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Führung & HR > Pharma & Politik

Pharmaindustrie als Leitindustrie: Politik und Mittelstand hoffen auf Neubeginn

| Thorsten Giersch

Die Bundesregierung macht Pharma zur Leitindustrie – Verbände schöpfen neue Hoffnung, trotz Bürokratie und Standortproblemen.

Allianz-Forum am Brandenburger Tor
Gelöste Stimmung: Vertreter der Pharmabranche und Politiker trafen sich in diesem Jahr im Allianz-Forum am Brandenburger Tor zum Austausch. (Foto: ©BPI/Rafalzyk)

09.09.2025 Markt und Mittelstand  - von Thorsten Giersch

Ein lauer Frühsommerabend in Berlin, die Oberen der Pharmaindustrie treffen sich im Allianz-Forum, direkt neben dem Brandenburger Tor. Moderator Frank Plasberg führt durch einen erstaunlich kurzweiligen Abend. Die gereichten Häppchen sind von ausgezeichneter Qualität, der Wein ist glänzend. Es gibt Schlimmeres an einem Montagabend. Gastgeber Oliver Kirst begrüßt die 350 Unternehmerinnen und Unternehmer sowie die anwesende Politik mit guter Laune. Der Vorsitzende des Bundesverbandes der Pharmazeutischen Industrie (BPI) darf Historisches berichten: Die neue Bundesregierung hat seine Branche im Koalitionsvertrag erstmals als „Leitindustrie“ bezeichnet, äußerst nützlich. 

Die Unternehmen seien ein Innovationsmotor und wichtig, um die Wirtschaftsleistung im Land zu fördern, sagt Kirst. „Auf der anderen Seite ist die pharmazeutische Industrie aber auch frustriert.“ Die Versorgungssicherheit sei gefährdet, weil die Produktion am Standort wegen der „überbordenden Regulatorik und Bürokratie nicht so läuft, wie wir uns das vorstellen“. Die pharmazeutische Industrie habe rund 35 Absatz- und Mengeneinschränkungen. Immer wieder betont Kirst, dass er aber zuversichtlich in die Zukunft schaut und hofft, „dass das, was wir im Koalitionsvertrag lesen, auch konkret umgesetzt wird“. Dass die Pharmaindustrie zur Leitindustrie deklariert wurde, sei „eine Anerkennung unserer Leistung als Innovationsmotor und Wirtschaftsfaktor“. In Zahlen bedeutet das zum Beispiel: Die mittelständisch geprägte Pharmabranche gibt 16 Prozent des Umsatzes für Forschung und Entwicklung aus. Platz eins unter allen Branchen und rund doppelt so hoch wie für die Branche auf Rang 2. 

Dass die Pharmafirmen in anderen Ländern wie Dänemark, Belgien oder Spanien dennoch kräftig wachsen und verdienen, ist aus Kirsts Sicht ein Thema der Industriepolitik, die in anderen Ländern eben ganz anders gemacht werde. „Natürlich sehe ich, dass wir über die letzten Jahre hier in Deutschland stark verloren haben“, sagt der Verbandschef. „In der klinischen Forschung dauern die Prozesse viel zu lange, weil es in den Genehmigungsverfahren einen zu intensiven Datenschutz gibt.“ Das föderalistische System sei da hinderlich. Die Folge: Wichtige Arzneimittel für Patientinnen und Patienten stünden später zur Verfügung. Deutschland war vor gar nicht langer Zeit Nummer 2 bei klinischer Forschung, heute ist es Nummer 7 – hinter Spanien. 

