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Studie: Warum der deutsche Mittelstand an Gewicht verliert – Ursachen, Zahlen, Perspektiven

| Markt und Mittelstand / red. | Lesezeit: 4 Min.

Der Mittelstand schrumpft leise, aber messbar. Was hinter sinkender Wertschöpfung, steigenden Insolvenzen und neuer Dynamik steckt.

Illustration Rückrat - instabil
Das Rückgrat der deutschen Wirtschaft bekommt Risse: Der Mittelstand steht unter massivem Druck und büßt an wirtschaftlicher Bedeutung ein. (Foto: MuM/ki)

 

Drei Jahre ohne echtes Umsatzwachstum sind mehr als eine konjunkturelle Delle. Sie sind ein Stresstest für ein Wirtschaftsmodell, das lange als nahezu unerschütterlich galt: den deutschen Mittelstand. Kleinst-, kleine und mittlere Unternehmen (KMU) stellen weiterhin 99,3 Prozent aller Unternehmen in Deutschland – doch ihr wirtschaftliches Gewicht schrumpft. Still, aber messbar.

Zwischen 2018 und 2023 sank ihr Anteil an Umsatz und Beschäftigung jeweils um rund vier Prozentpunkte, der Beitrag zur Bruttowertschöpfung um zwei Prozentpunkte. Gleichzeitig ist die Zahl der Unternehmen um satte 22 Prozent auf 3,16 Millionen gestiegen. Mehr Betriebe, weniger ökonomische Schlagkraft – ein Paradox, das Fragen aufwirft. Und Antworten verlangt.

Viele Unternehmen, weniger Ertrag

Was zunächst nach statistischer Randnotiz klingt, trifft den Kern der deutschen Wirtschaftsstruktur. Der Mittelstand, oft beschworen als „Rückgrat der Wirtschaft“, verliert an Muskelmasse. Die Gründe sind vielfältig, aber sie verdichten sich zu einem klaren Bild: steigende Kosten bei stagnierenden oder sinkenden Umsätzen.

Allein die Löhne legten 2023 um 5,1 Prozent zu, 2025 um weitere 4,2 Prozent. Hinzu kommen Fachkräftemangel, hohe Energiepreise, regulatorische Lasten und eine Investitionszurückhaltung, die sich quer durch Branchen zieht. Für viele kleinere Betriebe wird Liquidität zur Dauerbaustelle.

Steuerberater berichten im DATEV-Branchenbarometer zunehmend von Restrukturierungen, Standortverlagerungen und Geschäftsaufgaben. „Viele kleine Unternehmen nähern sich dem Punkt, an dem sich die Geschäftstätigkeit einfach nicht mehr lohnt“, sagt Prof. Dr. Robert Mayr, CEO der DATEV eG. Eine nüchterne Feststellung – und eine beunruhigende.

Insolvenzen als Symptom – und Signal

Die Zahlen geben ihm recht. 2025 markierte ein Rekordjahr bei Unternehmensinsolvenzen, nach dem pandemiebedingten Rückgang der Vorjahre. Besonders betroffen: Kleinstunternehmen ohne Beschäftigte sowie größere Unternehmen mit mehr als 100 Mitarbeitenden. Die klassischen KMU mit ein bis 100 Beschäftigten zeigen zwar eine leichte Beruhigung – doch Entwarnung wäre verfrüht.

Rund 20 Prozent der KMU-Insolvenzen lassen sich direkt in den DATEV-Abrechnungssystemen nachvollziehen, etwa über Pflichtabmeldungen bei der Unfallversicherung. Für die letzten Monate 2025 deuteten diese Frühindikatoren erneut nach oben. Insolvenz ist längst kein Randphänomen mehr, sondern Teil der wirtschaftlichen Normalität.

Dabei bedeutet ein Insolvenzverfahren nicht zwangsläufig das Ende. Knapp ein Drittel der Unternehmen wird fortgeführt. Insolvenzen sind Einschnitte – aber auch Übergänge. Sie zwingen zur Neujustierung von Geschäftsmodellen, öffnen Raum für Neugründungen und beschleunigen strukturellen Wandel.

Bau, Industrie, Gastronomie: Dauerkrisen mit unterschiedlichen Ursachen

Besonders deutlich zeigt sich die Schieflage in drei Branchen. Im Baugewerbe steigen die Insolvenzen seit vier Jahren kontinuierlich. Im Oktober 2024 lagen sie 45 Prozent über dem Vorjahresmonat, im April 2025 wurden 382 Verfahren gezählt – ein Rekordwert. Hohe Zinsen, Materialkosten und eine schwache Nachfrage treffen hier aufeinander.

Im Verarbeitenden Gewerbe spiegeln die steigenden Insolvenzzahlen die anhaltende Umsatzschwäche wider. 184 Verfahren im April 2025 markieren auch hier einen Höchststand. Und im Gastgewerbe konnten nominale Umsatzsteigerungen die realen Belastungen durch Inflation, Personalmangel und Kostenexplosion nicht kompensieren. Der Höchststand an Insolvenzen wurde im Oktober 2025 erreicht.

Wenn der Westen wackelt

Auffällig sind auch die regionalen Verschiebungen. Lag der Schwerpunkt ungeplanter Betriebsaufgaben 2024 noch im Osten Deutschlands, verlagerte er sich 2025 deutlich in den Westen. Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg verzeichneten besonders starke Zuwächse bei Insolvenzen.

Bemerkenswert: Hohe Insolvenzzahlen gehen häufig mit steigenden Neugründungen einher. Wo Unternehmen scheitern, entstehen neue. Krise und Erneuerung sind zwei Seiten derselben Medaille. Der Mittelstand verliert an Gewicht – aber nicht an Dynamik.

Die stille Schlüsselrolle der Beratung

In dieser Phase kommt den steuerlichen Beratern eine Rolle zu, die weit über Zahlen hinausgeht. Sie sind Frühwarnsysteme, Sparringspartner und oft letzte Instanz vor der Insolvenz. „Steuerberater geben Orientierung, sichern Existenzen und begleiten ihre Mandanten vom Risiko zur neuen Perspektive“, so Mayr.

Vielleicht liegt genau hier ein Teil der Antwort auf die Mittelstandsfrage. Nicht im nostalgischen Festhalten am Bestehenden, sondern in der Fähigkeit zur Anpassung. Insolvenzen sind kein Zeichen kollektiven Scheiterns, sondern Ausdruck eines Systems im Umbau.

Der deutsche Mittelstand verliert wirtschaftliches Gewicht. Aber er verliert nicht seine Bedeutung. Noch nicht.

 

Quelle:
DATEV Spotlight Insolvenzen 1/2026 (inkl. Jahresrückblick), DATEV Branchenbarometer 

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