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Ratgeber für den Alltag > Zukunft & KI - Interview

Zukunft 2050: Frank Schätzing erklärt KI, Moral und die Risiken technologischer Macht

| Thorsten Giersch | Lesezeit: 5 Min.

Schätzing über Zukunft, KI-Angst, Macht, Moral und warum Unternehmen ohne künstliche Intelligenz ihre Zukunft riskieren.

Frank Schätzing mit ausgebreiteten Armen auf einer Bühne
Große Geste: Der Autor Frank Schätzing begeistert seine Leser spätestens seit „Der Schwarm“. Immer geht es im weitesten Sinn um Zukunft und das menschliche Verhalten. (Foto: picture alliance / Panama Pictures | Christoph Hardt)

Die meisten Bücher des Bestsellerautors Frank Schätzing handeln von der Zukunft. Ein Gespräch über gestern, heute und 2050 – und wie Unternehmer bei ihm wegkommen. 

von Thorsten Giersch für Markt und Mittelstand 

 

Man sieht Frank Schätzing nicht an, was für ein Programm er rund um das Treffen in Siegburg abspult. Es ist ein sonniger Herbsttag, der Kölner hat eine kurze Anreise. Sein neues Buch „Spaceboy“ kommt heraus: viele Termine, Autogramme, Händeschütteln. Doch darum geht es nicht im Gespräch mit Markt und Mittelstand, sondern um die Zukunft. Gerade war Vollmond. Ob er den betrachten kann, ohne an „Limit“ zu denken, sein Bestseller von 2009, in dem der Erdtrabant besiedelt ist – zwecks Ressourcenausbeute. Zivile Raumfahrt, ein Wettkampf zwischen USA und China statt zwischen USA und Russland. Für Humbug hielten das viele damals. Heute wissen wir, dass seine Ahnung Realität wurde. Wie so oft. Dass der Mond eine Basisstation für Reisen ins All sein kann, ist auch keine Utopie mehr. 

Das Gespräch beginnt damit, dass Menschen im Fiktionalen niemals wissen wollen, was passiert – Stichwort Spoiler-Alarm. Im realen Leben hingegen, vor allem im Geschäftsalltag, hassen sie aber Geheimnisse und lieben Planungssicherheit. Sie wollen wissen, was in zwei Jahren passiert und worauf sie sich in zehn Jahren einstellen müssen. Der Menschenforscher Schätzing verweist auf Studien, die erforscht haben, was uns in Panik versetzt: das Gefühl des Kontrollverlusts. Nicht zu wissen, womit man es zu tun hat. Der Kontrollverlust erzeugt weit größere Ängste, als es die echte Gefahr je könnte. Die Folge ist eine gewisse Kopflosigkeit. „Das erleben wir zum Beispiel derzeit bei künstlicher Intelligenz sehr stark“, sagt Schätzing. „Gerade in Deutschland sind wir fast ein bisschen verliebt in die Angst vor der KI, die überwiegend daraus resultiert, dass wir zu wenig über diese Systeme wissen.“ 

Ironischerweise sei die Recherche für einen historischen Roman gar nicht so unterschiedlich wie für eine Geschichte, die in der Zukunft spiele, sagt der Romanautor. „In beiden Fällen geht man aus von dem, was man definitiv weiß. Im einen Fall rekonstruiert man, wie es gewesen sein könnte, im anderen extrapoliert man, wie es werden könnte.“ Zugegeben: Das Extrapolieren mache natürlich insofern Spaß, weil „kein Mensch Ihnen das Gegenteil beweisen kann“. Menschen können recht gut erahnen, welche Technologien es in Zukunft geben kann, aber nicht, wie die Bewohner der Zukunft denken und empfinden. „Der Bewertungsmaßstab von Zukunftstechnologien und Zukunftslebensweisen bleibt immer unser Werte- und Moralkanon der Gegenwart“, sagt Schätzing. Insofern sei die Herausforderung sowohl beim historischen als auch beim utopischen Roman, dass man versuche, sich möglichst aus der eigenen Sicht auf die Dinge, dem eigenen Werteschema zu lösen. Es geht um den Versuch, sich in Zukunftsbewohner hineinzuversetzen. Das ist viel schwieriger und anspruchsvoller, als Technologien zu entwickeln. 

