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Das Innovationsdilemma: Wenn Erfolg zur Trägheit führt

| Andreas Englen

Das Innovationsparadoxon: Wenn Erfolg zur Falle wird und Unternehmen den Anschluss verpassen.

Markt und Mittelstand

von Prof. Andreas Englen

Niemand wird bestreiten, dass sich Unternehmen mit Innovationen beschäftigen müssen, um langfristig zu bestehen. Komplizierter wird es jedoch bei der Frage, wann genau Unternehmen mit Innovationen beginnen sollten oder müssen. Der Wirtschaftswissenschaftler und Innovationsberater Scott Anthony zeigt, dass es beim Timing einige Verzerrungen im menschlichen Entscheidungsverhalten gibt, die für Unternehmen problematisch werden können.

Er verwendet dazu eine Analogie aus dem Alltag, die nicht auf alle, aber auf viele Menschen zutrifft: Stellen wir uns vor, wir hätten längere Zeit keinen Sport getrieben und uns nicht besonders gesund ernährt. Trotzdem ging es uns gut – keine körperlichen Beschwerden. Irgendwann jedoch treten die ersten Symptome auf, wir gehen zum Arzt und erhalten die Empfehlung, uns mehr zu bewegen, Sport zu treiben und unsere Ernährung umzustellen. Unsere Reaktion: „Hätte ich doch nur früher angefangen!"

Ein ähnliches Verhalten beobachtet Anthony auch bei Unternehmen in Bezug auf Innovationen. Wenn ein Unternehmen ein funktionierendes Geschäftsmodell hat und über viele Jahre wächst, stellt sich eine gewisse Selbstzufriedenheit ein – gepaart mit dem Gefühl der Unbesiegbarkeit. So erging es Nokia Mitte der 2000er-Jahre. Die Topmanager reisten um die Welt, wurden überall gefeiert. Weltweit hatte Nokia damals rund 40 Prozent Marktanteil bei Mobiltelefonen. Es ist menschlich verständlich, dass eine solche Erfolgssituation eine gewisse Trägheit im Hinblick auf Innovationsanstrengungen auslöst. Nokia hätte sicherlich über genügend Ressourcen verfügt, um die Zukunft des Marktes aktiv mitzugestalten.

Das Paradoxon: Ressourcen vorhanden, Innovation vernachlässigt

Hier kommt das Paradoxon ins Spiel. Gerade dann, wenn Unternehmen erfolgreich sind und über die nötigen Ressourcen sowie Zeit verfügen, um in Innovationen zu investieren, tun sie es oft nicht oder nicht im erforderlichen Maße. Doch irgendwann ändert sich die Lage. Marktanteile schrumpfen, neue Wettbewerber drängen auf den Markt. Jetzt schlägt der „Arztbesuch"-Moment zu: Das Unternehmen erhält die klare Botschaft, dass es sich dringend verändern muss. Doch nun ist es oft zu spät. Die Gewinne sind gesunken, die Margen kleiner geworden, und es dauert zu lange, neue Produkte zu entwickeln. Wieder denkt man: „Hätten wir doch nur früher angefangen!" Nokia etwa wurde aus dem Markt gedrängt.

Strategien gegen das Innovationsversäumnis: Proaktiv handeln

Was kann man tun, um diesem Paradoxon entgegenzuwirken? Zunächst ist es wichtig, sich dieser menschlichen Neigung bewusst zu werden. Darüber hinaus gibt es konkrete Maßnahmen. Hewlett-Packard und andere Innovations-Champions haben sich klare Vorgaben gemacht, wie viel jedes Jahr – unabhängig von der wirtschaftlichen Lage – in Innovationen investiert werden muss. Solche Regeln verhindern zumindest teilweise, dass Unternehmen in die Falle des Paradoxons tappen.

Anthony empfiehlt auch, regelmäßig eine Liste zu erstellen, was alles schiefgehen könnte – also mögliche Risiken, die die derzeit starke wirtschaftliche (oder, um bei der Analogie zu bleiben, gesundheitliche) Lage gefährden könnten. Diese Liste hilft, den Blick auch auf potenzielle Bedrohungen zu richten, die unter der Oberfläche lauern.

Egal, für welche Maßnahmen Sie sich entscheiden, merken Sie sich eines: Die größten Fehler machen wir oft in Zeiten des Erfolgs. Versäumnisse bei Innovationen lassen sich später nur schwer aufholen, denn ihre Entwicklung kostet nicht nur Geld, sondern auch wertvolle Zeit.

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