Zukunftsatlas 2025: Warum das Allgäu und Mannheim zu den Gewinnern gehören
| Carolin Jackermeier
Allgäu und Mannheim steigen im Prognos Zukunftsatlas: Mittelstand, Hidden Champions und Innovation sichern ihre Zukunftschancen.
08.09.2025 Markt und Mittelstand - von Carolin Jackermeier
Es sei seit jeher der perfekte Ort, um unternehmerische Visionen in die Tat umzusetzen. So selbstbewusst preist das Ostallgäu seinen Wirtschaftsstandort auf der eigenen Webseite an. Gleich nebenan erzählt das Unterallgäu in einem Imagefilm ein modernes Märchen: Ein Müller flieht aus der bösen Großstadt und findet sein Glück im Allgäu. Die Zahlen scheinen den beiden Landkreisen recht zu geben. Es herrscht nahezu Vollbeschäftigung, Unternehmen investieren, es wird gebaut und gegründet. Und das, obwohl die Wirtschaft in Deutschland gerade stagniert. „Es gibt einige Top-Regionen, die Resilienz durch Innovationsfähigkeit geschaffen haben“, sagt Olaf Arndt, vom Wirtschaftsforschungsunternehmen Prognos.
35 der 50 Städte und Landkreise mit den besten Zukunftschancen befinden sich dem aktuellen Prognos Zukunftsatlas zufolge in Bayern oder Baden-Württemberg. Der Landkreis München führt die Liste seit Jahren fast unangefochten an. Gleichzeitig holen viele andere Regionen auf. So hat sich das Ostallgäu seit dem ersten Ranking 2004 stetig verbessert – von Platz 155 auf Rang 52. Das Unterallgäu gehört heute mit Rang 26 zu den Regionen mit den besten Zukunftschancen, vor 20 Jahren lag es noch im Mittelfeld auf Platz 194. Und auch Städte wie Mannheim haben einen bemerkenswerten Aufstieg hingelegt: 2007 beinahe aus den Top 100 gefallen, liegt die Stadt heute auf Platz 31. Wie haben die Regionen das geschafft?
Die Struktur: Ein starker, familiengeführter Mittelstand
„Was wir vor allem sehen, ist der starke Mittelstand im ländlichen Raum“, sagt Prognos-Experte Arndt. Das Allgäu ist neben dem Tourismus und der Landwirtschaft vor allem für Maschinen- und Fahrzeugbau bekannt. Viele der Unternehmen sind bis heute familiengeführt. Peter Däubler ist seit 15 Jahren Wirtschaftsreferent im Ostallgäu und kennt viele der Unternehmer persönlich. „Die Menschen sind einfach wahnsinnig motiviert, das, was ihre Familien aufgebaut haben, weiterzuentwickeln“, sagt Däubler. Echte „Mächler“ nennt er sie. Die vielen mittelständischen Betriebe seien das Rückgrat der Region.
Ähnlich sieht es im Unterallgäu aus: „Wir sind nicht abhängig von großen Konzernen, das macht uns in Krisen widerstandsfähig“, sagt Michael Stoiber, Leiter des Sachgebiets Wirtschaftsförderung, Regionalentwicklung und Tourismus beim Landratsamt Unterallgäu. Mehr als 50 Prozent der Betriebe sind im produzierenden Gewerbe aktiv. Im Allgäu sitzen knapp 30 Hidden Champions und Weltmarktführer aus unterschiedlichsten Branchen, darunter der Fertighaushersteller Bau-Fritz, Endress+Hauser, weltweit führend in der Mess- und Automatisierungstechnik, oder Rapunzel Naturkost, die Bio-Lebensmittel vertreibt.
„Die Hidden Champions bieten jungen Menschen eine tolle Jobperspektive vor Ort“, sagt Arndt. Einer Prognose des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung zufolge soll die Bevölkerung im Allgäu bis zum Jahr 2045 um rund zehn Prozent wachsen. „Früher sind die Leute weggezogen, jetzt kommen auch immer mehr junge Menschen nach dem Studium wieder zurück“, sagt Wirtschaftsreferent Däubler.