Das Auto: Segen und Waffe

Neue Technologien machen das Leben der Menschen nicht automatisch besser. Schätzing verweist auf das Automobil. Auf der einen Seite eine segensreiche Erfindung, um schnell von A nach B zu kommen. Auf der anderen Seite verpesten die meisten von ihnen seit Jahrzehnten die Umwelt. Und sie sind eine Waffe, man kann mit ihnen in eine Menschenmenge fahren und jemanden töten. Technologie habe eben immer zwei Seiten, sei an sich aber unschuldig. „Die Frage ist weniger, ob eine Technologie segensreich für die Menschheit ist, sondern ob diejenigen, die die Hoheit über sie in Händen halten, gute Absichten haben“, sagt Schätzing. 

Was war für ihn die wesentliche Erfindung im ersten Viertel des 21. Jahrhunderts? Der Autor muss nicht nachdenken: das iPhone von Apple im Jahr 2007. Weil es kein Telefon ist, sondern ein tragbarer Computer. „Es ist ein Assistent, der uns auf nie gekannte Art und Weise ins globale Ganze einbindet. Wir haben durch Social Media ein regelrechtes Schwarmverhalten entwickelt, uns weltweit vernetzt. Mit gleichermaßen positiven wie negativen Folgen.“ Dazu kam zuletzt die Weiterentwicklung künstlicher Intelligenz. „Wir sind auf dem Weg zu allgemeinen künstlichen Intelligenzen, die nicht mehr mühsam mit winzigen Details gefüttert werden müssen, sondern ihr Weltbild innerhalb größerer Bezugsrahmen gewinnen“, sagt Schätzing. Dabei sind die fähigsten KI-Systeme in den Händen einiger weniger Mächtiger. „Andererseits kann heute jeder User selbst mit KI arbeiten, sich bald zu Hause einen Bio-Synthesizer hinstellen und mit DNA experimentieren. Die Demokratisierung dieser Technologien ist in vollem Gange, was ihren Gebrauch betrifft. Die Steuerung aber liegt nach wie vor in Händen einer Elite.“ 

Nicht zu unterschätzen sei der riesengroße Umwälzungsprozess, weil jetzt jeder Deep Fakes erstellen könne. Wer Information und Kommunikation demokratisiert, muss damit leben, dass die Wahrheit nur dann noch etwas zählt, wenn sich Menschen darum bemühen. „Wir werden zunehmend Systeme brauchen, die KI-Missbrauch und KI-Fakes im Netz erkennen. Und es werden witzigerweise KI-Systeme sein, die KI-Fakes überführen.“ Die Menschen werden Maschinen brauchen, weil sie es ohne sie nicht mehr schaffen, bei Bildern und Videos Fiktion von Realität zu unterscheiden. „Ich denke, dass die Plattformbetreiber viel stärker in die Verantwortung genommen werden müssen“, sagt Schätzing. 

Wie böse oder gefährlich sind die Manager? Im Tatort ist keine Berufsgruppe häufiger der Mörder als Unternehmer. Auf die Frage, wie diese Gruppe in seinen Büchern wegkommt, sagt Schätzing, darüber habe er noch nie nachgedacht. „Spontan, glaube ich, kommen sie gut weg.“ In der Tat. Er stellt sie sehr positiv dar als Menschen, die „irre Visionen“ haben. Auf der anderen Seite aber auch als Personen, die immer im Ringen mit sich selbst liegen, wie weit sie in Richtung Moral tendieren sollen, und die da auch dunkle Seiten offenbaren. „In der Geschichte der Menschheit gibt es ein ewiges Tauziehen zwischen zwei Polen: Macht und Moral. Inwieweit bist du bereit, das eine für das andere aufzugeben?“ 