Woran das liegt, erklärt Richard Mark Engelhardt. „Es gibt zunehmende Anforderungen, die gerade für ein mittelständisches Unternehmen anspruchsvoll zu bewerkstelligen sind“, sagt der CEO von Engelhard Arzneimittel. Der Nachhaltigkeitsbericht etwa, die Sicherheitsbeauftragten, die Anforderungen an Zulassung, Veränderungen in Rezepturen. Und dass vieles davon eben auch unerwartet komme. „Ich würde mir auch mehr Freiheit bei der Preisgestaltung wünschen“, sagt der Familienunternehmer. Es gebe jetzt schon zu lange preisdämpfende Regelungen und Zwangsrabatte. „Wir zahlen für das Beitragssatz-Sicherungsgesetz mittlerweile im dreizehnten Jahr Geld, das uns bei Investitionen fehlen. Und zum Teil fehlt da auch die Rechtfertigung.“ Hier fordern praktisch alle Unternehmerinnen und Unternehmer eine Reform. „Wir wollen keine Subventionen, aber wir wollen keine Zwangsabgaben zahlen müssen, sondern an einem normalen Wettbewerb teilnehmen“, fasst Engelhard die Stimmung zusammen. 

BPI-Hauptgeschäftsführer Kai Joachimsen wird beim Thema Versorgungssicherheit konkret. „Es gibt tagtäglich bis zu 500 Arzneimittel, die einfach nicht verfügbar sind. Warum? Weil die nicht mehr produziert werden können. Weil das preislich hierzulande nicht mehr auskömmlich ist.“ Die gegenwärtigen Ausschreibungspraktiken der Krankenkassen würden seit Jahren nicht funktionieren. „Wenn man immer nur das günstigste Arzneimittel in der Ausschreibung akzeptiert, dann wird man natürlich eine Preisspirale nach unten erzielen.“ Die gebe es inzwischen seit mehr als zehn Jahren. Der durchschnittliche Erstattungspreis für ein generisches Arzneimittel liege in Deutschland pro Tag bei sechs Cent. „Für das Geld bekommen Sie keinen Kaugummi.“ Zu solchen Preisen könne man in Deutschland nicht mehr produzieren. Mit der Folge, dass die Unternehmen dann abwandern: „Wir produzieren zu wenig in Deutschland, weil wir uns das nicht leisten können, weil die Erstattungs- und Ausschreibungsmodalitäten nicht passend sind“, erklärt Joachimsen. 

Klaus Holetschek, Vorsitzender der CSU-Fraktion im Bayerischen Landtag und langjähriger Staatsminister für Gesundheit und Pflege in Bayern, sieht diese Herausforderungen auch. „Der Wunsch, wieder mehr Produktion hierher zu holen, ist ein frommer Wunsch. Wir müssen froh sein, wenn wir die, die hier sind, erst mal pflegen und ihnen die richtigen Rahmenbedingungen geben, damit sie am Standort bleiben.“ Es brauche Gesetze, „die vernünftig funktionieren.“ Damit meint Holetschek unter anderem das Arzneimittel-Marktneuordnungsgesetz (Amnog), das 2011 in Kraft trat und die Preisgestaltung für neue patentgeschützte Medikamente in der gesetzlichen Krankenversicherung regelt. Das Amnog müsse mit der Industrie zusammen weiterentwickelt werden statt „im Hinterzimmer vollendete Tatsachen zu schaffen“, sagt der Politiker. ­Umweltpolitik sei zwar richtig und wichtig, „aber was nützt mir die beste Umweltpolitik, wenn wir dann Medikamente für die Menschen fehlen?“ 

Detschland übertrumpft die USA

Blümerant oder bedroht

Diese Themen kennt Gitta Connemann genau. Die CDU-Politikerin ist parlamentarische Staatssekretärin im Bundeswirtschaftsministerium von Katherina Reiche (CDU). Dass die Pharmabranche nun als Leitindustrie gilt, sei ein mutiges Bekenntnis der neuen Regierung, „aber am Ende muss aus einem Sonntagswort auch ein politisches Alltagshandeln werden.“ Daran habe es in den vergangenen Jahren zu lange gehapert, womit Connemann explizit auch die Jahre unter CDU-Regierungsverantwortung einbezieht. In den letzten dreieinhalb Jahren sei ein großes Misstrauen gegenüber der Branche hinzugekommen und eine Politik, „die sich ein Stück anhand von Ideologie organisierte und nicht auf der Grundlage von Zahlen, Daten und Fakten.“ Ihr Eindruck als Mittelstandsbeauftragte der Bundesregierung sei, dass viele Verantwortliche in den Betrieben inzwischen „blümerant oder manchmal auch existenziell bedroht“ zumute sei. „Wir wissen, dass wir die Standortfaktoren verbessern müssen. Wir wollen sie in Deutschland behalten. Bitte bleiben Sie!“ ruft Connemann den Unternehmern im Saal zu, die da an diesem Abend im Allianz-Forum stehen. 

