Insolvenzprävention in Deutschland: Strategien für Krisenbetriebe 2025
| Midia Nuri | Lesezeit: 6 Min.
Insolvenz verhindern? Wer früh mit Banken und Versicherern spricht, kann das Ruder oft noch herumreißen – Experten verraten, wie.
Krisen kommen derzeit gehäuft. Viel hängt für Unternehmer davon ab, wann sie mit Banken oder Warenversicherern sprechen. Experten raten: so früh wie möglich.
von Midia Nuri für Markt und Mittelstand
Selbst für gestandene Unternehmerinnen und Unternehmer sind die Zeiten höchst beunruhigend. Für viele laufen die Geschäfte nicht. In den Nachrichten tauchen selbst bekannte Namen auf, von denen kaum jemand erwartet hatte, dass es sie erwischt, eine Restrukturierung nötig wird oder gar eine Insolvenz. Esprit. Gerry Weber. Loewe. The Body Shop. Kettler. Peek & Cloppenburg. Thomas Cook. Autozulieferer Eisenmann. Druckmaschinenhersteller Koenig & Bauer. Allgaier, der Autozulieferer, den der ehemalige Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt an chinesische Investoren verkaufte. Märklin. Klangvolle Namen. Und es werden mehr. Doch es lässt sich rechtzeitig gegensteuern, wie die Diskussion eines Expertenteams zeigt. Mit dabei im Insolvenzboard von Markt und Mittelstand: Lucas F. Flöther, Britta Habekost, Britta Hübner, Bernd Reich und Karsten Schulze.
2024 sind so viele Unternehmen pleite gegangen wie lange nicht mehr: 21.812 zählt das Statistische Bundesamt, 16,8 Prozent mehr als im Vorjahr. Bereits 2023 mussten 18.100 Unternehmen Insolvenz anmelden, schon damals ein historisches Plus von mehr als 23 Prozent. Es dürften mehr werden. Die Zahlen mögen hoch scheinen, es war aber schon schlimmer. 2010 und 2011 gab es mehr als 30.000, 2004 waren es fast 40.000 Unternehmensinsolvenzen. Dennoch: „Die Lage der insolventen Unternehmen ist derzeit besonders schwierig“, sagt Lucas F. Flöther, Fachanwalt für Insolvenz- und Sanierungsrecht bei der Kanzlei Flöther & Wissing in Halle (Saale). „Eine wachsende Zahl insolventer Unternehmen hat zu wenig Substanz und es fehlt an einem zukunftsfähigen Geschäftsmodell.“ Das schränkt die Sanierungsmöglichkeiten ein. „Die Insolvenzmassen sind kleiner geworden und damit die Chancen auf Sanierung“, sagt Flöther. „Deshalb erwarten wir auch verhältnismäßig mehr Liquidationen als in den bisherigen Jahren, in denen viel saniert werden konnte.“
Immer schwieriger wird es nach Erfahrung des Insolvenzverwalters, Investoren zu finden, die insolvente Betriebe übernehmen und fortführen. „In bestimmten Branchen – zum Beispiel Automobilzulieferer – hatten wir früher in der Endrunde eines Investorenprozesses mindestens drei Bieter“, sagt Flöther. „Heute sind wir froh, wenn wir einen haben.“ In manchen Branchen sieht es noch schlechter aus. „Im Einzelhandel oder bei Krankenhäusern finden Sie beispielsweise in vielen Fällen überhaupt keine Käufer mehr“, berichtet Flöther. „In der Bauindustrie oder bei Immobilienunternehmen stehen die Chancen noch etwas besser, auch wenn man im Moment natürlich nicht die Preise erzielt, die Sie vor wenigen Jahren noch verlangen konnten.“
Zombifizierung im Markt
Hinzu kommt, dass viele Unternehmen die nötige Sanierung zu lange verschleppt haben, ist der Insolvenzfachanwalt überzeugt. „Wir beobachten bei vielen Pleite-Unternehmen eine regelrechte Zombifizierung, die zumeist auf die Corona-Zeit zurückzuführen ist“, sagt Flöther. „Die Aussetzung der Insolvenzantragspflichten, staatliche Hilfen, billiges Geld“, zählt er als Gründe auf. Zahlreiche Unternehmen, die schon lange kein tragfähiges Geschäftsmodell mehr hatten, steuerten viel zu spät gegen. „Statt den längst überfälligen Insolvenzantrag zu stellen, sind diese Unternehmen quasi als Untote im Markt geblieben.“ Der Insolvenz- und Sanierungsfachmann beobachtet das quer durch alle Branchen. „Dadurch haben sie auch den Wettbewerb verzerrt.“
Menschlich ist es verständlich, ein bisschen zu lange abzuwarten. Schließlich will kein Unternehmer in die Insolvenz. Aber kontraproduktiv ist es auch, da sind sich die Insolvenzfachleute einig. Und obwohl es der wichtigste Rat aller Sanierungsexperten ist, sich früh zu kümmern, tun es die Unternehmen ihrer Erfahrung nach eben nicht. „In den leider seltensten Fällen kommt das Unternehmen von sich aus“, stellt Britta Hübner von Hübner Management aus Grünwald fest. Sie steht Unternehmen in der Krise entweder als Chief Restructuring Officer (CRO) an der Seite oder berät als Sanierungsexpertin in Sondersituationen. „Oft ist es leider so, dass das Unternehmen erst mal zu der Erkenntnis getrieben werden muss, dass es ein Problem hat“, sagt Hübner.
