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Geld & Vorsorge > Interview

Unterschätzte Risiken: Warum Deutsche zu wenig versichert sind

| Thorsten Giersch | Lesezeit: 3 Min.

Bavaria-Direkt-Chef Christian Krams über Elementarschäden, Cyber-Risiken und digitale Versicherungstrends.

Symbolbild Versicherung: Auto, Schirm
Lesen Sie im Interview: Warum viele Deutsche zu wenig versichert sind und welche Risiken besonders gefährlich werden. (Foto: shutterstock)

Christian Krams spricht über unterschätzte Risiken und fehlende Vorsorge. Der Chef der Bavaria Direkt erklärt auch die Umsatzsprünge seines Unternehmens. 

Markt und Mittelstand - Das Interview führte Thorsten Giersch

 

Herr Krams, haben die Deutschen zu viele ­Versicherungen oder eher zu wenige? 

  • Christian Krams: Das hängt davon ab, welches persönliche Schutzbedürfnis man hat und in welcher Lebenssituation man ist. Tendenziell sage ich, dass die Menschen in aller Regel zu wenig Versicherungsschutz haben. 

Warum? 

  • Christian Krams:  Wenn ich zum Beispiel an die Gebäudeversicherung denke, haben knapp 50 Prozent keinen Elementarschutz – trotz schwerer Unglücke wie das Hochwasser im Aartal. Und auch gegen Hagel, der gehört nicht zu den Elementarereignissen, sind in Bayern immer noch 20 Prozent aller Menschen oder Gebäude, nicht versichert. Eine Situation, die auch gesellschaftlich durchaus kritisch ist. Es gibt oft tragische Fälle, wenn Menschen vor den Scherben ihrer Existenz im wahrsten Sinne des Wortes stehen, weil ihr größtes Hab und Gut, das Wohngebäude, zerstört ist und sie kein Geld für den Wiederaufbau haben. 

Andere würden auch sagen, da verlassen sich zu viele auf den Staat, was ja nichts anderes heißt, als dass die Allgemeinheit einspringt. 

  • Christian Krams:  Das ist richtig. Aber es gibt für all die angesprochenen Risiken Versicherungsschutz. Der Preis dafür richtet sich grundsätzlich nach den Risikobegebenheiten. Es wird einige Gebiete geben, wo der Preis höher ist. Aber der Elementarschutz ist für ein klassisches Einfamilienhaus in den normalen deutschen Risikozonen so etwa für 180 Euro im Jahr zu haben. Das ist eine Größenordnung, die für das wichtigste und wertvollste Eigentum, das eine Familie so hat, durchaus angemessen ist. 

Woher kommen die auffällig hohen Wachstums­raten beim Umsatz der Direktversicherungen? 

  • Christian Krams:  Die Corona-Pandemie hat dazu beigetragen, dass viele Menschen digital affiner geworden sind. Der Onlineabschluss von Versicherungsprodukten stieg und ist seitdem auf einem konstant hohen Niveau geblieben. Der zweite wichtige Effekt war, dass die Inflation seit 2022 stark gestiegen ist, was zu einer deutlichen Preissteigerung bei den Versicherungsprämien führte. Da begannen viele Menschen, im Internet intensiver die Preise zu vergleichen. Und das ist genau unser Feld, denn diesen transparenten Vergleich am Markt bedienen wir als Direktversicherer. 

Was kann man bei Ihnen als Direktversicherer digital erledigen? 

  • Christian Krams:  Was digital sehr gut geht, ist die komplette Antragstellung. Wir haben inzwischen ein ausgebautes Self-Service-Portal. Das heißt, der Kunde kann sich in dieses Portal einloggen, sieht Verträge und Beitragsrechnungen der vergangenen Jahre. Er oder sie kann die persönlichen Daten oder den Versicherungsschutz ändern, also Leistungsbausteine einschließen oder ausschließen und vieles andere. Kontaktaufnahme per Telefon bieten wir hier auch noch an, aber die wird wenig genutzt. 

Was geht digital noch nicht? 

  • Christian Krams:  Wo das Telefon sehr stark genutzt wird, ist im Schadenbereich, besonders dann, wenn es um größere Schäden geht oder wenn Menschen sich verletzt haben. Dann rufen die Kunden immer noch gerne an, das ist menschlich natürlich sehr verständlich. 

Geht auch ein Mensch an den Apparat? Oder nimmt die künstliche Intelligenz ab, zumindest beim Erstkontakt? 

  • Christian Krams:  Wir setzen künstliche Intelligenz ein, aber eher bei der Bearbeitung im Hintergrund, dort, wo es der Kunde direkt nicht mitbekommt. Wer bei uns anruft, erreicht derzeit keinen Chatbot, sondern einen Menschen. Wir haben auch Ideen, einfache Fälle künftig durch einen Chatbot bearbeiten zu lassen. 

