Dienstag, 02.01.2018
Dieser Mitarbeiter wäre vielleicht besser zu Hause geblieben. Aber haftet er auch für Fehler, die ihm nur aufgrund des Krankseins passieren?

Foto: Deagreez/Thinkstock/Getty Images

Dieser Mitarbeiter wäre vielleicht besser zu Hause geblieben. Aber haftet er auch für Fehler, die ihm nur aufgrund des Krankseins passieren?

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Muss der Chef kranke Mitarbeiter nach Hause schicken?

Wer haftet, wenn aufgrund einer Krankheit oder Verletzung des Mitarbeiters etwas passiert? Und wie sieht es mit Arztbesuchen während der Arbeitszeit aus? Wir klären wichtige Fragen für die Erkältungs- und Grippesaison.

Fast jeder zweite Arbeitnehmer in Deutschland ist einer GfK-Umfrage zufolge in den vergangenen zwölf Monaten nicht immer zu Hause geblieben, wenn er krank war. Auf der anderen Seite hat jeder sechste laut einer anderen Umfrage schon einmal „blaugemacht“, ist also gesund zu Hause geblieben. Was Arbeitgeber im ersten Fall tun müssen und im zweiten Fall tun können, haben wir gemeinsam mit dem Rechtsanwalt Dirk Bischoff geklärt.

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Muss der Chef kranke Mitarbeiter nach Hause schicken?

„Ist der Mitarbeiter erkennbar krank, sollte er nach Hause geschickt werden“, sagt Rechtsanwalt Dirk Bischoff. Das gebiete schon die Fürsorgepflicht des Arbeitgebers gegenüber dem Arbeitnehmer. Zudem schädige der Arbeitnehmer nicht nur sich selbst, wenn er krank zur Arbeit komme, sondern auch das Unternehmen – weil seine Leistungsfähigkeit eingeschränkt sei und er zudem Kollegen und Kunden anstecken könnte. 

Wer haftet, wenn etwas passiert?

Auch hier gilt: Wenn der Arbeitgeber davon weiß, dass der Arbeitnehmer nicht voll einsatzfähig ist und dadurch eine Gefahr für sich und andere darstellt, kann er für Schäden haftbar gemacht werden, sagt Arbeitsrechtler Bischoff. Grundsätzlich verstoße aber auch der Arbeitnehmer selbst gegen vertragliche Pflichten – etwa wenn er eine ansteckende Krankheit verschweigt oder weiterarbeitet, obwohl er aufgrund einer Verletzung eigentlich nicht mehr dazu fähig ist. Verursacht er dabei einen Schaden, muss eventuell auch er dafür haften. Möglicherweise werden auch beide – Arbeitgeber und Mitarbeiter – gemeinsam in Regress genommen.

Welche juristische Relevanz hat die AU-Bescheinigung?

Wer aufgrund einer Krankheit oder Verletzung nicht arbeiten kann, muss dies dem Arbeitgeber sofort mitteilen. Ein Anruf oder eine E-Mail genügt. Ist er länger als drei Tage krank, muss er dem Arbeitgeber eine ärztliche Krankschreibung vorlegen – wobei dieser das auch schon ab dem ersten Krankheitstag verlangen kann. Viele Arbeitsverträge sehen laut Anwalt Bischoff diese kurze Frist vor. Juristisch ist die Arbeitsunfähigkeits-Bescheinigung (AU-Bescheinigung) vor allem wichtig, um Anspruch auf den Lohn zu haben, sagt Bischoff: „Ein Beschäftigungsverbot ergibt sich daraus aber nicht.“ Ist der Arbeitnehmer mittwochs wieder gesund, obwohl er noch bis Freitag krankgeschrieben ist, darf er wieder arbeiten gehen. „Dazu zwingen kann sein Arbeitgeber ihn allerdings nicht“, schränkt Bischoff ein.

Info

Ob Rauchen im Büro, die Geburtstagsfeier mit Kollegen oder der Hund unter dem Schreibtisch – Millionen Arbeitnehmer in Deutschland fragen sich: Was darf ich rechtlich, und was nicht? Markt und Mittelstand klärt auf, was am Arbeitsplatz erlaubt ist und wann eine Kündigung droht.

Hier finden Sie unsere Übersicht.

Darf man kranke Mitarbeiter anrufen, um wichtige Informationen zu erfragen?

Weil sich Krankheiten und Verletzungen nur selten an Dienst- und Projektpläne halten, kann es vorkommen, dass mit dem ausgefallenen Mitarbeiter auch wichtige Infos zum Beispiel über Kunden und Termine fehlen. „Bei wirklich wichtigen Informationen, die keinen Aufschub dulden, darf man den kranken Mitarbeiter anrufen“, sagt Bischoff. Dazu können auch Informationen wie Passwörter oder der Gesprächsstand mit Geschäftspartnern gehören, erklärt der Arbeitsrechtler. Bei einem „dringenden betrieblichen Interesse“ muss der kranke Mitarbeiter sogar zurückrufen, wenn er kann. 

Was kann der Arbeitgeber unternehmen, wenn er vermutet, dass der Arbeitnehmer gar nicht wirklich krank ist?

Mitarbeitern das „Blaumachen“ nachzuweisen, ist schwierig. Arbeitsrechtler Dirk Bischoff rät dazu, zuerst die Krankenkasse zu kontaktieren – auch wenn er dies als „schwaches Instrument“ bezeichnet. Gibt es einen hinreichenden Tatverdacht, kann sich die Einschaltung eines Detektivs lohnen. Bischoff berichtet von Fällen, in denen dadurch ein solcher Betrug aufgedeckt wurde. Der Übeltäter wurde daraufhin nicht nur fristlos entlassen, sondern musste auch die Detektivkosten sowie den durch das Fehlen entstandenen Schaden erstatten.

Unternimmt der Arbeitgeber einen Kontrollbesuch beim Arbeitnehmer, kann er Pech haben. Der Arbeitnehmer muss ihm nicht die Tür öffnen. Er muss zudem nicht zwangsläufig zu Hause im Bett bleiben, schränkt Bischoff ein. „Er darf während der Krankschreibung alles tun, was nicht der Genesung entgegenläuft“, sagt der Arbeitsrechtler. Und ein Kneipen- oder Kinobesuch trotz lädiertem Knie oder ein Spaziergang durch die Stadt tut dem Gesundwerden in der Regel keinen Abbruch.

Gibt es einen Anspruch, Arztbesuche während der Arbeitszeit anzunehmen?

Weil auch niedergelassene Ärzte aller Art nicht rund um die Uhr arbeiten, fällt ein Großteil der Termine in die Arbeitszeit ihrer Patienten. Die haben allerdings nur Anspruch, dafür frei zu bekommen, wenn es sich um eine medizinisch notwendige Behandlung handelt. „Wenn die Behandlung keinen Aufschub duldet, dann kann der Arbeitgeber nichts dagegen tun“, sagt Dirk Bischoff. Dann dürfe der Arbeitnehmer sich sogar aussuchen, zu welchem Arzt er geht – selbst wenn es woanders aus Arbeitgebersicht bessere Termine gibt.

Für Impfungen, Zahnarztbesuche und Vorsorgeuntersuchungen gilt dies allerdings nicht, erklärt Bischoff. „Da muss der Arbeitnehmer Urlaub nehmen, wenn es nur Termine zur Arbeitszeit gibt“, sagt der Arbeitsrechtler.

Dr. Dirk Bischoff ist Rechtsanwalt in der Kanzlei Dr. Paul Müller & Kollegen in Offenburg und Fachanwalt für Arbeitsrecht.