Erbe, Macht, Missverständnisse: Warum Familienunternehmen ihre Töchter unterschätzen
| Thorsten Giersch | Lesezeit: 5 Min.
Thema Nachfolge: Der Fall Paula Schwarz zeigt, dass hierzulande einiges beim Vererben des Firmenvermögens nicht stimmt. Ein Gespräch über Wut, Willen und große Chancen.
Frauen haben operativ nichts im Familienunternehmen zu suchen. Diese Haltung ist in Deutschland verbreitet. Paula Schwarz hat es schmerzhaft erlebt. Sie sollte auf Erbe und Einfluss verzichten, hat sich gewehrt und kämpft dafür, Frauen mehr Verantwortung zu geben. Sonst bleibt sehr viel Potenzial ungenutzt. Das Interview findet per Videokonferenz statt. Schwarz ist an der Grenze zwischen Griechenland und der Türkei und bereitet eine Reise von Unternehmern vor, die sich ein Bild von der Lage in einem Flüchtlingscamp vor Ort machen sollen.
Das Gespräch führte Thorsten Giersch.
Markt und Mittelstand: Warum haben Sie das Buch geschrieben und so viel Intimes preisgegeben?
Paula Schwarz: Weil die Gleichberechtigung von Frauen wirtschaftlich ein riesiges Thema ist und es noch ganz viel Intransparenz gibt. Wir haben in meiner Familie daran gearbeitet und zuletzt auch viel aufgearbeitet. Frauen wird weniger Verantwortung zugestanden. Deswegen müssen sie aufstehen und sichtbar sagen, dass sie Verantwortung tragen können. Es ist in Familien einfach wichtig, mit allen Mitgliedern der nächsten Generation zu arbeiten.
Markt und Mittelstand: Sie schreiben: „Das Märchenschloss, in dem ich aufwuchs, war in Wirklichkeit ein goldener Käfig.“ Wie war Ihre Kindheit?
Paula Schwarz: Ich bin in einem sehr reichen Haus groß geworden. Meine Familie hat Schwarz Pharma aufgebaut, eines der größten Pharmaunternehmen in Deutschland. Wir hatten eine sehr strikte Firmen- und auch Familienkultur. Wir haben das System inzwischen umgebaut und erlauben der nächsten Generation jetzt sehr viel Experimentierfreudigkeit. Das war in meiner Kindheit anders. Man kennt das aus patriarchalischen Strukturen, dass Frauen weniger Wahlrecht in Firmen haben. Ich habe mich als Teenager sehr unfrei gefühlt.
Markt und Mittelstand: Der Morgen nach Ihrer Abiturfeier vor mehr als 17 Jahren brachte für Sie ein einschneidendes Ereignis.
Paula Schwarz: Offenbar passte ich mit 18 nicht in die Familienstruktur und auch nicht in die Firmenstruktur hinein. So saß ich verschlafen und mit Restalkohol beim Notar und wurde gedrängt, ein Dokument zu unterschreiben, in dem ich weitgehend meine Handlungsfähigkeit abgab an meinen Vater und an dritte Personen. Das war 2008 und es dauerte bis 2017, bis ich dieses Dokument aus der Welt schaffen konnte.
Markt und Mittelstand: Ging es zugunsten ihres Bruders?
Paula Schwarz: Bei uns hatte das japanische System einen hohen Stellenwert und in Japan ist es so, dass automatisch der Erstgeborene einer Familie alles bekommt. Und die Entscheidungsmacht über alles erhält. Als Frau hat man dann in die Stiftung zu gehen oder sich mit Kunst zu beschäftigen. Es galt als unschicklich, sich in der Welt der Wirtschaft die Hände schmutzig zu machen und zu viel über Zahlen nachzufragen.
Markt und Mittelstand: So verschenkt man Potenzial.
Paula Schwarz: Natürlich. Es ist wichtiger denn je, möglichst alle der nächsten Generation vorzubereiten und keine Patriarchate zu führen, die nur darauf abzielen, den Status quo zu erhalten. Also es ist auch wichtig für Unternehmen, der Gesellschaft etwas zurückzugeben. Ich wollte das mit meinem Erbe tun, aber das gelang erst nach einem harten Kampf.
Markt und Mittelstand: Haben wir Deutsche ein krudes Verhältnis zum Erben? Geht es vor allem darum, zu viel zu bewahren, zu wenig Geld und Vermögen in Umlauf bringen?
Paula Schwarz: Ich liebe Sie dafür, dass Sie diese Frage stellen. Ich finde, es geht sogar gegen die Menschenrechte, wenn man als Erbe sagt: Ich muss das bewahren, was mir gegeben wurde. Und: Mein Auftrag im Leben ist, das Erbe nur zu verwalten. Glauben Sie, ich kenne diese Kreise gut: Für viele ist genau das der Auftrag. Die nächste Generation soll das Erbe am besten gar nicht anfassen, das ist menschenunwürdig.
Markt und Mittelstand: Wie ging es weiter?
