Mythen über Arbeit: Sind Deutsche faul, krank und überbezahlt – oder ist alles ganz anders?
| Thorsten Giersch | Lesezeit: 4 Min.
Wer ein guter Arbeitgeber sein will, sollte wissen, wie Beschäftigte und Markt ticken. Das Problem: Es gibt zahlreiche Mythen, die auch politisch ausgeschlachtet werden.
Von Thorsten Giersch für Markt und Mittelstand
Die Deutschen sind überdurchschnittlich faul, oft krank und wollen die Vier-Tage-Woche. Die Beschäftigten fühlen sich zu schlecht bezahlt und vom Arbeitgeber ausgenutzt.
Jeweils Mythos oder Realität?
Die Diskussionen kreisen um Halbwahrheiten, was Arbeitgebern die ohnehin schon schwierige Aufgabe, genug gute Beschäftigte zu binden und zu halten, erschwert. Deshalb haben wir gängige Mythen, Sprüche und Vorurteile über das Arbeitsleben gesammelt – und stellen sie in einer Mini-Serie auf den Prüfstand. Mit Zahlen, Studien und Fakten.
- Noch nie haben so viele Menschen gearbeitet
- Die Deutschen arbeiten weniger als früher
- Die Lust auf besondere Leistungen sinkt
- Die Deutschen sind immer häufiger krank
- Die Rechtsprechung ist aus der Zeit gefallen
- Wir Deutschen sind besonders produktiv
- Die Unternehmen finden keine guten Leute
- Wir Deutschen sind nicht flexibel genug
- Die Preise steigen schneller als die Gehälter
- Für Bürgergeldempfänger lohnt sich Arbeit nicht
- Die Griechen sind fleißiger als wir
Noch nie haben so viele Menschen gearbeitet
Das stimmt, auch wenn das Statistische Bundesamt Anfang Januar veröffentlichte, dass die Zahl der Erwerbstätigen in Deutschland 2025 zum ersten Mal nach einer langen Phase des Anstiegs gesunken ist – allerdings nur um 5000 bei insgesamt 46 Millionen. Langfristig betrachtet ist das immer noch Rekordniveau.
Ein zweiter Blick trübt die Freude entscheidend: In der Privatwirtschaft verloren 210.000 Menschen den Job, dort sind jetzt noch 33,6 Millionen beschäftigt. Dafür nahm die Zahl der Beschäftigten im öffentlichen Dienst sowie im Sozial- und Gesundheitswesen zu und glich das Minus weitgehend aus.
Im verarbeitenden Gewerbe waren Ende 2025 noch 7,25 Millionen Personen beschäftigt – 160.000 weniger als ein Jahr zuvor. Seit 2019 gingen in der Industrie mehr als eine halbe Million Jobs verloren. Dafür wird dort eingestellt, wo die Tätigkeiten überwiegend mit öffentlichem Geld finanziert werden, also aus Steuern und Sozialabgaben. Diese Tendenz ist nicht neu und zeigt, dass sich die Strukturkrise der deutschen Wirtschaft auf den Arbeitsmarkt auswirkt. Bei der Bundesagentur für Arbeit steigt die Zahl der Arbeitslosen.
Die Deutschen arbeiten weniger als früher
Das ist falsch: 2024 lag die Zahl der geleisteten Arbeitsstunden hierzulande bei 61,4 Milliarden und damit nur minimal unter dem Allzeitrekord von 2023. Außerdem fällt heute deutlich mehr Pflege- und Hausarbeit an, sodass die Deutschen in Summe deutlich mehr arbeiten als früher. Unter den gegebenen Bedingungen, vor allem bei Kinderbetreuung und Pflege, kann Arbeit kaum noch verdichtet werden. Dennoch wünschen sich Arbeitgeberverbände und auch Kanzler Friedrich Merz (CDU), dass die Deutschen mehr arbeiten. Andere fordern im Rahmen dieser emotional geführten Dauerdiskussion die Vier-Tage-Woche.
