Wenn Kennzahlen unbequeme Wahrheiten offenbaren
| Thorsten Giersch | Lesezeit: 5 Min.
Datev-Chefvolkswirt Timm Bönke über den Mittelstandsindex und warum die Daten manchen Politikern unbequem sind.
Das Gespräch führte Thorsten Giersc.
Herr Bönke, was zeigt der Datev Mittelstandsindex?
Timm Bönke: Er besteht aus drei Indizes, die Datev Monat für Monat berechnet: Umsatzentwicklung, Lohnentwicklung und Beschäftigungsentwicklung. Basis der Daten für die Umsatzentwicklung sind die Umsatzsteuervoranmeldungen von rund einer Million Unternehmen. Die Zahlen für Beschäftigung und Lohnentwicklung basieren auf Daten von rund acht Millionen Lohnabrechnungen.
Was unterscheidet den Mittelstandsindex von anderen Kennzahlen?
Timm Bönke: Der entscheidende Punkt ist: Es sind Ist-Daten, keine Schätzungen, Befragungen oder Mutmaßungen. Es ist tatsächlich das, was am Monatsende auf der Uhr steht. All das wird anonymisiert zusammengetragen. Rückschlüsse auf Einzelunternehmen sind nicht möglich. Möglich ist aber, die Ergebnisse granular zusammenzustellen und das viel früher, als andere Anbieter das tun.
Heißt konkret?
Timm Bönke: Wir können in unserem Rechenzentrum praktisch in Echtzeit in die Daten schauen. Durch die Umsatzsteuervoranmeldung sind wir sozusagen am Anfang der Meldekette. Das ist der große zeitliche Vorsprung. Und wir haben nicht nur die Zahl an sich, sondern auch das Unternehmen, das dahintersteckt. Das heißt, wir können die Daten mit der Größe der Unternehmen zusammenbringen, der Branche, der Region, der Mitarbeiterzahl. Wir können tief einsteigen und – je nach Statistik – einige Wochen oder sogar Monate, bevor das Statistische Bundesamt die veröffentlicht.
Arbeiten Sie zusammen?
Timm Bönke: Wir tauschen uns sehr gut mit Wirtschaftsministerium, Finanzministerium und Statistischem Bundesamt aus. Aber wir sind keine offizielle Statistik. Wir sind eine Genossenschaft, die Daten ihrer Mitglieder auswertet. Das soll Politik, Unternehmen sowie der Gesellschaft helfen. Vor allem den kleinen und mittleren Unternehmen, über die vergleichsweise wenige Daten vorliegen. Entsprechend wichtig ist uns auch ein guter Austausch mit Kommunen.
Was heißt das?
Timm Bönke: Wir können für eine Kommune den „Gesundheitszustand“ ihrer regionalen Unternehmerschaft belegen – auf Landkreis- oder Postleitzahlebene. Und das ist natürlich für den Landrat oder den Gemeindedirektor sehr spannend. Dieses Kontextwissen hilft zu entscheiden, ohne mit allen Unternehmern direkt sprechen zu müssen.
Geben Sie uns ein Beispiel.
Timm Bönke: Von der Mindestlohnerhöhung sind einige Regionen viel stärker betroffen als andere. Landwirtschaftlich geprägte Gegenden zum Beispiel oder dort, wo sich viele Arbeitsplätze in personalintensiven kleinen Unternehmen befinden. Mit unseren Daten können wir leicht errechnen, ob der Mindestlohn überhaupt etwas an Kaufkraft bringen wird und wie er sich auf die Personalkosten der lokalen Unternehmen auswirkt.
Warum betreibt Datev diesen Aufwand?
Timm Bönke: Die Idee entstand auf Initiative unseres CEO Robert Mayr, als die realen Probleme in den Betrieben zunahmen, darüber aber kaum gesprochen wurde. Die Rückmeldungen aus den Kanzleien passten nicht zu den politischen Einschätzungen in den Nachrichten. Viele unserer Mitglieder hatten das deutliche Gefühl: Ihren Mandanten geht es schlechter, als es die öffentliche Debatte vermuten lässt. Mitte 2022 wurde immer offensichtlicher, dass die gesamtwirtschaftlichen Statistiken die tatsächliche Lage der 99,3 Prozent der Unternehmen nicht zeitnah abbilden. Genau hier setzt der Datev Mittelstandsindex an. Das Ziel unseres CEO war, auch die Lage der Kleinst-, kleinen und mittleren Unternehmen abzubilden. Wenn Bäckereien strukturelle Probleme haben und weniger Menschen einstellen, hat das einen viel größeren Effekt, als wenn ein Konzern des Deutschen Aktienindex Dax 1000 Menschen entlässt. Letzteres wird in Nachrichten groß gespielt, ersteres nicht.
Und Sie können die Folgen messen?
