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Geld & Vorsorge > Interview: Vermögensverteilung & Stiften

Warum wir Erben, Stiftungen und Vermögen neu denken müssen

| Thorsten Giersch | Lesezeit: 2 Min.

Felix Oldenburg fordert neue Wege, um Investitionen zu fördern. Ein Gespräch über Erben, illiquide Anlagen und Stiftungen als Fessel für Vermögen.

Illustration eines Aufbaus
Felix Oldenburg warnt: Starre Stiftungen fesseln Vermögen – und verhindern, dass Geld heute für gute Zwecke arbeitet. (Foto: shutterstock)

26.09.2025 Markt und Mittelstand  -  Das Gespräch führte Thorsten Giersch

Sie sind Sozialunternehmer. Wie werden Sie wahrgenommen? 

  • Felix Oldenburg: Ich sitze auf eine gewisse Art zwischen den Stühlen. Für die Linken und Progressiven, die den Staat für den einzigen Problemlöser halten, bin ich ganz klar rechts. Für die Rechten bin ich zu links, weil ich glaube, dass wir vielfältige Themen auch vielfältig fördern sollten. Die meisten Rückmeldungen, die ich bekomme, lauten: Endlich hat jemand mal die Realität des Lebens mit Vermögen verstanden. Nämlich, dass man nicht morgens im vollen Geldspeicher aufwacht und sich jeden Tag entscheidet, geizig zu sein. 

Sondern? 

  • Felix Oldenburg: Es gibt konkrete Hürden, mit Geld das zu tun, was man für richtig hält. Das muss und kann einfacher gehen. Weil die Politik das nicht erkennt, ist es eben ein Projekt für alle Bürgerinnen und Bürger und besonders für Unternehmerinnen und Unternehmer. 

Nimmt der Zeitdruck in Deutschland, jetzt zu handeln, zu? 

  • Felix Oldenburg: Enorm. Wir sind eines der reichsten Länder der Welt und haben mehr liquiden privaten Wohlstand als jemals zuvor in der Geschichte. Und trotzdem wird uns erzählt, es gäbe für vieles nicht genug Geld. Zum Beispiel, um dem Klimawandel vorzubeugen, chancengerechte Bildung zu finanzieren. Aber das ist falsch. Wir haben dieses Geld und wir haben auch reichlich Menschen, die umdenken und sagen: Wir müssen das Geld heute ausgeben statt in 50 Jahren. 

Und warum passiert das nicht? 

  • Felix Oldenburg: Aus drei Gründen, ich nenne sie die drei Fesselungen. Erstens die Familienkonstellationen, in denen geerbt wird. Erben wird mitgegeben, sie müssten das Geld für die nächste Generation erhalten, am besten mit Zinsen. So bekommen junge Menschen das Gefühl, es sei gar nicht das eigene Geld. Deshalb folgen sie dem Ratschlag ihrer Finanzberater und legen es über komplizierte Vertragswerke an, zumeist in illiquiden Anlagen, sodass es nur von außen so aussieht, als sei man reich. Das ist die zweite Fesselung. 

Und Nummer drei? 

  • Felix Oldenburg: Das ist die Perfideste, die habe ich persönlich kennengelernt, als ich den Bundesverband Deutscher Stiftungen geleitet habe. Ausgerechnet das Instrument, mit dem wir die Großzügigkeit der Gesellschaft organisieren, die Stiftung, kann die stärkste Fessel für Vermögen werden. Da ist Geld für einen Zweck auf ewig festgelegt unter doppelter Aufsicht und darf noch nicht mal aufgebraucht werden, sodass aus Stiftungen kaum etwas herauskommt. Und dann hemmen Stiftungen oft auch noch das Engagement der Nachfolgegeneration. 

Inwiefern? 

  • Felix Oldenburg: Wenn man eine Stiftung in der Familie oder im Unternehmen hat, dann engagiert man sich seltener außerhalb davon – selbst, wenn man eigentlich etwas ganz anderes gestalten möchte. Und so erklärt sich, dass wir eine so reiche Gesellschaft sind, so viele Menschen haben, die mit Geld etwas bewegen wollen und doch so wenig bewegen. Und das erzeugt Unverständnis und auch sozialen Unfrieden im Hinblick auf die Vermögensverteilung. 

