürfende Antworten wie „gut“ beizusteuern. Kaum ist das erledigt, tritt jemand Neues dem virtuellen Meeting bei – und das Spiel beginnt von vorn. Halten Sie sich darum lieber an die "Drei-Personen-Regel": Sind schon drei oder mehr Teilnehmer in der Leitung, reicht ein freundliches Winken.

Ich bin ein ausgesprochener Hygienefreak und hasse es, anderen die Hand zu geben. Ich sehne mich fast nach seligen Pandemiezeiten zurück, als Körperkontakt praktisch abgeschafft war. Was raten Sie?

Dann bleibt nur eines: Maske auf – kein einfacherer Weg, Menschen zuverlässig auf Abstand zu halten. Oder Sie bitten Ihren Arbeitgeber, Sie ins Homeoffice zu versetzen. Zur Not auch in eine Eiserne Lunge. Wer es etwas subtiler mag, kann den pandemieerprobten Ellenbogenstoß versuchen. Blöd nur: Heute wirkt das so, als hätten Sie vergessen, wozu Hände gut sind – oder als wären Sie gerade aus einem fünfjährigen Koma erwacht.

 

Begrüßungen sind für mich ein Minenfeld – besonders bei Menschen, die ich zwar vom Sehen kenne, aber nicht wirklich. In jungen Jahren verbrachte ich einige Zeit in Japan. Seitdem löse ich das Dilemma „Umarmen oder nicht?“ mit einer simplen Methode: Ich bleibe knapp außerhalb der Griffweite stehen und verbeuge mich. Faszinierend, wie oft das Gegenüber zurückverbeugt. Ist das eine kluge Strategie?

Nun, es hängt ein wenig davon ab, ob Sie sich gerade in Tokio befinden. Aber Begrüßungen auf Distanz sind überall ein probates Mittel. Eine Variante davon: Schon während Sie auf jemanden zugehen, ganz viel „Bühne“ machen – laut grüßen, wild winken und dabei so strahlen, als hätten Sie gerade im Lotto gewonnen. Stoppen Sie in etwa zwei Metern Entfernung, also dort, wo auch ein sehr motivierter Handschlag ins Leere ginge, und winken Sie notfalls noch ein Weilchen weiter.

Im Konferenzraum empfiehlt sich, gleich zügig auf die gegenüberliegende Tischseite auszuweichen. Wirken Sie dabei leicht wunderlich, aber zutiefst freundlich – dann ist der Zweck erfüllt. Jede weitere Form der Begrüßung wird so überflüssig.

 

Ich weiß nie so recht, wie ich langjährige Kolleginnen begrüßen soll. Händeschütteln – wie bei den männlichen Kollegen – wirkt irgendwie zu förmlich. Haben Sie einen Tipp?

Diese Frage bekomme ich besonders oft gestellt – zumindest von Menschen aus den USA und Westeuropa. Der klassische Ratschlag lautet: jedem die Hand geben, egal, wie gut man sich kennt. Unter Männern funktioniert das als Begrüßung, also sollte es auch zwischen den Geschlechtern klappen. Wer es noch etwas herzlicher möchte, nimmt beide Hände – so wie ein Staatschef, der gerade einen Friedensvertrag unterzeichnet hat.

Es gibt Situationen, in denen Händeschütteln wirklich unangenehm wirken kann – etwa wenn man einer engen Kollegin oder einem Kollegen privat begegnet. Mein Rat: Gehen Sie nicht in Vorleistung, sondern warten Sie ab, was die andere Person tut, und spiegeln Sie es. Das Risiko dabei: Sie geben die Initiative aus der Hand und landen womöglich in einer Umarmung, die Sie gar nicht wollten. Aber immerhin haben Sie nicht den Anfang gemacht.

 

Neulich kam es bei mir im Büro zu einem bedauerlichen Umarmungszwischenfall. Falsches Timing, falsche Zielerfassung – und plötzlich hatte ich das Ohrläppchen meines Gegenübers zwischen den Zähnen. Wo bin ich falsch abgebogen, und was hätte ich besser machen sollen?

Merke: Eine Umarmung am Arbeitsplatz ist keine wirkliche Umarmung. Sie ist die schlecht kopierte, emotionslose Light-Version davon – ein Placebo für Nähe sozusagen. Gehen Sie am besten vor, wie bei einem Geschicklichkeitsspiel: Deuten Sie an, ihren Arm um die andere Person legen zu wollen, aber bitte keinen echten Kontakt riskieren. Und das Gesicht bleibt weit weg. Sehr weit. Es sei denn, Sie wollen herausfinden, ob Ihr Kollege vielleicht in der Ohrläppchen-Liga spielt.

 

Neulich, beim Begrüßungsküsschen, haben wir uns gründlich vertan: Ich dachte, es gäbe zwei Wangenwechsel, die andere Person offenbar drei – und am Ende hatte ich ihre Nase im Mund. Wie kommt man aus so einer Nummer würdevoll wieder raus?

Sie könnten laut mitzählen: „Und eins, und zwei, und… oh, schon fertig.“ Aber ich sehe gerade: Die Absenderadresse ist dieselbe wie die des „Ohrläppchen-Knabberers“. Da Sie offenbar eine gewisse Tendenz haben, Ihren Kollegen unfreiwillig näherzukommen, würde ich empfehlen, künftig mit weit vorgestrecktem Arm zum Händedruck anzusetzen – so steif, als hätten Sie unsichtbare Skistöcke in der Hand. Schreiben Sie mir, wie es läuft. Später im Jahr melde ich mich mit einer weiteren Auswahl skurriler Zuschriften.

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Aus The Economist, übersetzt von der Markt & Mittelstand Redaktion, veröffentlicht unter Lizenz. Der Originalartikel in englischer Sprache ist zu finden unter www.economist.com

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