„In den letzten Jahren antizipieren die Unternehmen die Problematik schon früher“, beobachtet dagegen Karsten Schulze, Senior Partner und Vorstandsmitglied bei der Turnaround-Beratungsgesellschaft FTI-Andersch aus Frankfurt. „Das ist oft getrieben durch Anwälte.“ Häufig auch durch die Banken. „Banken haben in den letzten Jahren daran gearbeitet, Früherkennungssysteme zu verbessern und Krisen früher zu erkennen, um wirksam gegensteuern zu können“, berichtet Schulze. „Wie erkennt man früh genug eine Krise, ohne dass erst Banklinien komplett ausgenutzt sind?“ Was sind erste Signale, wofür muss man sensibel sein?
„Wir sind in den meisten Fällen die, die es als Erste mitbekommen, wenn es Schwierigkeiten gibt“, stellt Britta Habekost fest. Sie ist bei der Norddeutschen Landesbank als Head of Restructuring Wholesale verantwortlich für nationale und internationale Restrukturierungen. Hinweise bekommt sie typischerweise aus dem Bereich, der für die Bank die guten Kredite betreut. „Bei nachhaltigen Schwierigkeiten übernehmen wir das Unternehmen und würden uns die Situation anschauen“, sagt Habekost. Als Zweites schickt sie Experten in die betreffende Firma. „Ich beauftrage dann eine Unternehmensberatung damit, die Liquiditätssituation beleuchten zu lassen und auch zu schauen, ob die Liquidität ausreichend ist für 90 Prozent der Verbindlichkeiten in den nächsten 13 Wochen.“
„Als Erstes schauen wir uns immer die Liquiditätsplanung an – wenn sie im Unternehmen verfügbar ist“, sagt Schulze. Dann gilt es kurzfristig, wesentliche Fragen zu klären: Wie groß ist das Problem? Gibt es zusätzlichen Geldbedarf? Wie kann man das Problem lösen? Die Berater begleiten dann auch die Bankgespräche und entwickeln Maßnahmen. „Erst einmal solche, mit denen sich Liquidität aus eigenen Ressourcen generieren lässt“, sagt Schulze – Bestände abbauen, Einkauf optimieren, fällige Forderungen eintreiben.
„Hat das Unternehmen eine Zukunftsperspektive? Wie sieht die Liquidität aus? Was für Maßnahmen werden ergriffen?“ führt Restrukturierungsbankerin Habekost weiter aus. „Und da fällt auch oft auf, dass das Management nicht gut aufgestellt ist, denn in den meisten Fällen – fast 80 Prozent, die wir sehen – liegt das Problem beim Management“, sagt sie. „Da kommt dann Britta Hübner ins Spiel.“ Die Interimsmanagerin. „Wir stellen dann fest, dass das Unternehmen entweder viel mehr Liquidität hat als gedacht oder viel weniger als gedacht, aber niemals die Liquidität, die einem gesagt wird, dass es sie hat“, sagt Hübner.
Überraschende Geldfunde
Auch sie schaut als Erstes im Detail auf die Finanzsituation. „Und wenn es international aufgestellte Konzerne sind, lassen wir uns natürlich auch die Kontostände aus den Tochtergesellschaften geben“, sagt Hübner. „Die deutschen Banken können ja gar nicht anders, als erstmal auf die eigenen Konten zu gucken, und haben nicht unbedingt Zugriff auf das, was in der Welt so los ist.“ Oft finden sich dann Konten im Ausland, die vorher keiner kannte. „Wenn’s gut läuft, ist da auch Geld drauf“, sagt Hübner. „Wenn’s schlecht läuft, eben nicht, aber dann muss man natürlich versuchen, auch hier die Liquidität entsprechend auszustatten, möglichst akute Liquiditätsengpässe erst einmal entsprechend zu lösen.“ Ein wichtiger Grund mehr, früh das Gespräch mit den Banken, aber auch der Warenkreditversicherung zu suchen.