Die Lage: Zwischen Bergen und Metropolen
Das Allgäu profitiert von der guten Anbindung an die Ballungsräume Stuttgart, Ulm und München. Während Regionen, wo dies fehlt, immer weiter abgehängt werden, ist die Gegend attraktiv für Pendler. „Ländliche Räume ohne Anbindung sind als Arbeits- und Wohnorte auf Dauer häufig unattraktiv“, sagt Prognos-Experte Arndt. Memmingen, die drittgrößte Stadt im Allgäu, hat einen eigenen Flughafen, es gibt ICE-Verbindungen in viele Orte und mit der A96 und der A7 gute Autobahnanbindungen. Zugleich ist man in einer halben Stunde in den Bergen und an Seen. Viele würden den hohen Freizeitwert und die Nähe zur Natur schätzen und trotzdem nicht auf die Großstädte verzichten wollen, sagt Arndt.
Doch nicht nur Landkreise wie die im Allgäu zehren von ihrer geografischen Lage, auch für die wirtschaftliche Entwicklung von Städten wie Mannheim ist sie wichtig. Die Stadt liegt mit dem Rhein und dem Neckar an zwei Flüssen und hat sowohl einen Hafen als auch einen großen Rangierbahnhof. Der Frankfurter Flughafen ist binnen 30 Minuten erreichbar. Konzerne wie Bilfinger (Bau), Phoenix (Pharmahandel) und die deutsche Tochter von Roche, des größten Pharmaherstellers der Welt, haben hier ihren Sitz.
Wichtig seien für den Wirtschaftsstandort Mannheim auch Faktoren, an die man zunächst nicht denke, sagt Christiane Ram, Leiterin der Wirtschafts- und Strukturförderung. Mannheim ist eine Musikstadt, hier sitzt die Popakademie, es gibt ein Nationaltheater, Festivals, Straßenkunst. „Es geht um die Mischung. Menschen kommen nicht nur wegen der Jobs, sondern auch, weil die Stadt kulturell so lebendig ist“, sagt Ram. Mannheim sei klein genug, um miteinander in Austausch zu kommen, aber wirtschaftlich breit genug aufgestellt, um Krisen abzufangen.
Die Marke: Wirtschaft ganzheitlich denken
„Man muss Wirtschaft ganzheitlich sehen und nicht in klassischen Schubladen denken“, sagt Peter Däubler. Als Wirtschaftsreferent ist er im Ostallgäu mit verantwortlich für die Kreisentwicklung. Dazu gehören neben der Wirtschaftsförderung auch ein Tourismuskonzept, Klimaschutzmaßnahmen und die Nahverkehrsanbindung.
Im Unterallgäu schlossen sich 29 Gemeinden zusammen, um regional regenerative Energien auszubauen und die Energiewende voranzutreiben. Und auch in den Breitbandausbau und die Digitalisierung investierte die Region frühzeitig. „Wo viele jetzt erst richtig anfangen, haben wir schon einen vernünftigen Stand“, sagt Wirtschaftsförderer Stoiber aus dem Unterallgäu.
Die beiden Landkreise profitieren dabei auch von „Allgäu“ als international bekannter Marke. Für Touristen hat sich die Region schon lange als nachhaltig positioniert und wirbt als „Wohlfühl- und Gesundheitsdestination“. Dieses Image soll andere Wirtschaftszweige befruchten. Die Allgäu GmbH betreibt Marketing, um Fachkräfte und junge Menschen in die Region zu holen und zu vernetzen. Sie hat zum Beispiel Kampagnen wie die „Job-WG“ initiiert, bei der drei Frauen 30 Jobs in 30 unterschiedlichen Allgäuer Unternehmen testeten und darüber in einem Podcast und auf Social Media berichteten. Außerdem gibt es eine regionale Strategie zu künstlicher Intelligenz (KI), um Unternehmen in diesem Bereich fit zu machen. Die Hochschule Kempten hat ein Institut für angewandte künstliche Intelligenz und Robotik ausgegründet, das erforscht, wie Unternehmen von KI profitieren können. Als Innovation Hub entwickelt das Institut gemeinsam Projekte mit Allgäuer Unternehmen. „Die verschiedenen Kreise sehen sich nicht als Konkurrenz, sondern versuchen die Region gemeinsam stärker zu machen“, sagt Stoiber.
