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Führung & HR > Sedus: Arbeit & Unternehmenskultur

Warum Büroeinrichtung heute über Kultur, Produktivität und Zukunft der Arbeit entscheidet

| Thorsten Giersch | Lesezeit: 5 Min.

Sedus-Vorstand Daniel Kittner erklärt, warum nachhaltige Büros, Stiftungsverantwortung und Kultur über die Zukunft der Arbeit entscheiden.

Modernes Büro
(Foto: Sedus)

Daniel Kittner, Vorstandssprecher von Sedus Stoll, über nachhaltiges Wirtschaften, Stiftungsverantwortung und warum Büros Orte für Kultur bleiben müssen. 

Das Gespräch führte Thorsten Giersch. 

 

Stimmt es, dass Sedus vor ungefähr 100 Jahren den ersten Bürodrehstuhl entwickelt hat? 

Daniel Kittner:  Ja. Wir sind seit über 150 Jahren in der Bürowelt zu Hause und heute ein Komplettanbieter. Es gibt von uns nicht nur Stuhl oder Tisch, sondern wir helfen mit allem, von der Planung über die Produktion bis zur Auslieferung und Montage. Dabei fokussieren wir uns auf den europäischen Markt und den Mittleren Osten. 

Seit wann spielt Nachhaltigkeit dabei eine so ­zentrale Rolle wie heute? 

Daniel Kittner:  Das begann nach dem Zweiten Weltkrieg, als Ressourcen sehr knapp waren. Heute geht es auch darum, Verantwortung für die Gesellschaft zu übernehmen. 

Das war nicht alles. Sie wurden auch zu Bauern. 

Daniel Kittner:  Die Eigentümer wollten auch Verantwortung für die Gesellschaft übernehmen und in dem Fall konkret für ihre Beschäftigten. In der Not hat Familie Stoll entschieden, eine eigene Landwirtschaft zu betreiben, um die Mitarbeiter und deren Familien in sehr schlechten Zeiten zu ernähren. Und das ist uns geblieben als Mindset. Nachhaltigkeit gehört zur DNA von Sedus. 

Was bedeutet das für Sie heute im Geschäft? 

Daniel Kittner:  Die Familie Stoll gibt es nicht mehr. Sie hat ihr Eigentum in eine Stiftung überführt und die gibt uns klare Vorgaben, wie wir uns zu verhalten haben. Mit unserem Grundsatz „People, Planet, Profit“ wird deutlich, dass unser Unternehmensziel sowohl auf wirtschaftlicher als auch auf ökologischer und sozialer Ebene immer einen Mehrwert schaffen muss. Bei allen Entscheidungen haben wir den Anspruch, die „drei Ps“ stets zu berücksichtigen. Wir stellen damit sicher, dass unser Handeln immer eine positive Auswirkung auf mindestens zwei der Aspekte hat, während gleichzeitig keiner von ihnen verletzt werden darf. 

Neben der Stoll Vita Stiftung gehört Sedus der Karl Bröcker Stiftung. Wie kam es zu diesem recht seltenen Konstrukt? 

Daniel Kittner:  Die Stiftungen sind, kurz gefasst, das Erbe der Gründerfamilien. Mangels Nachkommen wurden Stiftungen gegründet, die gemeinnützigen Zwecken verpflichtet sind. Die Stoll Vita Stiftung fördert nach dem Willen der Stifter wissenschaftliche Forschung, öffentliche Gesundheitspflege, Bildung sowie Umwelt- und Naturschutz, und die Karl Bröcker Stiftung unterstützt vor allem Bildungsprojekte sowie medizinische und therapeutische Projekte und Einrichtungen für Kinder und Jugendliche im In- und Ausland. 

Ist das für den Vorstandssprecher auch ein Antrieb, möglichst viel Geld zu verdienen, weil es für einen guten Zweck ist? 

Daniel Kittner:  Die Arbeit fühlt sich anders an und das betrifft weite Teile der Belegschaft. Wir alle wissen, dass wir das für einen höheren Zweck machen und nicht für das neue Speedboot der Eigentümer. Am Ende geben wir an die Gesellschaft zurück, was wir verdienen. Und das ist ein gutes Gefühl, aber auch eine starke Verpflichtung. 

Inwiefern? 

Daniel Kittner:  Weil wir nicht nur Geld verdienen wollen, sondern auch Geld verdienen müssen. Die Stiftungen brauchen Mittel, denn keiner von uns möchte beispielsweise einem Kindergarten, den wir finanziell unterstützen, sagen, dass er im nächsten Jahr weniger Geld erhält. Wir müssen so handeln, dass wir unsere gemeinnützigen Zwecke auch langfristig finanzieren können. 

Der Büroeinrichter

Daniel Kittner ist seit ­September 2023 Vorstandssprecher von Sedus Stoll. Zuvor war er rund acht Jahre Technikvorstand und verantwortete zuletzt Marketing, Vertrieb und Technik. 

Wie gehen Sie mit Konflikten um, etwa, wenn die Produktion am Standort zu teuer wird? 

Daniel Kittner:  Wir haben eine sehr starke Verbindung zu unseren Standorten in Dogern und Geseke, die jeweils auch die Heimat unserer beiden Stiftungen sind. Steigende Produktionskosten verstehen wir daher nicht als Anlass, unsere Standorte an sich infrage zu stellen, sondern als Auftrag, unsere Produktion konsequent weiterzuentwickeln und zu optimieren. 

Am meisten Sicherheit gibt die Gewissheit, gute Produkte zu bauen. Wie wollen Sie im Wettbewerb bestehen? 

