Energiekosten im Mittelstand: Wie Unternehmen mit Eigenstrom & Wasserstoff ihre Zukunft sichern
| Jan Wittenbrink | Lesezeit: 5 Min.
Hohe Energiekosten setzen Mittelständler unter Druck. Erneuerbare, Speicher und Eigenstrom machen Firmen unabhängiger und langfristig günstiger.
Die hohen Energiekosten belasten viele Mittelständler. Auf lange Sicht dürfte sich der Abschied von fossilen Stoffen aber auszahlen. Manche Firma legt jetzt schon vor.
Von Jan Wittenbrink
Was anfangen mit der freien Fläche? Das fragte sich die Firma Weckermann aus Eisenbach im Schwarzwald, Spezialist für diamantierte Oberflächen. Das 1885 gegründete familiengeführte Unternehmen hatte für sein neues Werk im Ortsteil Oberbränd ein 30.000 Quadratmeter großes Grundstück erworben. „Die Ausgangssituation war so, dass wir zwei Drittel der Fläche aktuell nicht zur Produktion benötigen“, sagt Jens Schuler, Leiter Umweltmanagement bei Weckermann. So sei der Gedanke entstanden, die Freiflächen für Photovoltaik zu nutzen – zusätzlich zu einer Dachanlage. Seit diesem Jahr werden auf dem Grundstück nun insgesamt 2,7 Megawatt maximale Leistung erzeugt. In Kombination mit einem Wasserstoff-Energiespeicher lässt sich der Standort übers Jahr gesehen zu 90 Prozent autark mit Strom versorgen, nur in den Wintermonaten kauft man noch externen Strom aus erneuerbaren Energien zusätzlich ein. „Wir wollen den hohen Energiepreisen nicht davonlaufen, sondern uns dem Problem stellen und den Weg der Energiewende mitgehen“, sagt Schuler.
Ähnlich suchen viele mittelständische Firmen nach Lösungen, wie sie hohen Energiekosten begegnen können und wie sie mit der Ungewissheit umgehen sollen, in welche Richtung sich die Preise für Strom und andere Energieträger auf lange Sicht bewegen. „Für den Mittelstand ist die langfristige Entwicklung der Energiepreise ein zentraler Faktor bei Investitions- und Standortentscheidungen“, sagt Matthias Bianchi, Leiter Public Affairs beim Deutschen Mittelstands-Bund (DMB). Aktuell herrsche viel Verunsicherung, entsprechend zurückhaltend sei man bei Investitionen. Deutschland habe bei den Energiekosten einen enormen Wettbewerbsnachteil.
In einer Studie der Beratung PwC von 2024 wurden 300 Führungskräfte energieintensiver Mittelständler befragt. 60 Prozent bezeichneten die Energiekosten als sehr relevanten Standortfaktor. Kein anderer wurde häufiger genannt. Gleichzeitig sagen Experten, dass sich die Energiewende in Zukunft nicht nur fürs Klima, sondern auch bei der Preisentwicklung auszahlt. Denn die Stromerzeugungskosten erneuerbarer Energien sind schon heute günstiger als die von Kohle oder Gas. Doch wie wird die Energieversorgung der Zukunft aussehen? Was kann der Staat tun, um den Unternehmen mehr Planungssicherheit zu geben? Und mit welchen Strategien können sich die Firmen selbst absichern?
Schon heute stammen mehr als 60 Prozent der Stromerzeugung in Deutschland aus erneuerbaren Energien. Noch vor zehn Jahren waren es nur etwa 30 Prozent. Man könne davon ausgehen, dass der Strom 2050 zu mehr als 90 Prozent aus erneuerbaren Quellen komme, sagt Christoph Kost, Leiter Energiesystemanalyse beim Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme (Ise) in Freiburg. Für Zeiten mit wenig Solar- und Winderträgen werde es Speicher sowie flexible Kraftwerke geben. Gleichzeitig werde der Strom in Zukunft eine sehr viel größere Rolle spielen und in vielen Anwendungen Öl und Gas ersetzen. Bereits in den nächsten fünf bis zehn Jahren sei eine kontinuierliche Elektrifizierung zu erwarten. Auf lange Sicht werde der steigende Anteil von Erneuerbaren voraussichtlich für sinkende Stromkosten sorgen, sagt Kost. Unter anderem sei zu erwarten, dass erneuerbarer Strom noch günstiger erzeugt werden könne – etwa durch sinkende Stückkosten in der Massenfertigung von Photovoltaikmodulen.
