Stiftungen in Deutschland: Vermögen, Verantwortung und Vorbilder wie Bosch & Fugger
In deutschen Unternehmerfamilien wird mehr vererbt denn je. Beim Stiften und Spenden läuft aber vieles schlecht. Immerhin gibt es erfolgreiche Vorbilder.
26.09.2025 Markt und Mittelstand - von Thorsten Giersch
Es ist eine denkwürdige Gala des Bundesverbands Deutscher Stiftungen: 2018 in Nürnberg wird Ise Bosch für ihr Engagement ausgezeichnet und hält eine Dankesrede, die das Gros der Anwesenden zu frenetischem Applaus hinreißt. Aber einige verlassen empört den Saal, weil die Enkelin von Robert Bosch weit mehr als nette Floskeln liefert. Felix Oldenburg, damals Generalsekretär des Bundesverbandes, erinnert sich an den legendären Abend. „Man konnte fast eine Stecknadel fallen hören, als sie beginnt, den fast 1000 zuhörenden Stiftungsmanagern die Leviten zu lesen.“ Erst wundert sich Bosch, warum ihr bei ihrer internationalen Arbeit für LGBTQ-Menschen noch nie eine deutsche Stiftung begegnet sei. Und dann wird es grundsätzlich.
Seit Jahren wird der Wohlstand des deutschen Wirtschaftswunders vererbt
Sie vergleicht Stiftungen mit Schildkröten: langsam, dickhäutig und nur in ihrem kleinen Umfeld aktiv. „Stiftungen schöpfen ihr Selbstbewusstsein eher aus dem großen Beharrungsvermögen, statt sich neuen Aufgaben zuzuwenden.“ Und: „Die Zeiten sind dabei, sich wesentlich zu ändern. Es gibt guten Grund, das eigene Profil zu schärfen.“ Damit prangert Bosch auch den Umgang vieler Stiftungen mit Geld an – das Missverhältnis zwischen dem aktuellen Nutzen und dem möglichen Nutzen der rund 80 Milliarden Euro, die in den Büchern der Stiftungen schlummern.
Seit Jahren wird der Wohlstand des deutschen Wirtschaftswunders vererbt. Da liegt die Frage nah, wofür all das Geld verwendet wird. „Der prodemokratische Konsens, der uns ja auch Steuerprivilegien sichert, erodiert. Wir brauchen einen sehr steilen Anstieg an prodemokratischer Wirksamkeit“, sagt die Preisträgerin. Man sei als Funktionär oder Funktionärin einer philanthropischen Organisation nicht dauerhafte Eigentümerin von Geld, sondern eine Art Zwischenstation. Oldenburg, der sich als Unternehmer für soziale Belange einsetzt, sagt heute: „Die stolzen deutschen Stiftungen feiern an diesem Abend nicht eine der ihren, sondern eine, die fast alles anders macht als sie.“ Diese Episode aus 2018 ist heute sogar noch aktueller – und es ist wichtig, die Vorgeschichte zu kennen.
Die weltweit bekannteste Stiftungsgeschichte beginnt 1521 in Augsburg
Ise Bosch setzt auf ihre Art die Familientradition fort. Ihr Großvater führte für seine Beschäftigten den Acht-Stunden-Tag ein sowie betriebliche Sozialleistungen. Und er brachte 92 Prozent seines Unternehmens in eine gemeinnützige Stiftung ein. Sie ist bis heute eine der größten der gut 25.000 hierzulande. Die älteste ist sie nicht: Das St.-Katharinen- und Weißfrauenstift in Frankfurt am Main startete 1228 und pflegt bis heute Senioren. Auch die Stiftung Bürgerspital von 1316 in Würzburg ist im Seniorendienst tätig. Beide sind Ausnahmen. Nur rund 250 Stiftungen haben jahrhundertelang Kriege und wechselnde Rechtssysteme überstanden. 90 Prozent der rund 100.000 Stiftungen, die es vor Gründung der Bundesrepublik gab, sind verschwunden. Viele wurden verboten. Andere wirtschafteten sich selbst ins Aus. Michael Borgolte hat sich in „Weltgeschichte als Stiftungsgeschichte“ damit beschäftigt. Der Mittelalterhistoriker betont, wie eng früher die Nähe zum Christentum war. Mönche und Nonnen schützten Kulturgüter und kümmerten sich um Bedürftige. Im Laufe der Zeit wurde die Idee zur Institution: ein Vermögen einem guten Zweck widmen, an dem die nachfolgenden Generationen nicht rütteln können. Damals entstanden vor allem Gebäude, die heute noch stehen. In der Neuzeit gegründete Stiftungen finanzieren eher Dinge, die kaum anfassbar sind.