Daniel Kittner:  Indem wir nah an unseren Kunden dran sind. Unser Schreibtisch hält 40 Jahre – und ein Stuhl genauso. Das ist etwas, auf das wir sehr stolz sind. Wir denken Nachhaltigkeit also nicht nur im Rahmen von Kreislaufwirtschaft, sondern im langlebigen Design. Jemand, der bei uns einmal einen Stuhl kauft, der muss so schnell keinen neuen kaufen. 

Apple wurde mal das wertvollste Unternehmen der Welt, weil es Smartphones baute, die praktisch nicht repariert werden können, wo Nutzer nicht mal den Akku auswechseln können. Machen Sie da nicht etwas falsch? 

Daniel Kittner:  Wir leben davon, dass sich die Anforderungen unserer Kunden ständig verändern. Wenn Sie sich heute in einem Büro umschauen, werden Sie erstmal keine Schreibtische und Stühle sehen. Es gibt Lounge-Bereiche, Zonen für Kommunikation, ein Work-Café, eine Kantine. Das sind Themen, die in der heutigen Bürowelt eine viel größere Rolle spielen als vor der Pandemie. 

Büroausstattungen haben sich stark verändert. 

Daniel Kittner:  Genau, und dafür die richtigen Lösungen und Antworten zu haben, ist das Wichtige. Zudem spielt das Thema Nachhaltigkeit bei unseren Kunden eine immer größere Rolle. Das ist anders als im Privatkundenbereich: Unternehmen brauchen mehr Ernsthaftigkeit bei der Nachhaltigkeit. Und da sind wir weit vorne, weil die ökologische Verantwortung Kern unserer Unternehmens-DNA ist. 

Behalten Firmen Ihre Stühle wirklich 40 Jahre lang? 

Daniel Kittner:  Da sind wir bei der Kreislaufwirtschaft: Re-Use ist etwas, was gerade sehr stark im Kommen ist. Wir haben das aber schon immer gemacht. Manche Beschäftigte lieben beispielsweise ihren Stuhl von Sedus so sehr, dass wir 20, 30 Jahre alte Stühle wieder aufarbeiten sollen. Das ist kein seltener Fall. Und natürlich machen wir das für unsere Kunden sehr gerne. 

Verschwimmen die Grenzen immer mehr? Manche Meetingräume ähneln Wohnzimmern. 

Daniel Kittner:  Die Grenzen zwischen Arbeit und Privatleben verschwimmen tatsächlich – das werden wir nicht zurückdrehen. Gleichzeitig sehen wir sehr klar, dass Unternehmenskultur, Identifikation und informeller Austausch vor allem dort entstehen, wo Menschen sich regelmäßig persönlich begegnen. Deshalb setzen wir bewusst auf Präsenz als kulturellen Anker, kombiniert mit flexiblen Arbeitsmodellen. Homeoffice ist wichtig, aber kein Ersatz für Zusammenarbeit, Führung und gelebte Unternehmenskultur. 

Und dann müsse man ein schönes Büro bieten, werden Sie jetzt sagen. 

Daniel Kittner:  Es ist auch so. Das schafft eine gemeinsame ­Kultur. Die Menschen müssen sagen: Da gehe ich hin, da fühle ich mich wohl. Im Büro habe ich eine Umgebung, die mich beflügelt und mich mit ­meinen Kollegen in den Austausch bringt und unsere Zusammenarbeit fördert. Riesige Räume, in denen 60 Schreibtische ohne Schallschutz nebeneinanderstehen, ziehen keine Mitarbeiter an – das ist kontraproduktiv. Da bleiben sie lieber im Homeoffice. 

Lassen Sie uns noch in die Zukunft schauen. ­Glauben Sie an die Zukunft des Büroarbeitsplatzes mit Tastatur, Maus und Bildschirm? 

Daniel Kittner:  Ja, ich glaube an die Zukunft des klassischen Büroarbeitsplatzes – aber nicht als alleinige Lösung. Fokussiertes Arbeiten mit Tastatur, Maus und Bildschirm bleibt ein zentraler Bestandteil produktiver Wissensarbeit. Gleichzeitig wird das ideale Büro künftig eine Vielfalt an Arbeitsangeboten bereitstellen: Rückzugsorte für konzentriertes Arbeiten, Räume für Austausch und Zusammenarbeit sowie offene Bereiche für Begegnung und Inspiration. Das Büro entwickelt sich damit vom reinen Arbeitsplatz zu einem sozialen Ankerpunkt, der Kommunikation, Identifikation und gemeinsames Arbeiten bewusst fördert. 

Und dann werden auch noch künstliche Intelligenz und Sprachmodelle Einzug halten. 

Daniel Kittner:  Ich glaube, künstliche Intelligenz wird die Arbeitswelt grundlegend verändern und das hat auch einen Einfluss auf die Gestaltung der Bürowelt. Wann und wie, ist schwer zu sagen. Aber ich erinnere gern an die Zeit, als die Unternehmen auf ERP-Systeme umgestellt haben. Vorher wurde mit Lochkarten und Ähnlichem gearbeitet. Und da gab es auch die Prognose, dass es in zehn Jahren keine Büroarbeitsplätze mehr geben wird. Heute haben wir mehr Büroarbeitsplätze als jemals zuvor in Europa. 

 

Das Unternehmen

Sedus Stoll mit Sitz im baden-württembergischen Dogern zählt zu den ­führenden Komplettanbietern für Büroeinrichtungen und Arbeitsplatzkonzepte.  Das Unternehmen setzte 2024 rund 243 Millionen Euro um. Die Sedus-Stoll-Gruppe beschäftigt mehr als 1100 Mitarbeitende. 

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