Mittwoch, 29.05.2019
„Kluge Wirtschaftspolitik ist für mich immer auch Mittelstandspolitik“: Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier im Interview mit „Markt und Mittelstand“.

Foto: BMWi/Susanne Eriksson

„Kluge Wirtschaftspolitik ist für mich immer auch Mittelstandspolitik“: Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier im Interview mit „Markt und Mittelstand“.

Recht & Steuern
Interview mit Bundeswirtschaftsminister

Peter Altmaier: „Das Ausland beneidet uns um den Mittelstand“

Wie die Politik kleine und mittlere Unternehmen unterstützen will, erklärt Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier im Exklusiv-Interview mit „Markt und Mittelstand“. Noch in diesem Jahr will er seine Mittelstandsstrategie präsentieren.

Herr Altmaier, bitte ergänzen Sie: Der Mittelstand ist für mich ...

...das tägliche Wirtschaftswunder. Mittelständische Unternehmen sind die Ausbilder der Nation, pflegen langfristige Beziehungen zu ihren Kunden und Lieferanten und punkten weltweit mit höchster Qualität. Ob Start-up, Handwerker, Freiberufler oder hochmoderne Industrieunternehmen – sie alle übernehmen unternehmerisches Risiko, bringen neue Ideen ein und tragen Verantwortung.

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Was imponiert Ihnen an mittelständischen Unternehmen?

Das sind zunächst einmal die Bodenständigkeit und das Verantwortungsbewusstsein gegenüber der Belegschaft und der Region – selbst wenn das Unternehmen weltweit aktiv ist. Hinzu kommen die Kreativität und die Fähigkeit, sich immer wieder neu zu erfinden. Und der lange Atem, also das Denken in Generationen und nicht in Quartalszahlen. Nicht ohne Grund werden wir im Ausland um unseren Mittelstand beneidet. Der „German Mittelstand“ ist mittlerweile zu einem internationalen Markenzeichen geworden.

Als Wirtschaftsminister kommen Sie viel rum. Ganz ehrlich: Besuchen Sie lieber Großkonzerne oder kleine Mittelständler?

Die Mischung macht’s. Für mich ist es eine Bereicherung, mit ganz unterschiedlichen Unternehmerinnen und Unternehmern und ihren Beschäftigten zusammenzutreffen. So gewinne ich, ganz ungefiltert und konkret, einen Eindruck, was die Wirtschafts- und Mittelstandspolitik besonders dringlich anpacken sollte.

Sie haben sich selbst einmal als Minister für den Mittelstand bezeichnet. Von Ihrer angekündigten Mittelstandsagenda ist bislang aber nichts zu sehen.

Kluge Wirtschaftspolitik ist für mich immer auch Mittelstandspolitik. Noch in diesem Jahr will ich meine Mittelstandsstrategie vorlegen.

Was wird drinstehen?

Ich möchte den Mittelstand bei Steuern und Abgaben entlasten und von unnötiger Bürokratie befreien. Außerdem will ich seine Innovationstätigkeit stärken. Dafür brauchen wir endlich auch eine steuerliche Forschungsförderung. Und es gilt, Zukunftstechnologien wie die Künstliche Intelligenz (KI) voranzutreiben. Vieles, was dem Mittelstand unmittelbar zugutekommt, haben wir in der Bundesregierung übrigens bereits angepackt: Denken Sie an die Fachkräftestrategie, die darauf setzt, hiesige Arbeitnehmer zu Fachkräften zu qualifizieren und Fachkräfte weiterzubilden um den Fachkräftemangel zu lindern. Oder denken Sie an unsere Gesetzesentwürfe zur Einwanderung von qualifizierten Fachkräften aus dem Ausland.

Wenn Sie einen Blick zurück werfen: Was hat die Politik in den vergangenen 25 Jahren bei der Mittelstandsförderung versäumt?

