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Studien & Forschung > Kleinstunternehmen

Selbstständige spüren keine Erholung - Stimmung auf Rekordtief

| Markt und Mittelstand / red. | Lesezeit: 5 Min.

Die Wirtschaft wächst leicht – doch viele Selbstständige profitieren nicht. Eine aktuelle Umfrage zeigt eine deutliche Verschlechterung.

Schreibtisch - Laptop
Selbstständige zwischen Aufschwung und Realität: Bürokratie, Kosten und Unsicherheit prägen den Alltag vieler Unternehmer in Deutschland. (Foto: shutterstock)

Die deutsche Wirtschaft zeigt 2025 erste zaghafte Lebenszeichen. Mit einem minimalen Plus von 0,2 Prozent beim Bruttoinlandsprodukt scheint die Rezession formal überwunden. Doch was auf dem Papier wie ein Aufschwung aussieht, fühlt sich für viele Selbstständige eher wie eine optische Täuschung an. Im Alltag von Freiberuflern, Soloselbstständigen und kleinen Dienstleistern bleibt die Lage spürbar angespannt.

Auch die aktuellen Umfragedaten bestätigen dieses Bild: Der Selbstständigen-Report 2026 von WISO MeinBüro und dem VGSD zeigt, dass sich die wirtschaftliche Situation für viele weiter verschlechtert hat. Nur noch 46 Prozent der Befragten bewerten ihre Lage als gut oder sehr gut – nach 55 Prozent im Jahr 2024 und 60 Prozent im Jahr 2018. Wachstum findet also statt, aber längst nicht bei allen.

Flächendeckende Verschlechterung – mit wenigen Ausnahmen

Bemerkenswert – und in seiner Eindeutigkeit unerquicklich – ist der regionale Befund: In 15 der 16 Bundesländer berichten Selbstständige von einer Eintrübung ihrer wirtschaftlichen Lage. Allein Brandenburg erlaubt sich eine Abweichung vom Trend, eine leichte Aufhellung der Bewertung. Doch auch dort bleibt die Entwicklung langfristig negativ, verglichen mit dem deutlich höheren Zufriedenheitsniveau im Jahr 2018.

Das andere Ende der Skala markiert Thüringen, gewissermaßen das Sorgenkind im Tableau: Lediglich rund 37 Prozent der Selbstständigen bewerten ihre Lage noch als gut oder besser. Diese regionale Spreizung verweist auf strukturelle Unterschiede – aber auch auf eine insgesamt fragile Basis selbstständiger Erwerbsformen.

Geschäftsklima und politische Entfremdung

Noch deutlicher wird die Krise im subjektiven Empfinden: Rund 62 Prozent der Befragten bewerten das Geschäftsklima als schlecht oder sehr schlecht. Gleichzeitig erreicht die gefühlte mangelnde Wertschätzung durch die Politik einen neuen Höchststand: Etwa 90 Prozent fühlen sich wenig oder gar nicht respektiert.

Diese Zahlen markieren mehr als nur Unzufriedenheit – sie deuten auf eine tiefergehende Entfremdung hin. Während Selbstständige sich als tragende Säule der Wirtschaft verstehen, erleben sie politische Rahmenbedingungen zunehmend als Belastung statt als Unterstützung.
Ein zentraler Kritikpunkt ist die ungleiche Behandlung in der Sozialversicherung. Selbstständige tragen nicht nur den vollen Beitrag allein, sondern zahlen faktisch häufig auch höhere Bemessungsgrundlagen – ein System, das viele als strukturell benachteiligend empfinden.

Bürokratie, Steuern und die stille Drohung der Abwanderung

Die Konsequenzen dieser Entwicklung sind gravierend. Rund 38 Prozent der Befragten haben in den vergangenen zwei Jahren über Auswanderung nachgedacht, knapp sechs Prozent verfolgen bereits konkrete Pläne.

Die Haupttreiber sind eindeutig: Bürokratie, hohe Steuerlast und steigende Lebenshaltungskosten. Besonders das Steuerrecht wird als größte bürokratische Hürde wahrgenommen, gefolgt von Steuererklärungen, Statusfeststellungsverfahren und Buchführungspflichten. Hier zeigt sich ein strukturelles Problem: Zeit und Energie, die eigentlich in Innovation, Kundenbeziehungen und Wachstum fließen sollten, werden zunehmend durch administrative Anforderungen gebunden. Der Standort Deutschland droht damit nicht nur ökonomisch, sondern auch kulturell an Attraktivität für Selbstständige zu verlieren.

Scheinselbstständigkeit – ein unterschätztes Risiko

Ein weiteres zentrales Thema ist die Unsicherheit rund um Scheinselbstständigkeit. Obwohl nur etwa 16 Prozent der Befragten bereits ein entsprechendes Verfahren durchlaufen haben, sind die indirekten Effekte erheblich: Ein Viertel berichtet von verlorenen Aufträgen, weil Auftraggeber rechtliche Risiken scheuen.

