Unternehmerische Entwicklungshilfe: Wie Impacc Afrika-Start-ups stärkt und Armut über Jobs bekämpft
| Thorsten Giersch | Lesezeit: 6 Min.
Frosta-Chef Felix Ahlers und der Impacc-Gründer Till Wahnbaeck über Spenden, die wirklich etwas bewirken, weil sie auf unternehmerischem Denken beruhen.
Das Gespräch führte Thorsten Giersch.
Herr Wahnbaeck, würden Sie sich als Sozialunternehmer bezeichnen?
Till Wahnbaeck: Das passt gut zu mir. Ich frage mich seit langem, ob man Unternehmertum nicht auch für andere Themen einsetzen kann, vor allem fürs Soziale.
Herr Ahlers, inwiefern sehen Sie Ihr Unternehmen und auch sich persönlich in Verantwortung, etwas zurückzugeben?
Felix Ahlers: Viele Produkte und Zutaten für unsere Frosta-Gerichte kommen aus fernen Ländern. Mangos, Pfeffer oder Ananas wachsen eben nicht bei uns. Deshalb sind wir verpflichtet, in den Lieferländern, in denen es den Menschen deutlich schlechter geht, zu helfen.
Wie helfen Sie dort konkret?
Ahlers: Wir unterstützen schon seit einiger Zeit die Bauern in solchen Ländern dadurch, dass wir Ausbildungsprojekte fördern. Und wir spenden im klassischen Sinn, damit wir auch die Familien unterstützen, die dahinterstehen. Ich habe aber gemerkt, dass es gewisse Grenzen gibt. Wenn man nur spendet, ist die Gefahr groß, dass das Geld nur genommen wird und nicht für Verantwortung und Selbstinitiative sorgt.
In welchem Finanzrahmen geben Sie Hilfe?
Ahlers: Wir wollten das konkret messbar machen und haben zwei Prozent der Dividendensumme als jährliche Summe definiert, die wir spenden. Die ist damit direkt gekoppelt an unsere Unternehmensgröße.
Also derzeit eine sechsstellige Summe. Trennen Sie zwischen privater Hilfe und der des Unternehmens?
Ahlers: Für mich steht im Vordergrund, etwas zu tun, das sinnvoll ist und dazu führt, dass es Menschen in anderen Ländern besser geht. Ob ich das jetzt privat oder als Firma mache, ist nicht so relevant. Aber es sollte natürlich in irgendeiner Weise immer was damit zu tun haben, was zum Unternehmen und zu mir passt.
Der Helfer Till Wahnbaeck
Till Wahnbaeck promovierte in Oxford über neuere Geschichte. Er arbeitete für Procter & Gamble, leitete den Verlag Gräfe und Unzer und die Deutsche Welthungerhilfe. Mit seinem gemeinnützigen Unternehmen Impacc in Hamburg wandelt der Sozialunternehmer Spenden in Beteiligungen an afrikanischen Start-ups.
Der Unternehmer Felix Ahlers
Felix Ahlers, Sohn des Frosta-Gründers Dirk Ahlers, hat Koch gelernt, stieg 1999 nach dem Volkswirtschaftsstudium ins Tiefkühlkost-Unternehmen ein und ist seit 2010 dessen Vorstandsvorsitzender. 2003 führte er ein „Reinheitsgebot“ ein, seither verzichten die Bremerhavener auf sämtliche Zusatzstoffe.
Herr Wahnbaeck, wie haben Sie in Ihrer Zeit bei der Welthungerhilfe Grenzen des Helfens erlebt?
Wahnbaeck: Es gibt in der Entwicklungszusammenarbeit, auch Entwicklungshilfe genannt, zwei große Blöcke. Der eine ist die humanitäre Hilfe, Geld in Krisen- und Notsituationen. Da sind die meisten Hilfsorganisationen sehr gut aufgestellt. Man spendet und das Geld kommt direkt an. Wir haben eine Verpflichtung, da zu helfen, wo es brennt oder Dürre herrscht – ohne groß zu prüfen.
Und der andere Block von Entwicklungszusammenarbeit?
Wahnbaeck: Das ist die langfristige Zusammenarbeit, und die geht häufig einher mit einem Projektansatz. Da sehe ich durchaus Grenzen, denn typischerweise funktioniert dieses Modell so: Man nimmt Spenden ein, steckt das Geld in ein Projekt und irgendwann ist das Geld alle. Das Projekt ist zu Ende und man beginnt wieder von vorne: neues Geld, neues Projekt, oft am selben Ort.
Und Sie gehen anders vor?
Wahnbaeck: Wir versuchen, diesen stotternden Motor des Projektgeschäfts ein Stück weit zu umgehen. Impacc ist eine gemeinnützige Firma. Eine Hilfsorganisation, die Armut bekämpft durch Unternehmertum. Menschen in Afrika haben häufig sehr gute Ideen, aber sie kommen nicht an Geld. Wir machen aus Spenden Beteiligungen, kaufen uns in die Start-ups mit einer Minderheitenbeteiligung ein, sitzen im Aufsichtsrat, um Zugriff auf die Bücher zu haben, und helfen operativ. Wir helfen den jungen Firmen, zu wachsen. Firmen, die wachsen, brauchen Personal. Und ein Job ist der beste Weg aus der Armut.