Ich habe nicht das Gefühl, dass sich die Politik Nachlässigkeit gegenüber dem Mittelstand vorwerfen lassen muss. Im Gegenteil. Nicht umsonst werden wir im Ausland um unseren Mittelstand beneidet. Dieser Zustand ist auch ein Verdienst der Politik, die vernünftige Rahmenbedingungen für wirtschaftliche Betätigung setzt und Strukturen geschaffen hat, die den Mittelstand stärken. Dazu zähle ich etwa die duale Ausbildung, das regional verwurzelte Bankensystem oder auch die enge Verbindung von Forschung und Unternehmen. Gerade der Forschungstransfer ist extrem wichtig. Wir haben daher eine Transferinitiative gestartet, die dazu beitragen soll, dass mehr Innovationen, die in Deutschland erdacht werden, auch hier zur Anwendung kommen – gerade auch im Mittelstand.

Info

Peter Altmaier (Jahrgang 1958) ist seit März 2018 Bundesminister für Wirtschaft und Energie. Zuvor war der CDU-Politiker Chef des Bundeskanzleramtes und Bundesminister für besondere Aufgaben. Seit 1994 gehört der studierte Jurist dem Deutschen Bundestag an.

Wie wichtig ist der Mittelstand für die deutsche Volkswirtschaft?

Die deutsche Wirtschaft ist durch und durch mittelständisch. Mittelständler erwirtschaften mehr als jeden zweiten Euro, bilden 82 Prozent aller Auszubildenden aus und stellen gut 58 Prozent aller sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplätze. Mehr als 97 Prozent der deutschen Exportunternehmen sind KMU. Der Mittelstand wird daher völlig zu Recht als Motor unserer Wirtschaft bezeichnet. In der Bundesregierung sind wir davon überzeugt: Die Chancen Deutschlands liegen auch künftig in einer mittelständisch geprägten und international wettbewerbsfähigen Wirtschaft. „Made in Germany“ ist weltweit ein Qualitätssiegel, das stark nachgefragt wird. Ich sehe es als meine Aufgabe als Wirtschaftsminister an, dafür zu sorgen, dass es auch so bleibt.

Spiegelt sich die Wichtigkeit der KMU auch in ihrer öffentlichen Wahrnehmung wider?

Familienunternehmen stehen vielleicht öffentlich nicht so sehr im Fokus wie die Großkonzerne, vor Ort aber werden sie wahrgenommen und sehr wertgeschätzt. Da ist man stolz, in dritter Generation bei einem Unternehmen zu schaffen, und spielt auch gern mit dem Unternehmenslogo auf dem Trikot in der lokalen Fußballmannschaft. Dennoch müssen wir die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Leistungen von Unternehmerinnen und Unternehmern noch stärker in die Öffentlichkeit tragen und die gesellschaftliche Akzeptanz von Unternehmertum erhöhen. Nur so motivieren wir auch junge Menschen zum Schritt in die Selbständigkeit.

Was sind die drei dringlichsten Herausforderungen, vor denen Mittelständler in den kommenden 25 Jahren stehen?

Erstens das weltwirtschaftliche Umfeld: globale Märkte mit zunehmendem Wettbewerb einerseits und wachsendem Protektionismus und der Gefahr von Handelskriegen andererseits.

Zweitens der demographische Wandel mit dem daraus resultierenden Fachkräftemangel und vielen anstehenden Chefwechseln. Von der erfolgreichen Übergabe hängen Tausende Arbeitsplätze und der Erhalt von wichtigem Know-how am Standort Deutschland ab.

Drittens die rasant fortschreitende Digitalisierung, die für mittelständische Unternehmen auch einen hohen Innovationsdruck bedeutet.

Verschläft der deutsche Mittelstand die Digitalisierung?