Die wohl weltweit bekannteste Stiftungsgeschichte beginnt 1521 in Augsburg. Kaufmann und Bankier Jakob Fugger ist auf dem Höhepunkt seiner Macht, als er eine Handvoll Gebäude zur Sozialsiedlung erklärt, die auf ewig bestehen soll. Gut 500 Jahre später ist Alexander Graf Fugger, Jahrgang 1981, immer noch stark engagiert. In 19. Generation verwaltet er Forstbetriebe, Immobilien und neun Stiftungen. „Ich fühle mich nicht als jemand, der in einem anderen Jahrhundert stecken geblieben ist“, sagt er 2019 im Interview mit dem Spiegel. Zu Fuggers wichtigsten Projekten gehört derzeit der Bau von Kindergärten. „Wir versuchen, das Erbe von Jakob und Anton Fugger in die Zukunft zu tragen, unter anderem, indem wir das Mäzenatentum in der heutigen Zeit beleben.“ Dabei seien Stiftungs- und Privatvermögen strikt getrennt. Die Fuggerei gibt es noch. Touristen finanzieren sie nur zu einem kleinen Teil, das Gros der Einnahmen stammt aus der Forstwirtschaft.
Auch heute noch gibt es für Eigentümer und Eigentümerinnen von Unternehmen gute Gründe für eine Stiftung: langfristig die Unternehmensnachfolge, das Lebenswerk oder das Vermögen zu sichern. Die Modelle haben, richtig angewandt, steuerliche Vorteile und sind gut fürs Image. Es gibt auch hehre Ziele wie gesellschaftliche Verantwortung. Oder es können Werte, Leitprinzipien und die Unternehmenskultur dauerhaft weitergegeben werden.
Ins Gerede kommen Stiftungen, wenn finanzielle Unregelmäßigkeiten bekannt werden. Intransparenz macht sich nicht gut, auch nicht, Geld ungerechtfertigt zu verwenden. Solche Verfehlungen sind selten. Sie gefährden das Prinzip Stiftung nicht im Kern. Aber es gibt strukturelle Kritik am System, die in Zeiten gesellschaftlicher Unwucht lauter wird. Acht Billionen Euro beträgt inzwischen das Geldvermögen der Deutschen, mehr denn je. Rund zwei Drittel davon gehören den reichsten zehn Prozent. Menschen mit hohem Einkommen spenden prozentual halb so viel wie Personen mit niedrigem oder mittlerem Einkommen. Soll heißen: Hierzulande gäbe es genug Geld für Schulen und anderes, was der Allgemeinheit helfen könnte. Doch es fließt nicht dorthin.
Vermögen einsperren
Menschen wie Fugger, Bosch und Oldenburg wollen daran etwas ändern. Der Sozialunternehmer, der bei McKinsey anfing und neben seiner Tätigkeit für den Bundesverband Deutscher Stiftungen die internationale Organisation Ashoka in Deutschland und Europa leitete, bemängelt den Sinn vieler junger Stiftungen. „Die meisten handeln abstrakt mit Geldvermögen und werden wahrgenommen als Organisationen mit Geld, durch die ein Stifter steuerbegünstigt seine wechselnden Interessen verfolgt.“ Das sei das Gegenteil des Idealbilds von einem Vermögen, das nur noch sich selbst gehört. „Von den drei Merkmalen einer Stiftung werden alle drei anders gedeutet“, sagt Oldenburg. Der Zweck wird verstanden als persönliches Interesse, das Vermögen als Geld und die Organisation als Eigentum des Gründers. Stiftungen seien „die konsequenteste Form, Vermögen einzusperren“.
Mutieren Stiftungen also zum großen gesellschaftlichen Missverständnis? Zweifellos gibt es gute und schlechte Stiftungen. Im Kern hängt viel daran, ob das Vermögen, das gestiftet wird, zum Zweck passt. Eine Sozialsiedlung oder Altenheime zu betreiben, ist etwas anderes, als Geldvermögen zu verwalten. Zudem leben wir nicht mehr im Mittelalter. Das Heute wird geprägt von Problemen, die schlimmer und teurer werden, wenn man sie nicht angeht: der Klimawandel, ungerechte Bildungschancen, bröckelnde Infrastruktur. Oder mangelnde Gerechtigkeit beim Geschlecht, was Ise Bosch umtrieb und zur Philanthropin neuen Stils machte. Marita Haibach, Expertin für Fundraising, nennt sie „einen Meilenstein auf dem Weg zum mündigen und selbstbewussten Spenden“.