Das Timing: Innovation frühzeitig fördern
Viele Initiativen kommen dabei aus dem Mittelstand selbst. Am Flughafen Memmingen zum Beispiel haben vor wenigen Monaten vier Unternehmen ein Green Tech Hub eingeweiht, um mittelständische Firmen und Tech-Start-ups zu vernetzen. „Ländliche Regionen sollten sich nicht als verlängerte Werkbank sehen, sondern selbst Innovation schaffen und den Strukturwandel vorantreiben“, sagt Prognos-Experte Arndt. „Die Region hatte zwar gute Ausgangsbedingungen, aber sie hat auch etwas daraus gemacht.“
Etwas daraus machen, gilt auch für Mannheim. Die Stadt hatte Jahrzehnte mit dem Strukturwandel zu kämpfen, die Arbeitslosigkeit war hoch und die Dienstleistungsbranche konnte die wegbrechenden Jobs in der Industrie nicht ersetzen. Mannheim begann jedoch bereits in den 90er-Jahren, Gründerinnen und Gründer zu fördern. 1985 wurde das Technologiezentrum Mafinex aufgebaut, heute ist es ein modernes Start-up-Zentrum und eine Brücke zwischen Industrieunternehmen und der IT- und Tech-Branche. Inzwischen gibt es acht solcher Gründungszentren. Mannheim ist nicht mehr nur althergebrachte Industrie-, sondern auch Gründungsstadt. Mit insgesamt 230 Existenzgründungen und Jungunternehmen wurden im vergangenen Jahr so viele Start-ups wie nie zuvor betreut.
Die Stadt fördert außerdem den Austausch zwischen Hochschulen und Unternehmen. Über die Jahre hinweg sind vier Cluster in den Bereichen Medizintechnik, Smart Industries, Green Industry und Social Economy entstanden. Es gibt regelmäßige Netzwerktreffen und Initiativen, um Traditionsbetriebe, Start-ups und Forschende zusammenzubringen. „Das macht den Standort sowohl für Fachkräfte als auch für Unternehmen attraktiv und schafft international Sichtbarkeit“, sagt Wirtschaftsförderin Ram. Daimler Truck etwa begann im vergangenen Jahr mit der Pilotproduktion von Batteriezellen in Mannheim. Der Landmaschinenhersteller John Deere eröffnete eine robotergesteuerte Lackieranlage.
Dort, wo der Strukturwandel gelingt, ziehen Menschen hin, Unternehmen investieren und Gewerbesteuern steigen. Stadt oder Landkreis werden wieder handlungsfähiger. „Das ist der Grund, warum sich manche Regionen freischwimmen und andere nach hinten abdriften“, sagt Arndt von Prognos. In Ludwigshafen etwa – einmal von Mannheim aus über den Rhein – sei die Ausgangslage als Standort des Chemiekonzerns BASF ähnlich gewesen, man habe jedoch den Anschluss verpasst.
Die Herausforderung: Fachkräfte anziehen
„Ich gehe davon aus, dass der Vorsprung des Südens insgesamt eher größer als kleiner wird“, sagt Arndt. Ein Großteil der Regionen in Baden-Württemberg und Bayern sei strukturell gut aufgestellt, biete langfristig gute Beschäftigungsperspektiven und sei durch die mittelständischen Strukturen resilient. Während viele andere Regionen sich eher damit befassen würden, wie sie den Rückbau alter Industrien begleiten könnten, ginge es im Süden stärker darum, die Zukunft zu gestalten.
