Stahl unter Strom: Wie Deutschlands Schlüsselindustrie ums Überleben kämpft
| Dominik Jäger | Lesezeit: 5 Min.
Die Branche stützt die deutsche Wirtschaft und muss sich dem Klimawandel anpassen. Hohe Energiepreise, Zölle und Dumping belasten. Der Staat soll es richten.
von Dominik Jäger für Markt und Mittelstand
Stahl ist ein besonderes Material. Ohne ihn läuft wenig in der deutschen Industrie. Autohersteller, Maschinenbauer, Bauwirtschaft und damit auch viele Mittelständler brauchen ihn in unterschiedlichen Formen und Qualitäten. Er stabilisiert den deutschen Wohlstand. Ohne ihn geraten ganze Wirtschaftszweige ins Wanken. Gerade steht es schlecht um die Stahlbranche. Hohe Energiekosten und Billigimporte aus Asien setzen die Branche unter Druck. Die Hersteller kämpfen mit geringer Nachfrage etwa der Autoindustrie. Die Auslastung sinkt. Deutschland droht, eine Schlüsselbranche zu verlieren. Allein der größte heimische Hersteller, Thyssenkrupp aus Essen, soll gut ein Drittel der Arbeitsplätze in der Stahlsparte streichen wollen. Die Krise betrifft nicht nur die Hütten. Rund 80.000 Menschen arbeiten direkt in Stahlbetrieben, bis zu vier Millionen hängen indirekt an der Branche.
Vor allem hohe Energiekosten und Billigimporte aus Asien belasten die Branche. Die Hersteller kämpfen mit geringer Nachfrage und niedriger Auslastung. Vielen droht das Aus. „Das können wir uns nicht leisten“, warnt Nicole Voigt, Stahlexpertin bei der Boston Consulting Group (BCG). „Wandert die Stahlindustrie ab, riskieren wir, dass auch die nachfolgenden Industrien abwandern und wir in eine schleichende Deindustrialisierung geraten.“ Ähnliches drohte bereits Großbritannien und Italien. Um die heimische Wirtschaft zu schützen, verstaatlichten die Regierungen die Stahlbetriebe dort teilweise. Die EU plant Zölle, um die europäische Stahlindustrie zu schützen. Denn das Problem ist kein rein deutsches.
Unfaire Wettbewerbsbedingungen belasten die Stahlkocher. So flutet China den Markt mit subventioniertem Billigstahl. Das Land ist für einen Großteil der Überkapazität im Weltmarkt verantwortlich. Nach Zahlen der EU-Kommission gibt es mehr als 600 Millionen Tonnen zu viel auf dem Weltmarkt. Auch Indien baut die Stahlproduktion aus. Weltweit wächst die Industrie. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) erwartet, dass die Produktion bis 2027 um knapp sieben Prozent zunimmt, 58 Prozent der neuen Kapazitäten entstehen in Asien. Jede dritte Tonne Stahl in der EU stamme bereits heute aus Staaten außerhalb des Wirtschaftsraums, wie die Wirtschaftsvereinigung Stahl berichtet. Die EU geht jetzt härter gegen importierten Billigstahl vor. Die zollfreien Mengen sollen sinken, Stahlzölle auf 50 Prozent steigen, europäische Industrien damit geschützt werden.
„Der Wettbewerb in der Stahlindustrie leidet weiterhin unter ungleichen Bedingungen“, schreibt die OECD in ihrem Stahl-Ausblick 2025. China subventioniere Stahl zehnmal so stark wie die 38 OECD-Länder. Nicht nur über die Energiepreise, sondern auch über steuerliche Vorzugsbehandlungen, mit Krediten zu günstigeren Konditionen und direkten Zuschüssen. Chinesische Unternehmen exportierten vergangenes Jahr 118 Millionen Tonnen Stahl – Rekord. Insgesamt produzierte China mehr als eine Milliarde Tonnen Rohstahl – 53 Prozent der Weltproduktion. Deutschland findet sich auf Platz sieben wieder und kommt mit 37 Millionen Tonnen hergestelltem Rohstahl auf zwei Prozent Marktanteil. EU-weit ist Deutschland der größte Stahlproduzent.
BCG-Expertin Voigt sagt, dass China zwar nur circa zehn Prozent seines Stahls exportiere – wie in Europa gehe das meiste an heimische Industrien – dies aber dennoch eine zu beachtende Menge sei. Exportiert würde aus China besonders nach Südostasien. Der EU-Markt ist vor dem Import von chinesischen Stahlfertigerzeugnissen bereits durch Antidumping-Maßnahmen geschützt. „Wir halten an unserer Stahlindustrie fest – nicht, weil sie die günstigste ist, sondern weil sie für Qualität und Versorgungssicherheit steht“, sagt Voigt.
