Mittwoch, 15.02.2017
Diese Fischer aus Myanmar hätten es nicht leicht in Deutschland - heute wie vor 900 Jahren zu Zeiten der Fischerszunft von Worms.

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Diese Fischer aus Myanmar hätten es nicht leicht in Deutschland - heute wie vor 900 Jahren zu Zeiten der Fischerszunft von Worms.

Recht & Steuern
Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse

Gastkommentar: Regulierung wie im Mittelalter

Wollen Menschen aus dem Ausland hierzulande ihre Qualifikationen anerkennen lassen, müssen sie ein langwieriges und bürokratisches Prozedere durchlaufen. Das ist unzeitgemäß. Rechtsanwalt Marius Tollenaere fühlt sich sogar an das Zunftsystem im Mittelalter erinnert.

Der deutsche Arbeitsmarkt internationalisiert sich immer stärker. Deutsche studieren und arbeiten vorübergehend im Ausland. Ausländische Fachkräfte mit vielfältigen Ausbildungs- und Berufserfahrungen strömen auf den deutschen Arbeitsmarkt. Es ist jetzt an der Zeit, sich nicht nur den Menschen aus anderen Ländern zu öffnen, sondern sich auch gegenüber der Vielfalt ihrer Kenntnisse und Fähigkeiten offen zu zeigen.

Stattdessen erinnert das Anerkennungssystem an vergangene Zeiten: Im Hochmittelalter entstanden in den Städten Mitteleuropas Zünfte, die die Ausübung und den Zugang zu den gängigen Handwerksberufen regulierten. Eine der wohl ältesten Zünfte war die der Wormser Fischer, die im Jahr 1106 erstmals urkundlich erwähnt wurde und der 23 Erbfischer angehörten.

Fischseuche gab es gar nicht

Marius Tollenaere ist Rechtsanwalt und Senior Manager bei Fragomen

Fotoquelle: Fragomen

Marius Tollenaere ist Rechtsanwalt und Senior Manager bei Fragomen

Mittlerweile trauert niemand mehr den Zünften hinterher – ihre Einrichtung gilt als schädlich für die freie wirtschaftliche Entwicklung, als ausgrenzend und innovationhemmend. Dabei hatten sich die Zünfte nach ihrem Selbstverständnis stets um das Verbessern der Ausbildungsstandards und der Arbeitsqualität bemüht.

Nun müsste man lange im Wormser Stadtarchiv suchen, um Dokumente aus der Zeit vor 1106 zu finden, die von größeren Fischvergiftungen reden, die den Ruf nach vergleichbaren Ausbildungsstandards im Fischereigewerbe begründet hätten – die gab es nämlich gar nicht. Vielmehr hatte das Festlegen von Ausbildungsordnungen und -dauern einen marktbeschränkenden Kartelleffekt, der zunftfremde Handwerker von der Berufsausübung abhielt und der, wie jedes Kartell, ein hohes Preisniveau sicherte.

„Die Besorgnis des Gesetzgebers ist unverschämt“

Ein Staat, der global Talente anziehen möchte, sollte sich vor diesem historischen Hintergrund auf die Überprüfung in gesundheits- und sicherheitsrelevanten Berufen beschränken und auf Praxisprüfungen setzen, die den derzeitigen Wissens- und Fähigkeitsstand einer Person testen. Stattdessen wird aber mit einer in die Vergangenheit gerichteten Anerkennung zur Vergleichbarkeit der Abschlüsse gearbeitet.

Über die gesundheits- und sicherheitsrelevanten Berufe hinaus kann es getrost dem Arbeitgeber überlassen werden, die Qualifikation einer Person mit ausländischem Bildungshintergrund zu überprüfen. All dies ist eigentlich nichts Neues und wurde am Beispiel der Zünfte schon zu genüge diskutiert, etwa von dem schottischen Moralphilosophen und Aufklärer Adam Smith.

In seinem Hauptwerk „Wohlstand der Nationen“ heißt es: „So, wie der eine daran gehindert wird, an etwas zu arbeiten, was er für richtig hält, so werden die anderen daran gehindert, jemanden zu beschäftigen, der ihnen passt. Das Urteil darüber, ob er für die Arbeit geeignet ist, kann ruhig der Entscheidung der Unternehmer überlassen bleiben, deren Interesse davon so stark berührt wird. Die heuchlerische Besorgnis des Gesetzgebers, diese könnten einen zumindest Ungeeigneteren beschäftigen, ist offensichtlich ebenso unverschämt, wie sie bedrückend ist.“

Info

In Deutschland haben Menschen aus anderen Ländern seit 2012 einen gesetzlichen Anspruch auf die Anerkennung ihrer in der Heimat erbrachten Berufsqualifikation. Das Verfahren dazu ist allerdings sehr umständlich. Sogenannte nichtreglementierte Berufe – Berufe, für die es keine geschützte Bezeichnung gibt – können über die Zentralstelle für ausländische Bildungsabschlüsse (ZAB) oder die IHK Fosa (Foreign Skills Approval) anerkannt werden. Inhaber von reglementierten Berufen wie beispielsweise Ärzte, Apotheker, Rechtsanwälte oder Handwerker mit Meisterabschlüssen müssen sich hingegen an die jeweiligen Landesbehörden wenden. Die Anerkennung kann bis zu vier Monate dauern und kostet mehrere 100 Euro. Aber auch das stellt nicht sicher, dass der ausländische Berufsabschluss komplett anerkannt wird. (Lesen Sie dazu einen ausführlichen Bericht in der aktuellen Ausgabe von „Markt und Mittelstand“.)

Autor

Marius Tollenaere ist Rechtsanwalt und Senior Manager bei Fragomen am Standort Frankfurt am Main. Die internationale Kanzlei hat sich auf Migrationsrecht spezialisiert und kümmert sich im Auftrag von Unternehmen unter anderem um Arbeitserlaubnisse und Aufenthaltstitel, wie Visa.