Grundsätzlich muss man wissen, dass die immer wieder zitierte OECD-Statistik ein schiefes Bild vermittelt: Danach liegt Deutschland bei den jährlichen Arbeitsstunden je Beschäftigten weit unten. Aber hierzulande arbeiten proportional auch sehr viele Menschen, vor allem sehr viele Frauen – nur eben in Teilzeit. Deshalb sank auch die durchschnittliche Arbeitszeit pro Deutschen von 38,4 Stunden in 1991 auf 34,3 Stunden Ende 2023. In diesem Zeitraum stieg der Anteil derjenigen, die in Teilzeit arbeiten, von 14 auf 31 Prozent. Insgesamt waren 2023 deutlich mehr beschäftigt als 1991. Vergleiche mit anderen Ländern sind allein schon deshalb schwierig, weil sie die Erwerbstätigenquote von Frauen nicht berücksichtigen, die hierzulande mit 74 Prozent ausgesprochen hoch ist.
Nun stimmt es auf den ersten Blick, dass die Deutschen früher mehr Überstunden gemacht haben. 2024 waren es 1,2 Milliarden, rund die Hälfte davon unbezahlt. 2005 ermittelten die Statistiker noch 1,75 Milliarden Überstunden. Damals wurde die Mehrarbeit aber anders berechnet. Heute wird eine zu viel geleistete Stunde in Kalenderwoche 3 mit einer frei genommenen Stunde in Kalenderwoche 4 verrechnet – damals ging sie noch in die Überstundenstatistik ein. Entsprechend unsinnig ist der historische Vergleich.
Viel sinnvoller als die Arbeitszeit pro Kopf hochtreiben zu wollen, sind strukturelle Lösungen wie der Ausbau der Kinderbetreuung oder bezahlbare Pflegeeinrichtungen. Privat- und Berufsleben auszutarieren, wird immer anspruchsvoller. Dass Menschen sich fragen, ob man in KI-Zeiten mit weniger Arbeitsstunden auskommen könnte, ist mehr als Bequemlichkeit, sondern ein Mix aus steuerlichen Fehlanreizen, Zweifel daran, ob sich Leistung lohnt, Ermüdung und Neubewertung dessen, was Lebensqualität bedeutet.
Die Preise steigen schneller als die Gehälter
Die Reichen werden immer reicher, die Armen ärmer, die Mitte dünnt aus. Und die Preise steigen schneller als mein Gehalt. Viele Deutsche hängen solchen Glaubenssätzen an, Politiker und auch Medientreibende bedienen sie gern. Es ist gefährlich, wenn die subjektive Wahrnehmung der Menschen zu stark von der Realität abweicht, denn dann wird Arbeitsmarktpolitik weniger konstruktiv. Im Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung schätzen die Befragten den Anteil der Armen in Deutschland auf ein Drittel, dabei ist er nicht einmal halb so hoch. Mehr als 90 Prozent glauben, dass es heute mehr Einkommensschwache gibt als früher. In Wirklichkeit ist deren Anteil deutlich gesunken. Der Anteil der Reichen wird dreifach überschätzt. Populismus lässt sich so leichter machen – ein guter Arbeitgeber zu sein, wird schwerer.
Wer in Vollzeit pro Monat 4100 Euro brutto verdient, ohne Zuschläge für Nacht-, Schicht- oder Wochenendarbeit und Sonderzahlungen, liegt nach Zahlen des Statistischen Bundesamtes genau in der Mitte. Eine Hälfte der Bevölkerung bekommt mehr, eine weniger. Zur Mittelschicht gehört in Deutschland, wer mindestens 2700 Euro und höchstens 6200 Euro brutto verdient. Gut 70 Prozent in Deutschland gehören dazu. Dieser Wert stieg sogar zuletzt. Die Mitte dünnt also nicht aus. Im europäischen Vergleich ist das deutsche Verdienstniveau im guten Mittelfeld. Eingerechnet der jeweiligen Lebenshaltungskosten verdienen nur Schweizer, Dänen, Norweger und Belgier spürbar mehr.
Angesichts der Tatsache, dass es Deutschland 2014 besser ging als heute, ist es erstaunlich, dass die Beschäftigten mit ihren Verdiensten heute besser dastehen als damals. Die Löhne stiegen im Langfrist-Vergleich deutlich stärker als die Inflationsrate. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung hat errechnet, dass die Kaufkraft sogar während der Hochinflation der vergangenen Jahre deutlich über der von 2010 bis 2019 lag.
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