Noch ist davon wenig zu spüren. Im ersten Halbjahr 2025 lag der Strompreis nach Zahlen des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft für kleine bis mittlere Industriebetriebe bei etwa 18 Cent pro Kilowattstunde. Das ist weniger als die Hälfte des Preises aus dem Krisenjahr 2022, als der russische Angriffskrieg in der Ukraine begann und die Energiekosten explodierten. Die Preise beharren jedoch – trotz der weggefallenen EEG-Umlage – auf dem Vorkrisenniveau. In den USA liegt der Strompreis für die Industrie im Schnitt nur bei etwa acht Cent, auch im EU-Schnitt sind die Preise niedriger.
Vor allem die Netzentgelte verteuern den Strom. Die Energiewende erfordere viele Investitionen ins Netz, sagt Ise-Experte Kost. Transport und Verteilung des Stroms müssten an die Erneuerbaren angepasst werden. Gleichzeitig sei der Strombedarf aber noch nicht so stark gestiegen, dass man diese Investitionen auf einen größeren Verbrauch aufteilen könne. Es könne daher sinnvoll sein, dass der Staat die Investitionen ins Stromnetz zumindest zum Teil aus dem laufenden Haushalt finanzieren solle, um die Elektrifizierung nicht über zu hohe Strompreise auszubremsen.
Auch der DMB hält die Energiewende für richtig. Man müsse den eingeschlagenen Weg konsequent und ohne Umwege fortsetzen, sagt Bianchi. „Die Energiewende funktioniert, aber eben bislang viel zu langsam und zu wenig systematisch.“ Ziel müsse sein, strukturelle Entlastungen zu schaffen, statt permanent kurzfristig in den Markt einzugreifen. Dazu gehöre vor allem, die Stromsteuer dauerhaft auf das EU-Mindestniveau zu senken sowie die Netzentgelte fair zu verteilen. Gleichzeitig müsse der Netzausbau deutlich beschleunigt werden. Denn Engpässe im Stromnetz würden die Energiekosten spürbar nach oben treiben.
Die Bundesregierung beschloss Mitte November, der deutschen Industrie bei den Stromkosten zu helfen. Zum Jahreswechsel soll für drei Jahre der sogenannte Industriestrompreis eingeführt werden. Rund 2000 besonders energieintensive Unternehmen sollen einen garantierten Strompreis von etwa fünf Cent pro Kilowattstunde erhalten – allerdings nur für die Hälfte ihres Jahresverbrauchs. Im Gegenzug müssen sie in dekarbonisierende Maßnahmen investieren, eine EU-Vorgabe.
Energieexperte Kost hält das Instrument prinzipiell für sinnvoll. Stelle man Strom günstig zur Verfügung, fördere man etwa Investitionen der Elektrifizierung von Erdgasprozessen und erhalte die Wettbewerbsfähigkeit. Der geplante Preis sei international konkurrenzfähig. Es gelte aber zu prüfen, für welche Branchen die teure Subvention tatsächlich zielführend sei. Viele Mittelständler fallen zudem nicht unter die Unternehmen, die die Subvention erhalten sollen.
Entwicklung des durchschnittlichen Strompreises für die Industrie
Keine Dauersubventionen
Das kritisiert auch der DMB. Der Industriestrompreis könne zwar kurzfristig besonders energieintensive Unternehmen entlasten, sei für den breiten Mittelstand aber keine Lösung, sagt Bianchi. Zudem sei es langfristig wirksamer, die strukturellen Ursachen der hohen Preise zu bekämpfen. „Ein subventionierter Strompreis darf kein Dauerinstrument werden.“ Planbarkeit sei für viele Mittelständler wichtiger als kurzfristige Preisvorteile. Wer heute investiere, benötige die Sicherheit, dass Energie in zehn oder zwanzig Jahren nicht zum unkalkulierbaren Kostenfaktor werde.