Was unterscheidet Sie als Direktversicherer noch von einem Versicherer mit Vertriebsbüros? 

  • Christian Krams:  Kunden haben mindestens dieselben Erwartungen an den Direktversicherer wie an den klassischen Versicherer. Das war vor einigen Jahren noch anders. Da wurde der Direktversicherer vielleicht noch als günstigerer Versicherer angesehen, von dem man vielleicht auch etwas weniger Service erwartete. 

Was erwarten die Kunden jetzt? 

  • Christian Krams:  Der Direktversicherer kann heute vieles digital darstellen. Kunden erwarten von uns eine noch größere Schnelligkeit und einen noch besseren Service. Menschen sind digitaler affiner geworden, sammelten Erfahrungen mit den großen Internetunternehmen und deren Kundenorientierung. Damit wuchsen ihre Ansprüche. 

Welche Rolle spielt der Preis? 

  • Christian Krams:  Wir vergleichen uns beim Preis gar nicht unbedingt mit anderen Versicherern, sondern wir kalkulieren jedes einzelne Risiko, sei es jetzt für eine Kfz- oder eine Gebäudeversicherung, mit einem versicherungstechnisch notwendigen Preis. Und den bieten wir dem Kunden an. Gleichzeitig haben wir durch die digitalen Möglichkeiten einen gewissen Kostenvorteil, den geben wir, wo immer möglich, selbstverständlich an den Kunden weiter. So gelingt es uns, in vielen Fällen einen entsprechenden Preis anzubieten. Aber in allen Fällen, beispielsweise bei größeren Risiken, wollen wir gar nicht unbedingt derjenige sein, der einen sehr günstigen Preis anbietet. 

Zum Abschluss vielleicht noch der Blick in die Zukunft. Ist die Welt in einigen Jahren noch versicherbar? 

  • Christian Krams:  Gesellschaftlich, politisch, wirtschaftlich ist die Welt sicherlich sehr, sehr viel komplexer, herausfordernder geworden. Aber ich denke, dass sie nach wie vor noch versicherbar ist. Wenn wir es herunterbrechen auf die einzelne Person oder eine Familie, muss sich jeder Einzelne in seinem Umfeld überlegen, was die größten Risiken sind, die ihn als Person oder als Familie bedrohen, und was die größten Werte, die verloren gehen können. Man sollte sich fragen, wie man sich bestmöglich gegen diese Risiken absichern kann. Das ist eine wichtige Verantwortung, die jeder für seine Familie und für sich selbst trägt. 

Was unterschätzen die Menschen derzeit am meisten? 

  • Christian Krams:  Cyber-Versicherung. Da sehen wir erhebliche Bedrohungen. Und zwar auch für den Privat­kunden, deswegen bieten wir hier spezielle Policen an. 

Sie gehören also zu den Versicherern, die das für Firmenkunden nicht oder nicht mehr machen? 

  • Christian Krams:  Für das Gewerbegeschäft bieten wir Cyber-Versicherungen bewusst nicht an. Das ist tatsächlich ein Bereich, in dem sich Versicherer inzwischen sehr gut überlegen müssen, welches Risiko sie noch zeichnen und welches nicht. 

Die Absicherer

Christian Krams ist promovierter Mathematiker und Betriebswirt. Der Nordrhein-Westfale, Jahrgang 1970, ist seit 2013 im Vorstand der Bavaria Direkt und führt das Unternehmen seit April 2025 als Vorstandsvorsitzender. Zuvor arbeitete er zehn Jahre in unterschiedlichen Funktionen im Konzern Versicherungskammer. 

Infokasten – BavariaDirekt Versicherung AG

Unternehmen

  • Rechtsform: Aktiengesellschaft (AG)

  • Gegründet: 1991 (als OVAG)

  • Seit 2005 Teil der Versicherungskammer Bayern / Sparkassen-Finanzgruppe

  • Seit 2021 Firmierung als BavariaDirekt Versicherung AG

  • Fokus: Digitaler Direktversicherer

Kernprodukte

  • Kfz-Versicherung (Haftpflicht, Teilkasko, Vollkasko)

  • Privathaftpflicht, Hundehaftpflicht

  • Hausrat- und Wohngebäudeversicherung

  • Cyber-Versicherung (Privat)

  • Vermittlung weiterer Produkte der VKB und Sparkassen (Pflege, Gesundheit, Rechtsschutz, Reise)

 

Der Beitrag erschien in der November-Ausgabe von Markt und Mittelstand 2025

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