2007 veröffentlichte Bosch ihr erstes Buch dazu. „Besser spenden!“ gilt als der erste deutschsprachige Ratgeber für Philanthropen. Sie hatte das große Glück, dass sie ihr Erbe auch nutzen konnte. Denn dass man aus einer Unternehmerfamilie kommt, bedeutet oft nicht, flüssiges Geld zur eigenen Verwendung zu haben. „Geld hat, je nachdem, für was es gebraucht wird, sehr unterschiedliche Qualitäten“, sagt Bosch. „Mein Hintergrund ist geerbtes Geld. Hätte ich das nicht, würde ich etwas ganz anderes machen.“ Mithilfe dieses geerbten Geldes konnte sie in den USA studieren. „In den USA hat man viel weniger Angst vor dem Geld. Und so habe ich mich auch daran gemacht, mich auszubilden darin, wie ich das Geld, was ich frei zur Verfügung hatte, für gemeinnützige Zwecke einsetze.“
Sie war tief eingearbeitet in das Thema Menschenrechte und auch aus persönlichen Gründen stark engagiert für die Rechte von schwulen und lesbischen Personen, wie man es damals nannte –
heute LGBTQIA+, die Anerkennung der Vielfalt der Geschlechtsidentitäten und sexuellen Orientierungen. Im Laufe der Jahre hat Bosch das Erbinnen-Netzwerk Pecunia sowie Filia – Die Frauenstiftung mitgegründet und ist Geschäftsführerin von Dreilinden, einer Gesellschaft für gemeinnütziges Privatkapital. Heute betont sie, wie wichtig es war, Kapital zu haben und es so anlegen zu können, wie es ihr richtig erschien.
In ihrem Buch „Geben mit Vertrauen“ beschreibt Bosch, wie wichtig es ist, beim Spenden nicht auf Sicherheit zu hoffen, sondern Vertrauen zu suchen. „Ich mache das normalerweise im Team und nicht allein, und ich suche mir Leute, die andere Lebenserfahrungen haben oder die wiederum sehr tief verwurzelt sind und entsprechende Netzwerke haben.“ Bosch setzt dem Ewigkeitsvermögen das Ausgeben oder Weitergeben von Geld entgegen. Sie vertraut auf kollektive Entscheidungen und verzichtet auf strikte Verwendungsvorschriften. Um zu verstehen, was Bosch anders macht als viele Stifter und Stifterinnen, muss man verstehen, was die meisten anderen in ihrer Situation als Erbin vermutlich getan hätten: das Geld auf ewig in einer Stiftung festzulegen und nur aus den Kapitalerträgen zu fördern. Durch ihre Erfahrungen in den USA ging Bosch nicht den Weg der klassischen Philanthropie und versuchte, flexibel zu fördern und Systeme widerstandsfähig aufzubauen. „Für Resilienz brauchst du Reserven. Aber so wie Stiftungen normalerweise fördern, können keine Reserven gebildet werden.“ Da widerspreche sich sehr häufig das, was objektiv gebraucht werde, und wie die philanthropische Praxis sei.
Vorbild Gates
In Deutschland ist das, was Bosch „selbstverständliche Philanthropie“ nennt, bei weitem nicht so verbreitet wie in Großbritannien oder den USA. Dort liegt das Volumen der Spenden von Einzelpersonen gut dreißig Mal höher als hierzulande, obwohl die Bevölkerungszahl nur dreimal so hoch ist. Exemplarisch dafür steht die Stiftung von Microsoft-Gründer Bill Gates und seiner Ex-Frau Melinda, die mit ihrem Anteil inzwischen einen ähnlichen Weg geht wie Bosch. In englischsprachigen Ländern steht für die neue Form der Begriff „The Giving Pledge“, das Versprechen zu geben. Gates und der Investor Warren Buffett gründeten die philanthropische Kampagne im Jahr 2010. Milliardäre sollen mehr als die Hälfte ihres Vermögens für wohltätige Zwecke bereitstellen, sei es zu Lebzeiten oder nach ihrem Tod. Hunderte sind dabei, auch Elon Musk, der reichste Mensch der Welt. In Europa sind es um die 20, aus Deutschland nur SAP-Co-Gründer Hasso Plattner. Zuletzt hatten Gates und Buffet die Lebensdauer der Gates-Stiftung verkürzt. Ursprünglich sollte die Stiftung 20 Jahre nach Gates’ Tod aufgelöst werden. Jetzt müssen bis 2045 rund 200 Milliarden Dollar real investiert werden. Gates ist 69. Die Maßnahme ist eine Reaktion auf Kritik an Philanthropen, dass sie mehr ankündigen als halten, und nur das eigene Image im Blick haben. In den USA wird diskutiert, inwiefern Stiftungen undemokratisch sind oder dem System helfen. In Deutschland spricht man, wenn überhaupt, über die Höhe der Erbschaftssteuer.
