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Studien & Forschung > Brain Drain

Talente auf der Flucht: Autoritäre USA als Chance für Europas Wissensgesellschaft

| Andreas Kempf

US-Experten fliehen vor Trump – doch Deutschlands Bürokratie bremst. Warum jetzt historische Chancen auf neue Talente bestehen.

Laut einer Umfrage des Fachjournals Nature erwägen 75 % der befragten US-Wissenschaftler, das Land zu verlassen. Diese Überlegungen sind eine Reaktion auf erhebliche Kürzungen der Forschungsfinanzierung und wahrgenommene Einschränkungen der wissenschaftlichen Freiheit durch die Trump-Administration. (Foto: shutterstock)

Von Andreas Kempf

Fachkräfte beschaffen? Mitten in der Wirtschaftskrise scheint für viele Mittelständler das Thema weit weg zu sein. Die meisten sorgt eher, wie sie das vorhandene Personal über die kommenden Monate halten können. Doch das Thema bleibt akut. Schon, weil die demografische Entwicklung unerbittlich voranschreitet und Monat für Monat erfahrene Leute in Rente gehen. Um den aktuellen Beschäftigungsstand halten zu können, braucht Deutschland schon allein 300.000 neue Kräfte. „Mindestens", sagt Stefan Kooths. Nicht nur der Konjunkturchef des Kieler Instituts für Weltwirtschaft sieht dringenden Handlungsbedarf. Das Institut der deutschen Wirtschaft IW schätzt, dass gut 1,5 Millionen Erwerbspersonen zuwandern müssten, damit die Bundesrepublik bis Ende des Jahrzehnts wieder zum Wachstumspotenzial der vergangenen 20 Jahre zurückkehrt.

Die Konjunkturflaute hat den Druck etwas gemildert. Dem Ifo-Institut zufolge melden derzeit nur noch 28,3 Prozent der Unternehmen, dass sie nicht genug Personal finden. „Langfristig wird der Mangel an Fachkräften wieder zunehmen", sagt Ifo-Experte Klaus Wohlrabe mit Blick auf die demografische Entwicklung. Die sehen auch die Personalverantwortlichen in den meisten Unternehmen. Doch wo die begehrten Spezialisten finden? Der Inlandsmarkt ist weitgehend leer. So melden sogar 62 Prozent der ­Personal- und Leiharbeitsfirmen, dass das Angebot an Fachkräften fehlt. Gleiche Klagen kommen von 42 Prozent der Hotel- und Gastro-Wirtschaft.

Die deutschen Konzerne schauen inzwischen ins Ausland. Sie werben um Spezialisten in Indien, Südostasien oder Südamerika. Für Mittelständler bleibt das weiterhin ein schwieriges Unterfangen. Dabei erweiterte die vorherige Bundesregierung im vergangenen Juni die Bestimmungen im Fachkräfteeinwanderungsgesetz und erleichterte den Zuzug prinzipiell. Ausländische Abschlüsse etwa werden leichter anerkannt. Ausgenommen sind reglementierte Berufe. Menschen, die noch keinen Arbeitsvertrag in Deutschland haben, können mit einer sogenannten Chancenkarte einreisen.

In der Praxis bleiben die bürokratischen Hürden jedoch weiterhin hoch und für beide Seiten unkalkulierbar. „Arbeitgeber können bei der Planung immer noch nicht abschätzen, ob die Verfahren mehrere Wochen oder gar viele Monate dauern", sagt Marius Tollenaere, Anwalt bei der internationalen Kanzlei Fragomen Global in Frankfurt/Main. Das gelte auch für die Bewerber, die daheim mit ihren Familien den großen Schritt ins fremde Deutschland planen müssten. Immerhin würden die Verfahren nun zentral über das Bundesamt für Auswärtige Angelegenheiten (BfAA) in Brandenburg an der Havel abgewickelt. Damit entfällt der Flaschenhals der deutschen Auslandsvertretungen, die hoffnungslos überfordert waren. Das übernehmen jetzt 140 Beschäftigte beim BfAA. „Man kann schon Fortschritte erkennen", lobt Tollenaere. Das bestätigt auch OECD-Experte Thomas Liebig: „Der Wille, hier voranzukommen, ist klar erkennbar bei den unterschiedlichen Behörden. Es besteht ja bei diesem Thema – im Gegensatz zu Asylfragen – auch überparteilich weitgehend Einigkeit."

Die Union schlug im Wahlkampf eine Work&Stay-Agentur vor. Die neue Behörde sollte die Verfahren digital abwickeln und erleichtern. Liebig und Tollenaere sehen den Ansatz skeptisch. So fragt sich der OECD-Experte, welche Rolle die neue Behörde einnehmen soll. Er befürchtet, dass zum ohnehin recht breiten Geflecht an Akteuren noch ein weiterer hinzukommt. „Es fehlt aktuell schon an ­genügend Sachbearbeitern. Eine neue Behörde löst dieses Problem nicht." Seiner Ansicht nach müssten die Prozesse vereinfacht werden. „Der Bund muss sich auf die reinen Formalitäten zur Zuwanderung konzentrieren. Alles andere betrifft die lokalen Behörden wie bei jedem anderen Bürger auch", sagt Liebig. Sinnvoll sei zudem, wenn die ohnehin beteiligte Bundesagentur für Arbeit an die Verfahren beim BfAA angedockt würde. Das könnte die Abläufe ebenfalls beschleunigen.

