Wie ein Münchner Tech-Unternehmen die Forschungszulage automatisiert – und rasant wächst
| Björn Hartmann | Lesezeit: 3 Min.
Automatisierte Forschungsdokumentation: Innoscripta bündelt Daten, reduziert Aufwand und wächst international.
Selbst für die unkomplizierte Forschungszulage sind Belege nötig. Innoscripta hat eine einfache Lösung entwickelt – dank eines Chefs mit Hang zu Leistung.
von Björn Hartmann für Markt und Mittelstand
Innovation treibt viele Mittelständler an. Forschung ist dafür wichtig, aber niemand schreibt gern umfangreiche Dokumentationen. Eine echte Marktlücke, dachte sich Michael Hohenester: Wie wäre es mit einer Software, die die Dokumentation einfach übernimmt? So gründete er Innoscripta in München. Doch eine Idee allein reicht meist nicht, um sehr erfolgreich zu sein. In diesem Fall kommen ein besonderer unternehmerischer Drang und ein unbedingter Leistungsansatz hinzu – für die Mitarbeiter und den Chef selbst.
Hohenesters Terminkalender ist in 15-Minuten-Abschnitte eingeteilt. Er bringt in dieser Zeit mehr Informationen unter als andere in einer Stunde. Mindestens. So dynamisch er bei allem rund um die Firma wirkt, so zurückhaltend ist er sonst. Zum Beispiel gibt es keine Bilder von ihm oder seinem Finanzchef, nicht einmal vom Börsengang des Unternehmens, üblicherweise ein Termin mit lachenden Managern, die die Startglocke schwingen. „Unser Motto: Wir wollen geräuschlos gut arbeiten. Wir wollen ein gutes Produkt liefern und Mehrwert stiften.“
Das Produkt erspart Unternehmen Bürokratie, wenn sie die Forschungszulage erhalten wollen. Mit dieser fördert der Staat Forschung und Entwicklung. Es gibt die Zulage in zahlreichen Ländern, in Deutschland seit 2020. Ein Antrag bei der sogenannten Bescheinigungsstelle Forschungszulage reicht, mit dem entsprechenden Siegel berücksichtigt das Finanzamt die Forschungsausgaben bei der Steuererklärung. Aber: „Wenn der Staat es zu einfach macht, an Geld zu kommen, gibt es Missbrauch“, sagt Hohenester. „In Deutschland gab es bei der Forschungszulage deshalb von Anfang an eine strikte Pflicht zur Dokumentation. Und es wird auch kontrolliert.“ Wer falsche Angaben macht, hinterzieht womöglich Steuern. Das kann teuer werden.
Und jetzt wird es kompliziert. Denn oft sind viele Personen nur kurze Zeit an einem Forschungsprojekt beteiligt. Und: „Im Unternehmen läuft Forschung viel über Tools. Zehn bis 20 verschiedene Softwaretools sind häufig parallel im Einsatz“, sagt der Innoscripta-Chef. „Allein Personalabteilung, Taskmanagement, Projektmanagement, Zeiterfassung nutzen schon mal vier verschiedene Programme. Dazu sind die Daten an vielen verschiedenen Stellen gespeichert.“ Bisher versuchen die meisten Unternehmen, mit einer Excel-Tabelle den Überblick zu halten. Hier setzt Innoscripta an.
„Die Dokumentation ist unsere Spezialität“, sagt Hohenester. „Unsere Software greift auf die verschiedenen Datentöpfe und Programme zu und liefert einen Überblick und eine einheitliche Schnittstelle. Am Ende steht die fertige Dokumentation. Es lässt sich praktisch auf Knopfdruck anzeigen, wer wann, wie lange und wo am Forschungsprojekt gearbeitet hat – und was das alles gekostet hat.“ Kunden sind derzeit hauptsächlich größere mittelständische Unternehmen. Dort gehe es in der Forschung meist um größere Summen, sagt Hohenester. „Sehr kleine Firmen kommen oft noch mit Excel klar.“ Ein Viertel der Kunden sind internationale Konzerne mit verschiedenen Standorten. Hier soll das Geschäft ausgebaut werden. Insgesamt setzen rund 2100 Firmen bereits auf die Software. Und es werden mehr.