Während die weltweite Rohstahlproduktion wächst, brach die Produktion in Deutschland im ersten Halbjahr 2025 um knapp zwölf Prozent ein, wie die Wirtschaftsvereinigung Stahl ermittelte. Das zeige, wie dramatisch es um den Industriestandort Deutschland stehe, sagte Kerstin Maria Rippel, Hauptgeschäftsführerin der Vereinigung, im Juli. Gleichzeitig müssen die Hersteller in grüne Technologien investieren, ihre Anlagen und Öfen umrüsten oder gar neue beschaffen. Deutschland hat sich zur Klimaneutralität 2045 verpflichtet, bis dahin muss Stahl mit Strom oder Wasserstoff aus erneuerbaren Energien statt mit Strom aus fossilen Quellen wie Erdgas hergestellt werden. Grüner Stahl heißt das in der Branche.
Die Klimaneutralität ist eine herausfordernde Transformation inmitten der Krisen. Derzeit stehen weder ausreichend grüner Wasserstoff noch genug Strom aus erneuerbaren Energien zur Verfügung, um die Hütten zu versorgen. Und der Energiebedarf ist riesig. Die Metallbranche ist neben der Chemiebranche der energieintensivste Industriezweig – und der schmutzigste. Allein 30 Prozent der industriellen CO2-Emissionen verursacht die Stahlindustrie. Sie fordert daher neben einem günstigen Industriestrompreis auch geringere Netzentgelte.
Die Bundesregierung will jetzt handeln. Unternehmen bezahlten ohne Vergünstigungen im vergangenen Jahr nach Zahlen der Bundesnetzagentur 16,77 Cent pro Kilowattstunde. Und der Strompreis steigt. Im Juli nannte der Energieverband BDEW 18 Cent je Kilowattstunde für kleine bis mittlere Industriebetriebe. Die höheren Produktionskosten geben die Stahlhersteller an ihre mittelständischen Kunden weiter. Die Bundesregierung plant einen gedeckelten Industriestrompreis von fünf Cent je Kilowattstunde. Finanzminister Lars Klingbeil (SPD) und Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) wollen den Preis drei Jahre lang aus dem Klima- und Transformationsfonds subventionieren – und damit Jobs in der Stahlindustrie sichern. Geplant ist derzeit eine Erstattung rückwirkend ab 2027, eine Summe steht noch nicht fest.
Erste Stellen fallen weg
Anfang Oktober bereiteten die beiden Ministerien gemeinsam mit Arbeitsministerin Bärbel Bas (SPD) einen Stahlgipfel vor. Bas sagte, erste Zulieferer in der Branche strichen bereits Stellen. „Stahlhersteller brauchen vor allem wettbewerbsfähige Strompreise und Planungssicherheit“, sagt Voigt von BCG. „Vor dem Hintergrund der aktuellen Mehrfachkrisen reichen die finanziellen Ressourcen der Stahlhersteller nicht aus, um die notwendige Transformation ohne staatliche Unterstützung zu stemmen.“
Das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft (IW) begrüßt die Entlastung, hält sie aber für zu kurz gedacht. „Drei Jahre sind in der strategischen Planung von Unternehmen unbedeutend“, sagt IW-Energieexperte Andreas Fischer. Das IW beziffert die Entlastung durch einen Industriestrompreis für Unternehmen bis 2027 auf vier Milliarden Euro. Auch die IG Metall befürwortet einen Industriestrompreis. „Die Maßnahmen sind ein wichtiges Signal für die Entlastung von Industrie und Verbrauchern“, sagt Jürgen Kerner, Zweiter Vorsitzender der Gewerkschaft. Sie gehen ihm jedoch nicht weit genug. Er dringt auf einen international wettbewerbsfähigen Industriestrompreis, wie er im Koalitionsvertrag steht.
Aber Deutschland kann nicht allein entscheiden. Direkte staatliche Subventionen, auch für den Industriestrompreis, muss die EU genehmigen. Unter bestimmten Bedingungen sind sie erlaubt. Noch in diesem Jahr will sich die schwarz-rote Bundesregierung mit der EU-Kommission einigen. Die Verhandlungen in Brüssel dürften schwierig werden. Zahlreiche EU-Staaten bemängelten bereits die entsprechenden Pläne der Ampel-Koalition, die vor Schwarz-Rot regierte.