Lange Verfahren sind nicht der einzige Grund, warum ausländische Spezialisten Deutschland meiden und andere Ziele aussuchen. So beobachtet man im Ausland mit Skepsis das Erstarken der rechtsextremen AfD. Herumgesprochen hat sich auch, dass Wohnraum in Deutschland mancherorts knapp ist. Der Düsseldorfer Busunternehmer Stefan Lyding hat ein altes Hotel gekauft, um seinen 80 Fahrern aus Indien und Osteuropa ein Dach über dem Kopf zu besorgen. Gerade will er eine weitere Immobilie anschaffen. Das Beispiel macht deutlich, dass sich die Unternehmen gerade bei ausländischen Fachkräften zusätzlich um die Rahmenbedingungen kümmern müssen. Das bedeutet mehr Aufwand und Kosten. Erklärungsbedürftig ist auch die hohe Abgabenlast in Deutschland. „Im Kampf um die Talente stehen wir im Wettbewerb mit der ganzen Welt. An der Stelle steht sich Deutschland selbst im Weg", erläutert IfW-Experte Kooths, der daraus eine Aufgabe für die neue Bundesregierung ableitet.

Tiefe Eingriffe

Doch Europa und vor allem Deutschland bekommen plötzlich ungeahnte Chancen, zu neuen Spitzenkräften zu kommen. Seit im Weißen Haus Donald Trump mehr irrlichtert, denn regiert, wachsen die Sorgen nicht nur unter den in die USA zugewanderten Spezialisten. Auch manch ein Amerikaner ist offenbar ins Grübeln geraten. Die Eingriffe des neuen US-Präsidenten in den Wissenschaftsbetrieb und international handelnde Behörden sowie die Migrantenpolitik erhöhen die Unruhe. „Unsere Niederlassungen in Europa registrieren mehr Anfragen von US-Bürgern bezüglich Aufenthaltsrechten", berichtet Tollenaere. Schon während der ersten Amtszeit Trumps seien zudem viele Migranten von den USA nach Europa übergesiedelt, erinnert sich der Frankfurter Rechtsexperte. Seinerzeit waren auch weniger ausländische Studenten in den USA zum Arbeiten geblieben.

Plötzlich können europäische Forschungseinrichtungen Spitzenleute gewinnen, bei denen man sich vor wenigen Monaten gar nicht traute, anzufragen. „Unter einer US-Regierung wie der jetzigen hätten Gary Ruvkun und ich unsere Forschung niemals machen können", stellt der Genetiker Victor Ambros fest, der im Dezember mit dem Nobelpreis für Medizin ausgezeichnet wurde. „Menschen, die bereit sind, nach Europa zu wechseln, die exzellente Forschungsprojekte mitbringen, vielleicht auch neue Felder erschließen wollen, sind hier natürlich hochwillkommen", wirbt Patrick Cramer, Präsident der Max-Planck-Gesellschaft.

Für die deutschen Unternehmen bietet sich ebenfalls eine unerwartete Chance: „US-Bürger gehören wie Kanadier, Japaner und Koreaner zur bevorzugten Gruppe. Da reicht ein Arbeitsvertrag für die Aufenthaltserlaubnis", sagt Tollenaere. Viele Unternehmen hätten ohnehin eine Niederlassung in den USA. Die könnte erste Anlaufstation für die begehrten Fachkräfte sein und den Weg nach Deutschland ebnen. Tollenaere sieht in den Bemühungen um ausländische Fachkräfte viele Chancen für Dienstleister. „Die meisten Mittelständler haben nicht die Kapazitäten, um sich mit all den Details zu beschäftigen. Da schlummert noch viel Potenzial." In der Praxis versuchen die Industrie- und Handelskammern zu helfen. Viele Organisationen haben eigene Spezialisten, die Mittelständler über Formalitäten und Eingliederung beraten und Tipps geben können. Aber bei der individuellen Betreuung im Detail sind sie dann doch personell überfordert.

Ungenutztes Fachkräftepotenzial hat Deutschland aber auch im eigenen Land. So sind sechs Millionen Beschäftigte ohne Berufsabschluss. Nach Zahlen des DGB verlassen jedes Jahr 100.000 junge Leute die Schule ohne einen richtigen Abschluss. Nach einer Studie der Bertelsmann-Stiftung könnten zwei Drittel dieser Jugendlichen mit mehr Unterstützung sofort eine Lehre beginnen. Und dann sind da die qualifizierten Frauen, die bisher nicht arbeiten, weil sie sich zum Beispiel um Kinder kümmern. Nach Berechnungen des Ifo-Instituts entsprechen 400.000 zusätzliche Kinderbetreuungsplätze einem Beschäftigungsgewinn von etwa 58.000 Vollzeitstellen.

Durch den Rost des deutschen Beschäftigungssystems fallen auch ältere Fachkräfte. „Kandidaten über fünfzig werden ignoriert. Damit bleibt auch ein großer Erfahrungsschatz ungenutzt, ", stellt Ariane Durian fest. Das mache die Klagen über Fachkräftemangel nicht gerade glaubwürdig. Die Chefin der Karlsruher Personalagentur Connect registriert immer öfter, dass ältere Spitzenkräfte aus Unternehmen gedrängt werden, um sie mit jüngerem und billigerem Personal zu ersetzen. Ein Trend, der sich offenbar jetzt in der Krise verstärkt hat. So versuchen derzeit vor allem große Konzerne mit Altersteilzeit und Frühverrentung ihre älteren, eher teuren Beschäftigten aus den Büchern zu bekommen. Das mag aus Sicht der Unternehmen in der Rezession verständlich sein. Volkswirtschaftlich ist es aber eine Vergeudung von Ressourcen, die im Widerspruch zur Debatte um fehlende Fachkräfte und einer ­längeren Lebens­arbeitszeit steht.

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