Es gibt viele mittelständische Unternehmen, die Vorreiter in der Digitalisierung sind und den Wandel der digitalen Transformation hervorragend meistern. Es gibt aber auch etliche KMU, die das Potential, das die Digitalisierung bietet, noch nicht wirklich ausschöpfen. Ich sehe es als Aufgabe des Staates an, sie dabei zu unterstützen. Je nachdem, wie sich die KMU weiterentwickeln, justieren und konzipieren wir auch unsere Förderung. Wir haben mittlerweile 25 Kompetenzzentren „Mittelstand 4.0“ eingerichtet und schicken Experten für Künstliche Intelligenz in KMU. Jedes Jahr wollen wir rund 1.000 Unternehmen erreichen und dazu beitragen, sie für das KI-Zeitalter fit zu machen.

Hat Deutschland gegen die wirtschaftlichen Supermächte wie China und USA langfristig überhaupt noch eine Chance?

Natürlich. Deutsche Mittelständler sind innovativ, haben hochqualifizierte Beschäftigte und arbeiten erfolgreich in effizienten und präzise getakteten Wertschöpfungsketten zusammen. Wir wollen, dass das so bleibt. Dabei behalten wir auch das globale Umfeld im Blick, wo wir eine Zunahme staatlicher Interventionen und die Abkehr von multilateralen Vereinbarungen erleben.

Wie wollen Sie diese Entwicklung verhindern?

Freihandel ist für unseren exportstarken Mittelstand essentiell. Daher setze ich mich für offene Märkte und gegen Protektionismus sowie für einen unverzerrten internationalen Wettbewerb und überall dieselben Spielregeln ein. Nur ein freier, fairer und regelgebundener Handel schafft Wohlstand und Arbeitsplätze. Abschottung oder einseitige Handelsbarrieren hingegen vernichten Wachstum – und zwar auf allen Seiten.

Stichwort China: Sie wollen die Übernahme von deutschen Mittelständlern durch ausländische Investoren erschweren. Fürchten Sie den Ausverkauf der deutschen Wirtschaft?

Deutschland ist einer der offensten Investitionsstandorte der ganzen Welt. Ängste vor Protektionismus sind daher unbegründet. Investitionen, die nach marktwirtschaftlichen Kriterien und auf der Grundlage fairer Wettbewerbsbedingungen erfolgen, sind bei uns auch weiterhin sehr willkommen. Bei marktverzerrenden, staatsgetriebenen ausländischen Investments dürfen wir jedoch nicht naiv sein und müssen genauer hinschauen. Die nationalen Regelungen haben wir hierzu bereits angepasst und europäische auf den Weg gebracht.

Apropos EU: Der Brexit wird zur unendlichen Geschichte. Schadet die Unsicherheit über das „Haus Europa“ dem Mittelstand – und was wollen Sie dagegen tun?

Der unternehmerische Alltag des deutschen Mittelstandes ist stark europäisch geprägt. Über 93 Prozent aller Exporte von mittelständischen Unternehmen gehen in die EU. Wir in der Bundesregierung setzen uns daher für ein starkes Europa ein und wollen eine Strukturreform auf den Weg bringen – die zu mehr Konvergenz, höherer Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit führen soll. Der europäische Binnenmarkt muss mittelstandsfreundlich bleiben.

Wagen Sie einen Blick in die Glaskugel: Wird es den Mittelstand in Deutschland auch in 25 Jahren, also 2044, noch geben?

Davon bin ich fest überzeugt. Allerdings wird sich der industrielle Mittelstand im Zuge der Digitalisierung der Produktion in den nächsten Jahren stark verändern. Wir als Bundesministerium für Wirtschaft und Energie werden die Unternehmen bei diesem Prozess begleiten.

Sie haben noch nie in der freien Wirtschaft gearbeitet. Das macht Ihnen Ihren Job nicht leichter, oder?

Als Bundeswirtschaftsminister darf man keine Berührungsängste mit den Firmen und Beschäftigten haben. Man muss wissen, „wo der Schuh drückt“, und mit der Wirtschaft in engem Austauschsein – und das bin ich. Insofern kann ich Sie beruhigen: Das Amt ist bei mir in guten Händen.

Das Interview stammt aus der Mai- und 25-Jahre-Jubiläums-Ausgabe von „Markt und Mittelstand“. Hier können Sie das Magazin kaufen oder abonnieren.