Ließe sich das ändern? 

  • Felix Oldenburg: Hinterher leider nicht mehr. Wer eine Stiftung mit einer bestimmten Satzung gegründet hat, kann das hinterher nicht mehr ändern, und die nachfolgenden Generationen haben Pech gehabt. Bestenfalls kann man Geld, das in Stiftungen gebunden ist, mit einem Ausschüttungsgebot bewirtschaften. 

Bei der Struktur einer Stiftung, die neu gegründet wird, sollte man also weit in die Zukunft denken. 

  • Felix Oldenburg: Man sollte sich überhaupt überlegen, ob man noch eine neue Stiftung gründen möchte. Wir haben in Deutschland mehr als 25.000 Stiftungen. Sie sind alle eigenständig und müssen ihren Zweck erfüllen, dürfen sich nicht verändern. Wir brauchen nicht noch mehr, sondern sollten im 21. Jahrhundert die Kraft von Plattformen nutzen. Neue Stiftungen zu gründen, hilft in der Regel den Steuerberatern, Stiftungsanwälten und Privatbankern am meisten, weil das ein ewiges Gebühren-Abo ist. 

Deshalb haben sie Bcause gegründet, wo schon einige namhafte Familien mitmachen. 

  • Felix Oldenburg: Dort kann man sehr günstig ein eigenes Stiftungskonto errichten. Es ist aus meiner Sicht völlig offensichtlich, dass wir das kluge Ausgeben von Geld genauso einfach machen müssen wie das Investieren von Geld. Wir brauchen eine Art Neobroker fürs Gute. Und wenn etwas einfach ist, dann machen es Leute auch. 

Die dann etwas bezahlen, für das der Staat kein Geld hat oder ausgeben will. 

  • Felix Oldenburg: Es ist kein Entweder-oder. Natürlich brauchen wir ein Steuersystem, das als gerecht empfunden wird. Und die wenigsten finden es gerecht, dass zum Beispiel Einkommen auf Erwerbsarbeit so viel höher besteuert werden als große Erbschaften. Aber nur zu fordern, der Staat soll das über höhere Steuern richten, finde ich nicht ausreichend. Der Staat ist dafür da, über Steuern eine Grundversorgung zu organisieren. Der Staat kann und soll aber nicht in Nischen große Risiken eingehen. 

Haben Sie ein Beispiel? 

  • Felix Oldenburg: Nehmen Sie Ise Bosch, die sich für LGBTQ-Communities vor 20 Jahren stifterisch engagiert hat. Das hätte doch kein Haushalt in Deutschland demokratisch beschlossen. Ich glaube, viele Unternehmen möchten Gesellschaft mitgestalten. Das kann man auch mit Geld. Deshalb müssen wir das Stiften so einfach und vielfältig wie möglich machen, dann ist es auch demokratisch. Wir sehen gerade in den USA, wohin es führt, wenn wir unsere gesellschaftliche Infrastruktur vom Staat abhängig machen. 

Sie plädieren für Stiften auf Zeit? 

  • Felix Oldenburg: Ich mache eine ganze Reihe von konkreten Reformvorschlägen – sowohl für das Geld, das schon in Stiftungen gebunden ist, als auch für das Geld, das noch nicht gestiftet wurde. Eine Option ist, einen Vermögensgegenstand in eine gemeinnützige Organisation einzubringen – zum Beispiel eine Mietimmobilie für fünf oder zehn Jahre. Die Erträge gehen an die gemeinnützige Organisation und sind steuerfrei. Und man kann sich später entscheiden, ob man den Vermögensgegenstand behält oder ihn ganz an die gemeinnützige Organisation überträgt. Wir müssen es viel kreativer und flexibler machen, Geld für gute Zwecke arbeiten zu lassen. 

Eine andere Idee ist der Bürgerfonds. 