Timm Bönke: Damit die politische Arbeit für den Mittelstand sichtbar wird, muss sich in der realen Wirtschaft wirklich etwas tun. Bei der neuen Regierung gibt es gute Ansätze, zum Beispiel die Sonderabschreibungen. Das mag die Stimmung heben, hilft aber nur den Unternehmen, die Gewinne machen – also solchen, die überhaupt Überschüsse haben, gegen die sie die Abschreibungen verrechnen können. Wer mit dem Rücken zur Wand steht, kann diese Sonderabschreibung nicht für sich geltend machen. Und auch der Bürokratieabbau wird Zeit brauchen: Wir erwarten nicht, dass da innerhalb der nächsten Monate etwas sichtbar wird.
Wie lief 2025?
Timm Bönke: Wir hatten im Frühjahr kurzzeitig das Gefühl, eine Trendwende am Markt für mittelständische Unternehmen gemessen an der Umsatzentwicklung zu sehen. Seit Juli sinken die Umsätze in allen Branchen. Weil wir mittlere, kleine und Kleinstunternehmen untersuchen, erkennen wir zudem, dass die Umsätze bei den Kleinstunternehmen signifikant mehr schrumpfen als zum Beispiel bei den mittleren Unternehmen. Das kann dramatische Folgen haben.
Warum?
Timm Bönke: Der Index zeigt einen Anstieg der Löhne, was bei sinkenden Umsätzen zu einem erheblichen Problem werden kann. Wir beobachten zudem, dass mittelständische Unternehmen ihre Löhne anpassen müssen, sobald die Konzerne höhere Gehälter zahlen. Da zeigt sich der Kampf um Fachkräfte. Absehbar ist, dass kleine und mittelgroße Unternehmen unter den steigenden Lohnnebenkosten etwa für Rente, Krankenversicherung oder Pflege besonders leiden werden. Denn diese Firmen haben, proportional betrachtet, hohe Kosten fürs Personal, eine Bäckerei mit Café auch mal über 50 Prozent.
Also sprechen wir zu viel zum Beispiel über hohe Energiepreise und zu wenig über steigende Personalkosten?
Timm Bönke: Ja. In der Industrie mag der Rohstoffeinkauf sehr wichtig sein. Da ist der Arbeitskostenanteil geringer und nicht für den immensen Kostendruck auf das Gesamtunternehmen verantwortlich. Aber wenn wir uns Unternehmen aus Einzelhandel, Gastronomie und Landwirtschaft anschauen, sieht das anders aus. Kleine und mittlere Unternehmen wirtschaften tendenziell personalintensiver. Diese 99,3 Prozent der Unternehmen machen zwar nur knapp die Hälfte der Wertschöpfung in Deutschland aus, aber sie können ihre Strukturen nur begrenzt anpassen oder den Standort ändern.
Zuletzt stieg die Zahl der Insolvenzen. Wie tauglich ist diese Kennziffer?
Timm Bönke: In der Insolvenzstatistik sind die geplanten Geschäftsaufgaben nicht enthalten. Das Thema mangelnde Nachfolgeregelung ist nicht drin, spielt aber eine äußerst wichtige Rolle. Häufig blickt man nur auf die reine Zahl der insolventen Unternehmen. Und in der Insolvenzstatistik sind Unternehmen ohne sozialversicherungspflichtige Mitarbeiter problematisch. Es gibt gewisse Unternehmer, die eine Firma gründen, und in dem Moment, in dem die erste Außenprüfung vom Finanzamt kommt, in Insolvenz gehen und neu gründen. Die Zahl solcher Fälle schwankt sehr stark, verändert aber die Insolvenzstatistik und sagt wenig aus über den wahren Zustand der Unternehmenslandschaft.
Den Mittelstandsindex gibt es seit etwas mehr als einem Jahr, Vergleichsdaten müssten doch viel länger vorliegen?
Timm Bönke: Wir kennen die Daten der Unternehmen der letzten zehn Jahre. Wir veröffentlichen zwar monatlich Daten zu Umsätzen, Löhnen und Beschäftigung, verfügen aber über weit umfangreichere Informationen. In Zukunft wollen wir noch einen tieferen Blick in die Bücher wagen. Wir fragen uns: Was zeichnet gesunde Unternehmen aus? Und welche Unternehmen haben es wegen bestimmter Muster in der Vergangenheit nicht geschafft?
Wie wollen Sie das machen?
Timm Bönke: Zum Beispiel, indem wir die Umsatzsteuervoranmeldungen mit sehr detaillierten Daten verknüpfen. So können wir die Umsatzentwicklung der Branche berücksichtigen und gleichzeitig die Lage vor Ort präzise analysieren. Wir nutzen etwa Arbeitslosenzahlen der Bundesagentur für Arbeit, Kaufkraftdaten der GfK oder Wetterinformationen. Daraus lässt sich eine Prognose ableiten, wie es den Unternehmen vor Ort tatsächlich geht, und wie sich die Wahrscheinlichkeit bestimmter Insolvenzrisiken verändert.
Hören Sie etwas aus der Politik? Oder schauen die nur aufs Bruttoinlandsprodukt?
Timm Bönke: Es gibt Rückmeldungen. Besonders interessant ist, dass unsere Zahlen als besonders aussagekräftig wahrgenommen werden. Unser Ziel ist, weniger zu vermuten und mehr zu wissen: Wir möchten das Bauchgefühl durch verlässliche Fakten ersetzen und eine solide Grundlage schaffen, über die nicht mehr diskutiert werden muss.