Aus diesem Grund hat sich auch Weckermann aus dem Schwarzwald für sein Energiekonzept entschieden. Zu erwarten sei, dass man pro Jahr gegenüber einem externen Strombezug etwa 300.000 Euro spare, sagt Projektleiter Schuler. Ausschlaggebend für die Investition von etwa acht Millionen Euro sei aber in erster Linie gewesen, den Standort zu sichern sowie Mitarbeiter zu binden. Es sei keine Option gewesen, aus Eisenbach wegzugehen. „Das Diamantieren ist ein sehr spezieller Prozess, den man so nur bei uns lernen kann.“ Dabei entstehen durch selbstentwickelte Dreh- oder Fräsprozesse mit einem Diamanten zum Beispiel hochglänzende Armaturen für die Sanitärindustrie. Man sei deshalb auf die Beschäftigten am Heimatstandort angewiesen, sagt Schuler. Durch die eigene Stromproduktion könne man starken Preisschwankungen nun weitgehend entgehen und schaffe sich Kalkulationssicherheit.
Weil die Produktion in sonnenreichen Stunden den Verbrauch deutlich überschreitet, suchte das Unternehmen nach einer Energiespeicherlösung. Neben einer Batterielösung für die kurzzeitige Speicherung setzt Weckermann nun auf Wasserstoff als Langzeitspeicher. Mithilfe des überschüssigen Stroms wird aus aufgefangenem Regenwasser Wasserstoff erzeugt, im Niederdruckverfahren in vier Behältern gespeichert und bei Bedarf per Brennstoffzelle wieder in Strom verwandelt.
Das Land Baden-Württemberg förderte diesen Ansatz mit 2,5 Millionen Euro. Ohne das Geld wäre die Wasserstofflösung für Weckermann nicht wirtschaftlich gewesen – die Effizienzverluste bei der Umwandlung sind hoch. Ein benachbarter Betrieb, der heute noch fossil heizt, soll in Zukunft ebenfalls Abnehmer des grünen Wasserstoffs werden, eine entsprechende Pipeline ist bereits verlegt worden. Im Laufe des nächsten Jahres soll die Steuerung noch weiter optimiert werden. In Zukunft soll die Anlage automatisiert unterschiedliche Faktoren wie Erträge und Verbräuche, den aktuellen Börsenstrompreis sowie Speicherstände berücksichtigen – und den erzeugten Strom entsprechend optimal nutzen. „Je nach Situation könnte es optimal sein, den Strom direkt selbst zu nutzen, zu speichern oder bei großen Überschüssen ins Netz einzuspeisen“, sagt Schuler.
Abwärme heizt die Büros
Auch thermisch ist das neue Werk komplett autark: Die Wärme, die von den Produktionsmaschinen oder Druckluftkompressoren ausgeht, erhitzt Wasser, das dann in den Keller zu einer Wärmepumpe fließt. Über dieses System sollen etwa die Verwaltungsräume, die Umkleiden und Duschen beheizt werden. Zudem dient ein Löschwassertank als Speicher für überschüssige Wärme. Gas zum Heizen wird nicht mehr gebraucht.
Für Unternehmen, die heute viel Erdgas einsetzten und davon abhängig seien, sei der Druck besonders hoch, sagt Ise-Experte Kost. Hier sei ein klarer Strategieplan nötig: „Welche Prozesse kann ich wann elektrifizieren? Und wo kann ich Prozesse zum Beispiel in Bezug auf Temperaturniveaus so anpassen, dass ich sie in Zukunft mit Wärmepumpen abdecken kann?“ Wo eine Elektrifizierung unmöglich sei, könne man vielleicht auf Biomethan oder Wasserstoff setzen. Denn fossile Brennstoffe wie Öl und Gas werden durch den steigenden CO2-Preis teurer, auch soll Heizen in Gebäuden mit ihnen spätestens 2045 verboten werden. Bei der industriellen Prozesswärme sind ebenfalls strenge Vorgaben denkbar, wenn Deutschland sein Klimaneutralitätsziel erreichen will.
Der Bundesverband der Energie-Abnehmer (VEA) unterstützt Unternehmen bei der Transformation weg von fossilen Brennstoffen. Wichtig sei es, langfristig zu denken, sagt Laura Onken, Projektleiterin Nachhaltigkeit. Wer die Transformation zu spät angehe, zahle am Ende mehr. Zudem gehe es darum, Klimafolgekosten zu verringern, die Unternehmen in Zukunft teuer zu stehen kommen könnten. Während sich Photovoltaik-Investitionen in der Regel relativ schnell amortisierten, brauchten die Unternehmen etwa bei Wärmepumpen dringend Fördergeld, sagt Onken.