  • Felix Oldenburg: Es ist ähnlich wie beim Wagniskapital, für das der Staat damals den Hightech-Gründerfonds anschob. Es zeigte sich, dass man Venture Capital investieren kann, ohne sein ganzes Geld zu verlieren. Und mit jeder Fondsgeneration nahm das private Geld zu. Inzwischen ist kein staatliches Geld mehr nötig. Venture Capital ist etabliert. So schwebt mir das auch mit einem Fonds vor, in den Bürgerinnen und Bürger freiwillig zusätzlich zu Steuern einzahlen könnten, um besonders wichtige innovative Vorhaben für die Gesellschaft zu finanzieren. 

Wie es Norwegen mit den Einnahmen aus fossilen Brennstoffen macht. 

  • Felix Oldenburg: Genau. Warum legen wir unser Geld nicht auch so an, dass es gesellschaftlichen Folgekosten mit einer hohen Rendite vorbeugt? Dann werden sich immer mehr Bürgerinnen und Bürger auch entscheiden, freiwillig in einen solchen Fonds einzuzahlen. 

Warum macht das die Politik nicht? 

  • Felix Oldenburg: Sie hat kein Verständnis dafür, dass Privatleute und Unternehmen bereit sind, mit Geld auch gesellschaftliche Probleme zu lösen. Dass es auch einen anderen Weg gibt als alles über Steuern zu machen. Im Koalitionsvertrag kommt das Wort Stiftungen nicht vor. Es ist die größte verpasste Gelegenheit unserer Zeit, nicht darauf zu achten, was wir aus dieser enormen Welle von Erbinnen  und Erben machen. 

In unsicherer Zeit hält man sein Geld zusammen. 

  • Felix Oldenburg: Wer heute Geld erbt, kann sich nicht mehr da­rauf verlassen, dass es eine gute Idee ist, sein Geld verzinst in die nächste Generation weiterzugeben. Frische Luft, friedliche Nachbarn und freie Rede kann man sich nicht kaufen. Wir müssen Geld heute in Umlauf bringen, damit Wohlstand für die nachfolgende Generation überhaupt noch möglich ist. Und dazu wären viele Menschen bereit, wenn es ein glaubwürdiges, einfaches Sinnangebot gebe, das über Steuern hinausgeht. 

Das Interview erschien in der Print-Ausgabe Nr. 7 (September 2025) von Markt und Mittelstand.

Der Sozialunternehmer

Felix Oldenburg, Jahrgang 1976, ist Gründer von bcause, einer Plattform für kostenlose Stiftungskonten, Spenden und Impact Investing.  Er leitete den Bundesverband Deutscher Stiftungen und die Organisation Ashoka, das weltweit größte Netzwerk für Sozialunternehmer. Kürzlich ist sein Buch „Der gefesselte Wohlstand“ erschienen. 

Faktenbox: Die Geschichte des Stiftens

  • Antike Ursprünge: Bereits im antiken Griechenland und Rom unterstützten wohlhabende Bürger mit Schenkungen Theater, Tempel oder Armenfürsorge.
  • Mittelalter: Klöster, Kirchen und Universitäten wurden häufig durch Stiftungen finanziert. Reiche Bürger oder Adlige gaben Geld oder Land für Messen, Spitäler oder Bildungseinrichtungen.

  • Frühe Neuzeit: In der Renaissance entstanden viele städtische Stiftungen – etwa Armenhäuser oder Hospitäler, die auf private Vermögen zurückgingen (z.B. Fugger). 

  • 19. Jahrhundert: Mit der Industrialisierung stiegen Unternehmer wie Krupp, Siemens oder Bosch zu wichtigen Stiftern auf. Sie förderten Schulen, Bibliotheken und soziale Einrichtungen.

  • 20. Jahrhundert: Nach den Weltkriegen gewannen gemeinnützige Stiftungen wieder an Bedeutung. Große Familienvermögen wurden dauerhaft in soziale Zwecke überführt.

  • Heute: Deutschland zählt über 25.000 rechtsfähige Stiftungen. Viele engagieren sich in Bildung, Kultur, Forschung oder Sozialem.

 

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