Können KI-Agenten da zum beratenden Pol werden? Oder zu Ja-Sagern? Eine Frage der Programmierung. „Die Simulation von Empathie und von Moral, das ist das spannende Thema bei künstlichen Intelligenzen der Zukunft“, sagt Schätzing. Wird die KI so etwas wie eine Seele entwickeln? Klares Nein. „Noch sind das letzten Endes Rechenautomaten, die menschliche Hirnfunktionen simulieren. Das ist genau die Falle, in die viele laufen, dass wir tatsächlich denken, eine KI sei sich ihrer selbst bewusst und habe Gefühle. Was nicht ausschließt, dass eine KI eines Tages zu Bewusstsein erwacht.“ 

Wenn er einen Roman schreiben würde, der im Jahr 2050 in Deutschland spielt – wie würden die Menschen dann arbeiten? Schätzing äußert Respekt vor dem „riesigen Zeithorizont“, weil sich der technologische Fortschritt exponentiell entwickelt und in immer kürzerer Zeit immer mehr passiert. Das Gedankenexperiment spielt er dennoch durch. „Definitiv wird es nicht so kommen, dass Menschen nur noch mit KI und Robotern arbeiten, dafür lege ich meine Hand ins Feuer. Menschen werden weiterhin mit Menschen arbeiten, allerdings in so ziemlich jeder Branche nur mit Menschen, die ihrerseits mit KI arbeiten.“ Das sei die Realität, der sich jedes Unternehmen heute schon stellen müsse. „Nicht der Einsatz von KI gefährdet die Arbeitsplätze des deutschen Mittelstandes, sondern der Verzicht auf KI wird sie gefährden. Denn andere werden damit arbeiten.“ 

 

„Wir lieben Schönheit“

Auf die Frage, ob wir 2050 noch gedruckte Bücher lesen, hat der facettenreiche Geschäftsmann in Frank Schätzing eine klare Antwort und einen passenden Vergleich: die Plattenindus­trie. Lange hat er in der Musikindustrie gearbeitet, unter anderem Herbert Grönemeyer und Roxette betreut. So wie heute Vinyl, werden auch gedruckte Bücher eine bedeutsame Nische bleiben. Er erinnert sich an Zeiten, in denen die CD als Modeerscheinung abgetan und die Platte als ewig lebend bezeichnet wurde. Die CD setzte sich durch, um dann ihrerseits durch den Download abgelöst zu werden. Den wiederum erledigte das Streaming. „Download ist tot. Menschen besitzen heute nicht mal mehr einen Datensatz, sie streamen“, sagt Schätzing. „Jetzt könnte man annehmen, wenn das eine lineare Entwicklung ist, wird es in Zukunft überhaupt keine Hardware mehr geben. Und genau das ist ein Irrtum.“ 

Woher kommt das? „Wir sind Menschen, wir wollen die Welt erleben, wie wir sie über unsere gesamte Evolution hinweg erlebt haben: Sinnlich, haptisch. Wir brauchen irgendeine Form von persönlichem Besitzstand“, sagt der Autor. „Wir lieben Schönheit, Ästhetik. Und was ist ästhetischer als Vinyl in einem tollen Cover? Darum erleben wir die Renaissance der Schallplatte. Ein Nischenmarkt, aber ein stabiler.“ Und so ist es eben auch bei Büchern. Schätzing glaubt an Tablet-ähnliche Gadgets, die man von einer Papierseite nicht mehr unterscheiden kann. „Aber unsere Liebe zu schönen Dingen wird dazu führen, dass es weiterhin Bücher gibt. Wenngleich nur solche, die aufwendig und liebevoll gestaltet sind. Die werden dann ebenso als Lektüre dienen wie als Einrichtungs- und Schmuckgegenstände.“ 

