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Wie KI das tägliche Leben in Deutschland neu ordnet

| Thorsten Giersch | Lesezeit: 4 Min.

Wir haben den Einfluss von Künstlicher Intelligenz auf das tägliche Leben noch nicht einmal im Ansatz verstanden. Was klar ist: Sie verändert die Arbeitswelt und vor allem unsere Einstellung zur Arbeit.

Menschen vor dem Brandenburgr Tor - Schriftzug: Kommentar
Wenn über das „Stadtbild“ gestritten wird, während Kassen leer sind, wirkt das zynisch – Symbolpolitik ersetzt Strukturreform. (Foto: shutterstock)

Ein Kommentar von Thorsten Giersch, Chefredakteur Markt und Mittelstand

Viele von denen, die aktuell studieren, blicken besorgt auf ihren Start ins Arbeitsleben. Wissenschaftler müssen dazu noch mehr forschen, aber erste empirische Belege für die Skepsis der jungen Generation in Deutschland gegenüber künstlicher Intelligenz sind längst da: In Umfragen sieht nur eine Minderheit in KI etwas, das Hoffnung macht. Die meisten fürchten die Risiken, und dass Unternehmen weniger Stellen für Junioren in der Wissensarbeit ausschreiben. Angst, dass der ursprünglich geplante, recht angenehme Weg verbaut ist, dominiert. So geht eine Wirtschaft unter – vor allem, wenn überall sonst in Europa eher Chancen gesehen werden. 

Bei aller berechtigten Sorge, dass die hohen Einstiegsgehälter in einigen Jobs derzeit nicht mehr so gezahlt werden wie in den vergangenen Jahren: KI wird nicht dafür sorgen, dass uns die Arbeit ausgeht. Wahrscheinlich wird unsere menschliche Expertise aber weniger wert sein. Heute gibt es viele Jobs, für die Expertenstatus notwendig ist. Wenn KI immer mehr Menschen hilft, diesen Status zu erreichen, verlieren diese Berufe an Wert. Und Tätigkeiten, die viele andere können, sind nicht gut bezahlt und in der Regel langweilig. 

Es hilft, wenn vor allem jungen Menschen nicht zu Beginn ihres Arbeitslebens schon starr entscheiden, als was sie arbeiten wollen. Und ihre Eltern sie auch nicht dazu drängen. Wir erleben derzeit, wie sich die Struktur der Beschäftigung verschiebt. Es werden die gewinnen, die darauf am besten reagieren. Das gilt für den Einzelnen, aber auch für Firmen. 

Für die meisten Berufe kann man heute nicht genau vorhersagen, welche Fähigkeiten in Zukunft wertvoll sind – außer vielleicht im Handwerk und in Teilen der Gesundheitsbranche. Neben der Flexi­bilität ist wichtig, vieles verbinden zu können. Also zum Beispiel starke analytische Fähigkeiten mit Kommunikation und Führungsqualitäten. Wer angesichts der Informationsflut in der Lage ist, produktives Wissen von ablenkenden Informationen zu unterscheiden, wird gefragt bleiben. Das Ifo-Institut hat zudem herausgefunden, dass Manager, die menschliche Teams gut führen, auch Gruppen von KI-Agenten besser steuern. 

Nicht zu vergessen: Es werden viele neue Arbeitsplätze entstehen. Vor 30 Jahren gab es keine Data Scientists, heute Millionen. Zugegeben: Die Notwendigkeit neuer Fähigkeiten entsteht selten dort, wo alte entwertet werden. Unternehmenslenker sollten alles dafür tun, dass ihre Beschäftigten in KI mehr als den Killer ihrer Jobs sehen. Denn wer künstliche Intelligenz nicht einsetzt, geht bankrott. Dann ist der Job auf jeden Fall weg. Am Ende entlässt bekanntlich die Insolvenz. 

Wir haben die Fähigkeiten der KI noch nicht einmal im Ansatz verstanden. Klar ist aber: Es ist ein Werkzeug und hilft als solches nur dabei, eine bereits bestehende Tätigkeit besser zu erledigen. Wenn der Durchbruch beim autonomen Fahren kommt, dürften auf einen Schlag Millionen Menschen ihre Jobs verlieren. Aber können zum Beispiel Hausroboter wirklich Köche, Kindermädchen und Putzhilfen ersetzen? Eher nicht.  

Augen auf bei der Berufswahl ist ein Bonmot, das noch nie so viel Gültigkeit hatte wie jetzt – aber gleichzeitig mit dem absoluten Anspruch noch nie so gefährlich war. Augen auf bei der Neu-Orientierung, wäre der Spruch, der besser in die KI-Ära passt. 

Es gilt, auf individueller und gesellschaftlicher Ebene große Fragen zu diskutieren: Wie verändert es den Kapitalismus, wenn Expertise im großen Umfang entwertet wird? Wie lässt sich der Haussegen in den Unternehmen noch aufrechterhalten? Das Fundament unserer Gesellschaft ist die Knappheit menschlicher Arbeit. Wenn Arbeit aber kein knapper Produktionsfaktor mehr ist, ist dann der Arbeitsmarkt, wie wir ihn kennen, ein gut funktionierender Verteilungsmechanismus? 

KI erhöht die Produktivität, aber nicht überall gleich: Die der Top-Experten steigt nur ein bisschen, die von Fachkräften im mittleren Segment aber sehr stark. Um ein Beispiel zu nennen: Durchschnittliche Juristen in einer Anwaltsfirma können dank KI ähnlich gute Ergebnisse erzielen wie die besten Anwälte. Natürlich wird das zu Verwerfungen führen. Wie einst schon Milton Friedman sagte: Alle lieben den freien Markt, aber jeder hasst den Wettbewerb. 

Dank KI ist Arbeit kein knapper Produktionsfaktor mehr.

 

Fakten in Kürze

  • Künstliche Intelligenz verändert Arbeit und Arbeitsverständnis tiefgreifend, die Folgen sind noch kaum absehbar
  • Junge Generation blickt skeptisch auf den Berufseinstieg und fürchtet weniger Chancen und sinkende Einstiegsgehälter
  • Arbeitsplätze verschwinden nicht massenhaft, verlieren aber teils an Wert und Status
  • Expertise wird entwertet, wenn KI komplexes Wissen breiter verfügbar macht
  • Kompetenzmix aus Analyse, Kommunikation und Führung entscheidet über Zukunftsfähigkeit
  • Neue Berufe entstehen, auch wenn sie alte Tätigkeiten nicht direkt ersetzen
  • Unternehmen müssen KI einsetzen, um wettbewerbsfähig zu bleiben
  • Arbeitsmarkt gerät unter Druck, gesellschaftliche Grundfragen müssen neu verhandelt werden

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