„Das ist so ein bisschen der Idealfall, dass das Unternehmen sehr frühzeitig kommt und auch noch Liquidität hat“, sagt Bernd Reich, Head of Special Risk Management der Warenkreditversicherung Coface. „Wir erleben in den letzten Jahren leider, dass die Unternehmen immer später informieren und es in mehreren Stufen dahinführt, dass man zum Schluss doch ein IDW-S6-Gutachten braucht.“ Damit lässt sich ein Unternehmen standardisiert durchleuchten. Oft stellt sich dann heraus, dass die Schwierigkeiten größer sind als gedacht. „Also zumindest bei den Fällen, die ich auf den Tisch bekomme“, sagt Reich. „Da ist es eine besondere Herausforderung, die Finanzierung noch hinzubekommen oder überhaupt alle Stakeholder an einen Tisch und entsprechend für die Unterstützung zu motivieren“, sagt Reich.
Das ist im Moment leider der Regelfall: Dass ein Verkauf oder die Fortführung kaum noch möglich sind, weil die Firma so ausgezehrt ist. „Das Kapital ist nicht mehr da und man hat quasi keine sechs Monate mehr Zeit, um überhaupt noch eine Fortführung sinnvoll vorzubereiten und zu bewerkstelligen“, sagt Coface-Risikochef Reich.
Natürlich gibt es auch die Fälle, bei denen es nur unnötige Unruhe bringen würde, die Warenkreditversicherer zu informieren. „Zum Beispiel bei den positiven Fällen, bei denen tatsächlich nur eine Fortführungsfinanzierung benötigt wird oder eine Investition für eine neue Fabrik oder eine neue Maschine und so weiter“, sagt Reich. „Da müssen wir tatsächlich nicht mit dabei sein.“ Den schmalen Grat zu finden, ob und wann der Kontakt zu den Warenkreditversicherern sein muss, ist für Unternehmer erfolgsentscheidend. Im Zweifel hilft auch hierbei das Mantra aller Insolvenzfachleute: lieber zu früh als zu spät.
„Wenn wir als Warenkreditversicherung über die Lieferanten erfahren oder von anderen Marktteilnehmern, die gar nicht direkt mit dem Unternehmen in Verbindung stehen, dass die Banken schon zwei Termine hatten und noch nicht klar ist, wie kritisch die Situation ist, dann kann es natürlich sein, dass wir schon mal reagieren, ja“, bestätigt Reich die Befürchtungen. „Dann passen wir die Limits an, um schon mal einen Pflock einzuschlagen und vielleicht auch den Druck auf der Unternehmensseite ein bisschen zu erhöhen, auch uns mehr in die Gespräche mit einzubinden“, führt Reich aus. „Aber bitte, das ist ja kein böser Wille, letzten Endes haben wir auch den Druck vom Markt.“ Ganz schlecht: Wenn ein Warenkreditversicherer mitbekommt, dass ein Wettbewerber schon ausgestiegen ist. „Wenn wir dann keine positiven Signale haben, keine aktuellen Bilanzunterlagen und aktuellen Zwischenzahlen, haben wir auch wenig Argumente, innerhalb unseres Konzerns zu begründen, warum wir das Ganze anders halten und entscheiden als unsere Wettbewerber.“
Nicht zu kommunizieren, befeuert demnach die, die am Erfolg zweifeln „Spätestens an Tag 1 des Sanierungsgutachtens ist meine erste Frage, ob man mit den Warenkreditversicherern spricht“, sagt Schulze. Das kann beunruhigen. Dennoch empfiehlt es der Berater. „Die Warenkreditversicherer außen vor zu lassen, ist in liquiditätsengen Situationen sehr gefährlich.“
„Natürlich wollen wir den Schaden nicht selbst herbeiführen, indem wir den Stecker ziehen“, beruhigt Warenkreditversicherungsmann Reich. „Sobald es sich um eine Restrukturierung handelt, ist es meines Erachtens zwingend erforderlich, dass wir mit eingebunden werden.“ Der erste Schritt ist die Frage nach den Ursachen der Restrukturierung und der zweite ist dann in der Regel, dass die Vertreter der Warenkreditversicherung nach einem Sanierungsgutachten fragen. „Weil wir uns bezüglich der Anfechtungsthematik natürlich auch für den Worst Case absichern müssen“, erklärt Reich. Für den Fall, dass die Insolvenzabwicklung als letzte Lösung gewählt wird.
