Wie gut Flüchtlinge in den deutschen Arbeitsmarkt integriert sind
| Markt und Mittelstand Redaktion
Vor zehn Jahren sagte Angela Merkel "Wir schaffen das". Eine Studie hat nun umfangreich erforscht, wie Geflüchtete im Arbeitsmarkt angekommen sind. Mit vielen positiven Überraschungen.
26.8.2025 - Markt und Mittelstand : Als Bundeskanzlerin Angela Merkel im Sommer 2015 erklärte, „Wir schaffen das“, stand Deutschland am Beginn einer beispiellosen Phase der Fluchtmigration. Rund eine Million Menschen suchten damals Schutz, die Gesellschaft stritt über Aufnahme, Belastung, Chancen und Grenzen.
Zehn Jahre später liegt nun eine Auswertung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) vor. Sie beantwortet die Frage nach dem „Schaffen“ nicht politisch, sondern nüchtern: über den Arbeitsmarkt, den zentralen Indikator für wirtschaftliche und soziale Teilhabe.
Integration im Arbeitsmarkt: Näher am Durchschnitt als erwartet
Die Datenlage zeigt ein bemerkenswertes Bild: Die Beschäftigungsquoten der 2015 zugezogenen Geflüchteten haben sich bis 2024 weitgehend dem Niveau der Gesamtbevölkerung angenähert. Von unter zehn Prozent im ersten Jahr stieg die Quote innerhalb von neun Jahren auf 64 Prozent – nur sechs Punkte unter dem bundesweiten Schnitt. 90 Prozent dieser Beschäftigungsverhältnisse sind sozialversicherungspflichtig. Berücksichtigt man Selbstständige, liegt die Erwerbstätigenquote sogar bei 70 Prozent.
Dieser Befund überrascht, wenn man die Ausgangsbedingungen bedenkt: Sprachbarrieren, unklare Bleibeperspektiven, traumatische Erlebnisse und nicht anerkannte Bildungsabschlüsse erschwerten den Start massiv. Dass trotz dieser Hindernisse eine Annäherung an das Beschäftigungsniveau der Bevölkerung gelang, belegt: Die Integrationsmaßnahmen – von Sprachkursen über Qualifizierungsprogramme bis hin zur arbeitsmarktpolitischen Unterstützung – haben Wirkung entfaltet.
Verdienste: Aufholprozess mit Grenzen
Während die Beschäftigungsquoten beeindrucken, bleibt der Blick auf die Einkommen ernüchternder. Zwar haben sich die Medianverdienste von Vollzeitbeschäftigten in der Gruppe der Geflüchtete mit Ankunftsjahr 2015 innerhalb von acht Jahren von 1.398 Euro auf 2.675 Euro nahezu verdoppelt. Doch sie erreichen damit lediglich 70 Prozent des deutschen Medianlohns – knapp über der Niedriglohnschwelle.
Besonders deutlich zeigt sich der Rückstand bei geflüchteten Frauen: Ihre Verdienste liegen im Median bei 77 Prozent jener der Männer. Für viele bedeutet das ein erhöhtes Risiko, trotz Erwerbstätigkeit auf ergänzende Sozialleistungen angewiesen zu sein. Zwar sank der Anteil der Leistungsbezieher insgesamt deutlich – 2023 benötigten noch rund 34 Prozent Unterstützung nach SGB II –, doch bleibt die Abhängigkeit überdurchschnittlich hoch.
Geschlechtergefälle: Männer holen auf, Frauen bleiben zurück
Die größte Lücke liegt im Geschlechtervergleich. Während 2015 zugezogene Männer mittlerweile sogar leicht höhere Beschäftigungsquoten (76 %) erreichen als deutsche Männer insgesamt (72 %), bleibt die Erwerbsquote der Frauen mit 35 Prozent deutlich unter dem Bevölkerungsdurchschnitt (69 %).
Ursachen sind vielfältig: eingeschränkter Zugang zu Kinderbetreuung, geringere oder schwer anerkannte Ausbildungsabschlüsse, gesundheitliche Belastungen sowie späte Teilnahme an Integrationskursen.
Besonders gravierend: Frauen mit kleinen Kindern weisen um 19 Prozentpunkte niedrigere Beschäftigungsquoten auf als jene ohne Nachwuchs. Hier zeigt sich, dass Strukturen der Vereinbarkeit von Familie und Beruf entscheidend sind – nicht kulturelle Einstellungen, wie die Studie betont.
Alter, Qualifikation und Berufsfelder: Chancen und Grenzen
Die Altersstruktur der Geflüchteten wirkt sich positiv aus: Zwei Drittel der 2015 Gekommenen waren bei Ankunft zwischen 18 und 40 Jahre alt. Doch jenseits der 50 bleiben die Quoten niedrig – bei nur 45 Prozent.