„Geld sparen“ lockt
Das Unternehmen wächst kräftig. 2022 setzten die Münchener rund 27,3 Millionen Euro um, 2024 waren es gut 64,7 Millionen Euro. Der Gewinn vor Steuern und Zinsen betrug 37,3 Millionen Euro. Und Hohenester setzt weiter auf Wachstum. „Wir konzentrieren uns derzeit auf Deutschland, haben aber schon Erfahrungen in den Niederlanden, Frankreich und Österreich gemacht. Aktuell bereiten wir einen Markteintritt in den USA vor.“ Dass das Unternehmen aus Deutschland kommt, ist für Hohenester ein Vorteil. „Wir haben das in Deutschland mit deutscher Gründlichkeit für die deutsche Komplexität erfunden. Das funktioniert auch woanders.“
Die Vertriebsstrategie folgt einer klaren Linie: „Wir wenden uns meist an den oder die CFO in einem Unternehmen“, sagt Hohenester. „Das Argument: Du kannst Forschung und Entwicklung monetarisieren. Und Geld sparen.“ Darauf springen Finanzchefs in der Regel an. Schon ist Innoscripta im Gespräch. Das Unternehmen setzt auf eigenen Direktvertrieb, um nicht auf Dienstleister angewiesen zu sein. „Wir holen dafür Studenten von den Universitäten und bilden sie aus.“ Nicht unbedingt der übliche Ansatz, aber der Chef hat gern die Kontrolle und hofft auf den Leistungswillen der Studenten.
Hohenester hat Betriebswirtschaft in München sowie kurzzeitig in Singapur studiert und „wollte schon immer Unternehmer werden“. Die erste Firma berechnete aus 2D-Ultraschalldaten ein 3D-Modell, um Schlaganfälle vorherzusagen. So richtig kam das nicht in Gang, es erwies sich als zu komplex. Aber in dem Unternehmen sammelte er Erfahrung mit öffentlichen Förderanträgen für Forschung und Entwicklung. Daraus entstand die Idee für Innoscripta. Hohenester startete das Unternehmen 2012, ohne Investoren und diesmal auch ohne Mitgründer. Die Software kam 2021 auf den Markt.
Jetzt hat er es mit den ganz Großen zu tun. „Unsere Hauptkonkurrenten sind große Berater wie KPMG, EY, Deloitte und PwC.“ Allerdings sieht er sein Unternehmen klar im Vorteil beim Forschungsthema. „Wir sind die einzige Firma weltweit, die die Daten automatisiert findet, verknüpft, aufarbeitet und vereinfacht.“ Anders als die großen Berater ist Innoscripta bisher nur Experten bekannt, das wollte Hohenester ändern. „Wir sind auch deshalb an die Börse gegangen, um sichtbarer zu sein.“ Seit dem Frühjahr 2025 ist die Firma in Frankfurt notiert.