Weil ihre Ergebnisse schlechter sind als Umfragen?
Timm Bönke: Es gibt zwar sehr renommierte und qualitativ hochwertige Umfrageinstrumente, die mehrere tausend Unternehmen befragen, aber sie sind tendenziell auf große Firmen ausgerichtet und verzerren daher das Gesamtbild. Und deren Erwartungen sind oft positiver als die der kleinen und mittleren Firmen. So kommt eine zu optimistische Haltung in die politische Diskussion. Und dann folgt die große Enttäuschung, wenn die positiven Erwartungen nicht eingetroffen sind – zu sehen an unseren Zahlen oder später auch gemessen am Bruttoinlandsprodukt.
Welche Rolle spielen die Verbände?
Timm Bönke: Die Industrie ist zum Beispiel exzellent vernetzt und teilweise auch im Schulterschluss mit den Gewerkschaften. Vor allem dann, wenn es um große Investitionsmaßnahmen geht, um industriepolitische Leuchtturmprojekte oder Zulagen. Doch oft kommt diese Förderung tendenziell eher den größeren Unternehmen zugute. Da haben wir schnell Konkurrenz in der politischen Arena.
Wenn wir also über Subventionen in Region A oder B sprechen, sollte es mehr Datentiefe geben?
Timm Bönke: Für die 99,3 Prozent der Unternehmen sind andere Faktoren entscheidend für ein erfolgreiches Wirtschaften, als ob beispielsweise Chiphersteller ein Werk in Magdeburg oder ein Batterieproduzent eines in Schleswig-Holstein ansiedelt. Aus unseren Zahlen lässt sich ableiten, dass solche Ansiedlungen für die Region positiv sein können. Das verfügbare Geld würden wir jedoch grundsätzlich stärker an den Bedürfnissen kleiner und mittlerer Unternehmen ausrichten. Das wird in politischen Kreisen, insbesondere bei industrie- und gewerkschaftsnahen Parteien, nicht immer so stark gehört.
Wie ändert sich die Lage bei kleinen und großen Unternehmen?
Timm Bönke: Wir sehen, dass die Schere weiter aufgeht als gedacht, im Hinblick auf ihre wahre Bedeutung. 30 Prozent der Umsätze, die über Umsatzsteuervoranmeldung abgebildet werden, stammen von kleinen und mittleren Unternehmen. Aber wertschöpfungsmäßig sind sie viel wichtiger, als diese 30 Prozent zeigen. Denn ein Großunternehmen kauft im Ausland ein, verkauft das Teilprodukt an den Zwischenhändler, der verkauft es weiter, und irgendwann landet es im Einzelhandel. Bei solchen Lieferketten tauchen Großunternehmen mehrfach in der Lieferkette auf und das wird nicht gegengerechnet, deswegen sind die Umsätze da bei 70 Prozent.
Welche Ergebnisse des Mittelstandsindexʼ haben Sie in diesem Jahr am meisten überrascht?
Timm Bönke: Die Bauindustrie ist zu 75 Prozent mittelständisch geprägt, also von Betrieben mit maximal 250 Mitarbeitern. Und der Strukturwandel in dieser Branche ist dramatischer, als ihn viele wahrnehmen. Viele Betriebe finden keine Nachfolger. Der Geselle wird nicht mehr Meister und dann ein eigenständiger Unternehmer, sondern er wird Angestellter, zum Beispiel in einem Konzern. Und beim Handel sieht man, dass das Weihnachtsgeschäft nicht mehr existiert.
Bitte? Das Statistische Bundesamt berichtete 2024 von einem großen Erfolg.
Timm Bönke: Ja, gesamtwirtschaftlich betrachtet haben wir 2023 übertroffen. Aber das war einschließlich der ganz großen Anbieter wie Elektronikmärkte, große Versandhändler und Co. In der Statistik geht der stationäre Einzelhandel immer weiter unter. Hierzulande bricht das von kleinen und mittleren Unternehmen betriebene Weihnachtsgeschäft komplett weg. Und jetzt schauen Sie mal, wo das Gros der Arbeitsplätze dranhängt. Wer wirklich will, kann den Strukturwandel hier live beobachten.
Was kann man tun?
Timm Bönke: Auf jeden Fall nicht den großen Versandhändlern vorwerfen, dass sie den Einzelhandel kaputtmachen. Vielleicht sollten die Kommunen attraktive Innenstädte anbieten. Letztlich sind Verbraucher derzeit verunsichert. Sie sind unsicher, wie es mit ihrem Einkommen weitergeht, und sparen. Und weil im Onlinehandel dank der Größe gewisse Preisvorteile bestehen, wird dort tendenziell mehr konsumiert als im stationären Handel.
Der Datenanalyst
Timm Bönke ist Datev-Chefökonom und verantwortlich für den Datev-Mittelstandsindex. Davor arbeitete er als Co-Leiter für den Bereich Prognose und Konjunkturpolitik am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin und vertrat das DIW bei der Gemeinschaftsdiagnose für die Bundesregierung.
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