Das Grundgesetz ist schwammig. Artikel 14 Absatz 2 verpflichtet Eigentümer, ihren Besitz so zu nutzen, dass dies nicht nur ihren eigenen Interessen dient, sondern auch der Gesellschaft als Ganzes. Vor allem für linke Vertreter ist klar, was nötig ist: Mehr Steuern für die Reichen, damit der Staat genug Geld hat, um alle Probleme zu lösen. Pragmatisch machbar ist das wohl nicht. Es wird angesichts der Fülle an Problemen die Mittel der Vermögenden an sich brauchen. „Die Gerechtigkeitsfrage geht nicht weg“, sagt Ise Bosch. „Ich erwarte die interessantesten philanthropischen Lösungen von den Leuten, die sagen: Das ist nicht gerecht, dass ich das habe.“
Wer ist Ise Bosch?
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Geboren: 1964, Enkelin von Robert Bosch (Gründer des gleichnamigen Konzerns).
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Philanthropin: Setzt sich besonders für Menschenrechte, LGBTQIA+, Frauenrechte und Bildungsgerechtigkeit ein.
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Organisationen:
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Mitgründerin des Erbinnen-Netzwerks Pecunia
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Mitgründerin von Filia – Die Frauenstiftung
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Geschäftsführerin von Dreilinden gGmbH, die gemeinnütziges Kapital für soziale Projekte einsetzt
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Bücher:
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Besser spenden! – erster deutschsprachiger Ratgeber für Philanthropen
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Geben mit Vertrauen – Plädoyer für flexible, gemeinschaftliche Förderstrategien
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Auszeichnung: 2018 erhielt sie den Deutschen Stifterpreis des Bundesverbands Deutscher Stiftungen.
Faktenbox: Die große Verantwortung
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Vermögen: Das Geldvermögen der Deutschen liegt bei rund 8 Billionen Euro – zwei Drittel davon gehören den reichsten zehn Prozent.
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Stiftungen in Deutschland: Etwa 25.000 aktive Stiftungen, Vermögen rund 80 Milliarden Euro. Nur wenige überdauern Jahrhunderte – von einst 100.000 Stiftungen vor Gründung der Bundesrepublik sind 90 Prozent verschwunden.
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Historische Beispiele:
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St.-Katharinen- und Weißfrauenstift (Frankfurt, gegründet 1228) – bis heute im Seniorendienst aktiv.
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Stiftung Bürgerspital (Würzburg, 1316) – ebenfalls Altenpflege.
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Fuggerei (Augsburg, gegründet 1521) – älteste Sozialsiedlung der Welt, noch heute in Betrieb.
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Bekannte Unternehmerfamilien:
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Robert Bosch: brachte 92 % seines Unternehmens in eine gemeinnützige Stiftung ein.
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Jakob Fugger: stiftete Immobilien für soziale Zwecke – Nachfahre Alexander Graf Fugger verwaltet heute neun Stiftungen.
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Ise Bosch: Philanthropin neuen Stils, Mitgründerin des Erbinnen-Netzwerks Pecunia und von Filia – Die Frauenstiftung; Geschäftsführerin von Dreilinden. Bekannt für flexible, vertrauensbasierte Förderungen.
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Internationale Vorbilder:
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Bill & Melinda Gates Foundation: bis 2045 sollen rund 200 Milliarden US-Dollar investiert werden.
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The Giving Pledge: Kampagne von Gates und Warren Buffett, in der Milliardäre versprechen, mindestens die Hälfte ihres Vermögens zu spenden.
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Der Artikel erschien in der Print-Ausgabe Nr. 7 (September 2025) von Markt und Mittelstand.
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