Wer gestaltet Zukunft am wesentlichsten: Kreative, Wissenschaft, Politik oder Unternehmen? Für Schätzing sind es alle zusammen. Der Anteil mag je nach Phase wechseln, aber Alleingänge funktionieren nicht. „Wir sehen ja, dass alle Bemühungen von Autokraten, einen Staat starr nach ihren Vorstellungen zu errichten, langfristig scheitern. Kein starres System ist langfristig überlebensfähig“, sagt der Autor. „Es bricht irgendwann in sich zusammen, schlicht und einfach, weil Gesellschaften ohne starke kulturelle Kräfte und flexible, anpassungsfähige Strukturen keinen Bestand haben.“ Menschen definieren sich durch Produktivität, aber eben auch durch ihre Gefühle – Glück, Verzweiflung, Traurigkeit, Euphorie. Durch das Schöngeistige. „Wir brauchen intakte Natur für unsere psychologische Hygiene, für unsere innere Gesundheit.“ Solange wir Menschen seien, werde sich das nicht ändern. 

Auf Webseiten verkaufen sich schlechte Nachrichten oft besser als gute. Wie ist das bei Büchern? Glück oder Absturz: Verkaufen sich negative oder positive Szenarien der Zukunft besser? „Natürlich sind Good News besser als Bad News. Aber wenn alles in Ordnung ist, dann lässt unsere Aufmerksamkeit nach“, erklärt Schätzing. Die Menschen werden bequem und hören nicht mehr so richtig hin. Wenn Medien aber die Aufmerksamkeit der Konsumenten erhalten wollten, indem sie schlechte Nachrichten verkündeten, sei das „eine perfide Argumentation, denn tatsächlich wollen wir gute Nachrichten“. So wie in der Frühzeit der Menschheit: „An welchem Lagerfeuer bist du sitzengeblieben? Da, wo jemand bildreich und packend erzählte. Und am Ende des Tages wolltest du gut schlafen, also hast du dich über ein Happy End gefreut.“

Faktenbox

  • Schätzing sieht Kontrollverlust als größten Auslöser menschlicher Angst – besonders bei künstlicher Intelligenz, über die viele zu wenig wissen.

  • Herausforderung: Sich vom eigenen Wertekanon der Gegenwart lösen und Denken zukünftiger Menschen nachvollziehen.

  • Technologien sind für Schätzing neutral; entscheidend sind die Absichten derjenigen, die sie kontrollieren.

  • KI entwickelt sich Richtung allgemeiner Systeme; mächtigste Technologien liegen in Händen weniger, während Nutzung demokratisiert wird.

  • Deep Fakes werden zu einem massiven gesellschaftlichen Problem; KI muss künftig KI-Missbrauch erkennen.

  • Unternehmerfiguren in Schätzings Büchern: meist visionär, aber im inneren Konflikt zwischen Macht und Moral.

  • KI bleibt für Schätzing ein „Rechenautomat“, der Empathie simuliert, aber keine Seele besitzt – Bewusstsein in Zukunft nicht ausgeschlossen.

  • Arbeit 2050: Menschen arbeiten weiterhin mit Menschen – aber jeder wird mit KI arbeiten müssen; Verzicht gefährdet Arbeitsplätze mehr als Einsatz.

  • Gedruckte Bücher bleiben laut Schätzing Nischenprodukt, aber stabil – ähnlich wie Vinyl.

  • Zukunftsgestaltung gelingt nur im Zusammenspiel von Kreativen, Wissenschaft, Politik und Unternehmen; starre Systeme scheitern langfristig.

  • Menschen brauchen Natur, Sinnlichkeit und Ästhetik für ihre psychische Gesundheit.

Der Beitrag erschien in der Dezember-Ausgabe von Markt und Mittelstand 2025

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