Besonders problematisch ist das verbreitete Missverständnis über die Kriterien: Viele glauben, mehrere Auftraggeber würden automatisch vor einer Einstufung als scheinselbstständig schützen – ein Irrtum. Tatsächlich existieren keine klaren Positivkriterien für Selbstständigkeit, sondern lediglich Indizien für das Gegenteil. Diese Unsicherheit wirkt wie ein strukturelles Investitionshemmnis – sowohl für Auftragnehmer als auch für Auftraggeber.

Dass so viele Selbstständige über das Rentenalter hinaus arbeiten wollen oder müssen, hat zwei Seiten: Für viele ist Arbeit Teil ihrer Identität, für andere ist sie wirtschaftliche Notwendigkeit. Umso wichtiger ist es, faire Regeln zu schaffen.

Dr. Andreas Lutz, VGSD e.V.

Geschlechterunterschiede – und eine vorsichtige Annäherung

Auch 2026 zeigen sich deutliche Unterschiede zwischen männlichen und weiblichen Selbstständigen, insbesondere bei Umsatz und Arbeitszeit. Frauen planen im Durchschnitt geringere Umsätze und arbeiten weniger Wochenstunden.

Gleichzeitig gibt es jedoch eine bemerkenswerte Entwicklung: Der Anteil der Frauen mit höheren Stundensätzen steigt. Immer mehr selbstständige Frauen bewegen sich im Bereich von 76 bis 100 Euro pro Stunde – ein Fortschritt gegenüber früheren Erhebungen.
Dennoch bleibt die strukturelle Differenz bestehen, was auf eine Kombination aus Arbeitszeitmodellen, Branchenverteilung und möglicherweise auch weiterhin bestehenden Marktbarrieren hinweist.

Faktenbox zur Studie

  • Zeitraum: Dez 2025 – Feb 2026
  • Teilnehmende: 2.684 Selbstständige

Wirtschaftliche Lage

  • Nur 46 % bewerten ihre Lage als gut/sehr gut (2024: 55 %, 2018: 60 %)
  • In 15 von 16 Bundesländern Verschlechterung, Schlusslicht: Thüringen (≈ 37 %)
  • Ausnahme: Brandenburg (leichte Verbesserung auf 46 %)

Geschäftsklima & Politik

  • 62 % bewerten Geschäftsklima als schlecht/sehr schlecht
  • 90 % fühlen sich von Politik kaum oder nicht respektiert

Einkommen & Arbeit

  • Frauen planen geringere Umsätze als Männer
  • Durchschnittliche Arbeitszeit Männer: 37,9 Std./Woche
  • Durchschnittliche Arbeitszeit Frauen: 33,3 Std./Woche
  • Stundensätze steigen bei Frauen (mehrheitlich 76–100 €)

Nachdenken über Abwanderung - Hauptgründe

  • Bürokratie (41,6 %)
  • Steuern (~40 %)
  • Lebenshaltungskosten (>30 %)

Altersvorsorge & Rente

  • 55,6 % wollen über Rentenalter hinaus arbeiten
  • 85,5 % fordern fairere Sozialabgaben
  • 81 % empfinden Aktivrente (nur für Angestellte steuerfrei) als ungerecht

Quelle: Der Selbstständigen-Report 2026

Arbeiten im Alter – zwischen Freiheit und Notwendigkeit

Ein weiterer signifikanter Trend ist die zunehmende Erwerbstätigkeit im Rentenalter. Mehr als die Hälfte der Befragten plant, über das gesetzliche Renteneintrittsalter hinaus zu arbeiten. Die Motive sind ambivalent: Während ein Teil aus intrinsischer Motivation und Freude weiterarbeitet, ist für viele die wirtschaftliche Notwendigkeit ausschlaggebend. Gleichzeitig wird die ungleiche Behandlung bei der sogenannten Aktivrente kritisch gesehen: Angestellte können steuerfrei hinzuverdienen, Selbstständige nicht.
 

Realismus statt Optimismus – ein nüchternes Fazit

Trotz aller Herausforderungen bleibt die grundlegende Motivation zur Selbstständigkeit erstaunlich stabil. Eigenbestimmung und flexible Arbeitszeiten sind weiterhin die zentralen Treiber – für fast 90 Prozent der Befragten.

Gleichzeitig wächst jedoch die Sorge über unplanbare Einnahmen und dauerhaft hohe Abgaben. Diese Kombination aus Freiheit und Unsicherheit prägt das Selbstverständnis vieler Selbstständiger: Unternehmerischer Gestaltungswille trifft auf strukturelle Instabilität.
Dennoch würden sich über 83 Prozent erneut für die Selbstständigkeit entscheiden – ein bemerkenswertes Zeichen für Resilienz und unternehmerische Identität.

Die zentrale Botschaft Selbstständigen-Report 2026 ist klar: Selbstständige sind bereit, Verantwortung zu übernehmen und wirtschaftliche Dynamik zu tragen – doch sie erwarten Rahmenbedingungen, die dies ermöglichen, statt erschweren. Ob die Politik darauf reagiert, wird entscheidend dafür sein, wie sich diese zentrale Gruppe der Wirtschaft in den kommenden Jahren entwickelt.

 

Quelle:  Der Selbstständigen-Report 2026

 

 

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