Mehr Planbarkeit können PPA-Verträge (Power Purchase Agreement) bringen. Dabei handelt es sich um eine Art Mietmodell: Man kauft sich in einen Photovoltaik- oder Windpark ein und erhält Energieanteile zu einem festen Preis. Das sei eine gute Möglichkeit, sich Energie aus Erneuerbaren zu einem stabilen Preis zu sichern und so eine längerfristige Sicherheit zu haben, sagt VEA-Expertin Onken. So könne man etwa selbstproduzierten Solarstrom mit einem Windkraft-PPA ergänzen – für eine preisstabile Versorgung auch in den Wintermonaten.
Auch die Energieeffizienz sei ein wichtiger Schlüssel, um Kosten zu sparen, sagt Onken. Es gehe um die Modernisierung alter Maschinen, aber auch der Gebäudehülle. Die hohen Kosten der vergangenen Jahre hätten dazu geführt, dass viele Mittelständler ohnehin schon effizienzgetrieben seien. „Die Potenziale sind oft bereits erkannt worden. Eher fehlt es an den Mitteln, Effizienzpläne auch umzusetzen.“ Wichtig sei es auch, energiesparendes Verhalten zu etablieren und etwa Maschinen herunterzufahren, wenn diese nicht benötigt würden. „Es gibt keine günstigere Kilowattstunde als die, die ich einsparen kann“, sagt auch Weckermann-Projektleiter Schuler.
Wer sich klimafreundlicher aufstelle, werde zudem attraktiver für junge Fachkräfte, sagt VEA-Expertin Onken, und könne bei Kunden punkten. Gerade im Einzelhandel werde mittlerweile viel Wert auf die Klimabilanz in der Lieferkette gelegt. Auf Vorteile bei Kunden setzt auch Weckermann. „Wir hoffen, dass unser Engagement und die positive CO2-Bilanz honoriert wird“, sagt Umweltmanagement-Leiter Schuler. Das Projekt zu planen und umzusetzen, sei herausfordernd gewesen, gerade mit Blick auf Genehmigungsverfahren und Sicherheitskonzepte. „Sowohl die elektrische als auch die thermische Lösung ist nicht von der Stange, sondern eigens für uns konzipiert und gebaut.“
Welche Standortentfaktoren Entscheidern wichtig sind
Das 4-Fragen-FAQ
Wie wird Strom 2050 erzeugt?
- Zu über 90 % aus Erneuerbaren; Rest durch Speicher & flexible Kraftwerke.
Welche Rolle spielt Wasserstoff?
- Wichtig als Langzeitspeicher und Ersatz dort, wo Elektrifizierung schwierig ist.
Warum lohnt sich frühzeitige Umstellung?
- Weniger CO₂-Kosten, mehr Planungssicherheit, bessere Arbeitgeberattraktivität.
Was ist ein PPA?
- Langfristiger Stromliefervertrag aus einem Wind- oder Solarpark zu festem Preis.
Fakten auf einen Blick
- Energiekosten: Wichtigster Standortfaktor für Mittelständler (PwC 2024).
- Preisniveau: Deutsche Industrie ~18 ct/kWh; USA ~8 ct/kWh.
- Erneuerbare: Über 60 % der Stromerzeugung bereits grün, Tendenz steigend.
- Politik: Industriestrompreis (5 ct/kWh) nur für besonders energieintensive Firmen – Mittelstand meist außen vor.
- Trend: Elektrifizierung, mehr Speicher, sinkende Kosten durch Erneuerbare.
Was Unternehmen jetzt tun können
- Elektrifizieren: Maschinen, Prozesswärme, Gebäudetechnik prüfen.
- Speichern: Kurzfristig Batterie, langfristig H₂ oder PPA-Verträge für Preisstabilität.
- Effizienz steigern: Gebäudehülle, Maschinenmodernisierung, Nutzungsoptimierung.
- Fördermöglichkeiten nutzen: Besonders bei Wärmepumpen & Speichertechnologien.
- Klimarisiken mindern: CO₂-Preis wird steigen, fossile Heizungen ab 2045 verboten.
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