Natürlich schauen die Manager der Pharmabranche auch ins Ausland: nach Brüssel, wo viele der unbeliebten Verordnungen ursprünglich herkommen, und in die USA. Die US-Regierung droht den Arzneimittelherstellern mit Zöllen. Connemann nimmt das Thema an diesem Abend auf und spricht von einem „Damoklesschwert, das über der Branche hängt. Deshalb berücksichtigen die EU und Deutschland die Belange des Pharmasektors auch bei der Überlegung zu möglichen Gegenmaßnahmen der EU.“ Da sind die Hersteller bei Wein und Häppchen noch zuversichtlich. 

Inzwischen ist klar, wie es die Branche trifft, zumindest für den Augenblick. Der US-Präsident ist bekannt dafür, Entscheidungen im letzten Moment zu ändern, Ausnahmen zu verkünden oder alles anders gemeint zu haben. Ende Juli jedenfalls kündigte die US-Regierung Importzölle von 15 Prozent auf Medikamente an. Ausgenommen werden nur Generika. Bislang wurden auf pharmazeutische Produkte keine Zölle erhoben. Zur Einordnung: Kein Wirtschaftszweig der EU liefert mehr Waren in die USA als die Pharma­branche. Die Regel trifft auch US-Unternehmen, die in Europa fertigen. 

Am Ende des parlamentarischen Abends des BPI klärt sich auch auf, warum eine Karte mit roter und grüner Seite unter den Stühlen im Saal liegt: Jeder und jede möge bitte sagen, ob man angesichts der Haltung der neuen Regierung zur ­Branche investieren wolle. Der Moderator sieht fast nur grün. Na bitte, das hätte es vor einem Jahr nicht gegeben. Aber noch ist es lediglich ein ­Zeichen der Hoffnung. Nicht mehr und nicht weniger. <<

Hohe Forschungsausgaben

Infokasten: Pharma als Leitindustrie

  • Politischer Durchbruch: Erstmals wird die pharmazeutische Industrie im Koalitionsvertrag als Leitindustrie anerkannt.
  • Innovationskraft: Die Branche investiert 16 % ihres Umsatzes in Forschung & Entwicklung – Spitzenwert aller Industrien.

  • Standortproblem: Bürokratie, Datenschutzauflagen und das föderalistische System bremsen klinische Forschung. Deutschland fiel von Platz 2 auf Platz 7 im internationalen Ranking zurück.

  • Industriepolitik: Länder wie Dänemark, Belgien oder Spanien fördern deutlich stärker – mit spürbaren Wachstumsfolgen.

 

Faktenbox: Preisdruck & Versorgungslücken

  • Engpass: Bis zu 500 Medikamente täglich nicht lieferbar – Preis- und Ausschreibungsmodelle machen die Produktion unattraktiv.

  • Preis-Spirale: Generika werden im Schnitt mit 6 Cent pro Tag vergütet – „dafür bekommt man keinen Kaugummi“ (BPI).

  • Zwangsrabatte: Das Beitragssatz-Sicherungsgesetz belastet Unternehmen seit über einem Jahrzehnt – Investitionen bleiben aus.

  • Reformbedarf: Unternehmer fordern faire Wettbewerbspreise statt Zwangsabgaben sowie eine Weiterentwicklung des Amnog-Gesetzes.

 

Große Politik

Oliver Kirst, Vorsitzender des Bundesverbands der Pharmazeutischen Industrie (BPI) und Chef von Servier Deutschland (v. l.), Gitta Connemann (CDU), Mittelstandsbeauftragte der Bundesregierung, Klaus Holetschek, CSU-Fraktionsvorsitzender im bayerischen Landtag, und BPI-Hauptgeschäftsführer Kai Joachimsen. 

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