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Studien & Forschung > Verteidigungsindustrie

McKinsey-Studie: Rüstung wird zum Riesengeschäft

| Markt und Mittelstand Redaktion

Europas Verteidigungsetat wächst kräftig – um welche gigantichen Summen es geht, hat jetzt eine Studie von McKinsey herausgefunden. Und dass Geld allein uns nicht sicherer macht. Was es sonst noch braucht.

Europas Verteidigungsindustrie muss Kapazitäten und Technologiehoheit rasch ausbauen. (Foto: K-MuM)

04.09.2025 Markt und Mittelstand  

Die politische Priorität ist gesetzt: Europa will seine Verteidigungsfähigkeit erhöhen, Deutschland die Zeitenwende industrialisieren, die NATO bis 2035 das 3,5%-Ziel erreichen. Nach Jahren der Unterinvestition soll aus zusätzlichen Mitteln rasch wirksame Fähigkeit werden. Für die Industrie bedeutet das: Produktionspfade stabilisieren, Lieferketten entlasten und Investitionen in Technologien vorziehen. Die Frage ist nicht mehr, ob die Budgets steigen – sondern wie schnell sie sich in Material, Verfügbarkeit und Wirkung übersetzen.

Beschaffung rückt nach vorn: Ausrüstung als Engpass

Das Spektrum reicht von moderatem Wachstum bis zur Vollgas-Variante. Im „Minimum“-Szenario orientieren sich die Etats an heutigen Haushaltsplänen, die „Balancierte Beschleunigung“ koppelt Ambition mit Fiskalregeln, das ambitionierteste Szenario peilt 3,5% des BIP bereits 2030 an.

Für die Industrie sind die Unterschiede enorm: Losgrößen, Vorfinanzierung und Personalaufbau hängen am jeweiligen Pfad. Planungssicherheit entsteht, wenn Regierungen mehrjährige Abrufverträge zeichnen und Beschaffung in Bündnissen bündeln. 

Der Anteil der Ausgaben für Ausrüstung steigt – zulasten von Personal und Infrastruktur in der ersten Phase. Grund sind Lücken bei Beständen, die Notwendigkeit schneller Einsatzbereitschaft und neue Anforderungsprofile. Darau ergeben sich Zwei Konsequenzen:

1. Erstens müssen Hersteller und Zulieferer die Taktzahl erhöhen – von Pulverchemie und Elektronik bis zum Endsystem.

2. Zweitens braucht es parallel zur Stückzahlsteigerung den Umbau in Richtung Software, Daten, Resilienz. Wer nur montiert, bleibt austauschbar; wer Elektronik-, Software- und Cyber-Kernfähigkeiten beherrscht, wird systemrelevant.

 

Das Muster hinter den Bestellungen: Elektronik, Autonomie, Vernetzung

Drei Trends prägen die Nachfrage quer über die Dimensionen.

  1. gewinnt Elektronik gegenüber Stahl die Oberhand – Sensorik, KI-gestützte Auswertung, digitale Command & Control.
  2. ergänzen unbemannte Systeme die klassischen Plattformen; ersetzt werden sie nicht, aber als Team skaliert die Wirkung.
  3. wird das Gefechtsfeld vernetzt: Interoperabilität, robuste Kommunikation und Echtzeit-Datenflüsse entscheiden über Effekt und Überlebensfähigkeit. Anbieter, die offene Architekturen und Software-Updates über Lebenszyklen liefern, verschieben die Wertschöpfung zu sich.

 

Land, Luft, See, Weltraum: Vier Märkte, ein Takt

  • Land: Gefragt sind Kampfpanzer, Artillerie und bodengebundene Luftverteidigung – ergänzt durch Drohnen, EloKa und Logistik. Munitionswerke werden zum Nadelöhr, bis ASAP/ESSI wirken, bleibt der Importdruck hoch.
  • Luft: Europa beschafft kurzfristig amerikanische 5th-Gen-Jets, mittelfristig entscheidet die Entwicklung eines 6th-Gen-Systems über Souveränität. Parallel wächst der Bedarf an C4ISR, Tankern und EloKa – Felder, in denen europäische Lösungen skalieren können.
  • See: Flotten werden modularer, stärker automatisiert und mit mehr Selbstschutz ausgestattet; unbemannte Über-/Unterwasserfahrzeuge werden zum Standard. Der Schutz kritischer Infrastruktur rückt in den Mittelpunkt.
  • Weltraum: Ohne SatCom, PNT und Erdbeobachtung ist vernetzte Operationsführung nicht belastbar. Dual-Use-Programme bilden die Basis, militärische Resilienz (Anti-Jamming, Cyber, De-Orbit) entscheidet über Verfügbarkeit.

 

Industrieaufgabe Nr. 1: Skalieren, bevor es zu spät ist

Die Auftragsbücher füllen sich schneller als die Umsatzrealisierung. Notwendig sind Kapazitätsausbau, Mehrjahresverträge und Vorauszahlungen. Gelingt es, verlässliche Rahmensignale zu setzen, können Unternehmen in Automatisierung investieren, Zweitquellen aufbauen und die Zykluszeit vom Auftrag bis zur Auslieferung halbieren. Ohne diese Mechanik droht die paradoxe Lage hoher Budgets bei niedriger Wirksamkeit.

Die Engpässe liegen nicht nur im Endprodukt. Kritisch sind energetische Stoffe (TNT, Nitrocellulose), Leistungselektronik und Aktoren – häufig mit außereuropäischer Abhängigkeit. Auf der Softwareseite werden sichere Updates, SBOM-Transparenz und Zero-Trust zum Standard; wer das nicht nachweist, wird aus Ausschreibungen gedrängt.

„Europäisch“ wird zum Kriterium – nicht als Protektionismus, sondern als Risikosteuerung. Entscheidend ist Design-Autorität in Europa, offene Schnittstellen und IP, die nicht in Drittländern geerdet ist. In Luft und Weltraum eröffnet das echte Chancen: C4ISR-Stacks, taktische Datenlinks, Edge-KI und Anti-Access-Technologien sind Felder, in denen europäische Anbieter Marktführerschaft erreichen können – wenn Entwicklungspfade konsolidiert und Konsortien schlank geführt werden.

Die Industrie braucht frische Kapazität und Tempo. Das gelingt über Quereinsteiger (Automotive, Maschinenbau), Private Equity mit Scale-Erfahrung und öffentliche Co-Investments. Dafür braucht es klare Governance: Sicherheit bei ITAR/EU-Dual-Use, Planbarkeit bei Exporten, schnelle Genehmigungen. Ohne diese Rahmenbedingungen bleibt Kapital an der Seitenlinie.

Fünf To-dos für Entscheider

  • Produktion, Lieferkette, Taktzeit: Linien verdoppeln, Engpässe Tier-3/Tier-4 priorisieren, Durchlaufzeiten halbieren.

  • Software, Elektronik, Cyber: Teams aufbauen, Build-Server härten, OTA-Updatefähigkeit über den Lebenszyklus garantieren.

  • Europäische Autorität, IP, Offenheit: Architekturen standardisieren, proprietäre Monolithe vermeiden, Export-Risiken senken.

  • Partnerschaften, Start-ups, Dual-Use: Co-Development mit Disruptoren, schnelle Prototypen, „buy-to-build“ statt Greenfield.

Quelle: Aerospace & Defense Practice - Mission Verteidigungsfähigkeit: Implikationen für die deutsche und europäische Verteidigungsindustrie (Mc Kinsey & Company)

 

 

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