Es hat schon seinen guten Grund, dass sich Unternehmer die größtmögliche Kontrolle auch in der Insolvenz wünschen. „Nahezu jeder Geschäftsführer und Inhaber wünscht sich die Eigenverwaltung“, berichtet denn auch Insolvenzverwalter Flöther. „Die Hürden sind aber tatsächlich hoch. Eine der wichtigsten: frühzeitige Einleitung des Verfahrens, damit noch genug Substanz im Unternehmen ist, um die Sanierung zu finanzieren. Daran scheitert es leider oft.“ Das gilt umso mehr für das Verfahren nach dem Starug, dem Gesetz über den Stabilisierungs- und Restrukturierungsrahmen für Unternehmen, also die vorinsolvenzliche Sanierung. „Das liegt daran, dass die Sanierungsmaßnahmen noch minimalinvasiver für das Unternehmen sind“, weiß Flöther. Aber mal abgesehen davon, dass ein Starug-Verfahren nur bei einem reinen Schuldenproblem möglich ist, um die Fremdkapitalseite zu restrukturieren: „Hier gibt es noch höhere Hürden. Ein Starug-Verfahren muss vor allem noch frühzeitiger eingeleitet werden. Außerdem muss die Mehrheit der Gläubiger zustimmen, nämlich 75 Prozent“, sagt Flöther. Wer das will, muss die Voraussetzungen erfüllen.
Wer früh spricht, bekommt Ideen. Zum Beispiel: Zahlungsziele vereinbaren, Liquidität sparen, Working-Capital-Management optimieren, Sicherheitsbestände runterfahren, Forderungsmanagement hoch, Lieferanten später bezahlen, Reverse Factoring. Und frühzeitig das Gespräch mit der Bank suchen. „Früh und offen und vollständig“, sagt Bankerin Habekost. „Ich habe oft erlebt, dass man versucht, nur die halben Informationen zu geben, um noch etwas zu retten.“
Wo in der Krise Machtspiele laufen und Ansprechpartner im Unternehmen nicht kooperieren, ist das oft emotional getrieben, wie Sanierungsexpertin Hübner beobachtet. Aber das Highlander-Prinzip – es kann nur einen geben – sollten Unternehmen sich besser nicht leisten. „Ich verstehe, dass eine Krise oder gar drohende Insolvenz ein hochemotionales Thema ist“, sagt Hübner. Ihrer Erfahrung nach haben aber Machtspiele und Entscheidungen im Alleingang nie zu Erfolg geführt. Die zweite oder dritte Führungsebene sei die, die das Unternehmen oft am Laufen gehalten habe – bevor die Krise offenkundig geworden sei. „Die guten Mitarbeiter schauen sich Probleme zwei bis drei Monate an und sind dann weg, die bekommen sie auch danach nicht wieder“, gibt sie zu bedenken. „Flurfunk einfangen, kommunizieren, eine Betriebsveranstaltung, Transparenz“, rät sie. „Es geht darum, Ruhe und Zuversicht in das Unternehmen zu bekommen. Gut ist es, wenn alle Beteiligten versuchen, sachlich-rational an die Probleme heranzugehen.“
Schon früh sollten auch die unternehmerischen Angelegenheiten klar geregelt sein. Das zu unterlassen, ist ein klassischer Fehler in Familienunternehmen. „Vor 15 Jahren hätte ich gesagt, in 80 Prozent unserer Fälle ist eine unklare Nachfolge der Grund für kritische Unternehmenssituationen“, sagt Restrukturierungsberater Schulze. Das Problem ist nicht kleiner geworden. Es fällt nur weniger ins Gewicht, weil Krisen und Marktschwäche als Gründe für den Sanierungsfall so zugelegt haben. „Aber Nachfolge ist ein klassischer Treiber.“
Zentrale Fakten
- Insolvenzen 2024: 21.812 (+16,8 % zum Vorjahr)
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Insolvenzen 2023: 18.100 (+23 % zum Vorjahr)
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Spitzenjahre:
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2010/11 über 30.000 Fälle,
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2004 rund 40.000 Fälle
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Hauptursachen: Fehlende Substanz, schwache Geschäftsmodelle, Managementfehler
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Kritische Branchen: Automobilzulieferer, Einzelhandel, Krankenhäuser, Bau und Immobilien
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Expertenrunde: Lucas F. Flöther (Flöther & Wissing), Britta Habekost (NordLB), Britta Hübner (Hübner Management), Bernd Reich (Coface), Karsten Schulze (FTI-Andersch)
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Kernaussage: Frühe Kommunikation mit Banken und Warenkreditversicherern entscheidet über Überleben oder Scheitern
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Top-Risiko: „Zombifizierung“ durch verschleppte Sanierungen und staatliche Hilfen seit Corona
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Empfohlene Maßnahmen: Liquiditätsplanung, Working-Capital-Optimierung, frühes Sanierungsgespräch
Der Beitrag erschien in der November-Ausgabe von Markt und Mittelstand 2025
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