Ein Thema sind auch die Netzentgelte. Mit ihnen wird unter anderem das Stromnetz für einen höheren Bedarf ausgebaut, was wiederum die Industrie unterstützen und erhalten soll. Denn der Stromverbrauch soll im Zuge der klimaneutralen Transformation steigen. Die Netzentgelte sind wegen der hohen Investitionen gestiegen, machen nach Angaben des BDEW 28 Prozent des Strompreises aus. Die Stahlbranche ist am klimaneutralen Umbau maßgeblich beteiligt. Stahl wird für Wasserturbinen und Windkraftanlagen benötigt. Teil der Anfang September vom Kabinett verabschiedeten Gesetzentwürfe ist ein Zuschuss zu den Übertragungsnetzentgelten von 6,5 Milliarden Euro im kommenden Jahr. Stahlexpertin Voigt befürwortet die Zuschüsse. In den vergangenen Jahren investierten Stahlproduzenten umfangreich in Dekarbonisierung. „Die Margen der Stahlhersteller sind gering, hohe Zusatzkosten können sie kaum internalisieren“, sagt Voigt.
Wirtschaftsministerin Reiche will beim Ausbau der erneuerbaren Energien die Kosten senken und Subventionen kürzen. Den Deutschen Mittelstands-Bund lässt das aufhorchen. „Die Energiewende an sich und die bestehenden Klimaziele dürfen jedoch nicht auch nur ansatzweise zur Disposition stehen“, sagt Steffen Kawohl, Referent für Energiewende. Der Weg der Klimaneutralität müsse optimiert und effizienter gestaltet werden. „Nur so wird die Energiewende für KMU kostengünstiger.“
Auch international ist der Druck groß. Wo immer der Stahl in Deutschland gebraucht wird – ob für Brücken, Kochtöpfe, Schienen, Anlagen, Gebäude oder Autos –, die Weiterverarbeiter schätzen kurze Lieferwege und gute Qualität. Aber da ist noch US-Päsident Donald Trump mit seinen Zöllen. Stahl und Aluminium sind bei Einfuhren in die Vereinigten Staaten mit Abgaben von 50 Prozent belegt. Das hat die weltweiten Probleme verschärft. Wer nicht mehr in die USA liefern kann, sucht sich womöglich andere Märkte. Die Handelsbeschränkungen verteuern EU-Produkte im Ausland und erhöhen den Preisdruck im Inland. „Das könnte zur Herausforderung für weiterverarbeitende Mittelständler werden“, sagt Beraterin Voigt.
Komplizierter Panzerstahl
Während zahlreiche Kunden von Stahlherstellern unter Druck stehen, wird in einer Branche gerade viel Geld locker gemacht: Verteidigung. Rüstungsunternehmen wie Rheinmetall, KNDS oder TKMS benötigen jede Menge Stahl. Vereinzelt produzieren Stahlbetriebe Panzerstahl, etwa die saarländische Dillinger Hütte oder Salzgitter aus Niedersachsen. Den meisten Panzerstahl liefert allerdings der Spezialist SSAB aus Schweden.
Wer bisher Automobilfirmen als Kunden hatte, kann allerdings nicht so einfach auf Panzerstahl umschwenken. Die Anforderungen sind höher und per Zertifikat geregelt. Für das Militär muss Stahl besonders zäh, belastbar und geeignet zum Schweißen sein. Bereits geringe Mengen herzustellen, ist anspruchsvoll. Zudem sei die gesamte Wertschöpfungskette gerade erst im Aufbau, fasst Stahlexpertin Voigt zusammen. Zudem sei die gesamte Wertschöpfungskette gerade erst im Aufbau. Und wie lange Geld in Verteidigung fließt, weiß niemand. Viele Stahlhersteller scheuen daher tendenziell, hier zu investieren. Und selbst in der Rüstungsindustrie ist der deutsche Staat um Arbeitsplätze besorgt. Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) will mit Staatsbeteiligungen Jobs und Schlüsseltechnologien erhalten.
Die Bundesregierung will einen Fahrplan für die Zukunft der Branche vorlegen. Ob der Industriestrompreis kommt, entscheidet sich in Brüssel. Eines aber ist sicher: Fällt die Stahlindustrie, fällt mehr als nur eine Branche. Dann stehen auch Tausende mittelständische Unternehmen auf der Kippe – vom Maschinenbauer über den Bauzulieferer bis zum Fahrzeughersteller.
Der Beitrag erschien in der November-Ausgabe von Markt und Mittelstand 2025
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