| Markt und Mittelstand Redaktion
Die Vier-Prozent-Regel verspricht finanzielle Sicherheit im Alter, doch Inflation und volatile Märkte stellen ihre Wirksamkeit in Frage.
Die Vier-Prozent-Regel stammt aus den 1990er Jahren und wurde vor allem durch die sogenannte „Trinity Study“ populär. Der Grundgedanke: Wer jährlich vier Prozent seines zu Rentenbeginn vorhandenen Vermögens entnimmt, kann über 30 Jahre hinweg mit hoher Wahrscheinlichkeit finanziell überleben. Der Ansatz basiert auf historischen Daten zu Aktien- und Anleihenrenditen der USA.
Doch was in der Theorie solide klang, gerät heute ins Wanken: Die Märkte sind volatiler, die Inflationsraten höher, die Lebenserwartung steigt. Die einst komfortable Pufferzone schrumpft – und mit ihr das Vertrauen in die Formel.
Die Trinity-Studie ist kein „Geheimtipp für den Vorruhestand“. Sie ist auch keine lebensverändernde Entdeckung. Es handelt sich schlicht um ein Forschungspapier aus dem Jahr 1998, erstellt von den Finanzprofessoren Philip L. Cooley, Carl M. Hubbard und Daniel T. Walz an der Trinity University in Texas. Der Titel des Papiers lautet nüchtern:
„Retirement Savings: Choosing a Sustainable Withdrawal Rate“.
Daraus wurde später die griffige Bezeichnung „Trinity-Studie“. Kein Wunder: Der Originaltitel ist sperrig, und „Trinity“ klingt nach Substanz.
Es geht nicht um Kapitalerhalt.
Ein Portfolio gilt als „erfolgreich“, selbst wenn nach 30 Jahren nur 1 US-Dollar übrig ist. Die Studie zielt nicht auf Werterhalt, sondern auf Kapitalnutzung mit Restwert.
Sie ist keine Vorruhestandsanalyse.
Die Studie richtet sich nicht an 40-Jährige, die mit 55 aussteigen wollen, sondern an klassische Renteneintrittsalter. Wer 40 Jahre Ruhestand plant, braucht andere Modelle.
Sie berücksichtigt nur historische US-Daten.
Die Analyse basiert auf US-Kapitalmarktdaten. Sie sagt nichts über europäische Rentenrealitäten, Gesetzeslagen oder heutigen Zinsniveaus aus.
Zunächst einmal: Die Vier-Prozent-Regel stammt nicht aus der Trinity-Studie. Sie wurde vier Jahre zuvor von William Bengen eingeführt, der 1994 in einer eigenen Analyse ähnliche Szenarien berechnete. Die Trinity-Studie griff diese Idee auf – und testete sie auf breiterer Datenbasis.
Die Professoren untersuchten:
Fünf Portfolio-Zusammensetzungen (von 100 % Aktien bis 100 % Anleihen)
Vier Anlagezeiträume (15, 20, 25 und 30 Jahre)
Rückzugsraten von 3 bis 12 Prozent
Erfolgsdefinition: Ein Portfolio gilt als „erfolgreich“, wenn am Ende des Zeitraums noch Geld übrig ist – egal wie viel.
Ein entscheidender Punkt: Die Studie geht von einer jährlichen Entnahme in fester Relation zum Anfangsvermögen aus, angepasst an die Inflation – aber unabhängig von der tatsächlichen Portfolioentwicklung.
Das heißt: Wer mit 1 Million startet, entnimmt im ersten Jahr 40.000 Dollar – und erhöht diesen Betrag jährlich nur um die Inflationsrate, nicht um Renditen.
1. Inflationsdruck: Die Inflationsrate in Deutschland lag im Juli 2023 bei rund sechs Prozent. Dies bedeutet, dass die jährlichen Entnahmen deutlich stärker steigen müssten als ursprünglich angenommen, um die Kaufkraft zu erhalten.
2. Niedrigzinsumfeld: Trotz jüngster Zinserhöhungen bleiben die Renditen für sichere Anlagen wie Staatsanleihen historisch niedrig. Dies erschwert es, die notwendigen Renditen zu erzielen, um die Entnahmen auszugleichen.
3. Marktvolatilität: Die Finanzmärkte haben in den letzten Jahren starke Schwankungen erlebt. Ein Markteinbruch zu Beginn des Ruhestands kann die Langlebigkeit des Portfolios erheblich beeinträchtigen.
4. Steigende Lebenserwartung: Die durchschnittliche Lebenserwartung in Deutschland ist seit der Entwicklung der Regel gestiegen. Laut Statistischem Bundesamt beträgt sie für neugeborene Jungen 78,2 Jahre und für Mädchen 83,2 Jahre (Stand 2021). Dies bedeutet, dass das Vermögen möglicherweise länger reichen muss als ursprünglich kalkuliert.
Angesichts dieser Herausforderungen diskutieren Finanzexperten verschiedene Anpassungen und Alternativen zur klassischen Vier-Prozent-Regel:
1. Flexible Entnahmequoten: Statt einer starren 4-Prozent-Regel empfehlen einige Experten, die Entnahmequote jährlich an die Marktperformance anzupassen. In guten Jahren könnte mehr, in schlechten Jahren weniger entnommen werden.
2. Konservativere Ansätze: Manche Analysten schlagen vor, die initiale Entnahmequote auf 3 oder 3,5 Prozent zu senken, um das Risiko der Vermögenserschöpfung zu reduzieren.
3. Bucket-Strategie: Hierbei wird das Vermögen in verschiedene "Eimer" aufgeteilt - kurzfristige, mittelfristige und langfristige Anlagen. Dies kann helfen, Marktvolatilität besser zu managen.
4. Dynamische Anpassung: Die Entnahmequote wird regelmäßig basierend auf Faktoren wie Portfoliowert, Lebenserwartung und Marktbedingungen neu berechnet.
Für eine effektive Ruhestandsplanung empfehlen Finanzexperten:
Braucht man ein Mindestvermögen?
Wer 40.000 Euro jährlich im Ruhestand entnehmen möchte, braucht laut der 4 %-Regel ein Startvermögen von 1 Million Euro.
Bei 20.000 Euro Entnahme jährlich genügen 500.000 Euro.
Je niedriger der gewünschte jährliche Betrag, desto geringer kann das Anfangsvermögen ausfallen – aber nur innerhalb realistischer Grenzen.
Rechenbasis der Regel: Die 4 % beziehen sich immer auf das Anfangsvermögen – z. B. 4 % von 1 Mio. = 40.000 Euro im ersten Jahr.
Inflationsbereinigt: Die jährlichen Entnahmen steigen inflationsbedingt, was zusätzliches Kapital erfordert.
Marktschwankungen: Ein zu kleines Portfolio ist stärker durch Krisen gefährdet – es fehlt der "Puffer", um Durststrecken zu überstehen.
Lebenserwartung und Planungssicherheit: Je kleiner das Vermögen, desto höher das Risiko, dass es nicht ausreicht – besonders bei längerer Lebensdauer.
Kombination mit gesetzlicher Rente oder Betriebsrente
Nebenverdienste im Ruhestand („Semi-Retirement“)
Lebenslange Rentenprodukte (z. B. Sofortrenten)
Reduktion der Entnahmequote (z. B. 2–3 %) bei unsicherer Lage