Und dann?
Wahnbaeck: Wenn die Firmen erfolgreich sind, dann verkaufen wir die Anteile wieder, wie eine klassische Risikokapitalgesellschaft. Das Geld geht aber nicht an uns, denn wir sind gemeinnützig. Auch unsere Spender bekommen keinen Gewinn ausgezahlt, sondern eine Spendenbescheinigung. Das Geld bleibt im System und finanziert die nächste Generation von Start-ups. Das Modell haben wir vor sechs Jahren gegründet und der Gründungsimpuls kam aus diesem Frust, zu sehen, dass diese wirtschaftlichen Werkzeuge für Entwicklungsfragen viel zu wenig genutzt werden.
Wie finden Sie geeignete Unternehmerinnen und Unternehmer vor Ort?
Wahnbaeck: Wir beschäftigen ein bis zwei Leute in Deutschland und die anderen in Afrika. Wir suchen lokale Gründer mit lokalen Ideen für lokale Märkte, und die entdeckt nicht der alte weiße Mann in Hamburg. Wir haben fähige Leute, die aus den regionalen Ökosystemen kommen, Investoren sind, sozusagen im Start-up-System vor Ort waren.
Herr Ahlers, hat er Sie mit genau diesen Argumenten überzeugt, auch bei Impacc mitzumachen?
Ahlers: Für mich ist es tatsächlich ein großer Unterschied, ob jemand 1000 Euro als Spende erhält oder als Investition. Im letzten Fall weiß der- oder diejenige: Ich bin nun auch verpflichtet, eigene Gegenleistung zu bringen. Und das ist genau dieser Unterschied, den Impacc macht. In dem Moment, wo man Menschen Geld gibt, das sie weiterentwickeln müssen, ist es eine völlig andere Geschichte, als wenn sie eine Spende bekommen. Ich habe das selbst erlebt.
Ist Selbstverantwortung der Schlüssel?
Wahnbaeck: Ja, einschließlich der Tatsache, wie man zusammenarbeitet. Ich nehme in Afrika immer wieder wahr, dass die Menschen dort mit Hilfsorganisationen gar nicht so gerne zusammenarbeiten, weil es nicht das Beste aus ihnen herausbringt. Die Menschen wollen ernst genommen werden, und zwar nicht als Hilfsempfänger, sondern mit ihren eigenen unternehmerischen Ideen. Sie wollen auch den gleichen Ansprüchen unterliegen wie Unternehmensinvestitionen in Europa. Diese Art von Augenhöhe kann auch gegenseitig inspirieren.
In Europa überleben nicht alle Start-ups. Macht Ihnen das keine Sorgen, dass viel Geld verpufft in den jungen Unternehmen, die es nicht schaffen?
Ahlers: Wir sind uns bewusst, dass ein Unternehmen scheitern kann. Impacc hat sehr gute Leute vor Ort, die mit ihrem Wissen von hier und Erfahrung von vor Ort gut erkennen, was geht und was nicht. Sie haben eine große Auswahl von Möglichkeiten und suchen sich die Firmen aus, die die größten Chancen haben. Das schafft dann tatsächlich Jobs in Ländern, in denen sie ganz dringend gebraucht werden.
In Deutschland investieren viele immer noch in Start-ups, die schnell wachsen wollen, die die Welt oft aber nicht zwingend besser machen.
Wahnbaeck: Vieles in Deutschland ist mittlerweile ein bisschen ausgeleiert. Wenn ein neuer Lieferdienst in acht statt in zehn Minuten klingelt, ist das aus meiner Sicht nicht die große Innovation, die die Welt verändert. Was ich in Afrika merke, ist, dass wir mit jeder Art von Unternehmen eine wahnsinnige Wirkung entfalten, weil das Volkswirtschaften sind, die im Aufbruch sind, weil es das jeweilige Produkt noch nicht gibt. Das, was wir machen, löst immer auch entwicklungspolitische Probleme.
Ein Beispiel bitte.
Wahnbaeck: Eric Bosire zum Beispiel, ein Kenianer, Sohn eines Zuckerrohrbauern. Wenn die Ernte gut war, dann konnten die Jungs zur Schule. Wenn die Ernte nicht gut war, dann halt nicht. Und das liegt wie so oft in Ostafrika an der Bewässerung. Jetzt wäre ein typischer Ansatz, einen Brunnen zu bohren. Aber Eric wusste, das löst gar nicht das Problem, denn dann sinkt der Grundwasserspiegel für alle drumherum.
Was war seine Idee?