Auch die Berufsstruktur verdeutlicht den Integrationsweg: Mehr als die Hälfte arbeitet in systemrelevanten Berufen – Gesundheit, Logistik, Reinigung, Bau, Lebensmittelgewerbe. Rund ein Drittel ist in Engpassberufen tätig, wo die Nachfrage nach Arbeitskräften besonders hoch ist. Doch nur eine kleine Minderheit konnte bisher in Spezialisten- oder Expertentätigkeiten Fuß fassen. Viele bleiben auf Helferniveau beschäftigt, was Aufstiegschancen begrenzt.
Regionale Unterschiede und gesellschaftliches Klima
Ein zentrales Ergebnis der IAB-Studie: Die regionale Arbeitsmarktlage ist der stärkste Faktor für Integrationserfolge. In Baden-Württemberg liegt die Beschäftigungsquote der Geflüchteten bei 66 Prozent, in Brandenburg oder Sachsen-Anhalt dagegen nur bei 49 Prozent. Auch bei den Verdiensten reicht die Spanne von 36 Euro Bruttotagesverdienst im Osten bis 63 Euro im Südwesten.
Die damalige Verteilung nach dem Königsteiner Schlüssel, die primär Wohnraum statt Arbeitsmarktperspektiven berücksichtigte, habe Integration teilweise erschwert. Wohnsitzauflagen und strukturschwache Regionen führten zu geringeren Chancen – ein Befund, der migrationspolitisch brisant bleibt.
Neben ökonomischen Faktoren beeinflusst auch das gesellschaftliche Umfeld die Arbeitsmarktintegration. Regionen mit starker Beteiligung an rechtsextremen Demonstrationen zeigen signifikant geringere Beschäftigungsquoten und Verdienste bei Geflüchteten. Das Klima am Wohnort – ob offen oder ablehnend – schlägt sich damit messbar in den ökonomischen Chancen nieder.
Fazit: Geschafft – aber nicht vollendet
Ob „wir es geschafft haben“, bleibt auch zehn Jahre später eine Frage der Perspektive. Die nüchternen Daten zeigen: Integration in Beschäftigung ist gelungen, angesichts der Startbedingungen sogar erstaunlich gut. Die Mehrheit der 2015 Gekommenen trägt inzwischen über Arbeit, Steuern und Sozialabgaben zur Wirtschaft bei.
Doch ungelöst bleiben drei zentrale Herausforderungen:
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Geschlechterlücke: Frauen sind am Arbeitsmarkt weiterhin massiv unterrepräsentiert.
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Niedrige Verdienste: Viele Beschäftigte verharren nahe der Niedriglohnschwelle.
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Regionale Disparitäten: Der Wohnort entscheidet oft stärker über Chancen als individuelle Qualifikationen.
Integration ist kein abgeschlossener Zustand, sondern ein dynamischer Prozess.
Zehn Jahre nach 2015 zeigt sich: Viel wurde erreicht, doch wer von „geschafft“ spricht, darf nicht nur die ökonomischen Fakten betrachten, sondern muss auch die fragile Akzeptanz in Teilen der Bevölkerung einbeziehen, das zeigt der Blick auf die Umfragen für die AfD.
Die Zukunft der Integration entscheidet sich nicht allein auf dem Arbeitsmarkt, sondern ebenso daran, ob Politik und Gesellschaft Wege finden, Erfolge sichtbar zu machen und Polarisierung einzudämmen.
Fakten kompakt: Arbeitsmarktintegration Geflüchteter (Stand 2024, IAB-Studie)
- Beschäftigungsquote: 64 % (nur 6 Prozentpunkte unter Gesamtbevölkerung)
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Sozialversicherungspflichtige Jobs: 90 % der Beschäftigungsverhältnisse
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Erwerbstätigenquote inkl. Selbstständige: 70 %
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Einkommen: 2.675 € Median-Vollzeitlohn (70 % des deutschen Medianlohns)
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Geschlechterlücke: Männer 76 % Beschäftigungsquote, Frauen nur 35 %
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Leistungsbezug (SGB II): 34 % (2023, Tendenz sinkend)
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Regionale Unterschiede: Baden-Württemberg 66 %, Sachsen-Anhalt/Brandenburg 49 %
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Berufsfelder: 50 % in systemrelevanten Jobs, 30 % in Engpassberufen, wenige in Expertenpositionen
Praxis-Check: Was Mittelständler daraus lernen können
- Integration lohnt sich wirtschaftlich: Geflüchtete sind längst ein relevanter Teil der Belegschaften. Unternehmen profitieren von jungem Altersprofil, Einsatzbereitschaft und Fachkräftepotenzial.
- Frauen gezielt fördern: Flexible Arbeitszeiten, Kinderbetreuung oder Tandem-Modelle können die Beschäftigungsquote von Frauen steigern – und erschließen bislang ungenutzte Arbeitskräfte.
- Aufstiegschancen schaffen: Weiterbildung, Anerkennung von Abschlüssen und interne Karrierepfade helfen, Mitarbeiter aus Helferjobs in Fach- und Expertenrollen zu entwickeln.
- Unternehmenskultur als Schlüssel: Offenes Klima, Mentoring und klare Kommunikation wirken gegen Vorbehalte – und stärken sowohl Integration als auch Mitarbeiterbindung.
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