Im Unterallgäu haben zuletzt einige Unternehmen trotz stagnierender Wirtschaft investiert. Die Multivac-Gruppe, führend in der Verpackungsindustrie, baute für rund 60 Millionen Euro ein zweites Werk am Hauptsitz Wolfertschwenden. Rapunzel hat 2024 ein neues Logistikzentrum eröffnet und die Unternehmensgruppe Theo Müller möchte bis 2026 eine neue Produktionsstätte in Aretsried bauen, wo auch die zum Konzern gehörende Molkerei sitzt.
Allerdings stößt das Wachstum an Grenzen. Es mangelt an bezahlbarem Wohnraum und neuen Gewerbeflächen. Die Arbeitslosenquote im Ost- und Unterallgäu lag 2024 mit 2,6 und 2,4 Prozent weit unter dem Bundesdurchschnitt und damit nahe an der Vollbeschäftigung. Anfang des Jahres hat der Landkreis Unterallgäu mehr als 1000 Betriebe in der Region zu aktuellen Herausforderungen befragt. Am häufigsten nannten die teilnehmenden Firmen den Fachkräftemangel.
„Die Zuwanderung aus dem Ausland wird immer wichtiger werden“, sagt Prognos-Experte Arndt. Diese zu organisieren, werde eine der größten Aufgaben der kommenden Jahre sein. Der baden-württembergische Landkreis Tuttlingen etwa zählt mit Platz 19 im Zukunftsatlas zu den wirtschaftlich zukunftssichersten, gleichzeitig hat die in Teilen rechtsradikale AfD dort bei den Bundestagswahlen das höchste Ergebnis in Baden-Württemberg erzielt. Auch im Ost- und Unterallgäu war die Partei mit mehr als 20 Prozent der Zweitstimmen zweitstärkste Kraft. Das kann Fachkräfte aus dem Ausland abschrecken. In Mannheim gewannen die Grünen den Wahlkreis, die AfD liegt hinter CDU und SPD auf Platz vier. „Wir waren schon immer eine internationale Stadt und sehen das als große Chance“, sagt Wirtschaftsförderin Ram. So hilft das Rhein-Neckar-Welcome-Center Firmen, internationale Fachkräfte zu integrieren.
Wenn auch nicht ganz so perfekt wie im Märchen, locken Landkreise wie die im Allgäu noch mit einem Vorzug: Vielleicht ist es ein bisschen schöner als anderswo.
Kernergebnisse des Zukunftsatlas 2025
-
Rezession als Stresstest: Beschäftigung stagniert, Arbeitslosigkeit steigt.
-
Süddeutschland stark: Bayern & Baden-Württemberg dominieren mit über 70 % bzw. 91 % starker Regionen.
-
NRW & Brandenburg holen auf: Ruhrgebiet, Münsterland, Uckermark profitieren von Investitionen.
-
Risiken in Hessen, Saarland, Sachsen, Schleswig-Holstein: Mehr Regionen rutschen in die Zukunftsrisiken.
-
Erneuerbare Energien: Norddeutschland führt beim Zubau, etwa Dithmarschen oder Ludwigslust-Parchim.
-
Innovation als Resilienzfaktor: Starke FuE-Standorte (z. B. Wolfsburg, Jena, Darmstadt) in den Top 50.
Faktenbox: Top 10 Regionen 2025
- 1. München (Landkreis)
-
2. Erlangen (Stadt)
-
3. München (Stadt)
-
4. Ingolstadt (Stadt)
-
5. Böblingen (Landkreis)
-
6. Wolfsburg (Stadt)
-
7. Mainz (Stadt)
-
8. Regensburg (Stadt)
-
9. Stuttgart (Stadt)
-
10. Starnberg (Landkreis)
400 Kreise und kreisfreie Städte im Vergleich
Trend: Der Süden bleibt führend, neue Aufsteiger kommen aus Rheinland-Pfalz und Bayern.
Quelle: Prognos Zukunftsatlas 2025
Der Artikel erschien in der Print-Ausgabe Nr. 7 (September 2025) von Markt und Mittelstand.
Bleiben Sie auf dem Laufenden, abonnieren Sie unseren kostenlosen Newsletter und erhalten Sie immer die neuesten Nachrichten und Analysen direkt in Ihren Posteingang.