Wahnbaeck: Er wusste, dass es genug Regen gibt, aber zur falschen Zeit und in den falschen Mengen, was der Klimawandel noch verstärkt. Seine Geschäftsidee: Regenwasser-Auffangbecken verbunden mit solargetriebener Tröpfchenbewässerung. Mit seinem Unternehmen Irrihub hat Eric ein System geschaffen für Kleinstbauern, die ihre Felder bewässern können. Das hilft nicht nur beim Zuckerrohr, sondern nun können die Bauern auch andere Produkte anbauen und verkaufen.
Läuft das Geschäft?
Ahlers: Die Bauern in der Region merkten, dass sie es sich leisten konnten, eine solche Bewässerungsanlage zu leasen. Dass sie die Kosten über die höheren Verkaufsmengen leicht zurückbekommen. Das ist die schönste, nachhaltigste Art von Entwicklung, und das passt auch zu Frosta sehr gut. Wenn wir wegen der benötigten Mengen unsere Ware schon nicht von Kleinstbauern beziehen können, helfen wir ihnen zumindest durch ein gutes System von Landwirtschaft in Gegenden, wo die Dinge wachsen, die hier nicht wachsen. Und irgendwann werden diese kleinen Bauern damit groß genug, um unsere Lieferanten zu werden.
Entdecken Sie durch Impacc auch neue Regionen für sich?
Ahlers: Wir entwickeln tatsächlich neue Lieferländer, in denen wir früher nicht genug Expertise hatten. Es ist eine sehr gute Möglichkeit, das mit einem Partner wie Impacc zusammen zu machen.
Ärgern Sie sich, wenn Unternehmer viel reden, aber wenig Konkretes tun?
Ahlers: Ja. Was mich oft ärgert, ist, wenn ich lese, dass ein Riesenunternehmen damit angibt, 1000 Bäume zu pflanzen. Da weiß man nicht einmal, ob das je nach Region und Bedingung eine gute Sache ist. Und es steht oft nicht im Verhältnis zur Größe des Konzerns.
Wie rechnet sich das steuerlich für Unternehmen, die bei Ihrem Unternehmen Impacc mitmachen, Herr Wahnbaeck?
Wahnbaeck: Wir wissen, dass für viele Unternehmen der Hauptimpuls fürs Spenden die Spendenbescheinigung ist. Unser Problem war zunächst, dass Finanzämter forderten, wir müssten das Geld binnen zwei Jahren ausgeben, wenn wir eine Spendenbescheinigung ausstellen. Unser Argument, dass investiertes Geld länger wirkt, akzeptierte das Finanzamt zunächst nicht, weil es noch in unseren Büchern ist. Aber irgendwann hat das Finanzamt Hamburg Nord unseren Argumenten stattgegeben.
Gibt es andere Wünsche an die Politik, damit Sie leichter Gutes tun können?
Ahlers: Ich bin immer dafür, dass man möglichst wenig mit Subventionen macht. Der Staat sollte sich da nicht zu viel einmischen. Wenn man Unternehmen, die spenden, die Kosten über Steuervergünstigung senkt, stellt man auch mehr von der staatlich organisierten Entwicklungshilfe auf eine private Initiative um. Das wäre genau der richtige Weg.
Wahnbaeck: Ich finde, wenn wir alle bei uns selbst anfangen und das machen, was wir machen können, dann ist die Welt ein Stück weiter. Aber dennoch könnte man im Bundeshaushalt unternehmerischer denken, dass auch öffentliche Gelder investiert werden dürfen, also nicht immer kurzfristig ausgegeben werden müssen, sondern langfristig wirksam sind wie bei Impacc. Aber das Brett ist wahrscheinlich zu dick.
Das Prinzip des Sozialunternehmens
Fakten auf einen Blick
- Was ist Impacc?
Eine gemeinnützige Organisation mit Standorten in Deutschland, Kenia und Äthiopien. Gegründet 2020.
- Worum geht es?
Impacc wandelt Spenden in Beteiligungen an afrikanischen Start-ups um. Ziel: Unternehmen stärken, die Arbeitsplätze schaffen und lokale Märkte entwickeln.
- Wie funktioniert das Modell?
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Unterstützung lokaler Gründer mit lokalen Ideen
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Finanzierung, technisches Know-how und operative Begleitung
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Nutzung wirtschaftlicher Werkzeuge für sozialen Wandel
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Spenden werden investiert, statt einmalig ausgegeben – der „Motor“ bleibt dauerhaft in Bewegung
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- Warum ist das neu?
Traditionelle Hilfsprojekte enden, wenn das Budget verbraucht ist. Impacc setzt auf investive Entwicklung, die Renditen für Start-ups und ihre Gemeinschaft erzielt.
- Wer steckt dahinter?
Gegründet von Till Wahnbaeck (ehem. Vorstandsvorsitzender der Welthungerhilfe) und Jochen Moninger (ehem. Leiter der Innovationsabteilung). Beide bringen Erfahrung im sozialen Investieren mit.
- Mission in einem Satz:
Geschäftsprinzipien nutzen, um eine gerechtere, wohlhabendere Weltgemeinschaft zu schaffen.
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