Paula Schwarz: Nach dieser Abifeier und dem Besuch beim Notar ging es mir nicht gut, weil ich nicht innovativ sein konnte. Ich habe eine Bulimie entwickelt, mich quasi ausgekotzt, und danach so getan, als ob alles perfekt wäre. Das ist bei Frauen leider ein recht gängiger Mechanismus. Ich musste auch mehrfach die Schule wechseln und habe dennoch als Klassenbeste abgeschlossen. Ich wollte einfach perfekt sein für meine Eltern.
Markt und Mittelstand: Aber Sie wollten Verantwortung übernehmen, sowohl für gute Zwecke bei NGO als auch selbst unternehmerisch tätig werden. Wo war der Ausweg?
Paula Schwarz: Platt gesagt bei Computern. Wer mit ihnen arbeitet, kann eine gewisse Freiheit erlangen und Dinge gestalten. Ich war auch sehr gut darin, meine Träume aufzubauen, war erfolgreich. Und dennoch stieß ich immer wieder an die Grenzen meiner Familie. Wenn ich positiv in der Presse bin, ist es schlecht. Wenn ich Geld mache, ist es schlecht.
Markt und Mittelstand: Weil Sie nicht mehr das nette Mädchen waren.
Paula Schwarz: Genau. All das mit der Technik, die vielen Dienstreisen, das Unternehmertum, dass die Frau nicht nur zu Hause hockt und kocht – das war ihnen zu viel. Ich war ihnen zu viel. Heute bin ich immer noch sehr anders als meine Familie, aber ich weiß jetzt auch, dass ich so geliebt werde.
Markt und Mittelstand: Geht es bei der Gleichberechtigung gerade zurück?
Paula Schwarz: Wir leben zum Teil in San Francisco und der Investor meines Mannes ist Peter Thiel. Das heißt, wir haben die Diskussion laufend zu Hause. In den USA geht vieles in die falsche Richtung und Europa hat ein sehr großes Potenzial, sich davon abzuheben. Meine Firma hat eine App programmiert, die über eine Künstliche Intelligenz Familienarbeit sinnvoll und fair organisiert. Wenn das gerechter verteilt wird, haben Frauen mehr Erfolg im Beruf.
Markt und Mittelstand: Wollen das denn alle, gerade wenn Geld keine Rolle spielt?
Paula Schwarz: Vielen Mädchen wird immer noch das Bild in den Kopf gesetzt, dass es gut ist, einem Mann im weißen Brautkleid hinterherzulaufen, einen Diamantring zu bekommen und dann zu Hause zu sitzen, um Kinder zu gebären und sich um den Haushalt zu kümmern. Man muss dagegen ankämpfen.
Markt und Mittelstand: Ich könnte Sie jetzt fragen, ob Sie nun als dreifache Mutter von kleinen Kindern ruhiger werden. Aber einen Mann würde ich das vermutlich nicht fragen.
Paula Schwarz: Schon okay. Ich werde weiterhin laut sein. Ich würde auch gerne in die Politik gehen mit dem Thema, einfach eine Bahn legen, eine Struktur aufsetzen und gut durchorganisieren. Bei dem, was gerade in der Welt passiert, wäre es einfach erbärmlich, wenn meine Generation nicht laut wird.
Markt und Mittelstand: Heißt konkret?
Paula Schwarz: Wir müssen unsere Haushalte optimieren, unser Bildungssystem. Auch mit Künstlicher Intelligenz, aber vor allem mit Freude an der Veränderung. Vor allem wir Frauen müssen mehr an uns selbst glauben. Und dann werden wir auch gehört. Donald Trump kommt ja auch nur so weit, weil er laut ist, weil er an sich glaubt und höchst risikofreudig ist. Deutschland ist einfach nicht risikofreudig genug.
Markt und Mittelstand: Es mangelt nicht an Geld in Deutschland. Viele Milliarden hängen in Familienvermögen fest.
Paula Schwarz: Die Leute wollen einfach nicht zurückgeben, leider. Wir brauchen in Deutschland eine Kultur der Zusammenarbeit und des Verstehens von neuen Ideen. Der Feierabend ist so ein klassisches deutsches Prinzip. Dass man eben in die Fabrik geht, arbeitet, und dann kommt man abends nach Hause, trinkt sein Feierabendbier und ist fertig. Dabei geht einfach sehr viel mehr. <<
Die Kämpferin
Paula Schwarz, Jahrgang 1990, wuchs in einer Milliardärsfamilie auf. Sie studierte Politikwissenschaften und Financial Management, war früh für Human Rights Watch und als EU-Fördermittelberaterin tätig. 2015 gründete sie Startup Boat. In ihrem Buch „Unbezahlbar“ berichtet sie von einem „unsichtbaren Gefängnis aus Erwartungen, Traditionen und Regeln“, in dem sie groß wurde. Unter Alkoholeinfluss wurde die damals 18-Jährige dazu gedrängt, eine Generalvollmacht zu unterschreiben, die Vermögensfragen auf ihren Vater übertrug. Obwohl sie die Vollmacht 2017 zurückziehen konnte, hat sie noch immer keine Entscheidungsmacht über Vermögenswerte, die ihr rechtlich gehören.
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