Geld wird mit Lizenzgebühren verdient. Sie fließen nur, wenn der Kunde die Forschungszulage auch bekommt, also wenn der Einsatz der Software erfolgreich war. Das folgt einem Grundsatz Hohenesters im Unternehmen. „Wir belohnen Leistung.“ Entsprechend ist das Gehaltssystem organisiert. Das fixe Basisgehalt ist vergleichsweise niedrig, die variable Komponente dagegen relativ hoch. Dafür sind klare Vorgaben nötig. „Wir versuchen, für jeden Mitarbeiter klare Ziele zu formulieren, etwa, wie viele Telefonanrufe ein Vertriebler im Monat machen sollte“, sagt Hohenester. „Wer viele gute Verträge abschließt, wird befördert. Das geht auch sehr schnell.“
Und noch eine Besonderheit gibt es. „Das Basisgehalt zahlen wir in bar. Vom Netto des variablen Gehalts müssen die Mitarbeiter zwei Drittel Aktien erwerben und eine Haltefrist einhalten, sonst gibt es keinen Bonus. So wollen wir die Mitarbeiter auch langfristig binden.“ Bei einigen, die zum Börsengang schon dabei waren, zahlte sich das besonders aus. Sie sind zu Millionären geworden, wie Hohenester stolz sagt. Ganz hat er die Kontrolle bisher nicht abgegeben. Er hält 54 Prozent der Aktien direkt und acht Prozent mittelbar, Finanzchef Alexander Meyer, ein Mitstreiter fast der ersten Stunde, weitere rund 14 Prozent. Fünf bis sechs Prozent gehören den Mitarbeitern, der Rest ist in Streubesitz. Innoscripta beschäftigt 450 Mitarbeiter, davon 120 IT-Ingenieure.
Derzeit bieten Hohenester und sein Team nur die Software für F&E-Steuergutschriften an. Doch das ist nur ein Teil der Software, die Innoscripta entwickelt hat. Tatsächlich arbeitet das Unternehmen mit einer eigenen Planungs-, Kommunikations- und Controllingsoftware, die weit über das Programm für die Forschungszulage hinausgeht. Für den Chef ist klar: Da geht noch deutlich mehr.
Faktenbox
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Innoscripta automatisiert die Dokumentation für die Forschungszulage, indem die Software Daten aus 10–20 Unternehmens-Tools bündelt und Projektdetails strukturiert ausgibt. Rund 2100 Unternehmen nutzen das System, vor allem größere Mittelständler und internationale Konzerne.
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Seit 2021 am Markt, verfolgt das Münchner Unternehmen eine klare CFO-First-Vertriebsstrategie und setzt auf Direktvertrieb mit selbst ausgebildeten Studenten. Die Lösung zeigt präzise, wer wann wie lange woran gearbeitet hat – inklusive Kosten.
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Das starke Wachstum (Umsatz 27,3 Mio. Euro → 64,7 Mio. Euro innerhalb von zwei Jahren) treibt die Expansion: Nach Niederlanden, Frankreich und Österreich folgt der Markteintritt in die USA.
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Das Geschäftsmodell beruht auf ergebnisorientierten Lizenzgebühren, die nur fällig werden, wenn Kunden die Forschungszulage erhalten. Die Mitarbeiter werden über hohe variable Gehaltsanteile und Aktienpflicht-Boni langfristig gebunden. Seit 2025 ist Innoscripta börsennotiert;
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Gründer Michael Hohenester hält die Mehrheit. Konkurrenz kommt von großen Beratungen wie KPMG, EY, Deloitte und PwC, doch Innoscripta sieht sich als einziger Anbieter, der eine vollständig automatisierte Datenverknüpfung ermöglicht – mit Potenzial für weitere Softwareprodukte.
Kurz & Knapp
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Innoscripta: 2012 gegründet, Software zur automatisierten Forschungsdokumentation seit 2021.
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Bundelt Daten aus 10–20 Tools und erstellt die Dokumentation auf Knopfdruck.
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2100 Kunden, vor allem größere Mittelständler und Konzerne.
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Umsatzwachstum: 27,3 Mio. € (2022) → 64,7 Mio. € (2024).
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Markteintritt USA in Vorbereitung.
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Geschäftsmodell: Gebühren nur bei erfolgreicher Forschungszulage.
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Börsennotiert seit 2025; Gründer Hohenester hält Mehrheit.
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450 Mitarbeiter, davon 120 IT-Ingenieure.
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Hauptkonkurrenz: KPMG, EY, Deloitte, PwC.
Der Beitrag erschien in der Dezember-Ausgabe von Markt und Mittelstand 2025
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